Wohnungsnot, städtisches Erscheinungsbild und leere Kassen – Déjà-vu im Stadtarchiv !

Dass Wohnungsnot und „hässliche Ecken“ im städtischen Erscheinungsbild keineswegs aktuelle Phänomene sind und wünschenswerte Maßnahmen zur Abhilfe nicht nur im 21. Jahrhundert an den leeren Kassen der Kommunen und des Staates scheitern, belegen zwei Zufallsfunde aus dem Jahr 1863.

Ein Artikelchen aus der Coblenzer Zeitung vom 23. April 1863 [1] macht eindringlich deutlich, dass es auch vor mehr als 150 Jahren „einen immer steigenden Nothstand [sic!] an Wohnungen, namentlich für die mittlere Klasse“ gegeben hat. Ausdrücklich begrüßt werden vom Autor eine im Jahr 1863 offensichtlich gesteigerte Bau- und Umbautätigkeit sowie Planungen, die eine Vielzahl an neuen Bauplätzen in der Rhein-Mosel-Stadt schaffen werden – und damit Entlastung zumindest in Aussicht stellen. Den geplanten Abriss eines ausgesprochenen Schandflecks („partie honteuse“) der Stadt, des Seilerwalls [2], würdigt der Schreiber, neben den privaten Baumaßnahmen, als lobenswertes Bemühen der städtischen Verwaltung, der Stadt „ein freundliches Ansehen zu verschaffen, auf welches jeder Fremde bei ihrer reizenden Lage rechnen zu können vermeint“. Im Hinterkopf hat er in diesem Zusammenhang sicher nicht nur den baulich unschönen Zustand des Geländes rund um den Seilerwall, sondern vor allem die Tatsache, dass es sich um eine äußerst verrufene Gegend handelte. Hier lebten in der Mitte des 19. Jahrhunderts sieben bis acht Prostituierte aus der Stadt in einzelnen Wohnungen und gingen dort – trotz wiederholter polizeilicher Intervention – ihrem Gewerbe nach. Sehr zum Leidwesen der Anwohner, wie eine Beschwerde derselben aus dem Jahr 1844 offenbart [3].

Als ganz und gar unerfreulich wird darüber hinaus ausgerechnet der Zustand einiger staatlichen Liegenschaften beschrieben – explizit des Areals zwischen Karmeliterstraße und Regierungsgebäude [4], welches von der städtischen Verwaltung an den Fiskus zwecks Errichtung eines neuen Gefängnisses abgetreten worden war. Moniert werden zum Beispiel der „wüste Platz [5], der sich in der Carmelitenstraße nach Abbruch (…) des Mähler’schen Hauses [6] dem Fremden darbietet“ sowie das schon seit Jahren unerfüllte Versprechen von staatlicher Seite, eine neue, breite Straße zwischen Karmeliterstraße und Regierungsgebäude anzulegen. Bemerkenswert ist, dass der Autor bei seiner Kritik auch schon vor mehr als 150 Jahren das Ansehen seiner Heimatstadt gerade bei den auswärtigen Besuchern im Blick hat.

Wie der Vorläufer einer modernen Pressemitteilung mutet ein zweiter Artikel aus der Coblenzer Zeitung vom 23. Mai 1863 [7] an, der inhaltlich offensichtlich auf die exakt vier Wochen ältere Meldung Bezug nimmt. Die städtische Verwaltung sah sich offenbar genötigt, den Vorwurf, dass „die Ausführung der neuen Straßenprojecte lässig betrieben und wie viele andere Dinge ins Unbestimmte vertagt würde“, zu entkräften. Man sei im Gegenteil „aufs eifrigste bemüht“ gewesen, „dem Projecte Leben zu verschaffen“. Gemeint sind an dieser Stelle der oben schon erwähnte Ausbau der Verbindung zwischen Karmeliterstraße und Regierungsgebäude sowie die Anlage einer neuen Straße vom Bahnhof bis zur Casinostraße. Allerdings muss man schon wenige Zeilen später die Aufgabe zumindest der ersten der beiden Straßenbaumaßnahmen einräumen – sie scheitert an den leeren Kassen des Staates. Alles andere als komfortabel erscheint aber auch die finanzielle Lage der Stadt Koblenz, die „in ihren beschränkten Mitteln keine 300.000 Thaler (…) für den Abbruch des Seilerwalls und eine neue Straße ausgeben kann“. Somit bleibt die „partie honteuse“ entgegen der im ersten Artikel geäußerten Hoffnung sowohl den Koblenzern als auch ihren Gästen weiterhin auf unbestimmte Zeit erhalten.

Angesichts der momentanen Debatte um die Notwendigkeit der Schaffung bezahlbaren Wohnraums vor allem in den Städten bei gleichzeitig chronisch leeren Kassen muten diese historischen Zeitungsartikel geradezu aktuell an und haben bei den Archivmitarbeitern für ein ‚Déjà-vu-Erlebnis‘ gesorgt. Getreu dem alten Sprichwort bleibt also festzuhalten: „Es kommt alles wieder!“ – nicht nur in der Mode …

 

 

 

 

 

 

  • [1]Coblenzer Zeitung vom 23.4.1863, Zweites Blatt, S. 1.
  • [2]Beim Seilerwall handelt sich um die frühere Bezeichnung der heutigen Fischelstraße, da hier hinter der mittelalterlichen Stadtmauer die Seiler ihr Handwerk betrieben. „Der Seilerwall folgte dem Verlauf der barocken Stadtmauer und ‚verlief von der Löhrstraße, dem Kleinschmittsgäßchen gegenüber, an der inneren Seite der Stadtmauer nach der Weisergasse‘“, Zitat aus: Petra Weiß, Prostitution in Koblenz im 19. Jahrhundert. In: Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur 11/12. Koblenz 2001/2002, S. 45, Anm. 59. Ab 1861 trug die Straße den Namen „Eisenbahnstraße“, da sie teilweise neben der damals angelegten linksrheinischen Bahnlinie verlief. Hier befand sich der frühere Rheinische Bahnhof, in Betrieb bis 1902, zerstört 1944. Zwischenzeitlich verschwand die Fischelstraße während der sechziger und siebziger Jahre anlässlich der Neugliederung des Gebietes zwischen Altengraben, Löhrstraße, Herz-Jesu-Kirche und Eisenbahnlinie. Vgl. StAK DB 17, Straßennamen, S. 49 sowie Udo Liessem, Koblenzer Straßennamen. In: 2000 Jahre Koblenz. Geschichte der Stadt an Rhein und Mosel. Hrsg. von Hans Bellinghausen. Boppard 1971, S. 420.
  • [3]Vgl. Petra Weiß, Prostitution in Koblenz im 19. Jahrhundert. In: Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur 11/12. Koblenz 2001/2002, S. 45, 46.
  • [4]Heutiges Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw.
  • [5]Im Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts ist mit ‚wüster Platz‘ ein leerer, unbebauter Platz gemeint.
  • [6]Ehemaliges Wohnhaus des früheren Koblenzer Bürgermeisters Johann Abundius Anton Joseph Mähler (1777–1853) in der Karmeliterstraße. Mähler hatte der Stadt von 1818 bis 1847 als Bürgermeister vorgestanden. Vgl. Geschichte der Stadt Koblenz. Band 2: Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart. Stuttgart 1992, S. 620.
  • [7]Coblenzer Zeitung vom 23.5.1863, S. 3.
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Auswanderung aus Koblenz im 19. Jahrhundert

06 Anzeige Geilhausen Coblenzer Zeitung 1852-05-14

Anzeige der Auswanderungsagentur Geilhausen in der Coblenzer Zeitung vom 14. Mai 1852.

 

„Fort, fort von hier! Nach Nord-Amerika!“ Auswanderung aus Koblenz im 19. Jahrhundert

Vortrag von Michael Koelges, Stadtarchiv Koblenz, vor dem Verein für Geschichte und Kunst des Mittelrheins am Dienstag, 6. September 2016, um 18 Uhr im Landeshauptarchiv Koblenz

In Zeiten der Globalisierung ist Migration zu einem alltäglichen Phänomen geworden. Menschen müssen vor politischer Verfolgung und Bürgerkrieg aus ihrem Heimatland fliehen oder wollen aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen ein neues Leben beginnen. Zuwanderung wird zuweilen als Bedrohung empfunden, kann aber dem aufnehmenden Land in verschiedener Hinsicht auch zum Vorteil gereichen. Die momentane Debatte über die Wanderungsbewegung in Richtung Europa, das Asylrecht und darüber, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei und wieviel Zuwanderung die Gesellschaft verkraften könne, verdeutlicht die Aktualität des Themas Auswanderung.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Deutschland in den vergangenen Jahrhunderten vielen Migranten Zuflucht gewährt hat. Französische Hugenotten fanden als Glaubensflüchtlinge Aufnahme in evangelischen Territorien; in unserem Raum ist die Gründung der Stadt Neuwied im Jahr 1653, deren zugewanderte Bürger den verschiedensten christlichen Konfessionen angehörten, ein Beispiel für gelungene Integration, die einen wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge hatte. Verarmte Händler und Handwerker aus Oberitalien hingegen suchten im 18. Jahrhundert im katholischen Rheinland ihr Glück, und auch in Koblenz ist einigen dieser Neubürger ein steiler sozialer Aufstieg gelungen. Andererseits kehrten viele Deutsche aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen ihrer Heimat den Rücken. Im 18. Jahrhundert waren Südosteuropa oder das russische Wolgagebiet wichtige Ziele. Eine erste „Auswanderungswelle“ in das ungarische Banat ist für das Jahr 1724 feststellbar: 33 Personen aus Rübenach, Metternich und Bubenheim verließen mit ihren Familien die Heimat. Franz Georg von Metternich, der Vater des späteren österreichischen Staatskanzlers, betrieb im Metternicher Hof in Koblenz – trotz eines ausdrücklichen Emigrationsverbots seines Landesherrn, des Trierer Kurfürsten – eine geheime Registrierungsstelle für Auswanderungswillige in die Donaumonarchie.

Im 19. Jahrhundert übten vor allem Nord- und Südamerika eine große Anziehungskraft aus. Während viele Menschen oder gar ganze Dorfgemeinschaften vom Hunsrück, aus der Eifel oder dem Westerwald nach Brasilien auswanderten, brachen die meisten Emigranten aus der Stadt Koblenz in Richtung Vereinigte Staaten auf. Der erste feststellbare Koblenzer Nordamerika-Auswanderer ist Jakob Pretz, der im September 1732 mit Frau und zwei Söhnen in Philadelphia eintraf. Nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 – in deren Verlauf das unbedingte Recht auf Auswanderung als eine politische Hauptforderung erhoben wurde – waren es vornehmlich politische Gründe, die zur Emigration führten, während mit der Depression nach den „Gründerjahren“ (ab ca. 1875) ein wirtschaftlicher Faktor Hauptursache für das Verlassen der Heimat war. Nicht nur „gescheiterte Existenzen“, sondern auch Angehörige höherer sozialer Schichten machten sich auf den Weg in Richtung Amerika, so z. B. ein Sohn des bekannten Bauinspektors und Denkmalpflegers Johann Claudius von Lassaulx. Auch die Söhne dreier Koblenzer Stadtoberhäupter verließen ihre Heimat: Otto Gayer, Sohn von Johann Dominikus Gayer, der von 1808 bis 1811 französischer Maire von Koblenz war, ging als französischer Fremdenlegionär nach Algerien, wo er in einem Militärhospital starb. Der Kaufmann August Bachem, Sohn von Oberbürgermeister Friedrich Wilhelm Bachem (1847-1857), wanderte 1876 über Bonn nach New York aus. Schließlich emigrierte auch Josef Viktor Cadenbach, Steuermann zur See, zu einem unbekannten Zeitpunkt in die USA. Sein Vater war der Justizrat Hubert Josef Cadenbach, der von 1857 bis 1867 das Amt des Koblenzer Oberbürgermeister bekleidete.

Im Zentrum des Vortrags stehen die Vorgänge nach 1850, die anhand konkreter Koblenzer Auswandererschicksale verdeutlicht werden sollen. Dabei wird auch das Phänomen der Rückwanderung in die Heimat vorgestellt, denn eine Auswanderung konnte aus den verschiedensten Gründen auch scheitern.

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Auswandererdokumentation des Stadtarchivs Koblenz

Vor 160 Jahren: Erlass der Städteordnung für die Rheinprovinz vom 15. Mai 1856

 

Im Portal „Rheinische Geschichte“ beschäftigt sich Lothar Weiss mit der Städteordnung von 1856.

In Koblenz wurde die Städteordnung am 15. Mai 1857 eingeführt; der Gemeinderat erhielt nun die Bezeichnung Stadtverordnetenversammlung und hatte entsprechend der Einwohnerzahl (unter 30.000 Einwohner) 24 Mitglieder. Gleichzeitig wurde der Bürgermeistereiverband, den die Stadt mit Neuendorf, Moselweiß und Kapellen bildete, aufgelöst. Kapellen kam zur Bürgermeisterei Rhens, Moselweiß und Neuendorf wurden der Bürgermeisterei St. Sebastian zugeschlagen.

 

Cadenbach_Hubert_Josef

Hubert Josef Cadenbach (Kirchberg/Hunsrück 24.1.1800 – 26.12.1867 Metternich), 1857-1867 Oberbürgermeister der Stadt Koblenz (StAK FA 1-100).

Der Erste Beigeordnete Hubert Josef Cadenbach, der seit dem Ausscheiden von Oberbürgermeister Friedrich Wilhelm Bachem Ende April 1857 die Amtsgeschäfte führte, wurde am 3. Juni 1857 mit 13 von 24 Stimmen zu Bachems Nachfolger gewählt und am 28. August 1857 von Oberpräsident Hans Hugo von Kleist-Retzow in sein Amt eingeführt.

Max Bär: Aus der Geschichte der Stadt Koblenz 1814-1914. Koblenz 1922, S. 87-88.

#Bachem, Friedrich Wilhelm #Cadenbach, Hubert Josef #Kleist-Retzow, Hans Hugo von

Die Revolution von 1848/49 in Koblenz

Bürgerwehrhauptmann Kopp 1848

Friedensrichter Benedikt Josef Kopp in der Uniform des Koblenzer Bürgerwehrhauptmanns, Aquarell, Mittelrhein-Museum Koblenz, Inv.-Nr. G 1967/29.

Im Mai und Juni 1998 zeigte das Stadtarchiv zusammen mit dem Bundesarchiv und dem Landeshauptarchiv eine Ausstellung zur Geschichte der Revolution von 1848/49, die die Ereignisse auf europäischer und deutscher Ebene, in der Rheinprovinz und in Koblenz behandelte. Der Koblenz betreffende Teil wurde stellenweise überarbeitet und ist nachfolgend verfügbar.

Die Revolution von 1848/49 in Koblenz

Michael Koelges: Die Revolution von 1848/49 in Koblenz – Vortrag vom 30. Juni 1998

#Kopp, Benedikt Josef