Auswanderung aus Koblenz im 19. Jahrhundert

06 Anzeige Geilhausen Coblenzer Zeitung 1852-05-14

Anzeige der Auswanderungsagentur Geilhausen in der Coblenzer Zeitung vom 14. Mai 1852.

 

„Fort, fort von hier! Nach Nord-Amerika!“ Auswanderung aus Koblenz im 19. Jahrhundert

Vortrag von Michael Koelges, Stadtarchiv Koblenz, vor dem Verein für Geschichte und Kunst des Mittelrheins am Dienstag, 6. September 2016, um 18 Uhr im Landeshauptarchiv Koblenz

In Zeiten der Globalisierung ist Migration zu einem alltäglichen Phänomen geworden. Menschen müssen vor politischer Verfolgung und Bürgerkrieg aus ihrem Heimatland fliehen oder wollen aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen ein neues Leben beginnen. Zuwanderung wird zuweilen als Bedrohung empfunden, kann aber dem aufnehmenden Land in verschiedener Hinsicht auch zum Vorteil gereichen. Die momentane Debatte über die Wanderungsbewegung in Richtung Europa, das Asylrecht und darüber, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei und wieviel Zuwanderung die Gesellschaft verkraften könne, verdeutlicht die Aktualität des Themas Auswanderung.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Deutschland in den vergangenen Jahrhunderten vielen Migranten Zuflucht gewährt hat. Französische Hugenotten fanden als Glaubensflüchtlinge Aufnahme in evangelischen Territorien; in unserem Raum ist die Gründung der Stadt Neuwied im Jahr 1653, deren zugewanderte Bürger den verschiedensten christlichen Konfessionen angehörten, ein Beispiel für gelungene Integration, die einen wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge hatte. Verarmte Händler und Handwerker aus Oberitalien hingegen suchten im 18. Jahrhundert im katholischen Rheinland ihr Glück, und auch in Koblenz ist einigen dieser Neubürger ein steiler sozialer Aufstieg gelungen. Andererseits kehrten viele Deutsche aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen ihrer Heimat den Rücken. Im 18. Jahrhundert waren Südosteuropa oder das russische Wolgagebiet wichtige Ziele. Eine erste „Auswanderungswelle“ in das ungarische Banat ist für das Jahr 1724 feststellbar: 33 Personen aus Rübenach, Metternich und Bubenheim verließen mit ihren Familien die Heimat. Franz Georg von Metternich, der Vater des späteren österreichischen Staatskanzlers, betrieb im Metternicher Hof in Koblenz – trotz eines ausdrücklichen Emigrationsverbots seines Landesherrn, des Trierer Kurfürsten – eine geheime Registrierungsstelle für Auswanderungswillige in die Donaumonarchie.

Im 19. Jahrhundert übten vor allem Nord- und Südamerika eine große Anziehungskraft aus. Während viele Menschen oder gar ganze Dorfgemeinschaften vom Hunsrück, aus der Eifel oder dem Westerwald nach Brasilien auswanderten, brachen die meisten Emigranten aus der Stadt Koblenz in Richtung Vereinigte Staaten auf. Der erste feststellbare Koblenzer Nordamerika-Auswanderer ist Jakob Pretz, der im September 1732 mit Frau und zwei Söhnen in Philadelphia eintraf. Nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 – in deren Verlauf das unbedingte Recht auf Auswanderung als eine politische Hauptforderung erhoben wurde – waren es vornehmlich politische Gründe, die zur Emigration führten, während mit der Depression nach den „Gründerjahren“ (ab ca. 1875) ein wirtschaftlicher Faktor Hauptursache für das Verlassen der Heimat war. Nicht nur „gescheiterte Existenzen“, sondern auch Angehörige höherer sozialer Schichten machten sich auf den Weg in Richtung Amerika, so z. B. ein Sohn des bekannten Bauinspektors und Denkmalpflegers Johann Claudius von Lassaulx. Auch die Söhne dreier Koblenzer Stadtoberhäupter verließen ihre Heimat: Otto Gayer, Sohn von Johann Dominikus Gayer, der von 1808 bis 1811 französischer Maire von Koblenz war, ging als französischer Fremdenlegionär nach Algerien, wo er in einem Militärhospital starb. Der Kaufmann August Bachem, Sohn von Oberbürgermeister Friedrich Wilhelm Bachem (1847-1857), wanderte 1876 über Bonn nach New York aus. Schließlich emigrierte auch Josef Viktor Cadenbach, Steuermann zur See, zu einem unbekannten Zeitpunkt in die USA. Sein Vater war der Justizrat Hubert Josef Cadenbach, der von 1857 bis 1867 das Amt des Koblenzer Oberbürgermeister bekleidete.

Im Zentrum des Vortrags stehen die Vorgänge nach 1850, die anhand konkreter Koblenzer Auswandererschicksale verdeutlicht werden sollen. Dabei wird auch das Phänomen der Rückwanderung in die Heimat vorgestellt, denn eine Auswanderung konnte aus den verschiedensten Gründen auch scheitern.

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Auswandererdokumentation des Stadtarchivs Koblenz

Die Auswandererdatei des Stadtarchivs

Aufruf an Auswanderungslustige Coblenzer Tageblatt 1849-02-11

„Aufruf an Auswanderungslustige!“ Anzeige im Coblenzer Tageblatt vom 11. Februar 1849.

 

Bislang (Stand 12. Nov. 2015) konnten 1751 Auswanderer aus Koblenz und den eingemeindeten Stadtteilen namentlich ermittelt werden. Diese Zahl spiegelt aber bei Weitem nicht das tatsächliche Aufkommen wider, weil eine hohe Dunkelziffer von Auswanderungen ohne Wissen und Konsens der staatlichen Behörden erfolgte. Der Untersuchungsraum von 1738 bis 1967 ergibt sich aus dem vorhandenen Quellenmaterial. Die zeitgenössischen statistischen Quellen zum Aufwanderungsaufkommen für die Stadt Koblenz zeigen, dass Erhebungen entweder gar nicht oder nur sporadisch durchgeführt wurden beziehungsweise Zahlen nicht bekannt waren. Um genauere Rückschlüsse über die Auswirkungen der Auswanderung auf das soziale Gefüge der Stadt Koblenz zu ziehen, sind sicherlich weitere Untersuchungen notwendig. Weitere Informationen finden Sie hier:

Auswanderung aus Koblenz