Perspektiven auf die Rheinlandbesetzung im Nachlass von Hans Bellinghausen

Von unserer Gastautorin Katharina Thielen

In den 1920er-Jahren wurden 23 Frauen und zehn weitere Familien aus dem Raum Essen an den „Pranger“ gestellt und öffentlich bedroht. Mit Ausnahme der Herren Häuser, Kristkowiak und Sarbinowski sollen fast alle namentlich genannten und mit Adresse aufgeführten Beschuldigten „intime Freundinnen der Schangels“ gewesen sein.

Flugblatt um 1925 (StAK N 12 Nr. 38, S. 87).

Es handelt sich dabei um eine Abwandlung des Namens „Jean“ und eine Form des heute positiv besetzten Wort Schängel, sodass dieses Flugblatt – aus der Perspektive eines Koblenzers – mehr als ein besonders eindrückliches Beispiel moderner Denunziation in Kriegszeiten darstellt. Konkret gemeint waren französische Soldaten, d.h. die sogenannten Besatzungstruppen, die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Versailles am 28. Juni 1919 einen Teil der linksrheinischen Gebiete verwalteten und im Januar 1923 von den Amerikanern die Koblenzer Zone übernahmen.

Broschüre aus dem Jahr 1923, hrsg. v. Deutschen Fichtebund e.V. (StAK N 12 Nr. 22, S. 8 f.).

Während den „elende[n] Dirnen“ im Ruhrgebiet für ihren konfliktfreien Umgang mit dem einstigen Erbfeind mit „Rache“ gedroht wurde, schlossen sich andere Frauen aus verschiedenen politischen Gruppierungen und konfessionellen Vereinen in Berlin zur Rheinischen Frauenliga zusammen, um gegen die Anwesenheit der französischen Soldaten im Rheinland zu protestieren. Besonders die Stationierung französischer Truppenkontingente aus den Kolonialgebieten im heutigen Afrika, Senegal, Tunesien und Marokko wurde als demütigender Bestandteil der Friedensbedingungen betrachtet und in einer großangelegten Staatskampagne scharf kritisiert, politisiert, sexualisiert und rassistisch aufgeladen. Dabei nahm die „weiße Frau“ mit den Worten des Deutschen Fichtebundes e.V. die Rolle des „Opferlamms“ Frankreichs bzw. des „wilden schwarzen Mannes“ und somit eine Schlüsselfunktion im öffentlichen Nachkriegsdiskurs ein.

l. Broschüre der Rheinischen Frauenliga, r. Vorderseite eines Plakats aus den 1920er-Jahren (StAK N 12 Nr. 42 und Nr. 38, S. 205).

Als selbsterklärtes Sprachrohr der Betroffenen unterstütze die Rheinische Frauenliga dieses nationale Bild der Frau und verbreitete von Berlin aus die Ansicht, dass Vergewaltigungen und Misshandlungen in den besetzten rheinischen Gebieten an der Tagesordnung standen. Eine in mehreren Auflagen gedruckte Propagandaschrift über „Farbige Franzosen am Rhein“ lieferte dafür zahlreiche schockierende Beispiele und vermeintliche Beweise aus verschiedenen Städten in der Region. Obschon sich die darin geschilderten Gewalttaten weder nachverfolgen ließen noch explizit auf Koblenz bezogen, schürte das populäre Heft auch am Zusammenfluss von Rhein und Mosel die Angst vor der sogenannten „Schwarzen Schmach“, zumal die letzten Amerikaner die Stadt mit Beginn des Ruhrkampfes 1923 verlassen hatten.[1]

Wenz, Jakob: Elf Jahre in Fesseln! Die Leidensgeschichte der Koblenzer Bevölkerung während der Besatzungszeit. Koblenz 1929, online abrufbar unter URL: https://www.dilibri.de/rlb/content/titleinfo/2029895 (Aufruf: 24.2.2021).

Das „geschwundene Gefühl der Sicherheit gegenüber den Besatzungstruppen“[2] wurde am 22. Juli 1925 in der Koblenzer Stadtverordnetenversammlung in Verbindung mit drei Überfällen auf Zivilisten – darunter auch auf eine junge Frau – besprochen und in einer „Leidensgeschichte der Koblenzer Bevölkerung“ von Jakob Wenz aus dem Jahre 1929 weitertradiert.

Flugbätter gefunden während des Ruhrkampfes (StAK N 12 Nr. 22, S. 75 und S. 24).

Neuere Forschungen belegen, dass diese und weitere polemische Geschichten über das Verhalten der Franzosen am Rhein zwischen 1918 und 1930 in der Regel nicht der Realität entsprachen. Dennoch wurden sie spätestens mit Beginn der separatistischen Bewegung und des Ruhrkampfes mit Hilfe von Flugblättern und Anklebezetteln massenhaft in Umlauf gebracht.[3]

Anklebezettel aus der Zeit des Ruhrkampfes (StAK N 12 Nr. 22, S. 70 und S. 73).

Als traditionelles Instrument der anonymen Meinungsäußerung stand diese offen besatzungsfeindliche Meinungsmache unter Strafe, war aber letztlich nicht zu kontrollieren. Die oberste Verwaltungsbehörde, die Haute Commission Interalliée des Territoires Rhénans (HCITR) unter Paul Tirard in Koblenz, setzte ihr daher eine eigene staatlich gelenkte Pressepolitik entgegen, die sich zum einen in aufwendig gestalteten, zweisprachigen Zeitschriften und in einem abwechslungsreichen Kulturangebot niederschlug.

La Revue Rhénane – Rheinische Blätter (StAK N 12 Nr. 29).

Zum anderen spiegelte sich die „Penetration pacifique“[5] und die Stimmen ihrer – durchaus vorhandenen – Unterstützer auf der Straße wider, indem einige Flugblätter und Zettel die „preußische Politik“ kritisierten. So sollte das Publikum beispielsweise darüber nachdenken, „wie Bismarck im umgekehrten Falle gehandelt hätte“ und was die „deutsche Methode in Frankreich und Belgien“ zur Zeit des Ersten Weltkriegs gewesen war.

Flugblätter aus dem Jahr 1923 (StAK N 12 Nr. 22, S. 58, 46, 62).

Um der Bevölkerung klar zu machen, dass der „Glaube“ an die deutsche Großmachtpolitik ein Irrglaube sei, griffen die jeweiligen Autoren und Drucker profranzösischer Schriften auf die Frakturschrift und ein „deutsches“ Erscheinungsbild zurück, das bei französischsprachigen Blättern und offiziellen Bekanntmachungen nicht gebraucht wurde.

Flugblatt aus dem Jahr 1923 (StAK N 12 Nr. 22, S. 56).
Plakate (StAK N 12 Nr. 38, S. 9 und S. 74).

Die gezeigten Druckschriften gehören zu einem umfangreichen Konvolut, das Hans Bellinghausen (1887–1958) zeit seines Lebens gesammelt hat. Einen Teil seiner regionalhistorischen Quellen stellte er der Öffentlichkeit in einer Ausstellung zum Thema „Rheinlands Freiheitskampf gegen Besatzung und Separatismus“ vor.

Ausstellungsraum in der Stadthalle Trier 1933 (StAK N 12 Nr. 23, Bild 1).

Diese Ausstellung wanderte – gelobt und gefördert von den NS-Behörden – durch das gesamte Rheinland und ist heute Dreh- und Angelpunkt der umstrittenen Diskussion rund um Bellinghausens Position als Koblenzer Lokalhistoriker zur Zeit des Nationalsozialismus.[5] Im Sinne der NS-Propaganda zeigte sie damals nur die eine, nämlich die spezifisch „nationale“ Wahrnehmung der Besatzungszeit – doch in seinem Nachlass ist jene große Bandbreite verschiedener zeitgenössischer Blickwinkel auf die interalliierten Rheinlandbesetzung überliefert, die auch die aktuelle Forschung hervorhebt. Über den „gescheiterten Frieden“[6] im Allgemeinen sowie die „französische Kulturpolitik“[7] bzw. die „Deutsche Propaganda im Rheinland“[8] im Speziellen sind seit dem Jubiläum 2014–2018 zahlreiche wissenschaftliche Publikationen erschienen, die eine Einordnung der hier behandelten Themen erleichtern und den Nachlass zu einem außergewöhnlichen Quellenfundus machen, der unter der Bestandssignatur N 12 eingesehen werden kann.  


[1] Farbige Franzosen am Rhein. Ein Notschrei deutscher Frauen. Berlin 4. Aufl. 1923, online unter URL: https://www.dilibri.de/rlb/content/titleinfo/2016609 (Aufruf: 24.2.2021), vgl. Maß, Sandra: Von der ‚schwarzen Schmach‘ zur ‚deutschen Heimat‘. Die Rheinische Frauenliga im Kampf gegen die Rheinlandbesetzung, 1920-1929, in: WerkstattGeschichte 11 (2002), Nr. 32, S. 44–57 und zuletzt Galen Last, Dick van/Futselaar, Ralf: Black Shame. African Soldiers in Europe 1914–1922. London 2015.

[2] StAK 623, Nr. 5995, S. 91 f.; vgl. StAK N 12, Nr. 42 und Nr. 25.

[3] Maß, Sandra: Weiße Helden, schwarze Krieger. Zur Geschichte kolonialer Männlichkeit in Deutschland 1918–1964. Köln 2006 und grundlegend Koller, Christian: „Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt“. Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik (1914–1930). Stuttgart 2001 (Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte 82).

[4] Vgl. Wein, Franziska: Deutschlands Strom – Frankreichs Grenze. Geschichte und Propaganda am Rhein 1919–1930. Essen 1992 (Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 33).

[5] Eine Position innerhalb dieser Diskussion vertrat zuletzt Hennig, Joachim: Dr. Hans Bellinghausen (1887–1958). Heimatforscher und NS-Propagandist, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 44 (2018), S. 439–512.

[6] Engelen, Ute/Rummel, Walter (Hg.): Der gescheiterte Friede. Die Besatzungszeit 1918-1930 im heutigen Rheinland-Pfalz. Begleitband zur Ausstellung. Koblenz 2020 (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz 129).

[7] Nöldeke, Marion/Schlechter, Armin: Französische Kulturpolitik, in: ebd., S. 109–128.

[8] Haarfeldt, Mark: Deutsche Propaganda im Rheinland 1918–1936. Essen 2017.


#Bellinghausen, Hans

1. Juli 1930: das Ende der alliierten Rheinlandbesetzung

 

Hindenburg und Russell

Reichspräsident Paul von Hindenburg und Oberbürgermeister Dr. Carl Russell am Deutschen Eck während der zentralen Rheinland-Befreiungsfeier der preußischen Staatsregierung am 22. Juli 1930 (StAK FA 1-015).

 

http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/rheinlandbefreiungsfeiern-1930/DE-2086/lido/5ef45525ac4b02.92690718

https://www.swr.de/swr2/wissen/das-ende-der-rheinlandbesetzung-1930-rundfunk-live-100.html

 

Hindenburg und Wagner

Reichspräsident Paul von Hindenburg und der Ehrenbreitsteiner Amtsbürgermeister Karl Wagner (am Tisch stehend) auf der Festung Ehrenbreitstein während der zentralen Rheinland-Befreiungsfeier der preußischen Staatsregierung am 22. Juli 1930 (StAK FA 1-015).

 

#Hindenburg, Paul von #Russell, Carl #Wagner, Karl

A Piece of the Rhine. Amerikanische Besatzung im Brückenkopf Koblenz 1918-1923

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Paul Dahms: A Piece of the Rhine. Amerikanische Besatzung im Brückenkopf Koblenz 1918-1923. Montabaur: Verl. der Museen des Westerwaldkreises, 2018. – 218 S., zahlr. Ill., Kt. ISBN 978-3-9300-8122-6.

Publikation anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Landschaftsmuseum Westerwald, Hachenburg, Dezember 2018 bis Juli 2019.

Klappentext: „Im Dezember 2018 marschierten amerikanische Truppen zum ersten Mal in Deutschland ein. Als Folge des 1. Weltkrieges besetzten sie bis Januar 1923 Teile des Rheinlandes. Im Brückenkopf Koblenz, der in den Westerwald hineinragte, waren die US-Soldaten in über 100 Orten bei der Bevölkerung einquartiert. Wie erlebten die Menschen der Region die Besatzungszeit? Was geschah bei der Annäherung der einstigen Feinde? Darüber ist nur wenig bekannt. Das vorliegende Buch, als Begleitband zur gleichnamigen Sonderausstellung des Landschaftsmuseums Westerwald erschienen, rekonstruiert mit zahlreichen Quellen und Fotografien eine fast vergessene Episode deutsch-amerikanischer Geschichte.“

#Dahms, Paul

 

Die Entfestigung von Koblenz nach dem Ersten Weltkrieg. Fortifikatorische und stadtgeschichtliche Aspekte

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Amerikanische Besatzungstruppen paradieren anlässlich des Abzugs aus Koblenz vor dem Hauptbahnhof, 24. Januar 1923 (StAK FA 1-015).

Vortrag zur Ausstellung von Herrn Matthias Kellermann, Bonn,

am Dienstag, 4. Dezember, 18.00 Uhr, im Landeshauptarchiv Koblenz.

#Kellermann, Matthias

Kinder der Kastorgasse

Heute ist viel vom demographischen Wandel die Rede. Kaum mehr vorstellbar ist, wieviele Kinder noch vor rund 100 Jahren in manchen Stadtvierteln lebten, oftmals aber unter unzureichenden räumlichen und hygienischen Bedingungen.

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Kinderkirmes in der Kastorgasse, „Mehlgesichter“, 1933 (StAK FA 1-06 Kastorgasse).

Am 5. Mai 1922 schrieb Oberbürgermeister Dr. Carl Russell an den amerikanischen Kreisdelegierten Hauptmann Fieker[1]: „Der unerfreulichste Teil unserer Stadt ist unzweifelhaft der Bezirk der Kastorstrasse. In den alten engen Bauten sind die Menschen vielfach in geradezu unwürdiger Weise zusammengepfercht. Licht und Luft dringen kaum in die Räume. Infolgedessen ist der Gesundheitszustand, insbesondere der Kinder, ein ausserordentlich mangelhafter. Die Kinder sind für das Spielen auf den Hospitalvorplatz angewiesen. Der dadurch entstehende Lärm belästigt die Kranken aufs Aergste. Nach einer Schätzung des Polizeireviers sollen in der Kastorstrasse etwa 2500 Kinder leben. Im vorigen Jahr hatte die Stadtverwaltung die Absicht, einen grossen Kinderspielplatz hinter dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal anzulegen. Ehe er aber fertiggestellt war, wurde der grösste Teil des Geländes als Tennisplatz beschlagnahmt. Ich habe schon damals mir erlaubt darauf hinzuweisen, dass die Beschlagnahme dieses Platzes in den Bürgerkreisen grosse Beunruhigung hervorgerufen hat. Nachdem nunmehr mit dem Weggang der amerik. Truppen zu rechnen ist,[2] erneuere ich meine Bitte dahin, dass das Gelände der Stadt wiederum zur Verfügung gestellt wird, damit endlich den Kindern eine geeignete Gelegenheit, sich in guter Luft zu tummeln, geboten werden kann. Dann würden auch die Kranken Ruhe haben.“

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Hinterhof des Hauses Kastorgasse 73, 1939 (StAK FA 1-06 Kastorgasse).

Das Oberkommando der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland lehnte jedoch am 17. Mai 1922 das Gesuch Russells ab. „Die Tennisplätze in den Rheinanlagen wurden dieses Jahr von diesen Streitkräften nicht beschlagnahmt, weil die Tennisplätze am Denkmal verfügbar waren. Es wird deshalb für uns unmöglich sein, diese Plätze freizugeben, bis alle amerik. Streitkräfte den Abschnitt [die amerikanisch besetzte Koblenzer Zone] räumen.“[3] Die Kastorgässer Kinder mussten weiterhin mit dem Hospitalplatz vorliebnehmen.

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Kastorgasse 112-114, Gaststätte „Zum alten Fritz“ (links), um 1938 (StAK FA 1-06 Kastorgasse).

#Russell, Carl #Fieker, amerikanischer Kreisdelegierter

[1] StAK 623 Nr. 5786, S. 326.

[2] Bereits 1920 leiteten die Amerikaner eine Reduzierung ihrer Besatzungstruppen ein, die nach dem deutsch-amerikanischen Friedensschluss im August 1921 noch verstärkt wurde. Im Frühjahr 1922 rechnete die Koblenzer Stadtverwaltung mit einem baldigen Abzug der Amerikaner; vgl. Anton Golecki: Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik. In: Geschichte der Stadt Koblenz. Bd. 2: Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart. 2. Aufl. Stuttgart 1995, S. 119-169, 567-570 (Anmerkungen), hier S. 142 mit Anm. 68 (S. 569).

[3] StAK 623 Nr. 5786, S. 327.

 

„Die Stadt ist ein einziges Trümmerfeld.“ Dokumente der Nachkriegszeit in Wort und Bild

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Programm des Stadttheaters Koblenz, Dezember 1945 (StAK P Nr. 185).

Vortrag von Dr. Petra Weiß und Michael Koelges (Stadtarchiv Koblenz) im Rahmenprogramm zu der Ausstellung „Mut zur Freiheit. Informel aus der Sammlung Anna und Dieter Grässlin.“ Donnerstag, 6. Juli 2017, 19 Uhr, Mittelrhein-Museum Koblenz, Zentralplatz 1. Kosten: 8 Euro, ermäßigt 6 Euro, Schüler und Studierende haben freien Eintritt

Das Stadtarchiv besitzt einen reichen Schatz an Zeugnissen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit in Koblenz. Im Vortrag werden Film-, Bild- und Schriftdokumente in Zusammenhang gebracht. Dabei kommen persönliche Erinnerungen ebenso zur Sprache wie offizielle Verlautbarungen, Plakate und Zeitungen. So eröffnet sich ein vielfältiges Panorama, in dem neben den Alltagssorgen auch die Energie des Aufbruchs in Kultur und Gesellschaft deutlich wird.

 

 

Die Amerikaner am Rhein. Neue Quellen zur Besatzungspolitik der Vereinigten Staaten nach dem Ersten Weltkrieg

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„Ehrenbreitstein – das Gibraltar des Rheins“. Grußkarte der amerikanischen Besatzungstruppen (StAK FA 1-015).

 

Über die „Amerikaner am Rhein“ sprach Dr. Kai-Michael Sprenger, Referent für Landesgeschichte im rheinland-pfälzischen Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur, in einem Vortrag vor dem Geschichtsverein für Mittelrhein und Vorderhunsrück am 14. Januar 2017 in Boppard. In der Regel verbinden sich Erinnerungen an die amerikanische Besatzungszeit mit den Jahren nach 1945. Doch in Koblenz und Umgebung, in der Eifel und im Westerwald waren die Amerikaner als Besatzungsmacht bereits nach dem Ersten Weltkrieg, ein Umstand, der durch die umstürzenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts und den Zweiten Weltkrieg nahezu vollends aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist. Es war das Verdienst des Referenten, diese Jahre nach dem Ersten Weltkrieg in seinem durch viele Quellen belegten Vortrag dem Vergessen entrissen zu haben. Zahlreiche Nachfragen gaben zu erkennen, dass ein gewichtiges zeitgeschichtliches Thema der Geschichte unseres Landes geradezu darauf wartet, durch weitere Forschungsarbeiten erschlossen zu werden.

Kontakt zum Geschichtsverein für Mittelrhein und Vorderhunsrück: Dr. Rainer Lahme (Vorsitzender), Postfach 1463, 56138 Boppard, geschichtsverein-boppard@gmx.de.

Dr. Sprenger hält seinen Vortrag noch einmal am 7. Dezember 2017 im Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz, Bahnhofplatz 14, 56068 Koblenz.

 

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Abzugsparade der amerikanischen Streitkräfte vor dem Koblenzer Hauptbahnhof, 24. Januar 1923. Rechts salutieren französische Soldaten, die die US-Truppen ablösen (StAK FA 1-015).

 

Literatur:

Anton Golecki: Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik. In: Geschichte der Stadt Koblenz. Bd. 2: Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart. Gesamtred.: Ingrid Bátori in Verbindung mit Dieter Kerber u. Hans Josef Schmidt. Stuttgart 1992, 2. Aufl. 1995, S. 119-169, 567-570 (Anmerkungen), hier S. 129-145, 568-569 (Anmerkungen).

Martin Schlemmer: Die Rheinland-Besetzung (1918-1930). Landschaftsverband Rheinland, Portal Rheinische Geschichte.

Klaus Kemp: Regiebahn. Reparationen, Besetzung, Ruhrkampf, Reichsbahn

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Klaus Kemp: Regiebahn. Reparationen, Besetzung, Ruhrkampf, Reichsbahn. Die Eisenbahnen im Rheinland und im Ruhrgebiet 1918-1930. Freiburg i. Br.: EK-Verl., 2016. – 304 S., zahlr. Ill., Kt. ISBN 978-3-8446-6404-1. – 45,00 EUR.

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Koblenz S. 19, 55, 64, 90, 106, 173-174, 192, 197, 256; Kapellen-Stolzenfels S. 106; Königsbach (zu Kapellen-Stolzenfels) S. 132, 209, 296; Lützel S. 297.

Koblenz unter englischer Besatzung?

 

Im August 1925 löste eine Meldung der Kölnischen Volkszeitung in der Stadtverwaltung Koblenz hektische Betriebsamkeit aus. Gerüchteweise sollte die Interalliierte Rheinlandkommission nach Wiesbaden übersiedeln, sobald die englischen Besatzungstruppen die Kölner Zone geräumt haben würden. In Koblenz sollten englische Besatzungssoldaten das französische Militär ablösen.

 

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Ausschnitt aus der Kölnischen Volkszeitung Nr. 589 vom 11. August 1925 (Kopie in StAK 623 Nr. 4642, S. 20).

 

Der Koblenzer Regierungspräsident riet auf Nachfrage der Stadtverwaltung zur Gelassenheit und erklärte, dass ihm von einer geplanten Belegung der Stadt Koblenz durch englisches Militär nichts bekannt sei. „Man wird den Verlauf der Dinge abwarten müssen“ (StAK 623 Nr. 4642, S. 3). Gleichzeitig wandte sich Dr. Herbert Wirtz in seiner Eigenschaft als Besatzungsdezernent an seinen Kölner Kollegen mit der Bitte, einen Beamten des städtischen Besatzungsamts in die Domstadt schicken zu dürfen, damit dieser sich ein Bild von den dortigen Verhältnissen machen könne. Wirtz schrieb, es sei „bekannt, dass die Ansprüche der englischen Armee bezgl. der Quartiergestellung höher sind als die der franz. Armee, vielleicht auch höher als die der Rheinlandkommission. […] Da die englische Armee sich aus Söldnern rekrutiert und erfahrungsgemäss ein Söldnerheer wesentlich mehr Verheiratete aufweist als eine reguläre Armee, so ist es zweifelhaft, ob Coblenz in der Lage ist, die dortseits gestellten Quartieransprüche vollauf zu befriedigen“ (ebd., S. 4).

Oberstadtinspektor John, Leiter des Koblenzer Besatzungsamts, schilderte in einem ausführlichen Bericht die Arbeitsweise der städtischen Besatzungsverwaltung in Köln. Wegen der gehobenen Ansprüche der Engländer und ihres zahlreichen Familienanhangs müssten in Koblenz im Falle eines Umzugs bis zu 350 weitere Wohnungen für Quartierzwecke zur Verfügung gestellt werden. Hinzu komme, dass nahezu alle englischen Offiziere ein privates Automobil besäßen, was in Köln die Beschlagnahmung von 53 Garagen nötig gemacht habe. Die dortige Besatzungsverwaltung sei wegen der hohen englischen Erwartungen „sehr stark, um nicht zu sagen überorganisiert. […] Gemessen an dem, was ich gesehen und gehört habe, muss die Organisation bei der [französischen] Armee [in Koblenz] und selbst bei der Rheinlandkommission dagegen als stümperhaft bezeichnet werden“ (ebd., S. 13). Während in Köln 100 städtische Bedienstete für die Besatzungsangelegenheiten von 5000 englischen Soldaten zuständig seien, erledigten in Koblenz 43 Beamte und Angestellte diese Aufgaben bei einer französischen Truppenstärke von 8000 Mann. „Das Kölner System auf Coblenz [zu] übertragen, würde […] einen Apparat von 125 Köpfen erforderlich machen“ (ebd., S. 14). Besonders erwähnte der Berichterstatter das große Sportbedürfnis der Engländer, das eine entsprechende Infrastruktur erfordere. „Sie unterhalten weiterhin eine aus 6 Kanonenbooten bestehende Rheinflottille, die dem Vernehmen nach auch in Coblenz stationiert werden soll“ (ebd., S. 16).

John schloss mit dem Fazit: „Für den Fall, dass Coblenz mit englischer Besatzung belegt werden sollte, scheint mir das dringlichste Erfordernis zu sein, alsbald mit dem Bau von Offizierswohnungen nach Kölner Vorbild zu beginnen, da unsere hiesigen Besatzungsbauten nach englischen Begriffen wahrscheinlich nur Mannschaftswohnungen sein dürften. […] Alles in allem kann gesagt werden, dass, wenn auch nur die Hälfte der augenblicklichen Kölner Besatzung nach Coblenz verlegt werden sollte, mit einer Abnahme der Quartierlast kaum zu rechnen sein dürfte, da ausser [in] Ehrenbreitstein und vielleicht noch [in] Pfaffendorf sich keine Unterbringungsmöglichkeiten bieten dürften und die Stabs- und Zentralstellen usw. in der Stadt untergebracht werden müssten. Auf Coblenz sollen die Engländer deshalb gekommen sein, weil ausreichende Kasernen zur Verfügung stehen, was in Wiesbaden nicht der Fall sei (in Köln sind 19 Kasernen in Anspruch genommen)“ (ebd., S. 18).

Die Verlegung der englischen Truppen von Köln nach Koblenz blieb aus, und auch die Rheinlandkommission zog nicht nach Wiesbaden um. Die Erleichterung in der Koblenzer Stadtverwaltung dürfte nicht gering gewesen sein.

 

Oberpräsidium_Kronprinzenstraße_1918

Dienstgebäude des Oberpräsidiums der Rheinprovinz in der Kronprinzenstraße (heute Stresemannstraße), 1918 (StAK FA 1-534). Seit 1920 war hier die Interalliierte Rheinlandkommission (IRKO) untergebracht.

 

Quelle: StAK 623 Nr. 4642: Einzug der englischen Besatzung in den Stadtbezirk Koblenz (nicht erfolgt), 1925.

Zum Zusammenhang mit der „großen Politik“ vgl. Angela Kaiser: Lord D’Abernon und die englische Deutschlandpolitik 1920-1926. Frankfurt am Main u. a. 1989 (Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Bd. 362), S. 287-305 (Kapitel: Die Räumung der Kölner Zone im Rahmen der Entwaffnungsverhandlungen).

#Wirtz, Herbert #John, Oberstadtinspektor