Perspektiven auf die Rheinlandbesetzung im Nachlass von Hans Bellinghausen

Von unserer Gastautorin Katharina Thielen

In den 1920er-Jahren wurden 23 Frauen und zehn weitere Familien aus dem Raum Essen an den „Pranger“ gestellt und öffentlich bedroht. Mit Ausnahme der Herren Häuser, Kristkowiak und Sarbinowski sollen fast alle namentlich genannten und mit Adresse aufgeführten Beschuldigten „intime Freundinnen der Schangels“ gewesen sein.

Flugblatt um 1925 (StAK N 12 Nr. 38, S. 87).

Es handelt sich dabei um eine Abwandlung des Namens „Jean“ und eine Form des heute positiv besetzten Wort Schängel, sodass dieses Flugblatt – aus der Perspektive eines Koblenzers – mehr als ein besonders eindrückliches Beispiel moderner Denunziation in Kriegszeiten darstellt. Konkret gemeint waren französische Soldaten, d.h. die sogenannten Besatzungstruppen, die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Versailles am 28. Juni 1919 einen Teil der linksrheinischen Gebiete verwalteten und im Januar 1923 von den Amerikanern die Koblenzer Zone übernahmen.

Broschüre aus dem Jahr 1923, hrsg. v. Deutschen Fichtebund e.V. (StAK N 12 Nr. 22, S. 8 f.).

Während den „elende[n] Dirnen“ im Ruhrgebiet für ihren konfliktfreien Umgang mit dem einstigen Erbfeind mit „Rache“ gedroht wurde, schlossen sich andere Frauen aus verschiedenen politischen Gruppierungen und konfessionellen Vereinen in Berlin zur Rheinischen Frauenliga zusammen, um gegen die Anwesenheit der französischen Soldaten im Rheinland zu protestieren. Besonders die Stationierung französischer Truppenkontingente aus den Kolonialgebieten im heutigen Afrika, Senegal, Tunesien und Marokko wurde als demütigender Bestandteil der Friedensbedingungen betrachtet und in einer großangelegten Staatskampagne scharf kritisiert, politisiert, sexualisiert und rassistisch aufgeladen. Dabei nahm die „weiße Frau“ mit den Worten des Deutschen Fichtebundes e.V. die Rolle des „Opferlamms“ Frankreichs bzw. des „wilden schwarzen Mannes“ und somit eine Schlüsselfunktion im öffentlichen Nachkriegsdiskurs ein.

l. Broschüre der Rheinischen Frauenliga, r. Vorderseite eines Plakats aus den 1920er-Jahren (StAK N 12 Nr. 42 und Nr. 38, S. 205).

Als selbsterklärtes Sprachrohr der Betroffenen unterstütze die Rheinische Frauenliga dieses nationale Bild der Frau und verbreitete von Berlin aus die Ansicht, dass Vergewaltigungen und Misshandlungen in den besetzten rheinischen Gebieten an der Tagesordnung standen. Eine in mehreren Auflagen gedruckte Propagandaschrift über „Farbige Franzosen am Rhein“ lieferte dafür zahlreiche schockierende Beispiele und vermeintliche Beweise aus verschiedenen Städten in der Region. Obschon sich die darin geschilderten Gewalttaten weder nachverfolgen ließen noch explizit auf Koblenz bezogen, schürte das populäre Heft auch am Zusammenfluss von Rhein und Mosel die Angst vor der sogenannten „Schwarzen Schmach“, zumal die letzten Amerikaner die Stadt mit Beginn des Ruhrkampfes 1923 verlassen hatten.[1]

Wenz, Jakob: Elf Jahre in Fesseln! Die Leidensgeschichte der Koblenzer Bevölkerung während der Besatzungszeit. Koblenz 1929, online abrufbar unter URL: https://www.dilibri.de/rlb/content/titleinfo/2029895 (Aufruf: 24.2.2021).

Das „geschwundene Gefühl der Sicherheit gegenüber den Besatzungstruppen“[2] wurde am 22. Juli 1925 in der Koblenzer Stadtverordnetenversammlung in Verbindung mit drei Überfällen auf Zivilisten – darunter auch auf eine junge Frau – besprochen und in einer „Leidensgeschichte der Koblenzer Bevölkerung“ von Jakob Wenz aus dem Jahre 1929 weitertradiert.

Flugbätter gefunden während des Ruhrkampfes (StAK N 12 Nr. 22, S. 75 und S. 24).

Neuere Forschungen belegen, dass diese und weitere polemische Geschichten über das Verhalten der Franzosen am Rhein zwischen 1918 und 1930 in der Regel nicht der Realität entsprachen. Dennoch wurden sie spätestens mit Beginn der separatistischen Bewegung und des Ruhrkampfes mit Hilfe von Flugblättern und Anklebezetteln massenhaft in Umlauf gebracht.[3]

Anklebezettel aus der Zeit des Ruhrkampfes (StAK N 12 Nr. 22, S. 70 und S. 73).

Als traditionelles Instrument der anonymen Meinungsäußerung stand diese offen besatzungsfeindliche Meinungsmache unter Strafe, war aber letztlich nicht zu kontrollieren. Die oberste Verwaltungsbehörde, die Haute Commission Interalliée des Territoires Rhénans (HCITR) unter Paul Tirard in Koblenz, setzte ihr daher eine eigene staatlich gelenkte Pressepolitik entgegen, die sich zum einen in aufwendig gestalteten, zweisprachigen Zeitschriften und in einem abwechslungsreichen Kulturangebot niederschlug.

La Revue Rhénane – Rheinische Blätter (StAK N 12 Nr. 29).

Zum anderen spiegelte sich die „Penetration pacifique“[5] und die Stimmen ihrer – durchaus vorhandenen – Unterstützer auf der Straße wider, indem einige Flugblätter und Zettel die „preußische Politik“ kritisierten. So sollte das Publikum beispielsweise darüber nachdenken, „wie Bismarck im umgekehrten Falle gehandelt hätte“ und was die „deutsche Methode in Frankreich und Belgien“ zur Zeit des Ersten Weltkriegs gewesen war.

Flugblätter aus dem Jahr 1923 (StAK N 12 Nr. 22, S. 58, 46, 62).

Um der Bevölkerung klar zu machen, dass der „Glaube“ an die deutsche Großmachtpolitik ein Irrglaube sei, griffen die jeweiligen Autoren und Drucker profranzösischer Schriften auf die Frakturschrift und ein „deutsches“ Erscheinungsbild zurück, das bei französischsprachigen Blättern und offiziellen Bekanntmachungen nicht gebraucht wurde.

Flugblatt aus dem Jahr 1923 (StAK N 12 Nr. 22, S. 56).
Plakate (StAK N 12 Nr. 38, S. 9 und S. 74).

Die gezeigten Druckschriften gehören zu einem umfangreichen Konvolut, das Hans Bellinghausen (1887–1958) zeit seines Lebens gesammelt hat. Einen Teil seiner regionalhistorischen Quellen stellte er der Öffentlichkeit in einer Ausstellung zum Thema „Rheinlands Freiheitskampf gegen Besatzung und Separatismus“ vor.

Ausstellungsraum in der Stadthalle Trier 1933 (StAK N 12 Nr. 23, Bild 1).

Diese Ausstellung wanderte – gelobt und gefördert von den NS-Behörden – durch das gesamte Rheinland und ist heute Dreh- und Angelpunkt der umstrittenen Diskussion rund um Bellinghausens Position als Koblenzer Lokalhistoriker zur Zeit des Nationalsozialismus.[5] Im Sinne der NS-Propaganda zeigte sie damals nur die eine, nämlich die spezifisch „nationale“ Wahrnehmung der Besatzungszeit – doch in seinem Nachlass ist jene große Bandbreite verschiedener zeitgenössischer Blickwinkel auf die interalliierten Rheinlandbesetzung überliefert, die auch die aktuelle Forschung hervorhebt. Über den „gescheiterten Frieden“[6] im Allgemeinen sowie die „französische Kulturpolitik“[7] bzw. die „Deutsche Propaganda im Rheinland“[8] im Speziellen sind seit dem Jubiläum 2014–2018 zahlreiche wissenschaftliche Publikationen erschienen, die eine Einordnung der hier behandelten Themen erleichtern und den Nachlass zu einem außergewöhnlichen Quellenfundus machen, der unter der Bestandssignatur N 12 eingesehen werden kann.  


[1] Farbige Franzosen am Rhein. Ein Notschrei deutscher Frauen. Berlin 4. Aufl. 1923, online unter URL: https://www.dilibri.de/rlb/content/titleinfo/2016609 (Aufruf: 24.2.2021), vgl. Maß, Sandra: Von der ‚schwarzen Schmach‘ zur ‚deutschen Heimat‘. Die Rheinische Frauenliga im Kampf gegen die Rheinlandbesetzung, 1920-1929, in: WerkstattGeschichte 11 (2002), Nr. 32, S. 44–57 und zuletzt Galen Last, Dick van/Futselaar, Ralf: Black Shame. African Soldiers in Europe 1914–1922. London 2015.

[2] StAK 623, Nr. 5995, S. 91 f.; vgl. StAK N 12, Nr. 42 und Nr. 25.

[3] Maß, Sandra: Weiße Helden, schwarze Krieger. Zur Geschichte kolonialer Männlichkeit in Deutschland 1918–1964. Köln 2006 und grundlegend Koller, Christian: „Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt“. Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik (1914–1930). Stuttgart 2001 (Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte 82).

[4] Vgl. Wein, Franziska: Deutschlands Strom – Frankreichs Grenze. Geschichte und Propaganda am Rhein 1919–1930. Essen 1992 (Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 33).

[5] Eine Position innerhalb dieser Diskussion vertrat zuletzt Hennig, Joachim: Dr. Hans Bellinghausen (1887–1958). Heimatforscher und NS-Propagandist, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 44 (2018), S. 439–512.

[6] Engelen, Ute/Rummel, Walter (Hg.): Der gescheiterte Friede. Die Besatzungszeit 1918-1930 im heutigen Rheinland-Pfalz. Begleitband zur Ausstellung. Koblenz 2020 (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz 129).

[7] Nöldeke, Marion/Schlechter, Armin: Französische Kulturpolitik, in: ebd., S. 109–128.

[8] Haarfeldt, Mark: Deutsche Propaganda im Rheinland 1918–1936. Essen 2017.


#Bellinghausen, Hans

Bilder über Bilder. Das Rademachersche Haus Am Plan 14

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„Gemählde Verzeichniß des Radermacherischen Hauses“ (wohl 1792). – Ausschnitt aus StAK KH 250 Nr. 1, S. 1.

 

Die Geschichte des Hauses „Zum Kaiser“ (alte Hausnummer 620, heute Am Plan 14) reicht bis in das Jahr 1534 zurück, als der Ratsgenosse (Mitglied des Stadtrats) Johann von Merl als Hauseigentümer nachweisbar ist (vgl. Koblenzer Häuserbuch, Am Plan 14). 1688, zu Beginn des Pfälzischen Erbfolgekrieges, wurde das Haus bei der Beschießung der Stadt durch französische Truppen unter Marschall Boufflers zerstört und um das Jahr 1700 wieder aufgebaut. Von 1764 bis 1770 befand es sich im Besitz des kurtrierischen Geheimrats, Oberkriegsdirektors und Vizekanzlers Hubert Miltz; 1792 gelangte es in den Besitz seines Schwiegersohns, des kurtrierischen Geheimrats Johann Jakob Rademacher.

Die Inneneinrichtung des Hauses war nach der Schilderung von Fritz Michel aus dem Jahr 1908 zum damaligen Zeitpunkt noch nahezu originalgetreu erhalten. Michel schildert die Aufteilung der mit reich ornamentierten Stuckdecken verzierten Räume im Obergeschoss, die er dem Stuckateur Michael Eytel zuschreibt, und beschreibt dabei auch einige Gemälde des 18. Jahrhunderts, darunter solche von der Hand des Malers Januarius Zick. Auf den beigegebenen Fotos (Michel, vor S. 101 sowie S. 103) sind einige der Gemälde im Hintergrund zu erkennen.

 

Michel_Mitt_RhVDH_1908_2_vor_S_101

Michel_Mitt_RhVDH_1908_2_S_103

 

Kürzlich kam im Stadtarchiv bei Revisionsarbeiten ein „Gemählde Verzeichniß“ ans Licht, das mutmaßlich aus Anlass der Inbesitznahme des Hauses „Zum Kaiser“ durch Rademacher aufgesetzt wurde (jetzt StAK KH 250 Nr. 1). Auf drei Folioseiten werden unter 81 Positionen insgesamt  147 Bilder zusammengestellt. Neben knappen Angaben zum Titel oder zumindest zum Genre sowie – bei ungefähr der Hälfte der Stücke – zum jeweiligen Künstler sind der Liste auch Informationen zur Größe der Gemälde (Höhe mal Breite in Fuß und Zoll) und zum geschätzten Wert in Florin (Gulden) und Albus (trierischer Weißpfennig) zu entnehmen. Michel nimmt an, dass sich der Besitzer des Hauses vom Kunstsinn des Kurfürsten Johann Philipp von Walderdorff anstecken ließ: „Der ‚Geheimbde Rath‘ Miltz war einer der hervorragendsten Beamten jener Zeit und gehörte zu den Vertrauten Johann Philipps, den letzterer öfter mit seinem Besuche beehrte. Dann soll der hohe Herr in jenem Saale dem Schachspiel gehuldigt haben. Der Kunstsinn des Fürsten und seine Vorliebe für Schmuck, schöne Möbel und dergleichen übertrug sich auch auf seine Umgebung“ (Michel, S. 104). Und dieser kurfürstliche Kunstsinn sorgte letztendlich wohl auch dafür, dass zu Ende des 18. Jahrhunderts die möglicherweise bedeutendste private Gemäldesammlung von Koblenz zusammengetragen wurde.

 

Quellen

Fritz Michel: Ein Saalbau der Rokokozeit. In: Mitteilungen des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz 2 (1908), Heft 2, S. 101-105.

Fritz Michel: Die Zerstörung der Stadt Koblenz in den Kriegsjahren 1944-1945. In: Koblenz an Rhein und Mosel. Das Stadtbild einst und jetzt. Hrsg. von Karl August Müller. Koblenz 1949, S. 60-101, hier S. 84.

Die Kunstdenkmäler der Stadt Koblenz. Die profanen Denkmäler und die Vororte. Bearb. von Fritz Michel. München, Berlin 1986, S. 237-240.

 

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Stadtchronik

StAK_623_Nr_0998_S_916_Nr_1426

Symbolbild; sog. Lucassches Zeitbuch, 19. Jh. (StAK 623 Nr. 998, S. 916, Nr. 1426).

Das Stadtarchiv hat unter anderem die Aufgabe, das Zeitgeschehen in Koblenz zu dokumentieren. Die Stadtchronik wird fortlaufend geführt.

Die Stadtchronik bis 1960 wurde zum allergrößten Teil aus der einschlägigen Literatur erarbeitet:

Für den Zeitraum von 1961 bis 1991 wurden die Koblenzer Zeitungen im Rückblick ausgewertet:

Seit 1992 ist die Koblenzer Tagespresse aktuelle Quellengrundlage der Stadtchronik:

Willi Gabrich, Anke Sürtenich: Chronik geschichtlicher Ereignisse von Koblenz-Neuendorf (wird laufend aktualisiert).

#Lucas, Josef Anton

Die Straßennamen der Stadt Koblenz

Straßenschild_Burgstraße

Straßennamen sind nicht nur für die Ermittlung aktueller und historischer Adressen eine unerlässliche Informationsquelle – gerade Familien- und Heimatforscher nutzen Straßenbezeichnungen für ihre Recherchen -, sondern auch Gegenstand der Orts-, Stadtgeschichts- und Namenforschung. Die vorliegende Dokumentation entstand daher nicht zufällig aus einer Ergebnissammlung für die Beantwortung häufiger Anfragen zu Koblenzer Personen und Bauten, bei denen Kenntnisse über die vormalige Benennung der Straßen eine wichtige Voraussetzung für weitere Auskünfte sind. Sie wird fortlaufend ergänzt und beruht vorwiegend auf Quellen, die im Stadtarchiv vorgehalten werden, also historischen Unterlagen und Veröffentlichungen, städtischem Verwaltungsschriftgut und einschlägiger Literatur.

Die Zuständigkeit für Straßen und Wege lag bis 1945 bei der staatlichen Polizeidirektion bzw. dem staatlichen Polizeipräsidenten. Ausdruck dieser Verwaltungstätigkeit waren die Straßenpolizeiverordnungen, in denen das Verhalten auf öffentlichen Wegen genau geregelt war, und die Benennung von Straßen. Heute schlägt der beim Amt für Stadtvermessung und Bodenmanagement angesiedelte Ausschuss für Straßenbenennungen neue Straßennamen vor, über deren endgültige Vergabe der Stadtrat entscheidet.

Bei Nachforschungen in Archiven werden in manchen Fällen gerade die zeitgenössischen Straßenbezeichnungen zu Stolperfallen. Straßennamen gab es zwar bereits in der Römerzeit, allgemein üblich wurden sie aber erst mit der sprunghaften Entwicklung der Städte im Spätmittelalter. Dabei richteten sie sich in der Regel nach den lokalen Gegebenheiten. Die meisten der überlieferten Straßennamen in den alten Stadtkernen sind daher sprechende Namen, die viel über die damaligen Verhältnisse aussagen: über die städtische Topographie, die Namen bekannter Häuser und Anwohner, deren Handwerk und Gewerbe oder ihren sozialen Status. Ebenso lässt sich an den Namen ablesen, welche Straßen eher gemieden wurden – besonders in städtischen Randgebieten existierten „No-go-Areas“ schon in früheren Zeiten, z. B. der Seilerwall, die Wasserturmsmauer oder das Geimergäßchen.

Die überlieferten Koblenzer Straßennamen reichen zum Teil bis ins Mittelalter zurück. Gerade in der Altstadt beziehen sich nicht wenige der Bezeichnungen auf frühere Straßenzüge, Stadttore, Kirchen und Märkte, oder sie geben Auskunft über bekannte Häuser, Generationen von Bewohnern und deren Berufe. Darunter fallen etwa der Altengraben, die Kornpfortstraße, die Kastorpfaffenstraße, der Florinsmarkt, der Wöllershof, die Mehlgasse oder die Braugasse. In den damals vor den Stadtmauern gelegenen Wohn- und Siedlungsplätzen trifft man hingegen häufiger auf alte Flurnamen und erhält Hinweise zur ehemals landwirtschaftlichen Nutzung als Garten, Weide oder Wingert: das Bienenstück in Metternich, Am Witgarten im Rauental, Auf dem Sande in Pfaffendorf oder die Nahlkammer in Moselweiß legen hiervon Zeugnis ab.

Um 1800 bestand Koblenz noch aus der Altstadt innerhalb der Stadtmauern, dem Kurfürstlichen Schloss und den angrenzenden Straßen der Neustadt. Erst nach 1890 gab es merklichen Zuwachs durch die Bebauung außerhalb der aufgelassenen Festungswälle und um das Gelände des neuen Hauptbahnhofs. Die Stadterweiterung erforderte schließlich neue Verkehrsführungen, was die Verbreiterung einzelner Wege oder ihre Verlegung an andere Stelle erforderlich machte. In diesem Zusammenhang wurden einige bereits bestehende Straßen umbenannt – manchmal auch mehrfach -, so dass die Identifizierung älterer Adressen oder Gebäude gewisse Schwierigkeiten mit sich bringt. In französischer Zeit (1794-1813) erhielten die Straßen französische Namen, meistenteils durch einfache Übersetzung, z. B. „rue farine“ für die Mehlgasse.

Mit der Entstehung der Mittel- und Großstädte im 19. Jahrhundert kam die planmäßige Vergabe von Straßennamen auf. Sie fällt in eine Zeit großer topographischer Veränderungen, in denen breite Verkehrsstraßen angelegt und Stadtmauern abgetragen wurden. Man benötigte Platz für öffentliche und gewerbliche Bauten, Wohnhäuser, Bahnhöfe, Industrie- und Gewerbeflächen. Diese allgemeine Entwicklung brachte auch in Koblenz bedeutende Umwälzungen mit sich. Straßenumlegungen und -verbreiterungen kamen zwar nur langsam voran, dafür vollzog sich die Bebauung außerhalb der alten Befestigungen, besonders in der heutigen Südstadt, umso rascher.

Seit der Französischen Revolution wurden auch Umbenennungen von Straßen üblich, die durch geänderte Herrschaftsverhältnisse oder den wechselnden politischen Zeitgeist bedingt waren. Straßen, Plätze und Brücken werden seither auch nach Ereignissen, abstrakten Werten oder Staatsformen benannt und dienen nicht zuletzt dazu, diverse Persönlichkeiten durch deren Namenspatenschaft zu ehren. In Koblenz ist dies etwa an Benennungen wie Bismarckstraße, Moltkestraße oder Lennéstraße erkennbar. Bezeichnungen wie Engelsweg und Hasenpfad knüpfen hingegen an frühere Anwohner oder alte Flurbezeichnungen an. Die Koblenzer Bürger nahmen dabei durchaus Einfluss auf die Namenswahl. So beantragten etwa mehrere Anwohner im Jahr 1859, die Judengasse in Münzstraße umzubenennen, ein Ansinnen, das indessen erst 1886 umgesetzt wurde. Die Schanzenpfortstraße erhielt einen neuen Namen, weil sich die Bezeichnung Poststraße wohl schon seit Längerem durchgesetzt hatte.

Politisch motivierte Umbenennungen herrschten gerade in der Zeit von 1933 bis 1948 vor. Beispiele wie das SA-Ufer (Kaiserin-Augusta-Anlagen) sprechen für sich. Aber auch die Eingemeindungen von 1937 machten Neubenennungen nötig, um Mehrfachbezeichnungen wie z. B. mehrere Bahnhofstraßen oder Kirchstraßen im nunmehr vergrößerten Stadtgebiet zu vermeiden. Auf diese Weise erfuhren einige Straßen wiederholte Umbenennungen: Die 1905 so benannte Kronprinzenstraße erhielt 1930 nach dem im Jahr zuvor verstorbenen deutschen Außenminister ihren neuen Namen Stresemannstraße. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten plante man, den Gauleiter der NSDAP zu ehren, indem man den Straßennamen in Gustav-Simon-Straße ändern wollte, was jedoch nicht umgesetzt wurde. Stattdessen hieß die Straße seit 1933 nach einem getöteten Hitlerjungen Wilhelmistraße. 1948 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, die Straße wieder in Stresemannstraße umzubenennen. Solche Beispiele machen nicht zuletzt den Nutzen eines historischen Straßenamenverzeichnisses deutlich.

Die Straßennamen der Stadt Koblenz (PDF, 1,2 MB)