Josef Eisenach: Erinnerungen an den Feldzug 1870/71

Titelblatt der Originalausgabe von 1896. – URN: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0128-1-43238.

Josef Eisenach (17.6.1847 – Koblenz – 7.9.1934), Schreinermeister und Heimatforscher, veröffentlichte zunächst in den „Coblenzer Täglichen Nachrichten“ vom Dezember 1895 in mehreren Folgen seine Erinnerungen an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Ein Jahr später erschienen seine Memoiren als Buch.

2020 hat Dr. Gerhard Hanke, Urenkel des Autors, den Text neu herausgegeben.

Gerhard Hanke: Das Tagebuch des Joseph Eisenach. Erinnerungen an den Feldzug 1870/71. Auszug aus den „Coblenzer Täglichen Nachrichten“, Dezember 1895. Mit Erläuterungen von Gerhard Hanke. Waldalgesheim: Selbstverl., 2020. – 187 S., Ill., Kt. ISBN 978-3-9822547-0-8.

#Eisenach, Josef #Hanke, Gerhard

Alexander Baldus: Verkanntes Dichtergenie oder merkwürdiger Sonderling?

Von unserer Gastautorin Sabine Schneider

Der Nachlass des Koblenzer Literaturkritikers und Schriftstellers Alexander Baldus (1900-1971) wurde unter der Bestandssignatur N 1 erschlossen und kann nun von Interessierten eingesehen werden.

Ausmusterungsbescheinigung der Wehrmacht, 1943. StAK N 1 Nr. 1.

Von literarischen Ergüssen eines kaum bekannten Koblenzer Schriftstellers bis hin zu unzähligen Nichtig- und Belanglosigkeiten des privaten Alltags – in diesem Nachlass spiegelt sich ein geradezu typisches Künstlerleben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. Dies macht die 42 Aktenmappen zu einem spannenden Quellenfundus für Literaturwissenschaftler, Historiker und Forscher verwandter Disziplinen. Ein bisweilen seltsamer Sonderling und Außenseiter muss er wohl gewesen sein: 1900 wurde Alexander Baldus in Koblenz als Sohn eines Schriftsetzers geboren, studierte Literaturwissenschaften in Bonn und galt als hervorragender Übersetzer skandinavischer und baltischer Sprachen. Doch verhalf ihm das nicht zu Anerkennung und Wohlstand, denn als freier Mitarbeiter von Verlagen, Rundfunk und Zeitungen verdiente er kaum genug zum Leben. Daher war wohl auch ein Telefon für ihn unerschwinglich, sodass sich sämtliche Widrigkeiten des Alltags der Nachkriegszeit in seinem Briefverkehr mit Freunden und Verlagen wiederfinden. Die Evakuierung sowie der Verlust seiner Bibliothek im Krieg, der Kampf um die Rückkehr in die elterliche Wohnung, die Schwierigkeiten der Auftragsakquise bei Verlagen, eine ungeheizte Wohnung, kein Geld für Essen und Medikamente – die Probleme schienen nicht abzureißen. Hinzu kamen Missverständnisse und Konflikte mit Freunden, die ebenfalls postalisch ausgetragen wurden. Manche seiner ebenfalls künstlerisch tätigen Bekannten hatten ähnliche Schwierigkeiten, andere, vor allem Frauen, berichteten über Probleme in der Ehe, mit der Kindererziehung und ihrer Berufstätigkeit – eben über die Steine, die einer Frau in der Nachkriegsgesellschaft üblicherweise im Weg lagen, wollte sie sich nicht mit ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter zufriedengeben. Insofern ist die Korrespondenz von Baldus ein Zeugnis des vielseitigen Alltags in der jungen Bundesrepublik; einerseits dokumentiert sie das Leben eines einsamen, verarmten und unglücklich verliebten Künstlers und andererseits den Alltag von Familien und Hobbyschriftstellern, berufstätigen Müttern, Studenten und Lehrern.

Liebesgedicht für Baldus Freundin Hedwig Metzger, 1956. StAK N 1 Nr. 39.

Neben literarischen Themen, wie dem Meinungsaustausch über bestimmte Bücher, wurden jedoch auch politische Fragen von Baldus angesprochen. Insbesondere der seinem Empfinden nach wieder aufkeimende Nationalsozialismus wurde von ihm regelmäßig als Ursache seiner Probleme angeführt: „Dazu ist dank der neuen Naziherrschaft meine finanzielle Lage katastrophal geworden: Ich lebe seit Wochen nur noch von Kartoffeln und Brot, während alte PGs schon wieder in Amt und Würden sitzen.“[1] An niemand geringeren als den ins amerikanische Exil geflohenen Schriftsteller Thomas Mann richtete Alexander Baldus 1950 diese Worte. Aber auch Hermann Hesse, Max Tau, Joseph Breitbach und anderen Autoren, Freunden und Bekannten klagte er sein Leid. Schon während der NS-Zeit habe er unter Schreib- und Redeverbot gelitten, doch bringe die Nachkriegszeit ihm kaum Erleichterungen. 1971 starb er, krank, verbittert und vereinsamt, in den letzten Jahren fast ausschließlich von Sozialhilfe, Wohngeld und Almosen lebend.[2] Dafür führte Baldus folgende Gründe an: Erstens sei das Desinteresse an ausländischer Literatur in der Bundesrepublik sehr ausgeprägt im Vergleich zu anderen Ländern. Zweitens bekämen Übersetzer, Kritiker und Schriftsteller, die von den Nationalsozialisten verfolgt worden oder ins Exil gegangen waren, die im Ausland lebten und weniger bekannt waren, in der Presse und von Verlagen weniger Aufmerksamkeit, würden teilweise sogar angefeindet. NS-belastete Kollegen dagegen würden mit Aufträgen überhäuft, während er auf den Abdruck jeder noch so kurzen Rezension angewiesen sei. „Der Geist ist billig, doch das Fleisch ist teuer“ war daher eines seiner liebsten Zitate. Doch war er tatsächlich das verkannte Genie, als das er sich gerne darstellte?

Baldus 1952 vor der Königlichen Villa Schloss Linderhof bei Ettal. StAK N 1 Nr. 1.

Auf der Gegenseite bekräftigten seine Kontakte stets ihr Mitleid für den zu geistigen Höchstleistungen befähigten Baldus, dessen Arbeit gleichwohl weder materielle noch ideelle Anerkennung fand – von kleinen Fachkreisen einmal abgesehen. Viele versuchten ihm durch die Vermittlung von Kontakten zu helfen, empfahlen ihn bei Zeitungen und Verlagen, doch blieben die Aufträge und Honorare stets gering. Andere gaben ihm gute Ratschläge: Er solle doch seine Standesdünkel einmal vergessen, über seinen Schatten springen, zum Sozialamt gehen und Hilfe beantragen, bevor er verhungere.[3] Gegenüber weniger belesenen Menschen wirkte er bisweilen etwas arrogant, doch konnte er eben auch kaum verhehlen, dass er sich allein von hehren Idealen und seinen intellektuell anspruchsvollen Texten nicht ernähren konnte, solange sich niemand dafür interessierte. Ein Verlag gab ihm daher einmal den Tipp, er solle doch mehr „lustige Texte“ schreiben, leichte Kost, die jeder verstehe und die einen Bezug zum Leben der Leser habe.[4] Doch das war weder sein Metier noch genügte es seinen literarischen Ansprüchen. Sein Freund Erich Weiss vom Westdeutschen Hermann-Hesse-Archiv hätte ihn gerne angestellt, aber Baldus war Lokalpatriot. Obwohl er keine Familie hatte, Freunde überall in Deutschland verteilt lebten und seine Heimatstadt ihm keine Verdienstmöglichkeiten bot, weigerte er sich, Koblenz zu verlassen.

Das Haus am Florinsmarkt 19. Hier lebte Baldus bis zu seinem Tod in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock. Foto: Sabine Schneider.

Sein Selbstmitleid über die erlittenen Ungerechtigkeiten in der NS-Zeit, sein schlechter Gesundheitszustand und seine miserable finanzielle Situation in der Nachkriegszeit vermengten sich zu einem unheilvollen Potpourri. Seine langen Krankheitsphasen erlaubten ihm kein vollumfängliches Arbeiten, die Behandlungs- und Lebenshaltungskosten dürften daher sein Einkommen überstiegen haben. Da Freunde das Gefühl hatten, von ihm nur ausgenutzt zu werden, wandten sich einige von ihm ab. Baldus verlor sich noch mehr in seiner Einsamkeit, wurde empfindlicher, reizbarer, war schneller beleidigt. Seine Verbitterung brachte er immer wieder in Briefen zum Ausdruck. Offenbar fühlte er sich unverstanden und benachteiligt von der als „renazistisch“ verstandenen Gesellschaft, hinterfragte aber auch nicht sein eigenes Verhalten. Schon 1946 schrieb ihm ein Freund, er habe eine „mehr als merkwürdige Art“, die ihn manchmal „lästig“ werden lasse und vielleicht zur Ablehnung seiner Arbeiten beitrage.[5]

Baldus an Thomas Mann, 1954. StAK N 1 Nr. 5.

Unabhängig von den persönlichen Dispositionen und Einstellungen eines einsamen Mannes wie Baldus stellt sich wissenschaftlich betrachtet angesichts der vorliegenden Briefe die Frage, ob vielleicht ein Körnchen Wahrheit in Baldus Vorwürfen steckte. Wie überall in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft dürften auch in den Verlagen wieder ehemalige Nationalsozialisten an einflussreichen Stellen gesessen haben. Doch spielte in dem Prozess der Auftragsvergabe tatsächlich die NS-Vergangenheit eines Übersetzers oder Autors eine Rolle? Wurden im Kulturbereich Menschen wie Baldus benachteiligt, weil sie sich gegen Nationalismus und für Völkerverständigung einsetzten? Waren die antifranzösischen Ressentiments tatsächlich so groß, dass man Baldus wegen Freundschaften zu Franzosen nicht in den Ehrenrat des Verbands rheinland-pfälzischer Schriftsteller berufen wollte? Oder waren vielmehr persönliche Gründe bei solchen Entscheidungen ausschlaggebend? Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Schulddebatte, mentale und strukturelle Kontinuitäten, undemokratische Einstellungen und nationale Vorurteile: All das war Bestandteil der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, wie die zeithistorische Forschung der letzten Jahre gezeigt hat. Doch zum Umgang mit dem Nationalsozialismus im Kulturbereich, in der Presse, dem Radio und in Verlagen findet man bisher nur wenig Literatur. Neuere Studien haben zwar nachgewiesen, wie sich Verlage in der NS-Zeit dem Regime gegenüber verhalten haben: Zwischen Opportunismus, ideologischer Überzeugung und Gewinnsucht schwankend, wählten viele den Weg der Verbrüderung mit dem Nationalsozialismus und profitierten vom Krieg oder den Arisierungen. Doch wie ging es nach 1945 weiter? Abgesehen davon, dass eine Legende der widerständigen, unbescholtenen Firma verbreitet wurde, wurde möglicherweise auch Personal aus der Zeit vor 1945 weiter beschäftigt? Wurden Denkmuster und strukturelle Bedingungen übernommen oder aufgebrochen? Für den politischen Raum werden solche Fragen seit einigen Jahren aufgearbeitet, doch im kulturellen Bereich ist dies wohl noch ein Desiderat, dem es sich anzunehmen gilt. Der Nachlass Baldus bietet hierfür einerseits einen wichtigen Quellenbestand und andererseits zeigt er der Forschung Ansatzpunkte für weitere Recherchen auf.


[1] StAK, N 1 Nr. 17.

[2] StAK, N 1 Nr. 1.

[3] StAK, N 1 Nr. 14.

[4] StAK, N 1 Nr. 16.

[5] StAK, N 1 Nr. 18.

Baldus, Alexander #Mann, Thomas #Breitbach, Joseph #Tau, Max #Duun, Olav #Undset, Sigrid

Neuerscheinung: Rheinische Lebensbilder, Bd. 20

Helmut Rönz, Elsbeth Andre (Hrsg.): Rheinische Lebensbilder. Bd. 20. Redaktion: Keyvan Klaus Münster. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2020. ISBN 978-3-412-51705-2. – 276 S., Ill.

Enthält folgende Beiträge über Koblenzer Persönlichkeiten:

Hermann Josef Roth: Philipp Wirtgen (1806-1870). Natur- und Heimatforscher, S. 73-89;

Gisela Fleckenstein: Paula Reinhard (1850-1908). Katholische Mäzenatin und Klostergründerin, S. 91-118;

Martin Schlemmer: Joseph Breitbach (1903-1980). Schriftsteller, S. 193-208.

#Wirtgen, Philipp #Reinhard, Paula #Breitbach, Joseph

„Ich als ein Soldatenfreund“. Der kurtrierische Generalmajor Franz Anton von Murach

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Unterschrift General von Murachs (aus: StAK 623 Nr. 1053, S. 8).

 

Dr. Peter Többicke widmet sich dem kurtrierischen Generalmajor Franz Anton von Murach. Dieser war Chef des kurtrierischen Regiments zu Fuß, Hofkriegsrat, Kommandant der Festungen Koblenz und Ehrenbreitstein und Koblenzer Stadtkommandant. Aus einem oberpfälzischen Adelsgeschlecht stammend, trat er 1752 in kurtrierische Dienste und starb am 14. Mai 1787 in Koblenz.

Eine zentrale Quelle zu Murach und dem Zustand der kurtrierischen Truppen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist eine Denkschrift, die unser Gastautor ediert und kommentiert hat.

 

#Murach, Franz Anton von #Többicke, Peter

Ewald Rübsamen (Rübsaamen) – Zoologe, Maler und Zeichner

Seit dem 17. März zeigt das Siegerlandmuseum eine Ausstellung zu Ewald Rübsamen (Link). Am 20. Mai 1857 in Hardt an der Sieg geboren, leitete er seit 1879 eine Privatschule in Siegen. Seit 1891 war Rübsamen in Berlin als Zeichenlehrer und Zoologe tätig, 1909 übernahm er die Leitung der Reblausbekämpfung in der Rheinprovinz. Rübsamen starb am 17. März 1919 in Metternich bei Koblenz.

Lit.: Otto Renkhoff: Nassauische Biographie. Kurzbiographien aus 13 Jahrhunderten. 2. Aufl. Wiesbaden 1992, S. 663.

Wikipedia-Artikel

Dank an Thomas Wolf vom Kreisarchiv Siegen-Wittgenstein für den Hinweis!

#Rübsamen, Ewald

#Rübsaamen, Ewald

Karl August Groos (1789-1861), evangelischer Pfarrer und Konsistorialrat in Koblenz

 

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Sterbeeintrag Karl August Groos; Stadtarchiv Koblenz (StAK) 623,2 Nr. 559/1861, Standesamt Koblenz.

 

Am 21. November 1861 erschienen vor dem Koblenzer Personenstandsbeamten, Oberbürgermeister Hubert Josef Cadenbach, der Gerichtsassessor Karl August Groos, 32 Jahre alt, und der 61-jährige Pfarrer Ferdinand Schütte, um den Tod des 72-jährigen Konsistorialrats Karl August Groos am Vortag anzuzeigen. Der Verstorbene war in erster Ehe mit Christiane Hinzpeter (gest. 1832)[1] verheiratet gewesen und hinterließ seine zweite Ehefrau Henriette geb. Aster. Groos‘ Eltern waren Heinrich Groos, „Fürstlich-Wittgensteinischer Kammer-Rath“, und Hedwig Wilhelmine geb. Koch, beide zuletzt wohnhaft in Laasphe, Regierungsbezirk Arnsberg (Westfalen).

Groos hat auch in Koblenz seine Spuren hinterlassen.[2] Am 16. Februar 1789 in Saßmannshausen (Kreis Wittgenstein) geboren, trat er nach dem Studium der evangelischen Theologie und kirchlichem Vorbereitungsdienst im Jahr 1821 seine erste Pfarrstelle in Bendorf an. Dort heiratete er am 28. Mai 1835 in zweiter Ehe[3] Henriette (Jettchen) Aster[4], die ledige Schwester seines engen Freundes Erst Ludwig Aster, General und leitender Festungsingenieur von Koblenz und Ehrenbreitstein sowie Namensgeber des Koblenzer Stadtteils Asterstein. Bei dieser Verbindung handelte es sich möglicherweise um eine „Freundschafts- und Versorgungsehe“.[5] Groos, der selbst an den Befreiungskriegen teilnahm, ist durch die Vertonung von Gedichten bekannt geworden, die an die Zeit des Kampfes gegen Napoleon erinnern; sein Name ist insbesondere mit der Melodie zu Max von Schenkendorfs[6] „Freiheit, die ich meine“ verbunden.[7]

1827 verließ Groos Bendorf und übernahm die Stelle des Garnisonpredigers in Koblenz, die er bis 1838 inne hatte.[8] Von 1833 bis 1838 amtierte er als Militäroberpfarrer und gehörte 1834 zu den Gründungsmitgliedern des Evangelischen Frauenvereins.[9] Zu Konflikten zwischen dem Berliner Ministerium und der evangelischen Zivilgemeinde kam es, als Groos als Nachfolger des ersten evangelischen Pfarrers von Koblenz, Johann Justus Cunz (Amtszeit 1803-1835), in die Koblenzer Pfarrstelle eingesetzt wurde, da die Gemeinde ihr Pfarrerwahlrecht missachtet sah. Groos‘ Nachfolger als Militäroberpfarrer wurde 1838 Pfarrer Möllhausen. Nachdem Groos 1843 zum Konsistorialrat ernannt worden war, übernahm sein Nachfolger Friedrich Schütte aus Ende im Regierungsbezirk Arnsberg die Koblenzer Zivilpfarrstelle.

 

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Coblenzer Anzeiger Nr. 9, 21.1.1838, S. 1 (StAK MF 9 Nr. 11).

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Coblenzer Anziger Nr. 36, 13.2.1844, S. 1 (StAK MF 9 Nr. 19).

 

Groos wohnte zunächst im Haus Nr. 456 b am Paradeplatz.[10] Dann zog er zu einem unbekannten Zeitpunkt in das neue evangelische Pfarrhaus in der Neugörgenstraße (später Viktoriastraße 15), dessen Grundstein noch von seinem Vorgänger, Pfarrer Cunz, am 15. August 1834 gelegt worden war.[11]

 

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Evangelisches Pfarrhaus, Viktoriastraße 15, um 1938 (StAK FA 1-420).

Unter dieser Anschrift vermerken ihn auch das Adressbuch von 1840[12] und die „Liste der Zivileinwohner von Koblenz“ aus dem folgenden Jahr.[13] Zum Haushalt gehörten seine Ehefrau Henriette (46 Jahre), die Söhne Gisbert (17), Moritz (16), Ernst (14) und Karl (12) sowie die Nichten Eleonora Hinzpeter (15) und Auguste Speck (14), ferner die Mägde Katharina Dampmann (26) und Ludovica Heinrich (22). Nach der Liste der Zivileinwohner von 1850[14] wohnte die Familie im Haus Nr. 1008 (später Neustadt 5) in unmittelbarer Nachbarschaft des Theaters. Sohn Moritz (25) wird als „Rechtskandidat“ bezeichnet, Sohn Gisbert (26) als „Kandidat der Theologie“. Zum Haushalt gehörte außerdem die Magd Elisabeth Heigerwald (26).

Nach den Adressbüchern von 1857, 1859 und 1863[15] bewohnte die Familie – Karl August Groos starb am 20. November 1861 – das Haus Paradeplatz 3, unmittelbar neben dem Verlagshaus und der Buchhandlung Karl Baedeker (Paradeplatz 1) gelegen. Sohn Gisbert wurde nach wie vor als Kandidat der Theologie bezeichnet, Sohn Moritz erschien jetzt als Landgerichtsreferendar. Laut Adressbuch 1868 wohnte Dr. Gisbert Groos, nunmehr Divisions-Prediger, im Haus Rheinstraße 24, während Henriette Groos weiterhin unter der Adresse Paradeplatz 3 geführt wurde.[16]

 

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Ausschnitt aus dem „Adressbuchplan“ von 1840 (StAK K Nr. 213) mit den verschiedenen Wohnsitzen der Familie Groos: Haus Nr. 456 b (später Paradeplatz 7, heute Josef-Görres-Platz), das evangelische Pfarrhaus in der Neugörgenstraße (Haus Nr. 1093, später Viktoriastraße 15, rechts oben), das Haus Nr. 1008 (später Neustadt 5) nahe dem Theater und das Haus Nr. 456 (später Paradeplatz 3, links unten) unmittelbar neben dem Verlagshaus und der Buchhandlung Karl Baedeker (Haus Nr. 455, später Paradeplatz 1).

 

Karl August Groos zählte zum Freundeskreis des Generals von Bardeleben[17], dem „Riesenklub“, so genannt nach seinem Versammlungsort, dem Gasthof „Zum Riesen“ in der Rheinzollstraße.[18] Wohl 1815 von dem nachmaligen preußischen Kriegsminister Gustav von Rauch gegründet[19], geriet dieser informelle Zirkel in den 1830er-Jahren beim preußischen Innenminister Karl Albert von Kamptz in den Ruch demagogischer Umtriebe, woraufhin sich die Vereinigung auflöste. Wenige Jahre später durch Bardeleben wiederbelebt, war auch der Koblenzer Regierungsrat Gerd Eilers[20] für kurze Zeit Mitglied des Riesenklubs. Von ihm ist eine kurze Charakterisierung Groos‘ überliefert: „Groos hatte ein reiches humoristisches Talent, das sich mit einem tief gemütvollen Christentum verband. Eilers sagt, daß er niemand kennen gelernt habe, der mehr wie Groos, nicht nach der Schnur konfessioneller Hadersymbole, sondern in dem Gefühle des Erlösungsbedürfnisses der Menschheit eine so reine und wahrhaftige christliche Herzensbildung erlangt habe.‘“[21]

Dieser Beitrag ist Teil einer Blog-Kooperation mit dem Kreisarchiv Siegen-Wittgenstein  und dem Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland (Beiträge von Tatjana Klein und Andreas Metzing). Dank an Thomas Wolf für die Anregung!

#Groos, Karl August

 

[1] Pfarrer-Datenbank, Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland (AEKR) Düsseldorf; URL: https://blog.archiv.ekir.de/wp-content/uploads/2019/02/Pfarrerbuch_Karl_August_Groos.pdf (Zugriff 28.2.2019).

[2] Zu Groos allgemein vgl. den Wikipedia-Eintrag unter URL https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_August_Groos (Zugriff 27.2.2019).

[3] Pfarrer-Datenbank, AEKR Düsseldorf (wie Anm. 1).

[4] Dresden 1794 oder 1795 – 6.10.1869 Koblenz (StAK 623,2 Nr. 507/1869, Standesamt Koblenz).

[5] Erich Engelke: „Mit Gott für König und Vaterland“. Die preußische Militärgemeinde in Koblenz. In: Pragmatisch, preußisch, protestantisch… Die Evangelische Gemeinde Koblenz im Spannungsfeld von rheinischem Katholizismus und preußischer Kirchenpolitik. Hrsg. von Markus Dröge u. a. Bonn 2003 (Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte 161), S. 243-266, Zitat S. 265.

[6] Maximilian Gottfried Schenck von Schenkendorf (so die Namensangabe im Sterbeeintrag, StAK 623,2 Nr. 406/1817, Standesamt Koblenz; Tilsit/Ostpreußen 11.12.1783 – 11.12.1817 Koblenz), 1816-1817 Regierungsrat bei der Königlichen Regierung Koblenz, wo er die Militärsachen bearbeitete. „Obwohl Schenkendorf als geborener Ostpreuße den Rheinlanden völlig fremd war, hat doch seine von warmer Liebe zum Rheinlande erfüllte Persönlichkeit, die durch seine Begeisterung für rheinische Kunst und sein Gefallen an der Art des katholischen Gottesdienstes die Herzen der Bevölkerung gewonnen, es vermocht, unvermeidliche Härten in milderem Lichte erscheinen zu lassen. Nur allzufrüh setzte ein Nervenschlag seinem Leben am 11. Dezember 1817 ein Ende. Die Regierung konnte bei der Anzeige seines Todes an den Oberpräsidenten mit Fug erklären, daß das Kollegium in ihm ‚eines seiner ausgezeichnetsten und würdigsten Mitglieder‘ verliere“ (Hans Schubert: Die preußische Regierung in Koblenz. Ihre Entwicklung und ihr Wirken 1816-1918. Bonn 1925, S. 180). – Im Übrigen war einer der Zeugen, der den Tod Schenkendorfs anzeigte, sein Nachbar Josef Görres.

[7] Wilhelm Josef Becker: Karl Groos, der Komponist von „Freiheit, die ich meine“. In: Koblenzer Heimatblatt 3 (1926), Nr. 41, S. 3; URL: https://www.dilibri.de/rlb/periodical/pageview/179553. – Veränderter Wiederabdruck in: Rhein-Zeitung Nr. 10 vom 11.1.1952.

[8] Zu Groos‘ beruflichem Wirken in Koblenz vgl. Andreas Metzing: Karl August Groos (1789-1861) – ein Pfarrerleben in Zeiten des Umbruchs; URL: https://blog.archiv.ekir.de/2019/02/16/karl-august-groos-1789-1861-ein-pfarrerleben-in-zeiten-des-umbruchs/ (Zugriff 26.2.2019).

[9] Barbara Koops: Zwei evangelische Frauenvereine in Koblenz. In: Pragmatisch, preußisch, protestantisch (wie Anm. 5), S. 217-242, hier S. 219.

[10] Koblenzer Adressbuch 1828, S. 62; URL: https://www.dilibri.de/nav/classification/55302 (Zugriff 26.2.2019), auch für die im Folgenden angegebenen Fundstellen aus den Koblenzer Adressbüchern. – Die Angabe bei Engelke (wie Anm. 5), S. 266, Groos hätte „zunächst das Umbscheiden’sche Kanonikerhaus“ bewohnt, ist nicht nachvollziehbar.

[11] Max Bär: Aus der Geschichte der Stadt Koblenz 1814-1914. Koblenz 1922, S. 315; URL: https://www.dilibri.de/rlb/content/pageview/6489 (Zugriff 27.2.2019). – Andreas Metzing: Aus Rheinländern werden Preußen. Die Evangelische Gemeinde Koblenz 1815-1848. In: Pragmatisch, preußisch, protestantisch (wie Anm. 5), S. 29-50, hier S. 47. Das Pfarrhaus wurde auf dem Gelände der ehemaligen Festungsbaumschule errichtet; das 87 Ruten große Grundstück hatte die Gemeinde für den Betrag von 564 Talern vom Militärfiskus erworben; Theodor Link: Die Anfänge der evangelischen Gemeinde Coblenz. Coblenz 1891, S. 43-45, URL: https://www.dilibri.de/rlb/content/pageview/261535 (Zugriff 28.2.2019).

[12] Koblenzer Adressbuch 1840, S. 39 und 45 („Groos, Consistorialrath und Pfarrer der evangelischen Gemeinde hierselbst, Ritter des rothen Adlerordens 4r Klasse“).

[13] StAK 623 Nr. 2172.

[14] StAK 623 Nr. 2173.

[15] Koblenzer Adressbuch 1857, S. 133; 1859, S. 141; 1863, S. 123.

[16] Koblenzer Adressbuch 1868, S. 94.

[17] Karl Moritz Ferdinand von Bardeleben (Prenzlau 7.7.1777 – 14.2.1868 Koblenz), Gouverneur von Koblenz und Ehrenbreitstein, zuletzt Generalleutnant und, nach seiner Reaktivierung aus seinem zeitweiligen Ruhestand, Stellvertretender Kommandierender General des VIII. Armeekorps. Bardeleben war seit 1827 in Koblenz ansässig (StAK DB 8 Nr. 26 s. v. Bardeleben).

[18] Bär (wie Anm. 11), S. 365 f.; URL: https://www.dilibri.de/rlb/content/pageview/6539 (Zugriff 27.2.2019).

[19] Gustav Johann Georg von Rauch (Braunschweig 1.4.1774 – 2.4.1841 Berlin), seit 1814 Generalinspekteur der Festungen, hielt sich im Frühjahr 1815 am Rhein und somit wohl auch in Koblenz auf, wo er den Riesenklub aus der Taufe hob (vgl. StAK DB 8 Nr. 26, Anhang Ingenieuroffiziere, s. v. Rauch).

[20] Gerd Eilers (Grabstede/Oldenburg 31.1.1788 – 4.5.1863 Saarbrücken), 1833 bis 1840 Schul- und Regierungsrat bei der Koblenzer Regierung. Seine Memoiren erschienen unter dem Titel: Meine Wanderung durchs Leben. Ein Beitrag zur innern Geschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bd. 1-6, Leipzig 1856-1861 (vgl. URL https://de.wikipedia.org/wiki/Gerd_Eilers, Zugriff 28.2.2019).

[21] Karl Zimmermann: General v. Bardeleben und sein Koblenzer Freundeskreis. In: Koblenzer Heimatblatt 5 (1928), Nr. 6-8, der Absatz über Groos mit dem Zitat Eilers‘ in Nr. 8, S. 4; URL: https://www.dilibri.de/rlb/periodical/pageview/258923 (Zugriff 28.2.2019). – Wiederabdruck des Aufsatzes in: Alt-Koblenz. Eine Sammlung heimatkundlicher Abhandlungen. Hrsg. von Hans Bellinghausen. Koblenz 1932, S. 246-262, hier S. 261.

Dr. Johannes Moeden (1592-1663), Hexenkommissar aus Koblenz

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Karin Trieschnigg: Dr. Johannes Moeden, 1592-1663. Heiratsschwindler – Bürgermeister – Hexenjäger. Zur Karriere eines Juristen im 17. Jahrhundert. Weilerswist: Liebe, 2018 (Geschichte im Kreis Euskirchen 31). – X, 166 S., Ill. ISBN 978-3-944566-85-6.

Moeden wurde ca. 1592 in Koblenz geboren und starb hier am 24. Februar 1663. Seit 1627 war er 15 Jahre lang in den Territorien der Nordeifel und der Kölner Bucht als Kommissar in Hexenprozessen tätig. 1642 nach Koblenz zurückgekehrt, setzte er diese Tätigkeit fort, u. a. in Winningen und Rhens. Die Autorin hat in zwanzigjähriger Arbeit das Leben Moedens anhand archivalischer Quellen und der Literatur akribisch nachgezeichnet.

#Moeden, Johannes #Trieschnigg, Karin

Herz Wahl (ca. 1699-1764) aus Dessau. Vom Talmudschüler zum Alchemisten und Hofjuden

 

Peter Kleber (†) und Dr. Ulrich Offerhaus porträtieren die weit verzweigte Familie Wahl, die auch in Koblenz ansässig war.

Es handelt sich um die überarbeitete und erweiterte Fassung des Aufsatzes: „Ich will als Jud Jud bleiben“. Die Vor- und Nachfahren des Hofjuden Herz Wahl (ca. 1699-1764). Aufstieg, Niedergang und Neuorientierung einer jüdischen Familie. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 43 (2017), S. 253-319.

#Wahl, Herz #Wahl, Familie

Neuerscheinung: Louis-Lazare Hoche (1768-1797). Französischer General am Rhein

Hoche

 

„Am 24. Juni 2018 jährt sich nun Hoches Geburtstag zum 250sten Mal. Dies allein wäre schon Anlass genug, sich noch einmal intensiv mit dem Leben und Wirken eines Generals auseinanderzusetzen, der sich zeitlebens für die republikanische Idee eingesetzt und versucht hat, seine eigenen Vorstellungen im Sinne der Republik militärisch wie politisch umzusetzen. Bei aller Bewunderung für seine Leistungen, die er in seiner knappen Zeit erbrachte, sollte aber nicht vergessen werden, dass Hoche durch und durch Soldat war, der zur Erreichung seiner Ziele auch unpopuläre, ja grausame Maßnahmen ergriff, Todesurteile über die Feinde der Republik fällte und vollstrecken ließ. Dieses Buch erzählt daher nicht nur sein kurzes Leben, sondern gibt auch Einblicke in die Irrungen und Wirrungen der Revolution, deren Opfer er beinahe geworden wäre. Es berichtet zudem anschaulich über seine Bemühungen zur Stabilisierung der Republik gegen innere und äußere Feinde sowie eine sinnvolle und verträgliche Integration der eroberten linksrheinischen Gebiete, die sein früher Tod jedoch zunichtemachte“ (aus dem Vorwort von Matthias Kellermann, S. 10-11).

Jean-Noël Charon: Louis-Lazare Hoche (1768-1797). Französischer General am Rhein. Koblenz: Fölbach, 2018. – 197 S., zahlr. Abb. ISBN 978-3-95638-415-8, 14,80 EUR.

 

#Hoche, Louis-Lazare #Charon, Jean-Noël