Kinder der Kastorgasse

Heute ist viel vom demographischen Wandel die Rede. Kaum mehr vorstellbar ist, wieviele Kinder noch vor rund 100 Jahren in manchen Stadtvierteln lebten, oftmals aber unter unzureichenden räumlichen und hygienischen Bedingungen.

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Kinderkirmes in der Kastorgasse, „Mehlgesichter“, 1933 (StAK FA 1-06 Kastorgasse).

Am 5. Mai 1922 schrieb Oberbürgermeister Dr. Carl Russell an den amerikanischen Kreisdelegierten Hauptmann Fieker[1]: „Der unerfreulichste Teil unserer Stadt ist unzweifelhaft der Bezirk der Kastorstrasse. In den alten engen Bauten sind die Menschen vielfach in geradezu unwürdiger Weise zusammengepfercht. Licht und Luft dringen kaum in die Räume. Infolgedessen ist der Gesundheitszustand, insbesondere der Kinder, ein ausserordentlich mangelhafter. Die Kinder sind für das Spielen auf den Hospitalvorplatz angewiesen. Der dadurch entstehende Lärm belästigt die Kranken aufs Aergste. Nach einer Schätzung des Polizeireviers sollen in der Kastorstrasse etwa 2500 Kinder leben. Im vorigen Jahr hatte die Stadtverwaltung die Absicht, einen grossen Kinderspielplatz hinter dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal anzulegen. Ehe er aber fertiggestellt war, wurde der grösste Teil des Geländes als Tennisplatz beschlagnahmt. Ich habe schon damals mir erlaubt darauf hinzuweisen, dass die Beschlagnahme dieses Platzes in den Bürgerkreisen grosse Beunruhigung hervorgerufen hat. Nachdem nunmehr mit dem Weggang der amerik. Truppen zu rechnen ist,[2] erneuere ich meine Bitte dahin, dass das Gelände der Stadt wiederum zur Verfügung gestellt wird, damit endlich den Kindern eine geeignete Gelegenheit, sich in guter Luft zu tummeln, geboten werden kann. Dann würden auch die Kranken Ruhe haben.“

Kastorstraße_73_Hinterhof_1939

Hinterhof des Hauses Kastorgasse 73, 1939 (StAK FA 1-06 Kastorgasse).

Das Oberkommando der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland lehnte jedoch am 17. Mai 1922 das Gesuch Russells ab. „Die Tennisplätze in den Rheinanlagen wurden dieses Jahr von diesen Streitkräften nicht beschlagnahmt, weil die Tennisplätze am Denkmal verfügbar waren. Es wird deshalb für uns unmöglich sein, diese Plätze freizugeben, bis alle amerik. Streitkräfte den Abschnitt [die amerikanisch besetzte Koblenzer Zone] räumen.“[3] Die Kastorgässer Kinder mussten weiterhin mit dem Hospitalplatz vorliebnehmen.

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Kastorgasse 112-114, Gaststätte „Zum alten Fritz“ (links), um 1938 (StAK FA 1-06 Kastorgasse).

#Russell, Carl #Fieker, amerikanischer Kreisdelegierter

[1] StAK 623 Nr. 5786, S. 326.

[2] Bereits 1920 leiteten die Amerikaner eine Reduzierung ihrer Besatzungstruppen ein, die nach dem deutsch-amerikanischen Friedensschluss im August 1921 noch verstärkt wurde. Im Frühjahr 1922 rechnete die Koblenzer Stadtverwaltung mit einem baldigen Abzug der Amerikaner; vgl. Anton Golecki: Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik. In: Geschichte der Stadt Koblenz. Bd. 2: Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart. 2. Aufl. Stuttgart 1995, S. 119-169, 567-570 (Anmerkungen), hier S. 142 mit Anm. 68 (S. 569).

[3] StAK 623 Nr. 5786, S. 327.

 

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Ausstellung anlässlich 20 Jahre Feste Kaiser Franz e. V.

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2017 jährt sich die Grundsteinlegung der drei Hauptwerke der Festung Koblenz und Ehrenbreitstein zum 200. Mal. Zeitgleich feiert der Verein Feste Kaiser Franz e. V. sein 20-jähriges Bestehen.
Aus Anlass dieser zwei Jubiläen beleuchten die Ausstellung und der parallel erscheinende Begleitband „Impressionen der Entfestigung“ die Geschichte der Festung Koblenz und Ehrenbreitstein von ihrem Ende her. Dabei liegt der Fokus der Ausstellung primär auf der ersten Phase der Koblenzer Entfestigung (1920-1922), in der nach dem Ersten Weltkrieg in zwei Abschnitten das linke Rheinufer entfestigt wurde. Die betroffenen Festungswerke hielt der in Koblenz ansässige Fotograf Joseph Ring (1877-1932) im Auftrag des Entfestigungsamts Koblenz im Bild fest. Diese im Rahmen seiner Arbeit entstandenen Fotografien sind Glücksfall und Unglück zugleich, bieten sie doch einerseits ein authentisches Bild der Koblenzer Festungswerke, zeigen sie aber andererseits gleichzeitig deren Ende in Trümmern.
Die Ausstellung präsentiert ausgewählte Reproduktionen der Entfestigungsbilder aus dem Bestand des Stadtarchivs Koblenz. Diese werden jeweils von einem zeitgenössischen Zitat begleitet.

Impressionen der Entfestigung
Festung Koblenz und Ehrenbreitstein 1920-1922
Fotografien von Joseph Ring

Ausstellung im Mittelrhein-Museum Koblenz
Museumsschaufenster/Foyer
15. Oktober – 4. November 2017
Eintritt frei.

#Ring, Joseph

Koblenzer Frauengeschichte

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Sophie La Roche, um 1776. Gemälde von Georg Oswald May im Gleimhaus Halberstadt (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:LaRocheMS.jpg?uselang=de).

Das Stadtarchiv setzt seine Reihe zur Geschichte der Frauen in Koblenz fort. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule spricht Frau Dr. Petra Weiß, stellvertretende Leiterin des Stadtarchivs, am Mittwoch, 18. Oktober, zum Thema „Frauen in der kurfürstlichen Residenz“. Die Veranstaltung findet von 17.30 bis 19.00 Uhr im Lesesaal des Stadtarchivs, Alte Burg, Burgstraße 1, statt und kann als VHS-Kurs unter www.vhs-koblenz.de online gebucht werden.

#La Roche, Sophie #May, Georg Oswald

Gesellenbrief der Ehrenbreitsteiner Zünfte (zwischen 1768 und 1786)

Gesellenbrief_Ehrenbreitstein

Gesellenbrief  der Ehrenbreitsteiner Zünfte, zwischen 1768 und 1786 (aus StAK 655,10 Nr. 281).

Jens Fachbach behandelt in seinem jüngst erschienenen Grundlagenwerk über die Hofkünstler und Hofhandwerker am kurtrierischen Hof[1] auch die Ehrenbreitsteiner Zünfte. Die Datierung des Gesellenbriefs ergibt sich aus dem Wappen des Kurfürsten Clemens Wenzeslaus von Sachsen sowie aus der Tatsache, dass Ehrenbreitstein im Text noch als Residenzstadt bezeichnet wird. Neben diesem Exemplar wurde im Jahr 2012 auch ein ausgefülltes Stück im Kunsthandel angeboten.[2]

#Fachbach, Jens #Sachsen, Clemens Wenzeslaus von

  • [1] Fachbach, Jens: Hofkünstler und Hofhandwerker am kurtrierischen Hof in Koblenz/Ehrenbreitstein 1629-1794. Studie, Handbuch, Quellen. Bd. 1-2. Petersberg 2017.
  • [2] Ebd., Bd. 1, S. 214 (Abb. des Gesellenbriefs) sowie S. 727 Anm. 1011.
  • Hofkünstler und Hofhandwerker in Koblenz/Ehrenbreitstein 1629-1794

    Fachbach_Hofkünstler

     

    Neuerscheinung:

    Jens Fachbach: Hofkünstler und Hofhandwerker am kurtrierischen Hof in Koblenz/Ehrenbreitstein 1629-1794. Studie, Handbuch, Quellen. 2 Bände. Petersberg: Imhof, 2017 (Artifex. Quellen und Studien zur Künstlersozialgeschichte; Sources and Studies in the Social History of the Artist). – Bd. 1: 750 S., Ill.; Bd. 2: 794 S. ISBN 978-3-7319-0389-5, zusammen 49,95 EUR.

    „Gleich welche Ausdifferenzierung der Begriff des Hofkünstlers/Hofhandwerkers in Zukunft noch erfahren wird, Dr. Jens Fachbach kommt das Verdienst zu, hiermit eine Quellenedition vorgelegt zu haben, an der sich Forschungen ähnlicher Ausrichtung werden messen lassen“ (Bd. 1, S. 8, Zitat aus dem Geleitwort von Andreas Tacke).

    #Fachbach, Jens

    Wohnungsnot, städtisches Erscheinungsbild und leere Kassen – Déjà-vu im Stadtarchiv !

    Dass Wohnungsnot und „hässliche Ecken“ im städtischen Erscheinungsbild keineswegs aktuelle Phänomene sind und wünschenswerte Maßnahmen zur Abhilfe nicht nur im 21. Jahrhundert an den leeren Kassen der Kommunen und des Staates scheitern, belegen zwei Zufallsfunde aus dem Jahr 1863.

    Ein Artikelchen aus der Coblenzer Zeitung vom 23. April 1863 [1] macht eindringlich deutlich, dass es auch vor mehr als 150 Jahren „einen immer steigenden Nothstand [sic!] an Wohnungen, namentlich für die mittlere Klasse“ gegeben hat. Ausdrücklich begrüßt werden vom Autor eine im Jahr 1863 offensichtlich gesteigerte Bau- und Umbautätigkeit sowie Planungen, die eine Vielzahl an neuen Bauplätzen in der Rhein-Mosel-Stadt schaffen werden – und damit Entlastung zumindest in Aussicht stellen. Den geplanten Abriss eines ausgesprochenen Schandflecks („partie honteuse“) der Stadt, des Seilerwalls [2], würdigt der Schreiber, neben den privaten Baumaßnahmen, als lobenswertes Bemühen der städtischen Verwaltung, der Stadt „ein freundliches Ansehen zu verschaffen, auf welches jeder Fremde bei ihrer reizenden Lage rechnen zu können vermeint“. Im Hinterkopf hat er in diesem Zusammenhang sicher nicht nur den baulich unschönen Zustand des Geländes rund um den Seilerwall, sondern vor allem die Tatsache, dass es sich um eine äußerst verrufene Gegend handelte. Hier lebten in der Mitte des 19. Jahrhunderts sieben bis acht Prostituierte aus der Stadt in einzelnen Wohnungen und gingen dort – trotz wiederholter polizeilicher Intervention – ihrem Gewerbe nach. Sehr zum Leidwesen der Anwohner, wie eine Beschwerde derselben aus dem Jahr 1844 offenbart [3].

    Als ganz und gar unerfreulich wird darüber hinaus ausgerechnet der Zustand einiger staatlichen Liegenschaften beschrieben – explizit des Areals zwischen Karmeliterstraße und Regierungsgebäude [4], welches von der städtischen Verwaltung an den Fiskus zwecks Errichtung eines neuen Gefängnisses abgetreten worden war. Moniert werden zum Beispiel der „wüste Platz [5], der sich in der Carmelitenstraße nach Abbruch (…) des Mähler’schen Hauses [6] dem Fremden darbietet“ sowie das schon seit Jahren unerfüllte Versprechen von staatlicher Seite, eine neue, breite Straße zwischen Karmeliterstraße und Regierungsgebäude anzulegen. Bemerkenswert ist, dass der Autor bei seiner Kritik auch schon vor mehr als 150 Jahren das Ansehen seiner Heimatstadt gerade bei den auswärtigen Besuchern im Blick hat.

    Wie der Vorläufer einer modernen Pressemitteilung mutet ein zweiter Artikel aus der Coblenzer Zeitung vom 23. Mai 1863 [7] an, der inhaltlich offensichtlich auf die exakt vier Wochen ältere Meldung Bezug nimmt. Die städtische Verwaltung sah sich offenbar genötigt, den Vorwurf, dass „die Ausführung der neuen Straßenprojecte lässig betrieben und wie viele andere Dinge ins Unbestimmte vertagt würde“, zu entkräften. Man sei im Gegenteil „aufs eifrigste bemüht“ gewesen, „dem Projecte Leben zu verschaffen“. Gemeint sind an dieser Stelle der oben schon erwähnte Ausbau der Verbindung zwischen Karmeliterstraße und Regierungsgebäude sowie die Anlage einer neuen Straße vom Bahnhof bis zur Casinostraße. Allerdings muss man schon wenige Zeilen später die Aufgabe zumindest der ersten der beiden Straßenbaumaßnahmen einräumen – sie scheitert an den leeren Kassen des Staates. Alles andere als komfortabel erscheint aber auch die finanzielle Lage der Stadt Koblenz, die „in ihren beschränkten Mitteln keine 300.000 Thaler (…) für den Abbruch des Seilerwalls und eine neue Straße ausgeben kann“. Somit bleibt die „partie honteuse“ entgegen der im ersten Artikel geäußerten Hoffnung sowohl den Koblenzern als auch ihren Gästen weiterhin auf unbestimmte Zeit erhalten.

    Angesichts der momentanen Debatte um die Notwendigkeit der Schaffung bezahlbaren Wohnraums vor allem in den Städten bei gleichzeitig chronisch leeren Kassen muten diese historischen Zeitungsartikel geradezu aktuell an und haben bei den Archivmitarbeitern für ein ‚Déjà-vu-Erlebnis‘ gesorgt. Getreu dem alten Sprichwort bleibt also festzuhalten: „Es kommt alles wieder!“ – nicht nur in der Mode …

     

     

     

     

     

     

    • [1]Coblenzer Zeitung vom 23.4.1863, Zweites Blatt, S. 1.
    • [2]Beim Seilerwall handelt sich um die frühere Bezeichnung der heutigen Fischelstraße, da hier hinter der mittelalterlichen Stadtmauer die Seiler ihr Handwerk betrieben. „Der Seilerwall folgte dem Verlauf der barocken Stadtmauer und ‚verlief von der Löhrstraße, dem Kleinschmittsgäßchen gegenüber, an der inneren Seite der Stadtmauer nach der Weisergasse‘“, Zitat aus: Petra Weiß, Prostitution in Koblenz im 19. Jahrhundert. In: Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur 11/12. Koblenz 2001/2002, S. 45, Anm. 59. Ab 1861 trug die Straße den Namen „Eisenbahnstraße“, da sie teilweise neben der damals angelegten linksrheinischen Bahnlinie verlief. Hier befand sich der frühere Rheinische Bahnhof, in Betrieb bis 1902, zerstört 1944. Zwischenzeitlich verschwand die Fischelstraße während der sechziger und siebziger Jahre anlässlich der Neugliederung des Gebietes zwischen Altengraben, Löhrstraße, Herz-Jesu-Kirche und Eisenbahnlinie. Vgl. StAK DB 17, Straßennamen, S. 49 sowie Udo Liessem, Koblenzer Straßennamen. In: 2000 Jahre Koblenz. Geschichte der Stadt an Rhein und Mosel. Hrsg. von Hans Bellinghausen. Boppard 1971, S. 420.
    • [3]Vgl. Petra Weiß, Prostitution in Koblenz im 19. Jahrhundert. In: Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur 11/12. Koblenz 2001/2002, S. 45, 46.
    • [4]Heutiges Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw.
    • [5]Im Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts ist mit ‚wüster Platz‘ ein leerer, unbebauter Platz gemeint.
    • [6]Ehemaliges Wohnhaus des früheren Koblenzer Bürgermeisters Johann Abundius Anton Joseph Mähler (1777–1853) in der Karmeliterstraße. Mähler hatte der Stadt von 1818 bis 1847 als Bürgermeister vorgestanden. Vgl. Geschichte der Stadt Koblenz. Band 2: Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart. Stuttgart 1992, S. 620.
    • [7]Coblenzer Zeitung vom 23.5.1863, S. 3.