Beobachtungen zur Verbürgerlichung des Feuerwerks und den Ursprüngen von „Rhein in Flammen“

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Werbeplakat für „Rhein in Flammen“, ca. 1931/1932 (StAK P Nr. 144).

 

Von unserer Gastautorin Katharina Thielen

 

Vor 210 Jahren lasen die Koblenzer unter der Überschrift „Öffentliche Lustbarkeiten“ folgende Ankündigung im Koblenzer Anzeiger:

 

Kröll_Anzeige

 

„Nächsten Montag wird in dem Hasischen Garten vor der Moselbrück zu jedermanns Beleichtung seyn, wo jeder frey eingehen kann, und nach belieben allmögliche Erfrischungen in den billigsten Preisen zu haben seyn wird.“[1]

Der Anlass der Feierlichkeit wird dem deutschsprachigen Leser verschwiegen und nur der französischen Übersetzung beigefügt. Da jedoch der Großteil der zeitungslesenden Koblenzer Bürgerinnen und Bürger im Jahre 1808 der französischen Sprache mächtig war, erfuhren sie in der nächsten Zeile, dass das Feuerwerk „à l’occasion du fête de St. Napoléon“ d.h. am Napoleonstag veranstaltet werden sollte. – Eine Zusatz-Information, die angesichts der umfangreichen Festkultur in der sogenannten Franzosenzeit (1794-1813) ohnehin allgemein bekannt war.[2] Auch „der Garten des Herrn Kröll“ sollte laut Anzeiger am Geburtstag des Kaisers „recht schön beleuchtet werden.“

Beide Gastgeber hatten von der französischen Herrschaft am Rhein profitiert und gehörten zu einer neuen gesellschaftlichen Elite, die es im Staatsdienst unter Napoleon zu Reichtum und Ansehen gebracht hatte. Dass sie ihre Gärten zu Ehren des Staatsoberhauptes beleuchteten, verwundert demnach kaum. Johann Kröll war als Mitglied einer angesehenen Schifferfamilie aus Neuendorf, Besitzer des Gasthofes Zu den Drei Schweizern und saß von 1801 bis in die preußische Zeit hinein im Koblenzer Munizipal- bzw. Stadtrat. Johann Baptist Haas leitete ein Advokatenbüro, dem unter anderen Franz von Lassaulx angehörte. Auch er war Munizipalrat und sollte einige Jahre später zum Mitglied des Collège électoral du département aufsteigen. Vermutlich war es sein Bruder Peter, der 1807 einen Tanzsaal an der Moselbrücke errichtete und seitdem „den Sommer hindurch“ zu „echten guten rothen und weißen Weinen“ einlud. Er war Kaufmann und ebenfalls Mitglied der Munizipalität.[3]

Öffentliche Spektakel am Himmel kannte man in der ehemaligen kurtrierischen Residenzstadt seit dem 16. Jahrhundert. Als ein für alle Einwohnerinnen und Einwohner sichtbares Mittel der Verherrlichung wurden sie hauptsächlich zu Ehren der Obrigkeit bei höfischen Festveranstaltungen oder anlässlich des Besuchs hochrangiger Gäste eingesetzt. Dabei handelte es sich um wohldurchdachte Darbietungen, die künstlerische und technische Fertigkeiten erforderten und sehr kostspielig waren. Mit figürlichen Lichtreflexen, heroischen Bildformen oder biblischer Symbolik transportierten Feuerwerke diverse Bedeutungsinhalte, sodass sie mit Schauspielinszenierungen verglichen werden können und im historischen Kontext zweifellos eine höchst imposante Art der Unterhaltung abgaben.[4]

In der Franzosenzeit ließ die Begeisterung für Feuerwerke und Lichtspiele nicht nach. Im Gegenteil, der Wegfall der strengen Brandordnung ermöglichte es zahlreichen Einwohnern, solche Unterhaltungskünste vorzuführen und sie nicht nur anlässlich der staatlich vorgegebenen Feiertage abzubrennen. Eine schleichende „Verbürgerlichung der Oberschicht“[5], verbunden mit der Möglichkeit des Grundstückserwerbs im Rahmen der Nationalgüterversteigerungen, führte vielmehr dazu, dass man in Koblenz das ganze Jahr über Raketen in die Luft schoss. So bekam Johann Kröll beispielsweise Konkurrenz durch den wohlhabenden Handelsmann Ludwig van Gelder. Beide leisteten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts förmlich einen Kampf um die Kunst der Illumination, der in der Zeitung dokumentiert wurde. Zwischen 1806 und 1810 schienen beide ihr Unterhaltungsangebot parallel zu steigern. Während Johann Kröll seinen Garten am Rhein stets „recht schön beleuchtet[e]“[6], dabei „Wein oder sonstige Erfrischungen“[7] reichte und Sonn- und Feiertags „Tanzmusik“[8] spielte, wurde in „Van Gelders Garten bei niedlicher Beleuchtung“[9] meistens zur gleichen Zeit „ein großes Feuerwerk abgebrannt“[10], von Zeit zu Zeit aber auch „schöne Musik gehalten“[11] und 1809 gar „eine schöne Flöten Uhr, welche 8 Tage ohne Aufziehen, Stund und halbe Stund schlagt und repetiert, Secund, Stund, Minuten wie auch Monatslauf und Datum anzeigt, zu 90 Loos mit 6 Würfeln ausgespielet.“[12] Im Winter empfahl sich Van Gelder „seinen Freunden […] auf ein gut Glas Wein in seinem Hause. Sein Billardzimmer [sei] bereits morgens um 8 Uhr geheizt, wo alltäglich deutsche und französische Zeitung zur Unterhaltung beihanden“[13] lagen – diesem Angebot hatte Kröll schließlich nichts mehr entgegenzusetzen.

 

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Anzahl der von Kröll und Van Gelder im Koblenzer Anzeiger geschalteten Annoncen.

 

[1] Koblenzer Anzeiger (KA), Nr. 32 vom 10.8.1808.

[2] Schneider, Ute: Politische Festkultur im 19. Jahrhundert. Die Rheinprovinz von der französischen Zeit bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1806–1918). Essen 1995.

[3] Zur Transformation der Koblenzer Gesellschaft während der Franzosenzeit vgl. Müller, Jürgen: Von der alten Stadt zur neuen Munizipalität. Die Auswirkungen der Französischen Revolution in den linksrheinischen Städten Speyer und Koblenz. Koblenz 1990.

[4] Dülmen, Richard van: Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit. Bd. 2: Dorf und Stadt (16.–18. Jahrhundert). München 1992 und Brommer, Peter/Krümmel, Achim: Höfisches Leben am Mittelrhein unter Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Trier (1739–1812). Zum 200. Todestag des letzten Trierer Kurfürsten. Koblenz 2012 (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz Bd. 114).

[5] Müller, Jürgen: Die Französische Herrschaft. In: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2 Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart. Hrsg. v. Energieversorgung Mittelrhein GmbH. Stuttgart 1993, S. 19–48, hier S. 40.

[6] KA, Nr. 33 (1808). Vgl. KA, Nr. 32 und Nr. 37 (1810).

[7] KA, Nr. 34 (1806).

[8] KA, Nr. 40 (1809).

[9] KA, Nr. 33 (1807).

[10] KA, Nr. 23 (1808).

[11] KA, Nr. 8 (1810).

[12] KA, Nr. 26 (1804).

[13] KA, Nr. 44 (1810).

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