Woher der Wind weht. Das Mysterium des „Burgvogts“

Von unserem Gastautor Paul Dahms

Abb 1 - StAK S 53 Nr 2

Abb. 1: Protokollfragment von 1834.

Aus der Stadtbibliothek gelangte unlängst ein rätselhaftes Schriftstück in das Stadtarchiv. Es stammt aus dem Jahr 1834 und ist das Fragment eines Protokolls. Der Text, dessen Anfang fehlt, lautet:

[…]ießer Pfeil ist den ersten May 1834
neu gemacht; von Peter Rath und
auf die Burg auf gesetzt worden
Er soll der Fabrik Guten Wind
und Segen bringen; ein gutes
Frucht und Wein Jahr
den wir alle sehr gerne Trinken
             Amen

Welches Ereignis verbirgt sich dahinter? Das Protokoll haben 18 Herren unterzeichnet, deren Namen nicht auf bekannte Koblenzer Persönlichkeiten hindeuten, obwohl die letzte Unterschrift den Zusatz „Burgvogt“ trägt. Trotzdem gelang der erste Schritt zur Lösung des Rätsels anhand der Namen. Durch ihren Vergleich mit Einträgen in den Koblenzer Adressbüchern kam heraus, dass Peter Rath Klempner war und August Heydt, der die Reihe der Unterzeichner anführt, „Werkmeister in der Blechfabrik“. Im Jahre 1834 gab es nur eine solche in Koblenz, und die saß in der Alten Burg am Moselufer.

Damit war der Ort des Geschehens lokalisiert, dessen bauliche Anfänge in das Jahr 1185 zurückreichen, als dort aus Resten eines römischen Rundturms ein Wohnhaus errichtet wurde. Seit 1277 ließ sich der Trierer Erzbischof Heinrich II. von Finstingen das Haus zu einer Zwingburg ausbauen, die im Lauf der Jahrhunderte unter ihren wechselnden herrschaftlichen Besitzern Umbauten und Erweiterungen erfuhr, wobei der Geschmack der jeweiligen Epoche architektonische Spuren hinterließ. Nach dem Ableben des Kurfürsten Johann Hugo von Orsbeck im Januar 1711 wurde die Alte Burg zur Mietsache und von Hofbeamten als Wohnort genutzt.

1794, in der Franzosenzeit, verstaatlichte man den ehemaligen Wehrbau und führte ihn im Zuge des beginnenden Industriekapitalismus einem entsprechend praktischen Zweck zu: Seit etwa 1804 produzierte die Fabrik Fink & Comp. zwischen den alten Mauern Blechwaren. Firmeninhaber Sebastian Fink kaufte die Burg 1806, ab 1818 betrieb sein Kompagnon Hubert Josef Schaaffhausen das Unternehmen als „Schaaffhausen & Dietz” erfolgreich weiter. Es gehörte mit seinen Schmuck- und Gebrauchsgegenständen aus lackiertem Blech zur Spitze der Branche und ließ europäische Konkurrenz aus Berlin, Wien und Paris lange hinter sich. Die geschmackvoll gestalteten und bemalten Brotkörbe, Präsentierteller, Toiletten-Eimer, Kohlenkästen oder Ofenschilde waren sehr beliebt und in den meisten Bürgerhäusern vorzufinden.

Mit der Herstellung der begehrten Blechwaren beschäftigten sich bis zu 400 Arbeiter, und zu diesen gehörten neben Werkmeister August Heydt wohl weitere der Unterzeichner des Protokolls, von denen zwei Gürtler waren und sieben Klempner wie Peter Rath, der den Pfeil „neu gemacht“ und auf die Burg „auf gesetzt“ hatte. Welcher Pfeil damit gemeint ist, klärte ein Blick zum Himmel vom Standort Balduinbrücke/Ecke Burgstraße: Noch heute zeigt auf der Alten Burg ein blecherner Pfeil an, woher der Wind weht. Seit wann die Wetterfahne das Gebäude ziert, ließ sich nicht genau ermitteln. Eine Zeichnung aus dem Jahr 1792 zeigt das abgewalmte Satteldach noch oben ohne – vorausgesetzt, der Künstler hat detailgenau gearbeitet.

Abb 2 - Alte Burg 1792

Abb. 2: Blick auf die Alte Burg von Südwesten, 1792. Tuschezeichnung von Johann Heinrich Verflassen.

Auf einem um 1830 gemalten Aquarell hingegen ist ein Windrichtungsanzeiger abgebildet.

Abb 3 - Alte Burg 1830

Abb. 3: Alte Burg um 1830. Aquarell von O. C. Robinson.

So erklärt sich auch die Formulierung, dass Peter Rath den Pfeil „neu gemacht“, sprich den vorhandenen ersetzt hat – begleitet von guten Wünschen einer Herrenrunde, bei der es sich vermutlich um eine berufsständische Vereinigung handelt. Zwölf der Namen auf dem Protokoll finden sich im Folgejahr als Mitglieder des frisch gegründeten Katholischen Sterbekassenvereins der Koblenzer Blechschläger, Kupferschläger, Gürtler und Zinngießer wieder.

Vielleicht hatten jene Handwerker beschlossen, ihrer Fabrik einen neuen Windanzeiger zu stiften? Vielleicht geschah die Niederschrift vom Mai 1834 zur Erinnerung an den Akt des Aufsetzens der Wetterfahne, der bei einem „Richtfest“ mit Wein –„den wir alle sehr gerne Trinken“ – gefeiert wurde („Burgvogt“ ist ein Scherz) und das „Amen“ am Schluss auch als „Prosit“ gelesen werden darf? – Aber, das sind nur Gedankenspiele. Tatsache bleibt, dass das nun enträtselte Protokoll dorthin zurückkehrte, wo es einst herkam und wo es auch hingehört – in die Alte Burg, die seit 1980 das Stadtarchiv beherbergt.

Abb 4 - Alte Burg 1928

Abb. 4: Ansichtskarte von 1928. Der Wetterpfeil auf dem Dach der Alten Burg ist gut erkennbar.

Quellen und Literatur

Biller, Thomas: Alte Burg, in: Die Burgen im Welterbegebiet Oberes Mittelrheintal. Ein Führer zu Architektur und Geschichte, Regensburg 2013, S. 198-200.

Kleber, Hans-Peter: Blechwarenfabrik Fink & Comp. – Ursprung der Koblenzer Blechwarenfabrik Schaaffhausen & Dietz (Manuskript), Koblenz 2008.

Kleber, Hans-Peter: Von der Feinblechwarenfabrik zum Schweinestall. Das unrühmliche Ende der Koblenzer Blechwarenfabrik Schaaffhausen & Dietz, in: Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur, Neue Folge 13 (2003), S. 107-114.

Liessem, Udo: Die „Alte Burg“ in Koblenz. Eine bau- und kunsthistorische Studie, in: Burgen und Schlösser 16 (1975), Heft 1, S. 21-33.

Michel, Fritz: Die Kunstdenkmäler der Stadt Koblenz. Die profanen Denkmäler und die Vororte, Düsseldorf 1986, S. 80-94.

Michel, Fritz: Die Kurfürstliche Burg zu Koblenz, Koblenz 1928.

StAK Best. 623 Nr. 9652: Rechnungsbuch über die Sterbekasse der Koblenzer Blechschläger, Kupferschläger, Gürtler und Zinngießer, 1835-1900.

Abbildungsnachweis

Abb. 1: StAK S 53 Nr. 2, vormals Stadtbibliothek Koblenz, Altbestand, Nr. 197.

Abb. 2: https://www.bildindex.de/document/obj42133277; Abdruck in: Vom Beruf zur Berufung. Die Künstlerfamilie Verflassen zwischen Barock und Biedermeier. Katalog zur Ausstellung im Mittelrhein-Museum Koblenz, 19. Oktober 2019 – 2. Februar 2020. Hrsg. von Matthias von der Bank u. Adolf T. Schneider. Petersberg 2019, S. 168 Nr. D-Z001.

Abb. 3: Michel, Fritz: Die Kurfürstliche Burg zu Koblenz. Koblenz 1928, nach S. 14.

Abb. 4: StAK FA 5, Zug. 32/1985.

St. Peter in Koblenz-Neuendorf. Kleiner Kirchenführer

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Ansicht der Neuendorfer Pfarrkirche vom rechten Rheinufer, 1959; Foto: Karl Stiebel (StAK FA 1-06 Neuendorf).

 

In seinem neuen Kirchenführer befasst sich Willi Gabrich intensiv mit der Architektur, Baugeschichte und Innenausstattung der Pfarrkirche St. Peter in Neuendorf.

Warum steht vor dem Koblenzer Theater ein Obelisk?

Wolfgang Schmid: Warum steht vor dem Koblenzer Theater ein Obelisk? Zur Geschichte und Symbolik eines barocken Herrschaftszeichens in rheinischen Residenzstädten

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Clemensplatz mit Brunnenobelisk. Blick in die Clemensstraße, links Hotel Trierer Hof und Theater. Aquatinta/Radierung von Johann Adolf Lasinsky (Zeichner) und Rudolf Bodmer (Stecher); Koblenz: Friedrich Röhling, um 1830 (StAK S 31 Nr. 1/4).

„Vor dem Koblenzer Theater steht ein Obelisk. Er macht einen etwas vernachlässigten Eindruck, er behindert den Blick auf die klassizistische Fassade des bekannten Theaters, und er blockiert wertvolle Parkplätze in der Innenstadt. Dass er heute ohne so recht erkennbare städtebauliche Funktion und ohne eindeutig verständliche Botschaft auf dem Deinhardsplatz steht, war sicherlich nicht im Sinne des Auftraggebers“…  Fortsetzung im Portal Rheinische Geschichte.

Denkmal im politischen Raum. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck

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Band 1, Klappentext (Prof. em. Dr. Lucian Hölscher): „Lutz Engelskirchen erzählt die hundertjährige Geschichte des Kaiserdenkmals am Deutschen Eck in Koblenz als spektakuläre Geschichte wechselnder nationaler Identitäten: Sie zieht sich vom kaiserlichen Reichsdenkmal der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg über das autoritäre Staatssymbol der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft bis hin zum Mahnmal der europäischen Einigung und des geteilten Deutschland. Die aufwendige Rekonstruktion der Kaiserstatue verdankte das Deutsche Eck Anfang der 1990er Jahre allerdings ironischerweise gerade dem politischen Bedeutungsverlust der nationalen Denkmalskultur, die heute nur noch als touristische Attraktion und nostalgisch-kritische Erinnerung überlebt. Von den Intentionen der Stifter über die politischen Interpretationen der politischen Parteien bis zur Rezeption des Denkmals durch die Besucher durchschreitet diese spannende Darstellung das ganze Arsenal der einschlägigen Gesichtspunkte.“

Lutz Engelskirchen: Denkmal im politischen Raum. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck in seinem Jahrhundert. Bd. 1-2. Berlin: Lit, 2016. ISBN 978-3-643-13348-9. – Zugl.: Bochum, Univ., Diss., 2013.

Verzeichnis der Kulturdenkmäler, Kreisfreie Stadt Koblenz

kornpfortstrase_1922

Blick durch die Kornpfortstraße in Richtung Mosel, links der Eltz-Rübenacher Hof (Dreikönigenhaus), Kornpfortstraße 15, 1922. – Quelle: Fritz Michel: Coblenz. In: Die Rheinlande in Farbenphotographie. Hrsg. von Edmund Renard. Berlin, Köln 1922 (Deutschland in Farbenphotographie 7,2), S. 1-9, hier S. 8.

Das Verzeichnis der Kulturdenkmäler, Kreisfreie Stadt Koblenz, ist im Juni 2016 aktualisiert worden. Es wir herausgegeben von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE).

Villa Osterroth, Mainzer Straße 70

Villa_Osterroth

Villa Osterroth, Mainzer Straße 70, um 1914 (Foto Max Rupricht, StAK FA 1-06 Mainzer Straße).

Die Villa Osterroth, 1875 im Landhausstil an der Mainzer Chaussee errichtet (ab 1894 Mainzer Straße 70), war von einem kleinen Landschaftspark umgeben, von dem heute nur noch eine einzelne Säule übrig ist:

Rätsel um Säule an der Ludwigstraße gelöst!