70 Jahre Rittersturz-Konferenz

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Gaststätte auf dem Rittersturz kurz vor der Eröffnung, 1892 (StAK FA 1-931).

 

Sebastian Gleixner bietet in seiner pädagogischen Handreichung zur Arbeit von Schülern mit archivischen Quellen folgenden Einführungstext zur Geschichte des Rittersturzes und der Rittersturzkonferenz:[1]

Beim Rittersturz handelt es sich um einen steil abfallenden Felsen des Hunsrücks, der direkt an die Stadt Koblenz heranreicht. Der Sage nach stürzte sich dort im Mittelalter ein unglücklich verliebter Ritter in den Tod.

Seit dem 19. Jahrhundert war der Aussichtspunkt wegen seines herrlichen Ausblicks über das Rheintal besonders beliebt. Deshalb wurde 1892 auf dem Rittersturz eine erste Gartenwirtschaft eröffnet, die man 1925 zum Hotel ausbaute. Ab 1928 führte eine über 400 m lange Zahnradbahn, die Rittersturzbahn, dorthin. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Hotel eines der wenigen unzerstörten Gebäude für größere Veranstaltungen in Koblenz. In den ersten Wochen nach der Befreiung durch die Amerikaner diente es als Sitz der US-Militärregierung und wurde dann von den Franzosen beschlagnahmt.

Auf Einladung des Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Peter Altmeier, trafen sich die Ministerpräsidenten der westdeutschen Länder sowie Louise Schroeder, die Oberbürgermeisterin von Berlin, das damals unter der Blockade der Sowjets zu leiden hatte, vom 8. bis 10. Juli 1948 im Hotel auf dem Rittersturz. Thema der Konferenz waren die Frankfurter Dokumente, die ihnen von den Militärgouverneuren der westlichen Besatzungszonen vorgelegt worden waren. Diese sahen v. a. die Gründung eines deutschen Weststaates vor. Die Ministerpräsidenten beschlossen aber einheitlich, dass diese Gründung nur ein Provisorium bis zur Errichtung eines gesamtdeutschen Staates sein sollte. Daher sollte es auch keine verfassunggebende Nationalversammlung, sondern einen Parlamentarischen Rat zur Ausarbeitung eines Grundgesetzes geben. Beratungen zur geforderten Neuregelung der Ländergrenzen wurden vertagt. Dem Entwurf eines Besatzungsstatuts trat man sehr selbstbewusst entgegen und versuchte, mit eigenen Vorschlägen das Zusammenspiel zwischen den deutschen Institutionen und den Alliierten festzuschreiben.

Auch wenn die Alliierten, v. a. die Amerikaner, enttäuscht reagierten, dass die Ministerpräsidenten einen so zurückhaltenden Standpunkt zur Gründung eines Weststaates einnahmen, einigte man sich schließlich kurz darauf am 26. Juli 1948: Der Ausarbeitung des Grundgesetzes und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland stand nun nichts mehr im Wege. Indem die Ministerpräsidenten den provisorischen Charakter des neuen Staates besonders betonten, wurde letztlich die Chance auf eine Wiedervereinigung, wie sie 1990 stattfand, überhaupt erst möglich. Das wiederum zeigt die große Bedeutung der Rittersturzkonferenz für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Dass auf dem Rittersturz nach der Gründung der Bundesrepublik am 25./26. August 1949 noch eine zweite Ministerpräsidentenkonferenz stattfand, ist weniger bekannt. Die Länderchefs behandelten hier u. a. die Fragen, wann und wie der Bundestag, der Bundesrat und die Bundesversammlung erstmals einberufen werden sollten.

Trotz seiner bewegten Geschichte begann in den 1950er-Jahren der Niedergang des Hotels. Nachdem der Rittersturzfelsen abzurutschen drohte, wurde das Hotel 1974 abgerissen. Bereits 1959 war der inzwischen unwirtschaftliche Bahnbetrieb eingestellt worden.

Auf Initiative des damaligen Ministerpräsidenten Altmeier wurde später ein Denkmal zur Rittersturzkonferenz errichtet, das zum 31. Jahrestag am 8. Juli 1979 eingeweiht wurde. Zum 60. Jubiläum, 2008, erfolgte die Erneuerung des gesamten Geländes.

 

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Berghotel Rittersturz, um 1930 (StAK FA 1-931).

 

Literatur:

50 Jahre Rittersturzkonferenz 1948-1998. Die Stunde der Ministerpräsidenten. Wissenschaftliches Symposion im Bundesarchiv in Koblenz am 8. Juli 1998. Hrsg. von Heinz-Günther Borck. Koblenz 1998.

Düwell, Kurt: Die Rittersturz-Konferenz vom Juli 1948. In: Rheinland-Pfalz entsteht. Beiträge zu den Anfängen des Landes Rheinland-Pfalz in Koblenz 1945-1951. Boppard am Rhein 1984 (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz 5), S. 411-432.

Duppré, Fritz: Einübung in die Politik unter Peter Altmeier. In: Rheinland-Pfalz persönlich. Erinnerungen und Begegnungen. Mainz 1987, S. 39-67, hier S. 45-50 (persönliche Erinnerungen an die Rittersturz-Konferenz).

Gleixner, Sebastian: Mit Schülern an die Quellen: Projektarbeit in Archiven. In: Unterrichtsmaterialien Geschichte, Sekundarstufe I, 8. Ergänzung. Hallbergmoos: Stark-Verl., 2013, S. 1-44.

Himbert, Alexa: Rittersturzkonferenz. In: Zeugnisse rheinischer Geschichte. Urkunden, Akten und Bilder aus der Geschichte der Rheinlande. Eine Festschrift zum 150. Jahrestag der Einrichtung der staatlichen Archive in Düsseldorf und Koblenz. Red.: Franz-Josef Heyen und Wilhelm Janssen. Neuss 1982 (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Jahrbuch 1982/83), S. 164-166, 432.

Michels, Willi K.: Die Rittersturz-Konferenz 1948. Ein historisches Ereignis im Koblenzer Stadtwald. In: Unser Stadtwald. Die grüne Lunge von Koblenz. – Amt für Liegenschaften und Forsten der Stadt Koblenz. – Koblenz 1993, S. 144-148.

Rittersturz-Konferenz. Konferenz der Ministerpräsidenten elf westdeutscher Länder im Hotel Rittersturz bei Koblenz vom 8. bis 10. Juli 1948. Katalog zur Ausstellung aus Anlaß des 40. Jahrestages. – Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz. – Koblenz 1988.

[1] Gleixner, S. 21.

 

 

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Gedanken zum Weihnachtsfest

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StAK P Nr. 78: Weihnachtsfreude für Kriegsgefangene in Frankreich, 1945.

Kaum zu glauben: zwischen diesen beiden Plakaten liegen nur sieben Jahre.

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StAK P Nr. 232: Dein Weihnachtseinkauf in Koblenz, 1952; Graphik: Emil Grüttner.

#Grüttner, Emil

„Die Stadt ist ein einziges Trümmerfeld.“ Dokumente der Nachkriegszeit in Wort und Bild

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Programm des Stadttheaters Koblenz, Dezember 1945 (StAK P Nr. 185).

Vortrag von Dr. Petra Weiß und Michael Koelges (Stadtarchiv Koblenz) im Rahmenprogramm zu der Ausstellung „Mut zur Freiheit. Informel aus der Sammlung Anna und Dieter Grässlin.“ Donnerstag, 6. Juli 2017, 19 Uhr, Mittelrhein-Museum Koblenz, Zentralplatz 1. Kosten: 8 Euro, ermäßigt 6 Euro, Schüler und Studierende haben freien Eintritt

Das Stadtarchiv besitzt einen reichen Schatz an Zeugnissen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit in Koblenz. Im Vortrag werden Film-, Bild- und Schriftdokumente in Zusammenhang gebracht. Dabei kommen persönliche Erinnerungen ebenso zur Sprache wie offizielle Verlautbarungen, Plakate und Zeitungen. So eröffnet sich ein vielfältiges Panorama, in dem neben den Alltagssorgen auch die Energie des Aufbruchs in Kultur und Gesellschaft deutlich wird.

 

 

Die Amerikaner am Rhein. Neue Quellen zur Besatzungspolitik der Vereinigten Staaten nach dem Ersten Weltkrieg

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„Ehrenbreitstein – das Gibraltar des Rheins“. Grußkarte der amerikanischen Besatzungstruppen (StAK FA 1-015).

 

Über die „Amerikaner am Rhein“ sprach Dr. Kai-Michael Sprenger, Referent für Landesgeschichte im rheinland-pfälzischen Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur, in einem Vortrag vor dem Geschichtsverein für Mittelrhein und Vorderhunsrück am 14. Januar 2017 in Boppard. In der Regel verbinden sich Erinnerungen an die amerikanische Besatzungszeit mit den Jahren nach 1945. Doch in Koblenz und Umgebung, in der Eifel und im Westerwald waren die Amerikaner als Besatzungsmacht bereits nach dem Ersten Weltkrieg, ein Umstand, der durch die umstürzenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts und den Zweiten Weltkrieg nahezu vollends aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist. Es war das Verdienst des Referenten, diese Jahre nach dem Ersten Weltkrieg in seinem durch viele Quellen belegten Vortrag dem Vergessen entrissen zu haben. Zahlreiche Nachfragen gaben zu erkennen, dass ein gewichtiges zeitgeschichtliches Thema der Geschichte unseres Landes geradezu darauf wartet, durch weitere Forschungsarbeiten erschlossen zu werden.

Kontakt zum Geschichtsverein für Mittelrhein und Vorderhunsrück: Dr. Rainer Lahme (Vorsitzender), Postfach 1463, 56138 Boppard, geschichtsverein-boppard@gmx.de.

Dr. Sprenger hält seinen Vortrag noch einmal am 7. Dezember 2017 im Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz, Bahnhofplatz 14, 56068 Koblenz.

 

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Abzugsparade der amerikanischen Streitkräfte vor dem Koblenzer Hauptbahnhof, 24. Januar 1923. Rechts salutieren französische Soldaten, die die US-Truppen ablösen (StAK FA 1-015).

 

Literatur:

Anton Golecki: Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik. In: Geschichte der Stadt Koblenz. Bd. 2: Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart. Gesamtred.: Ingrid Bátori in Verbindung mit Dieter Kerber u. Hans Josef Schmidt. Stuttgart 1992, 2. Aufl. 1995, S. 119-169, 567-570 (Anmerkungen), hier S. 129-145, 568-569 (Anmerkungen).

Martin Schlemmer: Die Rheinland-Besetzung (1918-1930). Landschaftsverband Rheinland, Portal Rheinische Geschichte.

1948/49: Koblenz als Bundeshauptstadt?

Von November 1946 bis Mai 1951 war Koblenz Sitz der rheinland-pfälzischen Landesregierung. In den Diskussionen um die Verlegung des Regierungssitzes nach Mainz, wie es in der Verordnung Nr. 57 vom 30. August 1946 durch General Pierre Marie Koenig als Oberbefehlshaber der französischen Besatzungstruppen in Deutschland vorgesehen war, sah sich Landtagspräsident Wolters in einem Schreiben vom 24.8.1949 an Ministerpräsident Altmeier zur eindringlichen Mahnung genötigt, eine rasche Klärung zu finden, damit wir in unserem Lande nicht denselben Meinungsstreit bekommen, wie er z. Zt. um die Bundeshauptstadt besteht. Wie hinlänglich bekannt, unterlag Koblenz in der Frage des Sitzes der Landesregierung. Die Bemühungen des Koblenzer Oberbürgermeisters Josef Schnorbach in diesem harten Ringen gingen aber zwischenzeitlich so weit, dass er Koblenz als Bundeshauptstadt vorschlug. Was war geschehen?

 

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1948 war in Bonn der Parlamentarische Rat unter seinem Präsidenten Konrad Adenauer zur Ausarbeitung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland zusammengetreten. Bonn hatte den Vorzug vor den sich ebenfalls bewerbenden Städten Karlsruhe, Celle, Köln, Düsseldorf und Koblenz erhalten. Die Frage nach der Bundeshauptstadt stellte sich während der Beratungen des Parlamentarischen Rates schnell. An Berlin sollte festgehalten werden, man suchte daher nur eine provisorische Hauptstadt bis zur Veränderung der politischen Lage. Als Anwärter bewarben sich zunächst Frankfurt am Main sowie die Stadt Bonn, schließlich kamen noch Kassel und Stuttgart hinzu. Bisher ziemlich unbekannt ist aber die Tatsache, dass sich auch die Stadt Koblenz als Bundeshauptstadt ins Gespräch gebracht hat. Als die Diskussion um die Verlegung des Regierungssitzes in Rheinland-Pfalz von Koblenz nach Mainz erneut aufbrandete, trat Oberbürgermeister Josef Schnorbach die Flucht nach vorne an und informierte Nachrichtenagenturen, Rundfunk und Zeitungen. So verschickte er am 26. November 1948 an die Südena (Süddeutsche Nachrichtenagentur), die Rhein-Zeitung sowie die Zeitungen Neues Leben, Die Freiheit, Rheinisch-Pfälzische Rundschau, den Rheinischen Merkur und an den Südwestfunk eine „öffentliche Stellungnahme zu der erneut diskutierten Frage der Verlegung des Sitzes der Landesregierung von Mainz nach Koblenz“. Seine Ausführungen erschienen u. a. als „Unterredung“ in der Rhein-Zeitung vom 27/28.11.1948. Schnorbach führt darin aus, dass eine Pressemeldung über die Verlegung des Sitzes der Landesregierung von Koblenz nach Mainz für ihn eine Überraschung gewesen sei. Im Hinblick auf die Aufbauleistung in Koblenz und auf die Erörterungen über das endgültige Schicksal des Landes Rheinland-Pfalz habe man nicht mehr mit einer Verlegung des Regierungssitzes nach Mainz gerechnet. Ausführlich geht Schnorbach auf die dadurch verbundenen Nachteile für die Stadt Koblenz ein. Koblenz biete aber zwischenzeitlich – nicht nur auf Grund seiner verkehrsgeografisch günstigen Lage – „alle Voraussetzungen für die Aufnahme einer grösseren Behörden-Organisation […]. Nachdem dem Vernehmen zufolge die Wahl der Nachbarstadt Bonn zur Bundeshauptstadt gescheitert ist, sollte deshalb ernstlich erwogen werden, als Sitz der Bundeshauptstadt Koblenz zu bestimmen. In diesem Sinne werde ich den Ministerpräsidenten [Altmeier] und die übrigen Vertreter des Landes beim Parlamentarischen Rat bitten, die Stadt Koblenz ernstlich in den Kreis der um die Bestimmung als Bundeshauptstadt konkurrierenden Städte einzubeziehen. Eine würdigere Repräsentation des neuen deutschen Bundes, als in dem dann wieder zu erstellenden unmittelbar am Rheinstrom gelegenen Schloss vom Kurfürsten Clemens Wenzeslaus ist kaum denkbar“. Allerdings beklagte ein Artikel der Rhein-Zeitung vom 3. Januar 1949 die schlechten infrastrukturellen Voraussetzungen in Koblenz, die bei den fehlenden öffentlichen Verkehrsmitteln begannen und bei der mangelnden Sauberkeit der Straßen und öffentlichen Anlagen endeten.

 

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Hubert Hermans (Köln 20.3.1909 – 28.12.1989 Koblenz), Aufnahme von 1950 (StAK FA 1-24 Hermans).

 

Im Februar 1949 prüfte die eigens hierzu eingesetzte Hauptstadtkommission die vier Städte Frankfurt am Main, Bonn, Kassel und Stuttgart, woraufhin es aber zunächst wieder still um die Frage des zukünftigen Bundessitzes wurde. In der Phase der Entscheidungsfindung sollte schließlich ein Koblenzer eine entscheidende Rolle spielen: Hubert Hermans (Köln 1909-1989 Koblenz) wurde am 5. Mai 1949 Nachfolger von Dr. Adolf Süsterhenn im Parlamentarischen Rat. Hermans war 1946-1947 Mitglied der Beratenden Landesversammlung Rheinland-Pfalz und trat im Sommer 1947 in der Landesjustizministerium ein, wo er engster Mitarbeiter sowie ständiger Vertreter von Justizminister Adolf Süsterhenn war. Im April 1948 folgte der Wechsel in die Staatskanzlei, Hermans wurde Leiter der Rechts- und Gesetzgebungsabteilung und war regelmäßiger Teilnehmer an den überzonalen Ministerpräsidentenkonferenzen. Hermans trat 1949 in Absprache mit Ministerpräsident Altmeier und aus persönlicher Überzeugung als Verfechter einer Entscheidung für Bonn auf. Er war es auch, der dank eines Kompromissvorschlages die in dieser Frage gespaltene CDU/CSU-Fraktion auf Bonn einstimmen konnte. Am 3.11.1949 wählte der erste Deutsche Bundestag Bonn mit 200 gegen 176 Stimmen zur provisorischen Bundeshauptstadt. Erst mit der Regierungserklärung von Willy Brandt 1973 wurde das Provisorium beendet und Bonn als Bundeshauptstadt anerkannt. Nach der Wiedervereinigung wurde Berlin im Einigungsvertrag wieder zur Hauptstadt bestimmt. Am 20. Juni 1991 entschied sich der Bundestag für die Verlegung des Sitzes der Regierung und des Parlaments von Bonn nach Berlin.

 

Quellen und Literatur:

StAK 623 Nr. 9756, S. 428-430.

Aus einer Unterredung mit dem Oberbürgermeister: Koblenz als Hauptstadt des deutschen Bundes? Regierungssitz im Schloß? Verlegung der Landesregierung und ihre Folgen. Die Argumente. In: Rhein-Zeitung Nr. 111, 27./28.11.1948, S. 3.

Die Forderung nach dem Regierungssitz verpflichtet. Was man in Koblenz entbehrt und was sich die Bevölkerung für das neue Jahr wünscht. In: Rhein-Zeitung Nr. 1, 3.1.1949, S. 2.

Brommer, Peter: Koblenz oder Mainz? Die Verhandlungen über die Verlegung des Sitzes der Landesregierung. In: Landeskundliche Vierteljahrsblätter 28 (1982), S. 65-73.

Feldkamp, Michael F.: Der Parlamentarische Rat: die Entstehung des Grundgesetzes. Göttingen 1998 (Sammlung Vandenhoeck).

Graß, Karl Martin: Von Koblenz nach Mainz – Die Hauptstadtfrage. In: Rheinland-Pfalz entsteht. Beiträge zu den Anfängen des Landes Rheinland-Pfalz in Koblenz 1945-1951. Hrsg. von Franz-Josef Heyen. Eine Veröffentlichung zum Rheinland-Pfalz-Tag 1984. Boppard 1984 (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz 5), S. 433-449.

Graß, Karl Martin: Wie Mainz Landeshauptstadt wurde. Der Streit um die Metropole hatte nicht nur politische Gründe. In: Mainz. Vierteljahreshefte für Kultur, Politik, Wirtschaft, Geschichte 1 (1982), Heft 2, S. 8-16.

Küppers, Heinrich: Staatsaufbau zwischen Bruch und Tradition. Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz 1946-1955. Mainz 1990 (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz 14), hier S. 226 (betr. Hubert Hermans).

Wirth, Eva: Koblenz oder Mainz? Die rheinland-pfälzische Landeshauptstadtfrage. Ungedruckte Staatsexamensarbeit, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, 2007.

 

Koblenz unter englischer Besatzung?

 

Im August 1925 löste eine Meldung der Kölnischen Volkszeitung in der Stadtverwaltung Koblenz hektische Betriebsamkeit aus. Gerüchteweise sollte die Interalliierte Rheinlandkommission nach Wiesbaden übersiedeln, sobald die englischen Besatzungstruppen die Kölner Zone geräumt haben würden. In Koblenz sollten englische Besatzungssoldaten das französische Militär ablösen.

 

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Ausschnitt aus der Kölnischen Volkszeitung Nr. 589 vom 11. August 1925 (Kopie in StAK 623 Nr. 4642, S. 20).

 

Der Koblenzer Regierungspräsident riet auf Nachfrage der Stadtverwaltung zur Gelassenheit und erklärte, dass ihm von einer geplanten Belegung der Stadt Koblenz durch englisches Militär nichts bekannt sei. „Man wird den Verlauf der Dinge abwarten müssen“ (StAK 623 Nr. 4642, S. 3). Gleichzeitig wandte sich Dr. Herbert Wirtz in seiner Eigenschaft als Besatzungsdezernent an seinen Kölner Kollegen mit der Bitte, einen Beamten des städtischen Besatzungsamts in die Domstadt schicken zu dürfen, damit dieser sich ein Bild von den dortigen Verhältnissen machen könne. Wirtz schrieb, es sei „bekannt, dass die Ansprüche der englischen Armee bezgl. der Quartiergestellung höher sind als die der franz. Armee, vielleicht auch höher als die der Rheinlandkommission. […] Da die englische Armee sich aus Söldnern rekrutiert und erfahrungsgemäss ein Söldnerheer wesentlich mehr Verheiratete aufweist als eine reguläre Armee, so ist es zweifelhaft, ob Coblenz in der Lage ist, die dortseits gestellten Quartieransprüche vollauf zu befriedigen“ (ebd., S. 4).

Oberstadtinspektor John, Leiter des Koblenzer Besatzungsamts, schilderte in einem ausführlichen Bericht die Arbeitsweise der städtischen Besatzungsverwaltung in Köln. Wegen der gehobenen Ansprüche der Engländer und ihres zahlreichen Familienanhangs müssten in Koblenz im Falle eines Umzugs bis zu 350 weitere Wohnungen für Quartierzwecke zur Verfügung gestellt werden. Hinzu komme, dass nahezu alle englischen Offiziere ein privates Automobil besäßen, was in Köln die Beschlagnahmung von 53 Garagen nötig gemacht habe. Die dortige Besatzungsverwaltung sei wegen der hohen englischen Erwartungen „sehr stark, um nicht zu sagen überorganisiert. […] Gemessen an dem, was ich gesehen und gehört habe, muss die Organisation bei der [französischen] Armee [in Koblenz] und selbst bei der Rheinlandkommission dagegen als stümperhaft bezeichnet werden“ (ebd., S. 13). Während in Köln 100 städtische Bedienstete für die Besatzungsangelegenheiten von 5000 englischen Soldaten zuständig seien, erledigten in Koblenz 43 Beamte und Angestellte diese Aufgaben bei einer französischen Truppenstärke von 8000 Mann. „Das Kölner System auf Coblenz [zu] übertragen, würde […] einen Apparat von 125 Köpfen erforderlich machen“ (ebd., S. 14). Besonders erwähnte der Berichterstatter das große Sportbedürfnis der Engländer, das eine entsprechende Infrastruktur erfordere. „Sie unterhalten weiterhin eine aus 6 Kanonenbooten bestehende Rheinflottille, die dem Vernehmen nach auch in Coblenz stationiert werden soll“ (ebd., S. 16).

John schloss mit dem Fazit: „Für den Fall, dass Coblenz mit englischer Besatzung belegt werden sollte, scheint mir das dringlichste Erfordernis zu sein, alsbald mit dem Bau von Offizierswohnungen nach Kölner Vorbild zu beginnen, da unsere hiesigen Besatzungsbauten nach englischen Begriffen wahrscheinlich nur Mannschaftswohnungen sein dürften. […] Alles in allem kann gesagt werden, dass, wenn auch nur die Hälfte der augenblicklichen Kölner Besatzung nach Coblenz verlegt werden sollte, mit einer Abnahme der Quartierlast kaum zu rechnen sein dürfte, da ausser [in] Ehrenbreitstein und vielleicht noch [in] Pfaffendorf sich keine Unterbringungsmöglichkeiten bieten dürften und die Stabs- und Zentralstellen usw. in der Stadt untergebracht werden müssten. Auf Coblenz sollen die Engländer deshalb gekommen sein, weil ausreichende Kasernen zur Verfügung stehen, was in Wiesbaden nicht der Fall sei (in Köln sind 19 Kasernen in Anspruch genommen)“ (ebd., S. 18).

Die Verlegung der englischen Truppen von Köln nach Koblenz blieb aus, und auch die Rheinlandkommission zog nicht nach Wiesbaden um. Die Erleichterung in der Koblenzer Stadtverwaltung dürfte nicht gering gewesen sein.

 

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Dienstgebäude des Oberpräsidiums der Rheinprovinz in der Kronprinzenstraße (heute Stresemannstraße), 1918 (StAK FA 1-534). Seit 1920 war hier die Interalliierte Rheinlandkommission (IRKO) untergebracht.

 

Quelle: StAK 623 Nr. 4642: Einzug der englischen Besatzung in den Stadtbezirk Koblenz (nicht erfolgt), 1925.

Zum Zusammenhang mit der „großen Politik“ vgl. Angela Kaiser: Lord D’Abernon und die englische Deutschlandpolitik 1920-1926. Frankfurt am Main u. a. 1989 (Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Bd. 362), S. 287-305 (Kapitel: Die Räumung der Kölner Zone im Rahmen der Entwaffnungsverhandlungen).

#Wirtz, Herbert #John, Oberstadtinspektor