(Grusel-)Partie aus dem Stadtarchiv

Seit jeher ist der Wald als „Naturerlebnisraum“[1], als „Lebensstätte“[2] verschiedener Tiere und Pflanzen sowie als „Wirtschafts- und Kulturgut“[3]  für die Menschen von enormer Bedeutung. Epochenübergreifend stellt er nicht nur in Märchen, in der Mythologie, in der Musik, in der Malerei, in Gedichten und Sprichwörtern eine besondere Kulisse bzw. Motivik bereit, sondern liefert auch wichtige Rohstoffe etwa für die Herstellung von Papier und fungiert als Bau- und Werkstoff. Zudem ist er fester Bestandteil vieler gemeinschaftlicher Gebräuche und Sitten: Zur Geburt eines Kindes werden Bäumchen gepflanzt, feierlich werden Maibäume aufgestellt. Auch für Kinder hat der Wald Vieles anzubieten: Die Erkundung und Bestimmung von Pflanzen und Tieren, das Klettern auf Bäumen, das Balancieren auf Baumstämmen und nicht zuletzt das beliebte Errichten kleiner Waldhütten. Dabei wähnt man sich geborgen unter dem „allsehenden Auge“ der Natur.

Remstecken – Naherholungsgebiet mit Wildpark und Waldökostation bei Koblenz, Oktober 2020 (Foto: Stadtarchiv Koblenz).

Er lädt außerdem dazu ein, abseits vom Alltagsstress in ihm Ruhe und Entspannung zu finden, so gilt doch die Natur als willkommener Balsam für Körper und Geist.[4] Zu Recht stellt Frank Scherer fest: „Ohne Wald wäre die Welt unendlich ärmer.“[5]  In diesem Sinne waren Wälder auch für die Menschen des beginnenden 20. Jahrhunderts eher positiv konnotiert. Vor allem den Koblenzern wird eine ganz besondere Liebe und innige Beziehung zu ihrem Stadtwald nachgesagt.[6] So diente im 16./17. Jahrhundert eine städtische Waldordnung dazu, die regelmäßige Pflege des Waldes rund um Koblenz sicherzustellen und Verstöße entsprechend zu ahnden.[7]

Impressionen vom Remstecken – Naherholungsgebiet mit Wildpark und Waldökostation bei Koblenz, Oktober 2020 (Foto: Stadtarchiv Koblenz).

Wohl behütet und gepflegt, diente der Stadtwald in der Vergangenheit augenscheinlich als beliebte Kulisse für Erinnerungsfotos und Ansichtskarten. Im Zuge unserer Bestandsrevision sind solche zu Tage getreten, deren Motive eine Gänsehaut verursachen und an aktuelle mediale Gruselmotive erinnern. In diesem Jahr wird Halloween kleiner und zurückhaltender begangen. Ein Grund mehr, die Gruselfreunde jenseits einer allzu ernsthaften, wissenschaftlichen Betrachtungsweise und im Sinne populärer Unterhaltung für zwischendurch an diesen schaurig-schönen Archivalienfunden teilhaben zu lassen.

StAK (Stadtarchiv Koblenz) FA1 – Stadtwald Drei Eichen 1908.
StAK FA 4,21 Nr. 8, Bild 104 – Partie aus dem Stadtwald, Coblenz am Rhein.
StAK FA 4,21 Nr. 8, Bild 105 – Partie aus dem Stadtwald, Coblenz am Rhein.
StAK FA 4,14 Nr. 1 – Im Wäldchen „An der Urne“, im Park hinter dem Salesianerinnenkloster Moselweiß.

Betrachtet man das „Wäldchen“ durch die Linse der immer komplexeren Medienwelt, scheint dieser zwar ähnlich bedeutsam, aber dabei weitaus negativer besetzt zu sein – Schutz und Geborgenheit, Ruhe und Erholung sucht man darin vergeblich. Im Laufe der Zeit setzte sich das Narrativ vom düsteren und gefährlichen Wald und der darin waltenden, „übermächtigen Natur“[8] durch. Wälder wurden mehr und mehr zu einer Bedrohungs- und Gefahrenkulisse: Die Geschwister Hänsel und Gretel und Rotkäppchen verirren sich im Wald und geraten in große Nöte, Rumpelstilzchen tanzt in der Nacht um das Feuer vor seiner kleinen Waldhütte.

Rumpelstilzchen im Wald, abrufbar unter URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rumpelstiltskin_Efteling.jpg (Aufruf: 15.10.2020).
Hänsel und Gretel bei der Hexe im Wald, abrufbar unter
URL: https://garaycochea.wordpress.com/2015/04/04/ninos-vengativos/ (Aufruf: 15.10.2020).
Rotkäppchen und der Wolf, abrufbar unter URL: https://nat.museum-digital.de/singleimage.php?imagenr=224907 (Aufruf: 15.10.2020).

In der Welt der Bücher, Filme und Computerspiele bringt der Wald als Unfall- und Tatort weniger Heil für Körper und Geist, sondern führt seine Besucher direkt ins Verderben. Als Lebensraum für Fabelwesen, Geister, Dämonen, Hexen und Ähnliches bietet er das optimale Areal, in dem seltsame Geschöpfe ihr Unwesen treiben können.

Fantasiewesen im Wald, abrufbar unter URL: https://pixabay.com/de/illustrations/fantasie-wald-b%C3%A4ume-natur-4192511/ (Aufruf: 30.10.2020).

Von diesen Narrativen, die (kultur-)geschichtlich gewachsen sind und sich stetig wandeln, sind viele Menschen geprägt. Sie assoziieren den Wald mit dem Bösen, Bedrohlichen, Unbekannten, Geheimnisvollen und Transzendenten,[9] was aber gleichzeitig dessen Anziehungskraft auf die Menschen keinen nennenswerten Abbruch tut – die „Lust am Gruseln“[10] öffnet dem Wald immer wieder Tür und Tor zur vielgestaltigen Medienwelt.


[1] Siehe „Waldkultur: Bedeutung des Waldes für die kulturelle Entwicklung der Bevölkerung und der Landschaft“, 14. Juli 2011, abrufbar unter URL: https://www.ortenaukreis.de/Startseite/Aktuelles/Waldkultur-Bedeutung-des-Waldes-f%C3%BCr-kulturelle-Entwicklung-der-Bev%C3%B6lkerung-und-der-Landschaft.php?object=tx,2421.1.1&ModID=7&FID=2390.9527.1&NavID=2421.3&La=1 (Aufruf: 9.10.2020).

[2] Ebd.

[3] Ebd.; vgl. in diesem Sinne auch den Artikel „Der Wald – ein Kulturgut“ auf der Internetseite der Anstalt öffentlichen Rechts Forst Baden-Württemberg (ForstBW), abrufbar unter URL: https://www.forstbw.de/wald-im-land/kulturgut/ (Aufruf: 9.10.2020) sowie Michels, Willi K.: Die Natur ganz pur. Feuilletonistische Gedanken zum Erlebnis Koblenzer Stadtwald, in: Michels, Willi K. (Bearb.): Unser Stadtwald. Die grüne Lunge von Koblenz, Koblenz 1993 (Amt für Liegenschaften und Forsten, Stadt Koblenz), S. 13.

[4] Vgl. „Waldkultur. Bedeutung des Waldes für die kulturelle Entwicklung der Bevölkerung und der Landschaft“; „Der Wald – ein Kulturgut“; „Selbermachen. Ei­ne Wald­hüt­te bau­en“, 9. Juni 2018, abrufbar unter URL: https://www.kindersache.de/bereiche/spiel-spass/selbermachen/eine-waldhuette-bauen (Aufruf: 18.10.2020) und Michels: Die Natur ganz pur, S. 11.

[5] Siehe Scherer, Frank (Landrat): Worte zur Eröffnung der Ausstellungen „Wald-Kultur“ und „Faszination Holz“ im Landratsamt Ortenaukreis, abrufbar unter URL: https://www.ortenaukreis.de/index.php?ModID=7&FID=2390.9527.1&object=tx%7C2390.9527.1 (Aufruf: 30.10.2020).

[6] Vgl. Michels: Die Natur ganz pur, S. 11-12.

[7] Vgl. StAK 623 Nr. 1248 und Hachenberg, Friedrich: 2000 Jahre Waldwirtschaft am Mittelrhein, Koblenz 1992 (Veröffentlichungen des Landesmuseums, 41), S. 53-55.

[8] Siehe Dollak, Anna: „Warum wir Wald gruselig finden“, 13. Juni 2018, abrufbar unter URL: https://gruener-journalismus.de/blog/warum-wir-wald-gruselig-finden/ (Aufruf: 5.10.2020).

[9] Vgl. im Ganzen ebd.

[10] Siehe „Halloween und Horrorfilm: Die Lust am Gruseln“, in: Süddeutsche Zeitung online, 27. Oktober 2019, abrufbar unter URL: https://www.sueddeutsche.de/leben/gesellschaft-halloween-und-horrorfilm-die-lust-am-gruseln-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-171027-99-624724 (Aufruf: 30.10.2020).

Geister, Grusel, Gänsehaut. „Paranormal activities“ in Koblenz

 

 

Hexe

Schaufensterdekoration Café Werrmann, Koblenz, Marktstraße (Foto Kathrin Schmude, Stadtarchiv Koblenz).

 

In Zeiten modernster Wissenschaft und Technik scheint der Glaube an geisterhafte, magische Wesen und Ereignisse endgültig überwunden. Dennoch ist das Interesse am Übernatürlichen seit jeher Teil des menschlichen Lebens. Bis heute gehen wider Verstand und Rationalität insbesondere in der Zeit um Halloween von Geistern, Werwölfen, Hexen und anderem Paranormalen eine gewisse Faszination und Begeisterung aus. Die „Lust am Gruseln“[1] und der Wunsch, „sich unterhaltsam Angst einjagen zu lassen“[2], sind in dieser Zeit des Jahres besonders groß, so auch in Koblenz: Die Schaufenster werden schaurig-schön geschmückt, unter den Titeln „Halloween-Sale“ und „Halloween-Bonus“ wird für Einkaufstage im Elektro-, Lebensmittel- und Textilhandel geworben, verschiedene Halloween-Veranstaltungen für Jung und Alt angeboten und zu aufwendigen Verkleidungen animiert. Grund genug, sich jenseits ethnologischer und kulturanthropologischer Betrachtungsweisen auch einmal in der historischen Überlieferung unserer Stadt auf die Suche nach Geschichten über „paranormal activities“ zu begeben.[3]

Hier werden Sie fündig!

[1] Siehe „Halloween und Horrorfilm: Die Lust am Gruseln“, in: Süddeutsche Zeitung online, 27. Oktober 2019, abrufbar unter URL: https://www.sueddeutsche.de/leben/gesellschaft-halloween-und-horrorfilm-die-lust-am-gruseln-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-171027-99-624724 (Aufruf: 19.10.2019).

[2] Siehe Drewniok, Michael: Der schmale Grat zwischen Wahnsinn und Geister-Grusel, Juli 2018, abrufbar unter URL: https://www.phantastik-couch.de/titel/10694-horror-klassische-und-moderne-gruselgeschichten-von-charles-dickens-bis-ernest-hemingway/ (Aufruf: 19.10.2019).

[3] Vgl. Piereth, Uta: Dem Aberglauben auf der Spur. Notizen zu abergläubischen Phänomenen zwischen Maas und Rhein in Reiseberichten um 1800. Reiseberichte als Quelle der Magie- und Aberglaubensforschung, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, 1998 (24), S. 245-268, hier S. 245.