Vor 200 Jahren: Eröffnung der Schiffbrücke am 18. April 1819

 

Schiffbrücke_um_1825_Stahlstich_Johann_Baptist_Bachta

Ansicht von Koblenz mit der Schiffbrücke, um 1825. Stahlstick von Johann Baptist Bachta.

 

„Die fliegende Brücke zwischen Koblenz und Ehrenbreitstein setzt auf einmal 16 Wagen mit 2 Pferden über, oder 120 Kavalleristen, und geht täglich 60-mal von einem Ufer zum anderen, mittelst der bloßen Bewegung des Steuerruders.“[1] Die Fliegende Brücke war jedoch instandsetzungsbedürftig, wobei man mit Kosten von 12.000 Talern über fünf Jahre kalkulierte.

 

Fliegende_Brücke_Ausschnitt_aus_StAK_K_Nr_279

Wiedergabe der Fliegenden Brücke auf dem „Dilbecker-Plan“ von 1794 (StAK K Nr. 279).

 

Auf Drängen von Generalmajor Aster begannen Ende 1817 Verhandlungen über den Bau einer Schiffbrücke, da die Fliegende Brücke den Verkehrsbedürfnissen besonders wegen des Festungsbaus nicht mehr gewachsen war. Aster argumentierte, die neue Brücke sei nicht nur im Falle eines Krieges, sondern auch im Frieden von größter Wichtigkeit. Im Mai 1818 erfolgte die öffentliche Ausschreibung.[2] Den Zuschlag erhielten die Gebrüder Hermann und Matthias Stinnes aus Ruhrort. Die ursprünglich auf den 1. März 1819, dann auf den 1. April verschobene Eröffnung fand schließlich am 18. April 1819 statt, also genau vor 200 Jahren. An diesem Tag wurden die vorgefertigten Brückenteile unter Leitung von Pionierhauptmann Linde aufgeschlagen. Die auf 21.000 Taler veranschlagten Kosten erhöhten sich auf 35.709 Taler. Gleichzeitig mit dem Brückenbau wurde in Nieder-Ehrenbreitstein ein Sicherheitshafen für die Schiffsbrücke angelegt, für den man das Gelände der ehemaligen Reitbahn aushob. Im Januar 1841 ließ die Königliche Fortifikations-Behörde aufgrund von Reparaturarbeiten an der Schiffbrücke erneut eine fliegende Brücke anlegen, die mindestens noch bis 1845 in Betrieb war. 1842 stellte die Rheinbrücken-Verwaltung, die dem Militär unterstand, einen besonderen Nachen zum Transport von Schulkindern für den Fall zur Verfügung, dass die Schiffbrücke eingefahren war.[3]

Das Lucassche „Zeitbuch“ berichtet über die Eröffnung der Schiffbrücke:[4] „Sonntags am 18. April wurde eine stehende Schiffbrücke – ruhend auf 36 Pontons, 480 Schritte oder 1136 Schuhe lang und 24 Schuhe breit[5] – an der Stelle wo sonst die fliegende Brücke war, dahier aufgeschlagen, um künftig den befestigten Plätzen zu einer ununterbrochenen Verbindung zu dienen. Abends um 7 Uhr hatte der erste Übergang über dieselbe von Seiten der hiesigen Civil- und Militär-Autoritäten, unter einem großen Volks-Zulaufe an beiden Rheinufern, statt, wobei man jenseits die Böller löste und verschiedene Musikchöre spielten. Diese vom Halbdunkel seltsam grundirte Scene versetzte die Phantasie in die Zeiten des ersten Rhein-Übergangs der Römer. Man weiß nur von zwei stehenden Schiffbrücken, die in der Kurfürstlich-Trierischen Zeit hier errichtet wurden. Die erste wurde im Jahre 1663 aufgestellt, und nach einer Privat-Chronik und den Rechnungen war der erste Übergang Sonntags am 21. Mai. Dieselbe blieb aber nur bis zum Jahre 1670, in welchem Jahr wahrscheinlich die Brückenschiffe durch den außerordentlich heftigen Eisgang zertrümmert wurden. Im Anfange des folgenden Jahrhunderts ließ die kurfürstliche Hofkammer abermals eine stehende Brücke über den Rhein schlagen, aber auch diese blieb nur einige Jahre. Beide Brücken standen am ehemaligen alten Rheinthor, bei der Stiftskirche zu St. Castor. Die heftigen, auf dieser Stelle andringenden Nordwinde verursachten viele Unfälle; dieses sowohl als auch den Mangel eines bequemen Winterhafens mögen die Beweggründe gewesen seyn, daß man eine fliegende Brücke wieder hinstellte (Cobl. Anzeiger J. 1819, Nr. 17). Die älteren Schiffbrücken, welche hier aufgerichtet wurden, die Spinolas 1620, die von 1669, die von 1704, über welche Marlborough nach dem Schellenberge und nach Hochstädt zog, die der Östreicher in den Jahren 1745 und 1794[6], standen sämmtlich auf weniger bequemen Punkten (siehe Rheinischer Herold J. 1819, Nr. 34).“[7]

[1] Johann Daniel Ferdinand Neigebaur: Statistik der Preußischen Rheinprovinzen, in den drei Perioden ihrer Verwaltung. Köln 1817, S. 156.

[2] Coblenzer Anzeiger Nr. 19, 8.5.1818, mit Angaben über Art und Umfang der erforderlichen Arbeiten.

[3] Stadtarchiv Koblenz (StAK) DB 8 Nr. 1: Stadtumwallung mit Brücken.

[4] StAK 623 Nr. 998, Nr. 785, S. 434-435.

[5] Die Schiffbrücke wäre demnach rund 346 Meter lang und ca. 7,30 Meter breit gewesen.

[6] Diese Schiffbrücke überspannte in Höhe des Kurfürstlichen Schlosses den Rhein und ist als „kayserliche bruck“ auf dem „Dilbecker-Plan“ (StAK K Nr. 279) eingezeichnet; vgl. https://stadtarchivkoblenz.files.wordpress.com/2016/01/dilbecker-plan.jpg.

[7] Vgl. auch Max Bär: Aus der Geschichte der Stadt Koblenz 1814-1914. Koblenz 1922, S. 195-196; URL: https://www.dilibri.de/rlb/content/pageview/6369 (Fliegende Brücke und Schiffbrücke); Erich Franke: Geschichte der Koblenzer Brücken. In: Koblenz – Stadt der Brücken. Dokumentation zur Einweihung der Koblenzer Balduinbrücke. Koblenz 1975 (Dokumentationen der Stadt Koblenz), S. 14-68, hier S. 43-46 (Fliegende Brücke), 47-52 (Schiffbrücke).

 

StAK_FA_1-801_Schiffbrücke_1937

Der Raddampfer „Rheingold“ passiert die Schiffbrücke, 1937 (StAK FA 1-801 Schiffbrücke).

#Aster, Ernst Ludwig von

Werbeanzeigen

Das sozial-karitative Engagement Koblenzer Frauen im 19. Jahrhundert

01 Koblenz, um 1850 (Privatbesitz)

Koblenz um 1850 (Privatbesitz).

 

Vortrag von Petra Habrock-Henrich M. A., Koblenz, am 28. März 2019 in der Reihe „Koblenzer Frauengeschichte am Donnerstag“, veranstaltet von der Gleichstellungsstelle der Stadt Koblenz, der Stadtbibliothek und dem Stadtarchiv

 

1. Einführung

Armut ist ein gesellschaftliches Phänomen das es seit Beginn der Menschheitsgeschichte gegeben hat. Selbst in unserer heutigen scheinbaren Überflussgesellschaft wächst die Anzahl der Betroffenen ständig. Dennoch lässt sich die heutige Armut in Mitteleuropa nicht mit der Situation in der vermeintlichen „guten alten Zeit‘, vergleichen. Hier kann uns eher die derzeitige Lage in der sog. Dritten Welt Parallelen bieten. Im 19. Jahrhundert lebten Millionen Mitteleuropäer im Elend. Ihr Alltag war ein Kampf ums nackte Überleben.

Die Bedrängnis ihrer Mitmenschen motivierte damals eine Reihe von Frauen und Männern Mittel und Wege zu suchen um der Not abzuhelfen. Bürgerinnen und Bürger der Stadt Koblenz haben bei der Gründung karitativer Organisationen eine Vorreiterrolle gespielt, wobei es insbesondere die Frauen waren, die sich, ihrer traditionellen Rolle entsprechend, der Bedürftigen annahmen. Die Bedeutung dieser hilfsbereiten und opferwilligen Frauen wird von der Geschichtsschreibung bis heute unterbewertet. Da es im 19. Jh. ansonsten nur im erzieherischen Bereich gesellschaftlich geachtete Frauenberufe gab, standen ihnen im außerhäuslichen Bereich zwei Wege offen. Sie konnten entweder durch den Eintritt in eine kirchliche Ordensgemeinschaft ihr ganzes Leben dem Dienst am Nächsten widmen, oder, wenn sie über genügend freie Zeit und wirtschaftliche Unabhängigkeit verfügten, eine ehrenamtliche karitative Arbeit ausüben. Soziale Arbeit setzte sich als berufliche Tätigkeit für Frauen erst mit dem Ausbau staatlicher Fürsorge im 20. Jahrhundert durch.

Zupackende tägliche Liebestätigkeit blieb lange Zeit eine Domäne der Frauen. Im Rahmen dieses Vortrages stelle ich Ihnen einige herausragende Beispiele vor. Pionierarbeit bei der organisierten Fürsorge leistete der seit 1817 bestehende „Katholische Frauenverein St. Barbara“. Neben den Laieninitiativen begann die Professionalisierung der Kranken- und Armenpflege im 19. Jahrhundert. In Koblenz waren es vor allem katholische Kongregationen, die hier erstmals mit ausgebildeten Fachkräften tätig wurden.

Meine Ausführungen stützen sich auf Material aus der Literatur und den Koblenzer Archiven. Es ermöglicht zum einen Einblicke in den Aufbau und die Arbeitsweise der Laienvereinigungen und der kirchlichen Kongregationen, die sich der Armen- und Krankenpflege widmeten. Zum anderen geben zeitgenössische Biographien Hinweise darauf, welche Frauen sich zur sogenannten Liebestätigkeit bereitfanden, wie sie gelebt haben und aufgrund welcher Motive sie einen großen Teil ihrer freien Zeit mit so wenig angenehmen Tätigkeiten wie Krankenpflege und Bettelgängen verbrachten

 

1.1. Politische Bedeutung der Stadt

Radikale politische Veränderungen brachte die Besetzung der Stadt Koblenz durch französische Revolutionstruppen im Jahr 1794.  Die ehemalige Residenzstadt des Kurfürsten von Trier wurde 1798 Hauptstadt des ,,Departement de Rhin-et-Moselle“. 1801 fiel Koblenz im Frieden von Luneville auch formal an Frankreich. Die heutigen rechtsrheinischen Teile der Stadt, wie beispielsweise der Ehrenbreitstein, fielen an das Herzogtum Nassau. Ab 1802 wurden sämtliche Stifte und Klöster im französischen Gebiet säkularisiert. Mit Auflösung der kirchlichen Herrschaft und der Änderung der Besitzverhältnisse entstand eine vergleichsweise liberale Gesellschaftsordnung, die 1804 mit der Einführung eines modernen Rechtswesens in Form des Code Civil festgeschrieben wurde. Sie beruhte auf individuellen Freiheiten, der Gleichheit vor dem Gesetz, der Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze, dem Schutz des Eigentums und der strikten Trennung von Kirche und Staat. Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege gingen die ehemaligen rheinischen Besitztümer des Trierer Kurstaates und damit auch Koblenz durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses 1815 an das Königreich Preußen. Koblenz wurde ab 1822 (bis 1947) Hauptstadt der Rheinprovinz.

 

1 .2. Armenfürsorge im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklung

Bis zu den Anfängen der organisierten staatlichen Fürsorgen mit entsprechenden Versicherungspflichten für den Einzelnen am Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland so gut wie keine staatliche Absicherung für den Einzelnen. Die gesamte Armen- und Krankenfürsorge lag in privaten und kirchlichen Händen.

Die Anfänge einer organisierten bürgerlichen Armenfürsorge entwickelten sich in den Städten des späten Mittelalters. Das mittelalterliche Armenwesen stand auf zwei Pfeilern: einerseits die auf privaten Stiftungen beruhende geschlossene Armen-, Alten- und Krankenpflege in Hospitälern, die es in Koblenz seit dem Jahr 1110 gab und andererseits die offene Armenpflege durch „milde Gaben“, die Bettel-, Armen- und Almosenordnungen regeln sollten.

Bis zum Ende des 18. Jh. lebten die Bürger unserer vom Katholizismus geprägten Stadt, in einer festgefügten, allerdings zunehmend brüchiger werdenden gesellschaftlichen Ordnung. Arme, Alte und Kranke hatten als notwendige Objekte der Nächstenliebe ihren Platz. Die Pflege alter und kranker Menschen fand zu dieser Zeit noch fast ausschließlich im häuslichen Bereich statt. In die oft von kirchlichen Orden verwalteten Hospitäler oder Siechenhäuser, sowie ab 1729 in das örtliche Waisenhaus, wies die Stadt Fälle ein, in denen eine häusliche Betreuung nicht möglich war. Ende des 18. Jahrhunderts war dieses System, nicht zuletzt infolge der gewachsenen Armut, deutlich heruntergekommen. Die Insassen der Hospitäler wurden häufig von schlecht bezahlten Knechten und Mägden – oft ehemaligen Prostituierten – ohne jegliche Vorbildung gepflegt und mussten meist mehr schlecht als recht für sich selbst sorgen.

Nach der Eroberung der Stadt durch die Franzosen im Jahr 1794 ging die Verantwortung für das Armenwesen und damit auch die Verwaltung der Armen- und Hospitalvermögen, allein in die Hand einer ausschließlich männlich besetzten städtischen Armenkommission über. Die preußische Regierung, die ab 1816 die Herrschaft übernahm, behielt diese Regelung im wesentlichen bei. Die Armenpflege der Stadt beschränkte sich zum einen die offene Armenpflege, die sich im wesentlichen auf die Verteilung von Nahrungsmitteln und Brennmaterial, sowie auf die Einrichtung einer Suppenanstalt während der Wintermonate beschränkte, zum anderen die Betreuung pflegebedürftiger armer, kranker und alter Menschen im Hospital. 1871 ging die alleinige Verantwortung für die Sozialfürsorge auf die Stadtverwaltung über. Der Armenfonds reichte nie zur Bestreitung der wachsenden Ausgaben aus und musste deshalb durch immer höhere Zuschüsse aus dem städtischen Haushalt aufgestockt werden. Erst nach der Einführung einer staatlichen Sozialversicherungspflicht, beginnend mit der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahr 1883, trat ganz allmählich eine Verbesserung der finanziellen Situation im städtischen Sozialhaushalt ein. Bis ins späte 19. Jh. blieb die städtische Sozialfürsorge entsprechend rudimentär. Wer in Armut geriet, konnte rein rechtlich gesehen keinen Anspruch auf Unterstützung geltend machen.

02 Löhrrondell, um 1856 (Stadtarchiv Koblenz)

Löhrrondell, um 1856 (Stadtarchiv Koblenz [StAK] FA 1-06 Löhrrondell).

Den ohnehin unzureichenden Mitteln der Stadt stand eine wachsende Anzahl von Armen gegenüber. Die Erwerbssituation in Koblenz war bereits am Ende der kurfürstlichen Zeit schlecht. Bis zu 20 Prozent der Bevölkerung lebten am Rand oder sogar unterhalb der Armutsschwelle. Nach dieser Zeit ging es rasch weiter bergab, denn die folgenden Jahrzehnte waren im deutschen Raum, ja in fast ganz Europa geprägt von einem Bevölkerungswachstum in bis dahin nie gekanntem Ausmaß. Die Koblenzer Einwohnerzahl verfünffachte sich von knapp 8.000 um 1800 auf knapp 40.000 um 1895. Weil für diese Menschenmassen zunächst keine ausreichende Erwerbs- und Ernährungsgrundlage vorhanden war, entstand das Phänomen des sog. Pauperismus. Diese Verelendung weiter Bevölkerungskreise setzte regional unterschiedlich zwischen 1820 und der Jahrhundertmitte ein und dauerte bis in die 1860er Jahre an. Als Garnisonsstadt und Hauptstadt der Rheinprovinz bot Koblenz zwar nicht das Bild völligen sozialen Elends wie zahlreiche frühindustrielle Zentren. Kriegs- und Hungersnöte sowie der Zuzug zahlloser nach Beendigung der Festungsbauten arbeitslos gewordener Bauarbeiter und entlassener Soldaten, die mangels größerer Betriebe am Ort kaum Arbeit fanden, ließen die Armut  aber auch in unserer Stadt fühlbar wachsen. Ab Mitte der 1820er Jahre lebten bis zu 70 Prozent aller Koblenzer am Rande des Existenzminimums, d.h. „von der Hand in den Mund“. Der Weg dieser Familien führte zunächst ins Pfandhaus und zu allerletzt zur städtischen Armenkommission. In Extremfällen, wie im harten Notwinter 1846/47 mussten fast 5.500 Koblenzer (28 % der Bevölkerung) mit Brot versorgt werden und bis zu 3.000 Bedürftige, darunter zeitweise über 1.000 Obdachlose (5% der Bevölkerung!!), benötigten täglich zumindest eine warme Suppe.

04 Hermann Josef Dietz (Mittelrhein-Museum Koblenz)

Hermann Josef Dietz (Mittelrhein-Museum Koblenz).

Zahlreiche bessergestellte Koblenzer Bürger, die sich mit dieser überwältigenden und andauernden Armut konfrontiert sahen, wollten gegen das Elend in ihrer nächsten Umgebung etwas tun. Zu einer ersten spontanen Hilfsaktion und beispielhaften Entfaltung neuer Arbeitsmethoden kam es während der Hungersnot des Winters 1816/17 unter der Leitung von Hermann Josef Dietz (dem Gründer der Blechwarenfabrik) und Josef Görres. Den letzten Auslöser für ihr Engagement bildete vermutlich eine kleine Hungerrevolte im Frühjahr 1817. Zu diesem Zeitpunkt war die Situation so bedrohlich geworden, dass in dem ansonsten eher ruhigen Koblenz eine Gruppe hungriger Personen gewaltsam einen mit Kartoffeln beladenen Kahn anhielt und den Schiffer zwang seine Ladung zu löschen (LHA Ko Best. 441 Nr. 17274). Acht Tage später, am 30. Mai 1817 rief Josef Görres im Rheinischen Merkur angesichts des Elends in Koblenz und in den umliegenden Mittelgebirgsgegenden zu Spenden auf, was zur Gründung eines sehr erfolgreichen Hilfsvereins führte in dem sich 15 angesehene Männer der Stadt zusammenfanden.

03 Josef Görres (Katholischer Leseverein Koblenz)

Josef Görres (Katholischer Leseverein Koblenz).

Der Hilfsverein schaffte erhebliche Mengen Lebensmittel in die Notgebiete und beendete seine Tätigkeit im Sommer 1817 mit der Ausgabe von Saatgetreide. Neben Görres und Dietz engagierten sich später auch die mit ihnen verwandten oder zumindest eng befreundeten Familien Settegast, Longard, von Lassaulx und Maas in der karitativen Vereinigung. Zu ihrem Kreis, der sich zu einer Keimzelle des politischen Katholizismus im Rheinland entwickelte, stieß bald der in Koblenz geborene Dichter Clemens Brentano. Er lebte von 1825 bis 1827 im Hause Dietz und trug wesentlich zur Formung der neuen katholischen Bewegung und ihrer karitativen Initiativen bei. Spontan von Männern gegründete Hilfsvereine gab es auch in späteren Notjahren, insbesondere nach 1846 immer wieder. Keine Vereinigung hatte jedoch die weitreichende Wirkung, die von diesem ersten Koblenzer Karitaskreis ausging.

05 Clemens Brentano, Gemälde von Emilie Linder, um 1835

Clemens Brentano, um 1835.

 

2. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts

Schneller und umfassender als ihre Männer wandten sich die Koblenzer Frauen den im Zeitalter der Aufklärung in Vergessenheit geratenen Vorstellungen von Frömmigkeit und Nächstenliebe wieder zu. Um die Leistung der Frauen, die sich zu Beginn des 19. Jh. karitativ betätigten, richtig würdigen zu können, müssen wir uns zunächst ihre rechtliche und gesellschaftliche Stellung vergegenwärtigen. Die Frau hatte sich auf den häuslichen Bereich zu beschränken. Sie besaß nur in Ausnahmefällen eigenes Geld, war nicht geschäftsfähig, durfte vor 1908 nicht an politischen Versammlungen teilnehmen, erhielt erst 1918 das Wahlrecht und hing deshalb grundsätzlich in ihren Wünschen und Bedürfnissen vom Ehemann bzw. älteren männlichen Verwandten ab.

Nur wenige Frauen erhoben in dieser Zeit Anspruch auf eine selbständigere Lebensführung und dies lag nicht nur an den materiellen Einschränkungen des Alltags. Vielmehr legten gesellschaftliche und religiöse Konventionen genauestens fest, was sich für eine Frau schickte und was nicht, und Haushalts- und Familienpflichten taten ein übriges, um eine Hausfrau und Mutter in ihren vier Wänden festzuhalten. Die „beste Zeit“ ihres Lebens verbrachten bürgerliche Frauen damit, Kinder zu gebären und großzuziehen. Erleichtert wurde diese Umwertung von Arbeit in Anmut und Liebe dadurch, dass man die schwere Hausarbeit Dienstboten und Zugehfrauen übertrug. In der ersten Hälfte des 19. Jh. beschäftigen bürgerliche Familien in der Regel mindesten ein bis zwei Küchen- und Stubenmädchen, die für die schmutzigen und beschwerlichen Arbeiten zuständig waren.

Betätigte die Frau sich außerhalb ihres Haushaltes, so war dies gesellschaftlich nur akzeptabel, wenn sie dies im Rahmen ihrer angestammten „Mütterlichkeit“ oder in Erfüllung ihrer Frömmigkeitspflichten tat. Frauen, ob verheiratet oder unverheiratet, durften ihre Talente nur in den angestammten weiblichen Tätigkeitsfeldern: Erziehen, Heilen, Pflegen, Helfen entfalten. Eine Ausnahme bildete der Handel, insbesondere mit Lebensmittel und Textilien, in dem sich Frauen unter der offiziellen Geschäftsführung eines Mannes betätigten. Frauen der unteren Schichten blieben als ehrbare Berufe nur : Wäscherin, Näherin und insbesondere Dienstbotenstellungen.

 

2.1. „Berühmte“ Frauen in Koblenz

Wer erwartet in der Koblenzer Geschichte Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation oder engagierte Mitstreiterinnen der frühen Frauenbewegung zu finden, wird enttäuscht werden. Immerhin haben in Koblenz während des 19. Jahrhunderts einige Frauen mehrere Jahre ihres Lebens verbracht, die aufgrund ihrer intellektuellen bzw. kulturellen Leistungen überregionale Bedeutung erlangten.

 

2.1.1.Augusta von Sachsen-Weimar (1811-1890) „Der Drache von Rhein“oder Lady Di?

Augusta von Sachsen-Weimar heiratete 1829 Wilhelm, den Kronprinzen und späteren König von Preußen und Kaiser des dt. Reiches. Sie kann als Beispiel für das seit dem MA mehr oder weniger ausgeprägt ausgeübte Patronatswesen der Adligen und Herrscherinnen über Arme und Kranke dienen. In den Jahren 1850 bis 1858 residierte Prinz Wilhelm mit seiner Ehefrau Augusta als preußischer Militärgouverneur im Koblenzer Schloss.

09 Kaiserin Augusta, Ausschnitt aus einer Lithographie, Mittelrhein-Museum Koblenz

Kaiserin Augusta, Ausschnitt aus einer Lithographie (Mittelrhein-Museum Koblenz).

Augusta, die bis zum Jahr vor ihrem Tode die Stadt mehrmals jährlich besuchte, übte ihr Patronatswesen mit vier Schwerpunkten aus.

  1. Sie engagierte sich sehr zugunsten weiblicher Krankenpflegeorden, wobei sie besonders die „Barmherzigen Schwestern“ bevorzugte. In Koblenz übernahm sie das Protektorat über mehrere von ihnen geleitete Anstalten (u. a. Hospital in Ehrenbreitstein) und stand persönlich in engem Kontakt mit den Schwestern, sodass diese ihre Tochter Luise „unser Kind“ nannten. Augusta beeinflusste ihrem Mann Wilhelm während des Kulturkampfes um 1870, dass er sich dafür einsetzte, die Krankenpflegekongregationen vom allgemeinen Verbot katholischer Orden auszunehmen.
  2. Augusta übernahm das Patronat über zahlreiche karitative Frauenvereinigungen: Zunächst (1852) über den katholischen Frauenverein St. Barbara. Schließlich leitete sie auf nationaler Ebene ab 1871 den Vaterländischen Frauenverein.
  3. Sie förderte die Gründung von Mädchenschulen und gründete ein Wöchnerinnenheim.
  4. Sie tätige allgemeine Stiftungen für Koblenzer Bürger u.a. für bedürftige Handwerkerfamilien.
10 Kaiserin Augusta in den Rheinanlagen, 1885 (Stadtarchiv Koblenz)

Kaiserin Augusta und Kaiser Wilhelm I. in den Rheinanlagen, 1885 (StAK FA 1-24 Augusta).

2.1.2. Bertha Augusti (1827-1886)

Die Schriftsteilerin wurde 1827 als Tochter eines Justizrats in Köln geboren. 1849 heiratete sie und zog mit ihrem Mann, einem Landgerichtsassessor, nach Koblenz. Dieser verstarb nach nur neunjähriger Ehe und ließ sie mit drei kleinen Söhnen materiell  unzureichend versorgt, zurück. Nach dem Tode ihres Mannes begann Bertha Augusti mit ihrer literarischen Tätigkeit. Ihr bedeutendster Roman: Ein verhängnisvolles Jahr, erschien 1879, zwei Jahre nach dem letzten Besuch ihrer engen Freunde Karl und Jenny Max in Koblenz. Sie kritisiert in ihrem Roman sowohl die rechtlich und gesellschaftlich mindere Stellung der Frau, als auch scheinheilige Wohltätigkeitsbestrebungen der Oberschicht. In literarischen Kreise war sie allgemein anerkannt und hatte nie Probleme einen Verleger für ihre gemäßigt sozialkritischen Werke zu finden.

Beispielzitat (Liebenswerte Baronin, eine der Protagonistinnen des Romans, besucht völlig verarmte, schwer erkrankte Mutter, in ihrer Hütte):

Wahrlich, Sie müssen keine von den Reichen sein, denn Reiche haben ja nicht soviel Herz für unsereinen…und wagen sich persönlich gar in diese elende Hütte….Ja, ich glaube nicht mehr an wirkliches Mitleid reicher Leute für uns Arme. Da gründen sie Frauenvereine ‚vornehme‘ reiche Damen stehen an der Spitze, halten Kollekten und Basare, wie sie’s nennen‘ ab‘ wo sie in großem Putz selbst hinter den Verkaufsständen die beigesteuerten Sachen eifrig feilbieten, um ihren bedeutenden Erlös später den Armen zuzuwenden. Aber glauben sie mir‘s, an die Rechten kommt‘s gar selten…Die verschämten Armen haben das Nachsehen.

 

2.1.3.Luise Hensel (1798-1876)

Das Abendgebet „Müde bin ich, geh zur Ruh“ der Dichterin und Erzieherin Luise Hensel ist noch heute populär. Die Tochter eines protestantischen Predigers entschloss sich bereits als 18jährige zur Ehelosigkeit und trat 1818 im Alter von 20 Jahren, zum katholischen Glauben über. Dies war zwar nur eine von vielen Konversionen, die im Zusammenhang mit der religiösen Erweckungsbewegung im Anschluss an die Freiheitskriege folgten. Die tiefe Religiosität Luise Hensels bewirkte jedoch, dass sich der sie sehr verehrende Clemens Brentano immer stärker der Kirche zuwandte. Sie verkörperte Brentanos Frauenideal der Frömmigkeit, Demut und Hilfsbereitschaft bis zur Selbstaufgabe.

06 Luise Hensel

Luise Hensel.

1825 übernahm sie mit ihren Freundinnen Apollonia Diepenbrock aus Bocholt und Pauline von Felgenhauer aus dem Münsterland die undankbare Aufgabe, den Pflege- und Betreuungsdienst im neuerrichteten Koblenzer Hospital bis zum Eintreffen von ausgebildeten Schwestern zu organisieren. Im Rahmen dieser Tätigkeit gewannen die drei jungen Frauen größten Einfluss auf die jungen Koblenzerinnen. Clemens Brentano schrieb über diese Zeit an seinen Bruder Christian:

Diese drei frommen Personen haben nun beinah ein halbes Jahr zur großen Erbauung der Stadt, besonders der weiblichen Jugend, wahrhaft exemplarisch und oft heldenmäßig gearbeitet, und auch noch außer dem Hause die verlassensten Schwerkranken mit Pflege, Nachtwachen, Erquickung und Bekehrung gepflegt, zugleich angestrengt für die Armen genäht, und in mehreren Jungfrauen der Stadt einen ähnlichen Sinn erweckt, welche abwechselnd Dienste leisten; selbst das Umbetten der Leichen besorgen sie, und alles dieses ohne falsche Begeisterung in der größten Einfalt.

Luise Hensel, die auch weiterhin ein vergleichsweise unabhängiges Leben führte, ging später u.a. als Erzieherin nach Aachen und lebte zuletzt, bis zu ihrem Tode 1878, in einem Paderborner Kloster.

Pauline von Felgenhauer trat 1829 in das Düsseldorfer Ursulinenkloster ein, wo sie frühzeitig verstarb.

 

2.1.4. Apollonia Diepenbrock (1799-1880)

Apollonia, eine Schwester Kardinals Melchior Diepenbrock, kehrte einige Zeit nach Beendigung ihrer Tätigkeit im Hospital mit ihrem Vater nach Koblenz zurück und übernahm, zusammen mit Caroline Settegast und der Gräfin Merveldt, die Erziehung im Waisenhaus St. Barbara. 1833 zog sie nach Regensburg zu ihrem Bruder. Dort stiftete sie das bis zu ihrem Tod (1880) von ihr geleitete St.-Josephs-Haus.

07 Apollonia Diepenbrock

Apollonia Diepenbrock.

Clemens Brentano stand mit ihr in engem Briefwechsel und charakterisierte sie:

Apollonia aber setzt alles durch ihre Klarheit, Demuth, Einfalt, Liebe, Tüchtigkeit und den Frieden, den sie verbreitet, in Verehrung für ein solches Wirken, das durch sie alles Excentrische verliert.

 

2.2. Engagierte Koblenzerinnen

Neben diesen über die Stadt hinaus bedeutenden Frauen gab es eine ganze Reihe „echter“ Koblenzerinnen, die sich insbesondere während der ersten Hälfte des 19. Jh., als karitativ arbeitende Ordensschwestern noch eine Ausnahme bildeten, im diesen Bereich hervortaten. Ihr Lebensweg ist sicherlich nicht repräsentativ, hat aber beispielhaft auf zahlreiche andere Frauen gewirkt.

 

2.2.1. Johanna Dietz

Johanna Dietz, geb. Maas, ist bezeichnenderweise die einzige Ehefrau unter den bekannten karitativ engagierten Frauen. Über ihr Leben gibt es nur wenige Zeugnisse.

08 Alte Burg

Alte Burg am Moselwerft, um 1890. Hier betrieb Hermann Josef Dietz, Ehemann von Johanna Dietz, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einem Kompagnon eine Fabrik für emaillierte Blechwaren (Privatbesitz).

1826 nahm sie es, trotz aller familiären Belastungen auf sich, nach Nancy zu reisen um dort die 80jährige Generaloberin der Borromäerinnen zu einem Besuch in Koblenz zu bewegen. Der hier von Luise Hensel und ihren Freundinnen mustergültig aufgebaute Pflegedienst konnte die skeptische Oberin überzeugen im neuen Koblenzer Hospital eine Filiale zu eröffnen. Clemens Brentano nannte Johann Dietz seine zweite Mutter, wohl weil sie mit ihm mehr Arbeit hatte, als mit ihren eigenen Kindern. Sie ist durch sein Gedicht „Auf den Tod der Frau Dietz“ bekannt.

Heimatlos an jedem Orte,

Fand ich, wo die Kinder spielten,

Ruhe nur an ihrer Pforte

Wo die Pilger Rasttag hielten. –

Sie hat mich ins Haus geladen,

Hat um mich sich eingeschränket,

Hat am Quell der eignen Gnaden

Fromm den müden Gast getränket.

 

2.2.2. Caroline Settegast (1792-1871)

Beispielhaft für eine ganze Gruppe junger Frauen aus den zum Karitaskreis um Josef Görres gehörenden Familien ist Caroline Settegast. Sie war eine von zwei überlebenden Töchtern des Arztes Modest Settegast und seiner Ehefrau Anna Elisabeth Mazza (Tochter des Ob Mazza und Schwägerin von Görres). Caroline schloss sich mit einigen Gefährtinnen Luise Hensel und ihren Freundinnen an. Ihr Leben wurde von der Koblenzerin Elisabeth von Knackfuß porträtiert, die unter dem Decknamen A. Joachim schriftstellerisch hervortrat. Caroline wandte sich nach dem frühen Tod ihrer frommen Mutter, sicher nicht zuletzt aufgrund der streng religiösen Erziehung, der Kranken- und Armenpflege zu. Sie war der festen Überzeugung, dass besonders ekelerregende Krankheitsfälle von Gott für sie zur Pflege vorbehalten seien. Tag und Nacht wurde sie zu Pflegebedürftigen gerufen. Von Natur aus sehr empfindsam und eher schwächlich, trat sie zwar meist demütig, aber gelegentlich auch derb koblenzerisch auf; was ihr, in Verbindung mit ihrem angeblich unschönen Äußeren, den Beinamen „dat ruth Mensch“ oder gar „die ruth Hex“, bei ihren Pfleglingen einbrachte. Caroline gehörte zu den ersten Mitgliedern des Frauenvereins von 1817. Gesellschaftliche Vorurteile kannte sie nicht, so ist überliefert, dass sie ihre gesamte Energie einsetzte, um eine sterbende Prostituierte zur kathol. Kirche zurückzuführen. In ihrer knappen Freizeit bestickte sie Altardecken für die Kirchen, die sie regelmäßig aufsuchte. Das Caroline dennoch keine verbitterte und weltfremde Frömmlerin war, zeigt folgende Anekdote: So wollten bei einer großen Hochzeitsfeier in der Familie die jüngeren Gäste nicht glauben, dass die immer in Schwarz gekleidete Caroline in ihrer Jugend die gefragteste Tänzerin von Koblenz gewesen war. Für einen Taler tanzte sie mit dem Bräutigam und erhielt stürmischen Beifall. Sie durchtanzte dann die ganze Nacht und erwarb auf diese Weise eine runde Summe für ihre Armen.

Die Verbreitung der krankenpflegerischen Genossenschaften machte Carolines Tätigkeit in der zweiten Jahrhunderthälfte allmählich überflüssig. Als ältere Frau vereinsamte sie. Ihre Freundinnen verstarben oder gingen aus Koblenz fort und so zog sie sich zunehmend aus einer Welt zurück, die ihr fremd geworden war. In den letzten Lebensjahren widmete sie sich hauptsächlich der Kindererziehung (sie zog im Laufe ihres Lebens zahlreiche Waisenkinder in ihrem Haus auf) und starb schließlich 1871 im Alter von 80 Jahren. Sie war offenkundig unfähig ihr geringes ererbtes Vermögen selbst zu verwalten, da sie immer alles verschenkte, was sie entbehren konnte, erbat und erbettelte. Nach dem Tod ihres Vaters waren deshalb verschiedene befreundete Kaufleute für ihre materielle Existenz verantwortlich. Zum Zeitpunkt ihres Todes war Caroline in der Koblenzer Bevölkerung allerdings noch nicht vergessen. Auf dem Gräberfeld 3 des Hauptfriedhofes befindet sich noch heute ihr Grab mit der Aufschrift:

Der Verstorbenen, die ein Engel der Barmherzigkeit war, für unzählige Arme, Kranke, Witwen und Waisen; widmet dieses Denkmal – Die dankbare Stadt Koblenz.

12 Grabmal Caroline Settegast

Grabmal von Caroline Settegast auf dem Koblenzer Hauptfriedhof.

 

2.2.3. Margarete Verflassen (1808-1845)

Gretchen war das jüngste von 14 Kindern (außer ihr erreichte nur eine weitere Schwester das Erwachsenenalter) des Porträtmalers Verflassen in der Firmungstraße. Auch sie stand unter dem Einfluss von Hensel, Diepenbrock, Felgenhauer und nicht zuletzt von Clemens Brentano. Nach Ansicht des Malers Louis Grimm sah sie aus wie die Nichte eines spanischen Kardinals. Ihre Biographin, die Koblenzer Offizierstochter Amalie Hassenpflug, beschreibt sie als geistvolle und witzige Frau, die in der kernigen, gleichnisreichen Sprache ihrer Heimat immer den Nagel auf den Kopf traf und die damit, bei aller Gutmütigkeit, ihre Mitmenschen gelegentlich brüskierte. Sie weinte selten, sprach nur das Notwendigste und versuchte niemals, sich gegen ungerechtfertigte Angriffe zu verteidigen.

Firmungstr.

Firmungstraße, Blick in Richtung Rhein.

Die gerade 18jährige Margarethe war von der Lebens- und Arbeitsweise der soeben in Koblenz eingetroffen Barmherzigen Schwestern fasziniert. Aufgrund des tiefen Eindrucks, den sie hier erhielt, aber auch getrieben von dem Wunsch, die Enge des Elternhauses und der Heimatstadt hinter sich zu lassen, entschloss sich Margarethe zum Eintritt in die Genossenschaft. Dieser Versuch misslang jedoch ebenso, wie ein weiterer Ordensbeitritt oder die Übernahme erzieherischer Aufgaben bspw. in der Anstalt der Geschwister Doll bei Boppard. Margarethe erwies sich insbesondere wegen ihrer körperlichen Schwäche als ungeeignet für ein fortgesetztes Arbeitsleben. Sie kehrte in ihr Elternhaus zurück und widmete sich neben ausgiebigen religiösen Übungen, die täglich mindestens drei Stunden in Anspruch nahmen, der Armenpflege und der Aufbringung von Almosengeldern. Sie lebte wie Caroline Settegast nach einem exakt festgelegten Tagesablauf und starb bereits im Alter von 37 Jahren.

lhr Tagesablauf ist überliefert:

6 Uhr Aufstehen

6-7 Uhr Morgengebet, Betrachtung

7-8 Uhr Ankleiden, Aufräumen, Frühstück

8-9 Uhr hl. Messe, Hausarbeit

9-10 ½ Uhr Handarbeit, Schreiben, Ausgänge, Arme

½ 11-11 Uhr Geistliche Lesung

bis 12 Uhr Küche oder andere Arbeit, Mittagessen,

bis 2 Uhr frei

2-4 Uhr Arbeit, Schreiben

4-5 Uhr Anbetung des Allerheiligsten und frei

5-8 Uhr Arbeit und nötige Ausgänge, Arme

8-9 Uhr Abendessen, frei

9-9 ½ Uhr Abendgebet, Betrachtungspunkte für den anderen Tag.

 

2.2.4. Gertrude Nell (1799-1828)

Gertrudis Ottilia Nell, genannt Trautchen, war die Tochter des Kammerpräsidenten Maximilian Nell und seiner Frau Ottilia, einer Schwester von Johanna Dietz. Im Hungerjahr 1817, arbeitete die 19jährige in der Suppenküche des Frauenvereins und beeindruckte Beobachter durch die resolute Art, in der sie die Suppenportionen gerecht sowohl unter die zurückhaltenden, wie unter die aufdringlichen Hungrigen verteilte. Später unterrichtete sie die Schülerinnen des Frauenvereins in den sog. weiblichen Arbeiten. Im Alter von 25 Jahren verlor sie beide Eltern. Diesen Schicksalsschlag verkraftete sie nicht. Gertrude erkrankte schwer an einem Nervenleiden und drohte zeitweise sogar zu erblinden. Schließlich starb sie im Alter von 29 Jahren. Ihr unermüdlicher Einsatz blieb nicht ohne Wirkung auf ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger. Clemens Brentano, mit dem sie eine langjährige Freundschaft verband, hat ihr in einer biographischen Skizze ein Denkmal gesetzt: Charakterstärke, Scharfsinn, Empfindsamkeit, heitere Laune und unschuldiger Witz bei dem besten Herzen von der Welt …von angenehmen Wuchse und eine, durch geistreiche Augen und feinen ausdrucksvollen Mund, anmuthig bedeutende Gesichtsbildung, machten sie in der Blüthe ihres Lebens zu einer ausgezeichneten jungfräulichen Erscheinung. Man unterschied die lebhafte brunette Jungfrau sehr leicht unter den blonden Gespielinnen des Rhein- und Moselstroms…Sie blieb bis zu ihrem Tod laut Brentano: So unbefangen und heiter in ihrem Leiden und so ruhig und stille hin in ihrem Thun, daß keine ihrer früheren Gespielinnen jemals in Versuchung geführt ward, von ihr zu sagen: Trautchen ist eine Kopfhängerin, eine Betschwester geworden.

 

3. Der Katholische Frauenverein St. Barbara als Pionier einer Bewegung

Der älteste von Frauen getragene Koblenzer Hilfsverein ist zugleich der bedeutendste. Er kam Anfang des Jahres 1817 soweit ersichtlich auf obrigkeitliche Anregung hin zustande. Im Oktober des Vorjahres hatte nämlich der zuständige preußische Kreiskommissar den Koblenzer Oberbürgermeister um eine Liste der Frauen gebeten, die sich durch Patriotismus während der Befreiungskriege ausgezeichnet hatten. Den insgesamt acht Frauen aus der Koblenzer Oberschicht sollte der Aufbau eines Hilfsvereins während des zu erwartenden Hungerwinters übertragen werden. Diese Anregung hatte offensichtlich Erfolg, denn spätestens im Februar 1817 begannen Koblenzerinnen täglich, Suppe an Bedürftige auszuteilen. Die Frauen, deren Initiative soweit ersichtlich noch vor dem großen von Dietz und Görres gegründeten Hilfsverein tätig wurde, bezeichneten sich als „Verein Katholischer Frauen und Jungfrauen“. Ergänzend zu der Suppenküche besuchten besonders engagierte Mitglieder Arme in ihren Häuser und pflegten Kranke. Anders als der Hilfsverein der Männer und vergleichbare Frauenorganisationen anderer Städte, bestand der Koblenzer Frauenverein auch nach Beendigung der härtesten Not fort und erreichte bald allgemeine Anerkennung. Bereits zwei Jahre nach der Gründung nahmen die Vereinsmitglieder ein neues Betätigungsfeld in Angriff, dessen Notwendigkeit nach Ansicht Brentanos offenkundig war:

Der tägliche Verkehr mit ganz verarmten und verkommenen Familien führte die Helferinnen auf das dringende Bedürfnis einer besseren Erziehung der Töchter dieser Armen, auf daß sie gegen das Laster geschützt, im Stande wären, ihren armen Eltern zu helfen, oder einst als tugendhafte Dienstmägde ihr Brod zu erwerben. Man errichtete daher eine unentgeltliche Mädchenschule, die Vereinsschule genannt, welche im Jahr 1819 unter einer besoldeten Lehrerin mit 30 armen Kindern eröffnet wurde. Die Kinder lernen lesen, schreiben, rechnen und jene Handarbeiten, welche einer guten Dienstmagd unentbehrlich sind.

Der Verein stellte den Mädchen eine einheitliche Kleidung, wodurch sie in der ganzen Stadt als Vereinsschülerinnen zu erkennen waren und damit permanent unter Aufsicht standen.

14 Lithografie Kloster St. Barbara, um 1850 (Privatbesitz)

Kloster St. Barbara in der Löhrstraße, um 1850 (Privatbesitz).

Die Mitglieder legten anfangs keinen Wert auf eine feste Organisationsstruktur. Sie trafen sich zwar regelmäßig, die Art und Weise des Engagements blieb jedoch jeder Frau selbst überlassen. Auch einen Vorstand gab es zunächst nicht. Vielmehr wurden die Frauen, die sich im Gründungsjahr 1817 besonders hervorgetan hatten, von den übrigen als Mittelpunkt des Vereins anerkannt. Die Vielfalt der Aufgaben, die Höhe der zu verwaltenden Finanzen und nicht zuletzt die immer dringlichere Forderung der Regierung führten 1823 zu einer offiziellen Registrierung des Vereins. Da die Frauen über die Finanzen des Vereins nicht selbständig verfügen durften, wurde von Seiten der Stadtverwaltung ein geschäftsführender männlicher Vorstand bestimmt, dem der Oberbürgermeister, der Landrat, ein Geistlicher und als Rendant Hermann Josef Dietz angehörten. Der weibliche Vorstand bestand 1823 aus fünf Frauen, darunter auch Johanna Dietz. Der junge Verein finanzierte sich aus verschiedenen Quellen:

In seiner Eigenschaft als zu diesem Zeitpunkt einzige gemeinnützige Organisation der Stadt erhielt er Zeugengebühren und Entschädigungsbeiträge von den Gerichten. Das Musikinstitut veranstaltete jedes Jahr ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten des Frauenvereins und die Mitglieder trugen durch regelmäßige Verlosungen von Handarbeiten zur Aufstockung der Einnahmen bei. (Hier konnten sich dann auch Frauen, die, wie von Berta Augusti kritisiert, nur den karitativen Glorienschein erwerben wollten, engagieren.) Nicht zuletzt aufgrund der unermüdlichen Werbung insbesondere der jüngeren Mitglieder, erwarb der Verein schon bald große Popularität innerhalb der Koblenzer Bevölkerung und erhielt immer umfangreichere Spenden und Nachlässe.

13 Wohltätigkeitskonzert (Stadtarchiv Koblenz)

Wohltätigkeitskonzert des Musik-Instituts, 1847 (StAK KH 54 Nr. 34).

Einige der aktiven Vereinsmitglieder widmeten sich der direkten Armen und Krankenpflege. Die Anzahl der engagierten Frauen und Geldmittel reichten jedoch nur aus, um arme Wöchnerinnen und extrem hilflose Kranke zu unterstützen. Wesentliche Aufgabe des Vereins blieb immer der Unterricht und die Erziehung armer Mädchen. In der Freischule lernten schon im Jahr 1830 über 190 Mädchen unter zwei Fachlehrerinnen und zwei Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerinnen. Die räumliche Enge, verbunden mit der Notwendigkeit immer mehr gefährdete Mädchen aus dem Koblenzer Umland gesichert unterbringen zu müssen, machten den Erwerb eines eigenen Waisenhauses zwingend erforderlich. 1833 erwarb der Verein das ehemalige Kloster St. Barbara in der Löhrstraße und und baute es zum „Waisenhaus zur Hl. Barbara“ um. Diese Einrichtung war das erste Koblenzer Waisenhaus nach fast 40 Jahren. Von nun an nannten die Frauen ihre Organisation „Katholischer Frauenverein St. Barbara“. Zur Jahrhundertmitte umfasste die Anstalt, die auch die städtischen Mädchenarmenschulen gegen Entgelt übernommen hatte, drei Klassen mit insgesamt 200-300 Schülerinnen, die von drei Lehrerinnen unterrichtet wurden. Im Haus selbst lebten anfangs 20, nach Erweiterungsbauten um 1840 40-50 und schließlich sogar 100 Mädchen.

Mit der Leitung der neuen Anstalt beauftragte der Vorstand zunächst die aus Münster stammende Gräfin Amalia von Merveldt (eine enge Freundin von Caroline Settegast). Sie gab ihr Amt 1851 aus gesundheitlichen Gründen auf und starb nur zwei Jahre später. Daraufhin holte der Verein die Schulschwestern vom armen Kinde Jesu aus Aachen, die das Waisenhaus bis zum Kulturkampf 1870 übernahmen.

15 Merveld

Totenzettel für Amalia Huberta Reichsgräfin von Merveldt, 1853 (StAK KH 71/1 Nr. 66).

Als wertvolle Unterstützung erwies sich, dass die Protestantin Augusta, Prinzessin von Preußen, während ihrer Koblenzer Jahre das Protektorat über den katholischen Verein übernahm und ihm damit das Wohlwollen des der gesamten städtischen Oberschicht und der Regierung sicherte.

Infolge des Kulturkampfes musste der Frauenverein 1879 die Leitung des Waisenhauses erneut selbst übernehmen. Erst nach 1898 wurden die Mädchen wieder von Schwestern betreut. Der von Katharina Kasper in Dernbach gegründete Orden der „Armen Dienstmägde Christi“ leitete das Waisenhaus auch im neuen, 1908 in der Waisenhausstraße bezogenen Gebäude.

16 Waisenhaus_Koblenz-Goldgrube

Neubau (1908) des Waisenhauses St. Barbara in der Waisenhausstraße (Goldgrube).

Die Tätigkeit des Katholischen Frauenvereins erschöpfte sich aber nicht in der finanziellen Unterstützung und Kontrolle des Waisenhauses, auch wenn bis etwa 1890 jedes Jahr zur Weihnachtszeit zahlreiche Mitglieder als die „Bettlerinnen von St. Barbara“, wie sie sich selbst bezeichneten, auftraten, um für die Waisen an den Haustüren zu sammeln. Vielmehr sahen bereits die Statuten aus dem Jahr 1823 die allgemeine Unterstützung bedürftiger Personen vor. Wie die sogenannte Hausarmenpflege konkret ablief, dafür ist glücklicherweise ein Bericht der beiden Vorstandsmitgliedern Amalie von Cohausen und Luise Huyn in den Akten des Landeshauptarchivs erhalten geblieben. Die beiden Frauen besuchten im Januar 1853 auf Anregung von Vereinsmitgliedern oder der zuständigen Pastoren arme Familien in ihren Wohnungen. Auf der Basis ihrer Empfehlungen entschied dann der Vorstand darüber, ob eine Unterstützung oder Betreuung gewährt werden sollte. Die regelmäßige Armenbetreuung von durchschnittlich etwa 25 Familien wurde von den für den jeweiligen Bezirk zuständigen Mitgliedern des Vereins übernommen. Der stichwortartig über 21 Haushalte abgefasste Bericht spiegelt die verzweifelte Situation armer Familien in den extremen Notjahren nach 1846 wider. Zur Veranschaulichung sollen zwei Beispiele dienen:

„5. (Castorstr.) Moskopp, krank seit zwei Monaten, liegt zu Bett. Dr. Waldbillig

besucht sie, es fehlt ihr an kräftiger Nahrung, die der Arzt verordnet. Es ist in Folge ihres letzten Wochenbetts, daß die Moskopp noch das Bett nicht verlassen kann. Das letzte Kind ist gestorben, 1 Kind in St. Barbara, 2 Jungen in der Verwahranstalt. Erhält drei Taler um den Rock ihres Mannes aus dem Pfandhaus auszulösen, Nahrung für sie persönlich.

  1. (Weißergasse) lsola – Schneider, guter Arbeiter aber ohne Arbeit, seine Frau starb im März 1852 im evangelischen Waisenhaus. Hat 3 Knaben, 2 Mädchen, diese gehen nach St. Barbara, sind sehr schlecht gekleidet und genährt. Die Betten sahen wir nicht doch sagte lsola, der Winter ist ja nicht kalt, er schläft mit seinen 3 Jungen in einer, die beiden Mädchen in der anderen Kammer auf dem Boden. Erhält Nahrungsmittel und Arbeit.“

Kastorstraße_112-114_um_1938

Kastorstraße_73_Hinterhof_1939

Zwei Ansichten aus der Kastorgasse, 1938/1939. Bis zur Zerstörung des Straßenzuges im Zweiten Weltkrieg galt er als Quartier mit präkerer Wohnsituation (StAK FA 1-06 Kastorgasse).

Schon anhand der kurzen Schilderungen wird deutlich, dass die Hausarmenpflege nichts für zimperliche und verwöhnte Frauen war. Bei dem großen Zulauf, der Verein hatte zwischen 1853 und 1892 mindestens 150, in den meisten Jahren jedoch sogar um 200 Mitglieder, konnte sich die Mehrzahl der Frauen auf Beiträge in Form von Geldspenden oder Handarbeiten beschränken. Es ist auch nicht auszuschließen, dass einige nur beitraten, um bei dem „leidigen Dienstbotenproblem“ besseren Zugang zu den neu ausgebildeten Dienstmägden im Waisenhaus zu bekommen. Solche Fälle dürften allerdings die Ausnahme gewesen sein. Der Jahresbeitrag von 12 Silbergroschen, der um 1850 etwa dem Tagelohn eines Hilfsarbeiters entsprach, war jedenfalls für wohlhabende Frauen kein Hinderungsgrund in den Verein einzutreten.

Von über 70 Prozent der Frauen, die zwischen 1853 und 1908 dem Verein beitraten, ließen sich die Berufe des Vaters oder des Ehemanns ermitteln. Hiervon gehörten etwa 62 Prozent dem gehobenen Bürgertum bzw. der Oberschicht an. Etwa 11 Prozent zählten zum Adel oder höchsten Offiziers- und Beamtenkreisen, 21 Prozent zum höheren öffentlichen Dienst, 13 Prozent zu freien Berufen, 17 Prozent waren wohlhabenden Kaufleute und Bankiers. Von den übrigen Mitgliedern zählten 10 Prozent zu Handwerkern und Kleinhändlern, knapp 20 Prozent waren Rentner und 8% gehörten zu mittleren und kleinen Beamtenfamilien.

Zeitgemäß besaßen nur vier Prozent der Frauen eine eigene wirtschaftlichen Existenz, hauptsächlich handelte es sich dabei um Inhaberinnen kleiner Ladengeschäfte. Zwischen 25 und 40 Prozent aller Mitglieder waren

unverheiratet. In einigen Familien war die Mitgliedschaft der Frauen im Verein selbstverständlich und eine über Generationen beständige Tradition. Hier sind neben den Familien Görres, Dietz und Maas u.a. die Deinhards und Wegelers zu nennen. Die Frauen traten nach dem Beispiel ihrer Mütter oder Tanten bereits in jugendlichem Alter ein und setzten die Mitgliedschaft auch nach einer eventuellen Verheiratung oft bis zu ihrem Tode fort. Die Mitgliedsdauer betrug deshalb in einigen Fällen über 50 Jahre.

Der weibliche Vorstand wurde meist jährlich neu gewählt, wobei einige Frauen ihm in verschiedenen Funktionen jahrzehntelang angehörten. Der Ende des Jahrhunderts aus fünf Mitgliedern, darunter einem Priester, bestehende männliche Vorstand spielte soweit ersichtlich im Alltag des Vereins keine Rolle. Seine Aufgabe bestand fast ausschließlich in der Finanzverwaltung.

Frömmigkeit spielte allem Anschein nach im katholischen Frauenverein St. Barbara eine untergeordnete Rolle. Den engagierten Frauen kam es mehr aufs Helfen denn aufs Beten an. Der Verein bestand bis zum Jahr 1954, dann ging er im Katholischen Deutschen Frauenbund auf, bis zuletzt hat er alle Projekte ausschließlich aus eigenen Mitteln finanziert.

Der Koblenzer katholische Frauenverein scheint beispielhaft auf andere karitative Frauenorganisationen, insbesondere auf die Elisabethvereine, gewirkt zu haben. Die den katholischen Pfarrämtern angeschlossenen Elisabethvereine breiteten sich von ihrem Ursprungsort Trier ab 1840 im gesamten katholischen Deutschland aus und bildeten eine Grundlage für die katholische Frauenbewegung. In Koblenz wurde 1844 der erste Elisabethverein gegründet. Ende des 19. Jh. gab es davon in jeder der vier Stadtpfarreien einen. Die Vereinsfrauen unterstützten arme Witwen und alleinstehende Frauen mit Brot, Kohlen u.a. Naturalien und strebten allgemein die sittliche Hebung des Familienlebens an.

Während des 19. Jh. etablierten sich in Koblenz eine Reihe weiterer karitativer Vereinigungen, die ausschließlich Frauen zu ihren Mitgliedern zählten. Im Jahr 1904 gab es allein in Koblenz insgesamt 19 Wohltätigkeitsorganisationen, darunter acht reine Frauenvereine.

Trotz der katholischen „Übermacht“ bestand seit 1834 in der noch immer kleinen evangelischen Gemeinde ein eigener Frauenverein. Nach Anfangsschwierigkeiten sorgte der Beitritt von Prinzessin Augusta 1850 für ein rasches Aufleben der Vereinstätigkeit. Zu der Einkleidung armer Konfirmanden kamen bald weitere Aufgaben, wie die Unterstützung bedürftiger evangelischer Frauen und Kinder, wozu auch die Beschaffung von Näh- und Flickarbeiten zählte. Ab 1878 übernahmen Diakonissen die Unterstützung notleidender evangelischer Familien.

Als überkonfessionelle Vereinigung kam 1868 im Kreis Koblenz eine Filiale des Vaterländischen Frauenvereins zusammen. In Preußen gab es diese Vereine schon seit den Befreiungskriegen. Die zehn weiblichen Gründungsmitglieder gehörten alle bereits zur Führungsspitze des katholischen oder evangelischen Frauenvereins. Die von Seiten des Königshauses besonders geförderte Vereinigung wies im Koblenzer Raum bereits ein Jahr nach der Gründung 209 ordentliche und 322 außerordentliche Mitglieder auf. Die vergleichsweise hohen Beiträge hielten sogenannte schlechte Gesellschaft fern. Im Vaterländischen Frauenverein waren die Damen der Oberschicht und des gehobenen Bürgertums unter sich. Er tat sich insbesondere während des Ersten Weltkriegs in der Soldatenbetreuung hervor.

Neben den großen Organisationen gab es immer wieder kleinere, die zum Teil nur kurze Zeit bestanden. So existierte um die Wende zum 20. Jh.  ein Verein für die Ausstattung armer Wöchnerinnen.

 

4. Weibliche Ordensgemeinschaften in der Koblenzer Armen-, Kranken- und Altenpflege des 19. Jahrhunderts

Bei allem Engagement reichte die ehrenamtliche Tätigkeit von Frauen bei Weitem nicht aus, um die Lücken der staatlichen Armenfürsorge zu schließen. Die Hauptarbeitslast auf dem Gebiet der Kranken- und Armenpflege trugen in den meisten deutschen Städten die kirchlichen Frauengenossenschaften. Das war auch in Koblenz nicht anders. In dem noch zu Beginn des 20. Jh. zu drei Vierteln katholischen Koblenz prägten katholische Ordensschwestern das Bild.

Um 1800 gab es im Rheinland allerdings nur wenige kleine und leistungsschwache Gemeinschaften, die sich im karitativen Bereich betätigten. Ein allgemeiner Niedergang des klösterlichen Lebens zur Zeit der Aufklärung, sowie die Säkularisation unter französischer Herrschaft, hatten die Situation verschärft. Hier brachte die religiöse Erweckungsbewegung des frühen 19. Jh. eine Wende. Eine ständig steigende Zahl junger Frauen fühlte sich berufen, ihr Leben ganz in den Dienst Gottes und benachteiligter Menschen zu stellen. Vorübergehende Einschränkungen erfuhren alle Ordensgemeinschaften während des sog. Kulturkampfes nach 1873. Die Auseinandersetzung zwischen katholischer Kirche und Staat steigerte sich schließlich 1875 bis zur Ausweisung sämtlicher Orden und Genossenschaften außer jenen, die sich der Krankenpflege widmeten. Erst 1891 waren die restriktiven Gesetze wieder abgebaut.

Frauen die kein geeignetes Betätigungsfeld innerhalb bestehender Gemeinschaften fanden, schritten häufig zur Neugründung einer Kongregation. Die neuen Genossenschaften lebten nicht mehr hinter Klostermauern. Sie suchten die Not der Menschen in Haus, Familie und Hospiz zu lindern. Die Stifterinnen entstammten meist einfachen, ja ärmlichen Verhältnissen. Außer den Schwestern vom Hl. Geist in Koblenz (heute Marienhof), die ausschließlich gegen Bezahlung für Bürgerfamilien tätig waren und auf deren Geschichte deshalb hier nicht eingegangen werden kann, arbeiteten sie während der ersten Jahre oft unter härtesten Entbehrungen und widmeten sich vornehmlich den ärmeren Mitbürgern.

Gemeinsames Merkmal all dieser Frauengenossenschaften ist bis heute die Arbeit in der Armen- und Krankenpflege im Anschluss an eine fundierte Ausbildung, die Anlehnung an die Amtskirche und damit verbunden die Unterstellung der Schwestern unter die Aufsicht der geistlichen Oberen.

 

4.1. Borromäerinnen, Barmherzige Schwestern

Organisation und Arbeit der Schwesterngenossenschaften lassen sich für Koblenz am besten anhand der mit Abstand bedeutendsten Vereinigung, der „Schwestern vom hl. Karl Borromäus“, auch „Barmherzige Schwestern“ genannt, darstellen. Diese Kongregation, im Frankreich des 17. Jh. von Vinzenz von Paul zur Betreuung armer und kranker Menschen gegründet, hatte ihr Stammhaus in Nancy. Seit 1811 gab es eine erste große Filiale der Borromäerinnen in Trier, die 1849 zum Mutterhaus der deutschen Borromäerinnen wurde.

Die Arbeit der Borromäerinnen hat die sozialkaritative Arbeit der Kirche des 19. Jh. revolutioniert. Sie hat die alten Genossenschaften mitgerissen, so wie sie die neu entstehenden inspirierte. Es gab damals keine Krankenpflegerinnen von vergleichbarer Qualität. Die Genossenschaft stellte ihre Schwestern auf Basis eines Vertrages gegen Bezahlung für die Arbeit in den übernommenen Häusern zur Verfügung. Sie sorgte im Mutterhaus für die Ausbildung des Nachwuchses und zog alle arbeitsunfähigen Schwestern aus den Filialen dorthin zurück. Strenge Aufnahmerichtlinien bildeten zusammen mit einer harten und fundierten Ausbildung die Hauptvoraussetzungen für die Leistungsfähigkeit der Kongregation. Zugelassen waren ausschließlich unverheiratete, gut beleumundete Frauen, die bei ihrem Eintritt eine dem Vermögen der Familie entsprechende Mitgift zu entrichten hatten. Angaben über Herkunft und Bildung der jungen Frauen sind erst für das Ende des Jahrhunderts vorhanden. Demnach stammten sie fast zur Hälfte aus Familien, die in der Landwirtschaft ihr Auskommen fanden. weitere 30% kamen aus dem Kleingewerbe- oder Kaufmannsstand und bei etwa 11 Prozent waren die Väter Beamte oder Militärs. Das Bildungsniveau lag deutlich über dem Durchschnitt. 1899 besaßen rund 60% der Schwestern eine höhere Schulbildung. Die Ausbildung bei den Schwestern in Nancy und später im Trierer Mutterhaus war entsprechend anspruchsvoll. Postulantinnen, die sich während der einjährigen Unterweisung durch Lehrschwestern als geeignet erwiesen, erhielten während ihres 3-4jährigen Noviziats in den verschiedensten Krankenstationen eine ausgefeilte Schulung durch Stationsschwestern und Ärzte. Hinzu kam theoretischer Unterricht in Theologie und christlicher Philosophie. Ein derart umfassendes Ausbildungsprogramm hatten öffentliche Krankenpflegeschulen erst im 20. Jahrhundert zu bieten.

Bei dem anerkannt hohen Leistungsniveau der Borromäerinnen erscheint es nur natürlich, dass die Koblenzer stark daran interessiert waren, Schwestern dieser Genossenschaft in der Stadt zu beschäftigen. Aufgrund der Eröffnung eines neuen Hospitals bestand nämlich dringender Bedarf für qualifiziertes Pflegepersonal. Das neue Hospital war nach Auflösung der alten Einrichtungen auf der Basis eines kaiserlich französischen Dekrets 1805 im ehemaligen Franziskanerkloster in der Kastorgasse eingerichtet worden. Es finanzierte sich aus den noch vorhandenen alten Stiftungen und diente zwischen 1806 und 1825 als Militärlazarett. Dann sammelte Hermann Josef Dietz genügend Spendengelder, um es in ein helles und freundliches Krankenhaus umzugestalten. Hermann Josef und Johanna Dietz gelang es, nach der von Luise Hensel organisierten Vorbereitung, Barmherzige Schwestern als Pflegepersonal zu gewinnen. Am 10. Juli 1826 traf die Generaloberin mit ihrer Assistentin und sechs Schwestern zur Übernahme des Bürgerhospitals in Koblenz ein. Wenn auch manche Bewohner des Hospitals zunächst über die neue Ordnung stöhnten, so entwickelte es sich doch bald zu einer Musteranstalt, die als Modell für manche Krankenhausreform diente. Der Vertrag zwischen Stadt und Kongregation wurde bis 1973 immer wieder verlängert. Der Umzug vom Hospital in den Kemperhof nach 1921 änderte hieran nichts.

Wieder übernahm Clemens Brentano, der seit 1811 seine Honorare regelmäßig wohltätigen Zwecken zuführte, die Rolle des Propagandisten. Sein 1831 erschienenes, erfolgreiches Buch „Die Barmherzigen Schwestern in Bezug auf Armen- und Krankenpflege nebst einem Bericht über das Bürgerhospital in Koblenz“, dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass sich die Borromäerinnen zur erfolgreichsten Krankenpflegegenossenschaft in Deutschland entwickelten.

19 Clemens Brentano, Die Barmherzigen Schwestern, Frontispiz

Clemens Brentano: Die Barmherzigen Schwestern in Bezug auf Armen- und Krankenpflege. Nebst einem Bericht über das Bürgerhospital in Coblenz und erläuternden Beilagen. Coblenz: Hölscher, 1831, Frontispiz (StAK MAG 1123).

Der von Brentano geschilderte Tagesablauf im Hospital ließ den Schwestern keine Zeit für ein Privatleben:

Die Schwestern stehen im Sommer um halb vier, im Winter um halb fünf Uhr auf. Nachdem sie ihr Gebet vollendet und ihren gemeinschaftlichen Schlafsaal aufgeräumt haben, begeben sie sich in die Krankensäle, räumen dort aut machen die Betten und vertheilen das Frühstück. lm Sommer nach 7 Uhr, im Winter nach 8 Uhr ist dieses Alles vollbracht und die Schwestern begeben sich mit allen zum Hause gehörigen Personen, welche nicht bettlägerig oder von anderer Confession sind, zur Hospitalkapelle. Nach Beendigung des Gottesdienstes begibt sich jede Schwester zu dem Amte, dem sie vorsteht, und jene, welchen die Krankensäle obliegen, begleiten nun den Arzt und Chirurgen, die zu dieser Zeit ins Haus kommen, in die Krankensäle; hier berichten sie Bett vor Bett über das Verhalten des Kranken und die Ausführung der letzten Verordnungen des Arztes, wohnen dem Krankenexamen bei und empfangen die neuen Verordnungen, welche in der Haus-Apotheke bereitet werden. … Die Ärzte erkennen ihre Leistung in vollem Maße an und erklären ihr Geschäft dadurch sehr erleichtert…

Um 12 Uhr ist das Mittagsmahl. Wenn alle Leute gegessen haben, gehen die Schwestern zu Tische und essen zusammen in ihrem Refektorium. Im Sommer um sechs, im Winter um fünf Uhr wird zur Nacht gegessen. Gegen sieben bis acht Uhr begeben sich alle in die Schlafsäle und die Schwestern besorgen alles Nöthige für die Nacht, worauf auch sie zu ihrem Abendessen gehen. Bei sehr gefährlich Kranken oder Sterbenden wacht eine Schwester oder kommt in der Nacht nachzusehen ob Nichts fehle.

20 Bürgerhospital, um 1900 (Stadtarchiv Koblenz)

Bürgerhospital, um 1900 (StAK FA 2 Nr. 3732, Fotograf Adolf Hirsch).

Die zunächst sechs Schwestern, die von 12 Dienstboten und Wärtern unterstützt wurden, versorgten im ersten Jahr, 50 altersschwache und gebrechliche Einwohner auf Lebenszeit und insgesamt 292 Kranke. Darunter waren allein 64 erkrankte zahlungsunfähige Einwohner, 56 erkrankte Fremde, 130 Handwerksgesellen für die eine eigens eingerichtete Krankenkasse und Dienstboten, für die der Arbeitgeber aufkommen musste. Hinzu kamen 42 zahlende Kranke und zunächst 4 Waisenkinder. Bis zum Jahrhundertende wuchs die Anzahl der Schwestern und ihrer Pflegebedürftigen stetig an. 1899 waren es schließlich 31 Schwestern, die unterstützt von 41 Hilfskräften insgesamt 2.631 alte und kranke Menschen betreuten. Von außergewöhnlichen Belastungen blieb das Koblenzer Hospital und damit auch die Schwestern weitgehend verschont. So wirkten sich die andernorts grassierenden Epidemien in Koblenz vergleichsweise gering aus. Allerdings gab es 1833, 1866 und 1892 einige Choleraopfer, darunter 1866 eine Pflegeschwester; und 1882 brach eine Pockenepidemie aus, die jedoch infolge rascher Isolierungsmaßnahmen nur 30 Tote forderte.

Während der zweiten Jahrhunderthälfte übernahmen die Borromäerinnen zahlreiche weitere Institutionen in Koblenz und Umgebung u.a. arbeiteten sie in den beiden Ehrenbreitsteiner Hospitälern, im Waisenhaus Kemperhof und in der Kleinkinderbewahranstalt. An der Wende zum 20. Jahrhundert waren mindestens 54 Barmherzige Schwestern in Koblenz und Ehrenbreitstein tätig.

21 Koblenzer Borromäerinnen, 1995

Koblenzer Borromäerinnen, 1995.

 

4.1.1.Amalie von Lassaulx ( 1815-1872)

Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern erhielt auch aus bekannten Koblenzer Familien Zulauf. So traten ihr alle drei Töchter des Koblenzer Bauinspektors Johann Claudius von Lassaulx bei. Amalie Augustine beschritt einen außergewöhnlichen Lebensweg. Zunächst machte sie eine erfolgreiche Ordenskarriere. Nach einer Ausbildung zur Apothekerin übernahm sie bereits mit 34 Jahren als Oberin die Leitung des Bonner Bürgerhospitals. Während der Kriegsereignisse von 1864 und 1866 beeindruckte sie durch ihre herausragenden krankenpflegerischen Kenntnisse. Nach dem Vatikanischen Konzil, nahm ihr Leben eine drastische Wende. Infolge ihrer Hinwendung zum Altkatholizismus wurde Amalie aus der Kongregation ausgeschlossen, Fast ebenso schmerzlich war für sie, die zuvor in führenden intellektuellen Bonner Kreisen verkehrt hatte, dass sie den Rest ihres Lebens als gesellschaftliche Außenseiterin verbringen musste. Amalie von Lassaulx blieb jedoch allem Anschein nach im 19. Jh. die einzige Koblenzerin, die soziales Engagement mit einem kritischen Geist und ausgeprägtem politischen Bewusstsein verband. Nur von ihr sind auch Hinweise darauf überliefert, wie der zunehmend fanatische Katholizismus in Koblenz zuvor befreundete Familien entfremdete und darüber hinaus sogar zu Streitigkeiten und Spaltungen innerhalb einiger Familien führte.

22 Amalie von Lassaulx

Amalie von Lassaulx (Schwester Augustine).

 

4.2. Weitere Kongregationen der Armen- und Altenpflege

Nach dem Vorbild der Barmherzigen Schwestern entstanden während des 19. Jh., zahlreiche weitere Vereinigungen mit unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern. Für Koblenz war die 1845 in Aachen durch Franziska Schervier ins Leben gerufene „Genossenschaft der Armen-Schwestern vom hl. Franziskus“ von Bedeutung. 1854 nahmen zunächst 6 Schwestern ihre Tätigkeit in Koblenz auf. Sie widmeten sich der Armen- und Krankenpflege, bewirtschafteten bis zum Ende des Ersten Weltkrieges die von der Stadt fast in jedem Winter finanzierte Suppenanstalt für Arme und gaben bis zu ihrem Rückzug aus dem Eltzerhof 1992, nach 101 Jahren, täglich warme Mahlzeiten an Menschen ohne Wohnung aus.

23 Franziska Schervier

Franziska Schervier.

Im Koblenzer Stadtbereich gab es um 1900 neben den 54 Borromäerinnen, sieben Schwestern der armen Dienstmägde Christi im Waisenhaus St. Barbara, 19 Franziskanerinnen im Eltzerhof und nicht zuletzt 2-3 evangelische Diakonissen. In Arenberg betätigten sich die Dominikanerinnen seit 1868 in der Kranken- und Altenpflege. Seit 1889 kümmerten sich dort Franziskanerinnen im Rahmen des Seraphischen Liebeswerkes um benachteiligte und verwaiste Kinder.

 

5. Fazit

Die private und kirchliche Sozialfürsorge wurde im 19. Jahrhundert überwiegend von Frauen getragen und war unentbehrlich. Sowohl unter den „Profis“, den Ordensschwestern, als auch unter den ehrenamtlich tätigen Vereinsmitgliedern gab es verantwortungsbewusste, mutige Frauen, die teilweise bis zur Grenze ihrer Belastbarkeit im karitativen Bereich arbeiteten. Motiviert waren sie sicherlich in erster Linie durch eine echte Berufung im christlichen Sinne. Hinzu kam in vielen Fällen der Wunsch, einem unbefriedigenden Dasein in häuslicher Enge zu entfliehen. Von den Idealen der Frauenbewegung, die mit der Revolution von 1848 einsetzte und gleiche Rechte sowie die Möglichkeit der Berufstätigkeit für Frauen forderte, blieben die Koblenzerinnen lange Zeit unberührt. Diese Frauen wurden nicht von emanzipatorischen Gedanken geleitet. Sie gründeten und verwalteten ihre Genossenschaften und Vereine zwar weitgehend selbst und wirkten damit beispielgebend für neu entstehende Frauenorganisationen. Die Frauen waren jedoch nicht daran interessiert, aus ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit eine bezahlte Arbeit zu machen. Sie prägten allerdings mit ihrem Ideal der Mütterlichkeit ein Anforderungsprofil für die berufstätige Frau und Mutter, das bis heute in vielen Köpfen fest verankert ist.

 

Literaturauswahl

 

Bertha Augusti, Ein verhängnisvolles Jahr, Roman in zwei Teilen neu hrsg., eingeleitet u. kommentiert von Heinz Monz, Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur, Koblenz 1989.

Binder, Luise Hensel. Ein Lebensbild nach gedruckten und ungedruckten Quellen, Freiburg i. Br. 2. Aufl. 1885.

Ute Frevert, Frauen-Geschichte: Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Frankfurt/Main 1986.

Erwin Gatz (Hrsg.), Geschichte des kirchlichen Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Bd.5: Caritas und Soziale Dienste, Freiburg 1997.

Petra Habrock-Henrich, Berufung statt Beruf, Frauen in der Koblenzer Armenfürsorge des 19. Jahrhunderts, Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur, NF 4, Koblenz 1994, S. 61-78.

A(malie) H(assenpflug), Margarete Verflassen. Ein Bild aus der katholischen Kirche, Hannover 1870.

Hausen u. H. Wunder (Hrsg.), Frauengeschichte – Geschlechtergeschichte (Reihe Geschichte und Geschlechter, Bd. 1), Frankfurt 1992.

Joachim (Elisabeth von Knackfuß), Caroline Settegast. Eine Zeitskizze mit Lebensbildern, Coblenz 1875.

Gerda Lerner, Frauen und Geschichte, Bd. II : Die Entstehung des feministischen Bewußtseins.  Vom Mittelalter bis zur Ersten Frauenbewegung., Frankfurt/ New York 1993.

Günther Wohlers, Die Frauen des Koblenzer Görreskreises. Mittelrheinische Geschichtsblätter, Beilage zur Koblenzer Volkszeitung, 4, 1924, Nr. 2/3.

 

#Dietz, Hermann Josef #Görres, Josef #Brentano, Clemens #Augusta (dt. Kaiserin) #Wilhelm I. (dt. Kaiser) #Augusti, Bertha #Hensel, Luise #Diepenbrock, Apollonia #Dietz, Johanna #Settegast, Caroline #Verflassen, Margarete #Nell, Gertrude #Merfeldt, Amalia Huberta von #Hirsch, Adolf #Lassaulx, Amalie von #Schervier, Franziska

 

Anton Gastauer (1807-1850), Maler und Lithograph. Eine biographische Skizze

Gastauer_Anton_1837

Ausschnitt aus: Karte der Umgebungen v. Coblenz, entworfen und gezeichnet von Johann Becker 1830. Hrsg. vom Landesvermessungsamt Rheinland-Pfalz. Koblenz 1989, Kartenbeilage.

 

Peter Kleber porträtiert den Zeichner und Lithographen, der in Boppard geboren wurde, in Koblenz seine Ausbildung erhielt, später im Württembergischen tätig war, in Krofdorf bei Gießen heiratete und dort auch starb.

Link zur PDF-Datei

#Kleber, Peter #Gastauer, Anton

Beobachtungen zur Verbürgerlichung des Feuerwerks und den Ursprüngen von „Rhein in Flammen“

StAK_P_144

Werbeplakat für „Rhein in Flammen“, ca. 1931/1932 (StAK P Nr. 144).

 

Von unserer Gastautorin Katharina Thielen

 

Vor 210 Jahren lasen die Koblenzer unter der Überschrift „Öffentliche Lustbarkeiten“ folgende Ankündigung im Koblenzer Anzeiger:

 

Kröll_Anzeige

 

„Nächsten Montag wird in dem Hasischen Garten vor der Moselbrück zu jedermanns Beleichtung seyn, wo jeder frey eingehen kann, und nach belieben allmögliche Erfrischungen in den billigsten Preisen zu haben seyn wird.“[1]

Der Anlass der Feierlichkeit wird dem deutschsprachigen Leser verschwiegen und nur der französischen Übersetzung beigefügt. Da jedoch der Großteil der zeitungslesenden Koblenzer Bürgerinnen und Bürger im Jahre 1808 der französischen Sprache mächtig war, erfuhren sie in der nächsten Zeile, dass das Feuerwerk „à l’occasion du fête de St. Napoléon“ d.h. am Napoleonstag veranstaltet werden sollte. – Eine Zusatz-Information, die angesichts der umfangreichen Festkultur in der sogenannten Franzosenzeit (1794-1813) ohnehin allgemein bekannt war.[2] Auch „der Garten des Herrn Kröll“ sollte laut Anzeiger am Geburtstag des Kaisers „recht schön beleuchtet werden.“

Beide Gastgeber hatten von der französischen Herrschaft am Rhein profitiert und gehörten zu einer neuen gesellschaftlichen Elite, die es im Staatsdienst unter Napoleon zu Reichtum und Ansehen gebracht hatte. Dass sie ihre Gärten zu Ehren des Staatsoberhauptes beleuchteten, verwundert demnach kaum. Johann Kröll war als Mitglied einer angesehenen Schifferfamilie aus Neuendorf, Besitzer des Gasthofes Zu den Drei Schweizern und saß von 1801 bis in die preußische Zeit hinein im Koblenzer Munizipal- bzw. Stadtrat. Johann Baptist Haas leitete ein Advokatenbüro, dem unter anderen Franz von Lassaulx angehörte. Auch er war Munizipalrat und sollte einige Jahre später zum Mitglied des Collège électoral du département aufsteigen. Vermutlich war es sein Bruder Peter, der 1807 einen Tanzsaal an der Moselbrücke errichtete und seitdem „den Sommer hindurch“ zu „echten guten rothen und weißen Weinen“ einlud. Er war Kaufmann und ebenfalls Mitglied der Munizipalität.[3]

Öffentliche Spektakel am Himmel kannte man in der ehemaligen kurtrierischen Residenzstadt seit dem 16. Jahrhundert. Als ein für alle Einwohnerinnen und Einwohner sichtbares Mittel der Verherrlichung wurden sie hauptsächlich zu Ehren der Obrigkeit bei höfischen Festveranstaltungen oder anlässlich des Besuchs hochrangiger Gäste eingesetzt. Dabei handelte es sich um wohldurchdachte Darbietungen, die künstlerische und technische Fertigkeiten erforderten und sehr kostspielig waren. Mit figürlichen Lichtreflexen, heroischen Bildformen oder biblischer Symbolik transportierten Feuerwerke diverse Bedeutungsinhalte, sodass sie mit Schauspielinszenierungen verglichen werden können und im historischen Kontext zweifellos eine höchst imposante Art der Unterhaltung abgaben.[4]

In der Franzosenzeit ließ die Begeisterung für Feuerwerke und Lichtspiele nicht nach. Im Gegenteil, der Wegfall der strengen Brandordnung ermöglichte es zahlreichen Einwohnern, solche Unterhaltungskünste vorzuführen und sie nicht nur anlässlich der staatlich vorgegebenen Feiertage abzubrennen. Eine schleichende „Verbürgerlichung der Oberschicht“[5], verbunden mit der Möglichkeit des Grundstückserwerbs im Rahmen der Nationalgüterversteigerungen, führte vielmehr dazu, dass man in Koblenz das ganze Jahr über Raketen in die Luft schoss. So bekam Johann Kröll beispielsweise Konkurrenz durch den wohlhabenden Handelsmann Ludwig van Gelder. Beide leisteten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts förmlich einen Kampf um die Kunst der Illumination, der in der Zeitung dokumentiert wurde. Zwischen 1806 und 1810 schienen beide ihr Unterhaltungsangebot parallel zu steigern. Während Johann Kröll seinen Garten am Rhein stets „recht schön beleuchtet[e]“[6], dabei „Wein oder sonstige Erfrischungen“[7] reichte und Sonn- und Feiertags „Tanzmusik“[8] spielte, wurde in „Van Gelders Garten bei niedlicher Beleuchtung“[9] meistens zur gleichen Zeit „ein großes Feuerwerk abgebrannt“[10], von Zeit zu Zeit aber auch „schöne Musik gehalten“[11] und 1809 gar „eine schöne Flöten Uhr, welche 8 Tage ohne Aufziehen, Stund und halbe Stund schlagt und repetiert, Secund, Stund, Minuten wie auch Monatslauf und Datum anzeigt, zu 90 Loos mit 6 Würfeln ausgespielet.“[12] Im Winter empfahl sich Van Gelder „seinen Freunden […] auf ein gut Glas Wein in seinem Hause. Sein Billardzimmer [sei] bereits morgens um 8 Uhr geheizt, wo alltäglich deutsche und französische Zeitung zur Unterhaltung beihanden“[13] lagen – diesem Angebot hatte Kröll schließlich nichts mehr entgegenzusetzen.

 

Kröll_vs_vanGelder

Anzahl der von Kröll und Van Gelder im Koblenzer Anzeiger geschalteten Annoncen.

 

[1] Koblenzer Anzeiger (KA), Nr. 32 vom 10.8.1808.

[2] Schneider, Ute: Politische Festkultur im 19. Jahrhundert. Die Rheinprovinz von der französischen Zeit bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1806–1918). Essen 1995.

[3] Zur Transformation der Koblenzer Gesellschaft während der Franzosenzeit vgl. Müller, Jürgen: Von der alten Stadt zur neuen Munizipalität. Die Auswirkungen der Französischen Revolution in den linksrheinischen Städten Speyer und Koblenz. Koblenz 1990.

[4] Dülmen, Richard van: Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit. Bd. 2: Dorf und Stadt (16.–18. Jahrhundert). München 1992 und Brommer, Peter/Krümmel, Achim: Höfisches Leben am Mittelrhein unter Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Trier (1739–1812). Zum 200. Todestag des letzten Trierer Kurfürsten. Koblenz 2012 (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz Bd. 114).

[5] Müller, Jürgen: Die Französische Herrschaft. In: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2 Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart. Hrsg. v. Energieversorgung Mittelrhein GmbH. Stuttgart 1993, S. 19–48, hier S. 40.

[6] KA, Nr. 33 (1808). Vgl. KA, Nr. 32 und Nr. 37 (1810).

[7] KA, Nr. 34 (1806).

[8] KA, Nr. 40 (1809).

[9] KA, Nr. 33 (1807).

[10] KA, Nr. 23 (1808).

[11] KA, Nr. 8 (1810).

[12] KA, Nr. 26 (1804).

[13] KA, Nr. 44 (1810).

„Über die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“. Die Vergnügungskultur in Koblenz um 1800

 

Von unserer Gastautorin Katharina Thielen[1]

 

„Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern:

          Erstens eine Herkunft von gesunden, weder zu alten noch zu jungen Aeltern, und ein Körper ohne Gebrechen, dabei zweitens der Genuß einer vernünftigen Erziehung […] Vierzehntens: Vergnügen, Zufriedenheit, Bekämpfung der Leidenschaften, vernünftige Religion, stete angenehme Hoffnungen für dieses und das künftige Leben, fröhlicher Umgang mit Freunden. Fünfzehntens: Freudiges Lachen ist sehr gesund […] Sechzehntens: Angenehme Geistesbeschäftigungen und Unterhaltungen, Betrachtungen der Natur, der Werke Gottes u. s. w. Siebzehntens: Ungezwungenes Betragen gegen andere und das stete gleichbleiben in seinem eigenen Charakter. Achtzehntens: Angenehme Sinnreizungen des Gehörs, des Geschmacks, des Geruchs und des Gefühls. Alles dieses befördert die Lebensdauer, der Mensch sei in welchem Alter er wolle.“[2]

 

Diese von Wundarzt- und Arzneykundedoctor Wallich zusammengestellte Empfehlung er­schien im September 1798 im Kalender zum Gebrauche der Bewohner der vier neuen Departements auf dem linken Rheinufer in der Stadt Koblenz. Vier Jahre zuvor, am 23. Oktober 1794, hatten die französischen Revolutionstruppen die Stadt eigenommen und seitdem sukzessive nach französischem Vorbild umgeformt. Wie der Titel des Kalenders impli­ziert, sollte er den Einwohnern in erster Linie praktische Hilfestellungen für das alltägliche Leben bieten. Dementsprechend beinhaltet auch die Liste der Verlängerungsmittel des Lebens – Ueberhaupt und für jedes Alter hauptsächlich Ratschläge, die die physische Gesundheit betreffen. Die letzten fünf Punkte zeugen jedoch von der hohen Bedeutung, die dem Verlän­gerungsmittel Vergnügen in verschiedener Ausprägung beigemessen wurde. Doch was genau verstanden die Zeitgenossen unter Vergnügen?

Auf den ersten Blick scheinen die Quellen über „Freudiges Lachen“, „Angenehme Sinnesrei­zungen“, „Geistesbeschäftigungen und Unterhaltungen“[3] in Koblenz zu schweigen. Wirft man unmittelbar vor der sogenannten Franzosenzeit einen Blick in die Zeitungen, findet man bei­spielsweise nur drei verschiedene Einrichtungen, die Musik-und Tanzveranstaltungen anbo­ten.[4] 1810 luden hingegen über zehn Gastgeber zu solchen Vergnügungen ein.[5]

Wie diese Entwicklung von statten ging, soll Gegenstand der folgenden Ausführungen sein. Ziel ist es, den Vergnügungs- und Unterhaltungsange­boten zur Zeit der französischen Herrschaft und somit gleichzeitig an der Schwelle der Mo­derne nachzuspüren. Dabei werden Kontinuitäten und Brüche im Vergleich zur Koblenzer Vergnügungskultur in der kürfürstlichen Zeit herausgestellt, um anschließend Rückschlüsse auf die Veränderung der dortigen Gesellschaftsstruktur ziehen zu können.[6]

 

Städtische Vergnügungskultur zur Zeit des letzten Trierer Kurfürsten

Um 1500 gab es im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation etwa 3500 Städte, wovon ca. 25 zu den Großstädten mit mehr als 10.000 Einwohnern und 175–200 zu den Mittelstädten mit 2000–10.000 Einwohnern gehörten. Hinzu kamen einige hundert Kleinstädte mit 1000–2000 Einwohnern und knapp 3000 Kleinst- oder Zwergstädte, die jeweils bis zu 1000 Einwohner zählten.[7]

Koblenz ist, mit einer Einwohnerzahl von unter 5000[8] gegen Ende des 17. Jahrhunderts und 8300–8500[9] kurz vor dem Einmarsch der Revolutionstruppen 100 Jahre später, den Mittelstädten zuzuordnen und war nach Trier die zweitgrößte Stadt im Kurfürstentum Trier, zu dem es seit 1562 gehörte. Dabei machten Immigranten einen beträchtlichen Anteil der Gesamtbevölkerung aus, wobei die Gründe hierfür keineswegs wirtschaftlicher Natur waren. Denn trotz der günstigen Lage am Zusammenfluss von Rhein und Mosel stand die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Koblenz in der Frühen Neuzeit hinter jener anderer Städte wie zum Beispiel Köln und Mainz hinten an. In politischer und kultureller Hinsicht wird sie durch ihren Status als „kurfürstlich trierische niedererzstiftische Haupt-, Direktorial- und Residenzstadt“[10] jedoch umso bedeutsamer eingestuft. Im Jahre 1626 führte der Bau der kurfürstlichen Residenz, der Phillippsburg, im rechtsrheinischen Ehrenbreitstein zur ständigen Präsenz des Herrschers und zur Ansiedlung zahlreicher Hof- und Verwaltungsbeamte auf der unmittelbar gegenüberliegenden Rheinseite in Koblenz. Seitdem wurde die administrative Herrschaftsorganisation zunehmend von dort gehandhabt, sodass Koblenz zur zweiten Hauptstadt bzw. zum „weltlichen Machtzentrum“[11] des Kurfürstentums aufstieg, wohingegen Trier als „geistliches Zentrum“[12] fungierte. Mit dem Schlossbau in der Koblenzer Neustadt durch Kurfürst Clemens von Wenzeslaus war diese Entwicklung 1786 schließlich beendet und eine Phase kultureller Blüte eingeleitet.[13]

Mit dem Kurfürst siedelte auch der Hofstaat, die Garnison sowie weitere 200 bis 300 Adelige in die linksrheinische Stadt über, sodass sich die dortige Bevölkerungsstruktur[14] schlagartig veränderte.[15] Insgesamt machte die Oberschicht mit 2347 Personen nun 30,6% der Gesamtbevölkerung aus. Davon standen ca. 1000 Personen (12,5%)[16] direkt im Dienste des Kurfürsten. Diese Bevölkerungsgruppe ließ sich überwiegend in der kurz zuvor angelegten Neustadt nieder, modifizierte dort mit dem Bau neuer prächtiger Adelshöfe das bisher mittelalterlich geprägte Stadtbild und verhalf so den 2508 Handwerken zu neuen Aufträgen. Diese waren Teil der Koblenzer Mittelschicht, die mit 3163 Personen (42%) recht ausgeprägt war, und als größte Berufsgruppe (32,7%) überhaupt einen „zentralen und beherrschenden Platz innerhalb der städtischen Gesellschaft“[17] einnahm. Ihren Wohnraum im mittelalterlichen Stadtkern teilten sich die Handwerker mit den Kaufleuten. Beide Gruppen wiesen auf eine große Bandbreite von Tätigkeitsprofilen und Spezialisierungen auf und gelten als „Prototypen des Stadtbürgertums“.[18] Auch in Koblenz waren sie in Zünften zusammengefasst und richteten ihr Handeln mehr als andere Berufsgruppen nach ehrbaren Idealen und kirchlichen Moralvorstellungen aus.[19] Da Arbeit und Freizeit in der Frühen Neuzeit nicht voneinander getrennt werden kann, waren sie untereinander nicht nur in ein wirtschaftliches, sondern auch in ein soziales Abhängigkeitsverhältnis eingebunden, das ihnen auf der einen Seite ihre Lebensgrundlage sicherte, ihnen auf der anderen Seite den Ausbruch aus diesen Strukturen aber verwehrte. Die stabilen Vermögensverhältnisse der Koblenzer Handwerkerschaft belegt die Tatsache, dass sie kurz vor dem Einmarsch der Franzosen über 23,7 % des Hausbesitzes in Koblenz verfügten.[20] Doch es gab auch weniger gut gestellte Handwerker, allen voran die Schuhmacher und Schneider, die sich auf die dichtbebauten Straßen zwischen Altstadt und Stadtmauer verteilten und in Bezug auf ihr Vermögen eher der Unterschicht zuzuordnen sind. Die Angehörigen der untersten sozialen Schicht lebten „in einem Zustand dauernder Abhängigkeit, bewohnten enge unhygienische Wohnungen“ unmittelbar entlang der Mauer oder in der parallel zur Mosel verlaufenden Kastorgasse, „die ihnen selten gehörten und waren daher vor allem ‚Ausgeschlossene’“[21].

Der reformbereite Kurfürst versuchte dieser Situation Abhilfe zu schaffen und leitete eine Reihe von Maßnahmen zur Verbesserung der innerstädtischen Verhältnisse ein. So ließ er beispielsweise einen öffentlich zugänglichen Trinkwasserbrunnen anlegen, das Zuchthaus errichten und den Friedhof aus der Stadt heraus verlegen. Des Weiteren gab er den Anstoß für kulturelle Neuheiten im Sinne der Aufklärung: Er förderte 1796 den Bau des Stadttheaters und 1779 die Eröffnung der ersten öffentlichen Bibliothek im Kollegium, der fünf Jahre später bereits eine Lesegesellschaft angehörte.[22]

Getragen wurden diese Fortschritte jedoch ausschließlich von der Koblenzer Oberschicht. Der Großteil der Bevölkerung war nach wie vor in traditionellen ständischen Denkweisen verhaftet, bis auf wenige Ausnahmen streng katholisch und bewegte sich stets in kirchlich vorgegebenen Zyklen. Reformvorschlägen des Kurfürsten stand es kritisch gegenüber, konnte aber, allen Bemühungen zum Trotz, nur selten Ansprüche auf Selbstbestimmung und politisches Mitspracherecht durchsetzen.[23] Dafür sorgte die sogenannte Leyana, das Koblenzer Stadtrecht, welches von der Unterwerfung unter Kurfürste Johann VI. von der Leyen bis zur Franzosenzeit durchgängig Geltung besaß und den Bürgern nur wenige Freiheiten einräumte.[24] Dem wachsenden städtischen Selbstbewusstsein wirkten außerdem die für den aufgeklärten Absolutismus typischen Normierungs- und Disziplinierungsbestrebungen seitens der Obrigkeit und der Kirche entgegen. Ein dafür erschaffenes Instrument war das ab 1785/86 wöchentlich in Koblenz erscheinende Allgemeine Churtrierische Intelligenzblatt auf höchster Anordnung.[25] Diese ebenfalls von Clemens Wenzeslaus ins Leben gerufene und von ihm nahe stehenden Personen betreute Zeitung verdeutlicht die restriktiven Ziele des Landesherrn: Politische Nachrichten durften nicht veröffentlicht werden, dafür sollten „alle edlen Handlungen“[26] und „alle vollzogenen Strafurteile“[27], Gesetzesänderungen und Beförderungen im Erzstift bekannt gegeben werden.[28]  Berichte über offiziellen Festlichkeiten, bei welchen der Kurfürst stets eine hervorgehobene Position einnahm, und „Aufsätze aus dem Fach der Philosophie, Landwirtschaft, Haushaltskunst, Moral und dergleichen“[29] wurden ebenfalls abgedruckt. Städtische Angebote fanden sich im Anzeigenteil. Hier erfuhr der Leser von Geburten, Sterbefällen und Eheschließungen, konnte sich über Dienst-, Verpachtungs- und Verkaufsangebote informieren und las von Zeit zu Zeit auch etwas über städtische Vergnügungs- und Unterhaltungsangebote.[30]

Das Programm des Intelligenzblattes zeigt, dass zwar auch Koblenz mit einer überregionalen Zeitung als Zentrum von Kommunikation bewertet werden kann, die neuen Medien aber hauptsächlich Sache der Obrigkeit und des Adels waren und vornehmlich dazu dienten, die Ansichten der Stadtbewohner zu beeinflussen. Ob ihnen dies gelang, sei an dieser Stelle dahingestellt; wichtig ist, dass das Zeitungswesen auf Seiten der Bürgerschaft zweifellos zur langsamen Sensibilisierung für gesellschaftliche Belange und den Wert von Informationsübermittlung führte und somit langfristig zu der Entstehung einer „öffentlichen Meinung“[31] beitrug.[32]

Obwohl in der städtischen Zeitung nur selten Unterhaltungsangebote abgedruckt waren, fiel „der Höhepunkt der Musikpflege am kurtrierischen Hofe […] ohne Einschränkung in die Regierungszeit des letzten Kurfürsten Clemens Wenzeslaus.“[33] Er galt als überaus musika­lisch, übte sich im Gesang, im Klavier-, Bratschen- und Flötenspiel und wusste ein ganzes Orchester zu dirigieren. Unter seiner Herrschaft wurde die Hofkapelle ausgebaut, hochqualifizierte Musiker angeworben, öffentliche Konzerte gegeben, die Kirchen- und Hausmusik gepflegt und eine Hofakademie mit festem Programm eingerichtet.[34]

Doch musiziert und getanzt wurde nicht nur am Hofe, sondern auch in bürgerlichen Häusern, in der Kirche, auf dem Markt, im Garten, in Gastwirtschaften, Wirts- und Kaffeehäusern, in den großen Adelshöfen und Tanzsälen; zur Karnevalszeit, an Weihnachten, zum Neujahrstag, an kirchlichen und weltlichen Festen, bei städtischen Umzügen, Hochzeiten, Kindstaufen und wann immer man die Zeit dazu hatte – kurz: nahezu überall und jederzeit. Dabei beteiligten sich alle Einwohner an der wohl „beliebtesten Kurzweil in der Frühen Neuzeit,“[35] wobei grundsätzlich gilt: Alle Gesellschaftsgruppen tanzten, doch sie tanzten nicht miteinander.[36] Reigentänze um Kirmes- oder Maibäume, Zunfttänze bei Handwerkerumzügen zur Karne­valszeit oder „danses du salon“[37] wie das Menuett in dem beliebten Tanzsaal des Gasthauses  Zu den Drei Reichskronen sind nur wenige Beispiele dafür, dass Tänze zur performativ-symbolischen Praxis bestimmter Gruppen gehörten und als öffentliche Repräsentationsform und stilvolle Art der Selbstinszenierung eingesetzt wurden.[38]

Das Tanzen war in der Frühen Neuzeit „also mehr als lediglich ein Amüsement am Feier­abend.“[39] Neben seiner Funktion als aktive Vergnügungsform, wurde es zum Abbild der sozialen Rangordnung, was sich schließlich in zeitgenössischen Klassifi­zierungen, wie Bauern-, Bürger- und Fürsten-„täntz“ äußerte.[40] Diese schichtspezifischen Tanzformen reichten von anspruchsvollen, züchtigen Tanzformen wie der Courante über schwungvolle Drehungen der Volte bis hin zu wildem Herumspringen und zügellosem Walzen. Letzteres versuchte Clemens Wenzeslaus durch strikte Tanzordnungen zu unterbinden.[41] Angesichts der Allgegenwart der Musik- und Tanzveranstaltungen erwies sich die staatliche Kontrolle dieses ausgeprägten Aspektes der frühneuzeitlichen Vergnügungskul­tur allerdings als schwierig.[42] So sind für die Koblenzer Wirtshäuser im 18. Jahrhundert „mancherlei Ungehö­rigkeiten“ überliefert. Wir wissen von ausschweifenden Zunftgelagen der Kaufleute,[43] von „sogenannten Gumbel-Bällen“[44] und davon, „daß, zumal bei Hochzeiten und bei Kindstau­fen, die Schwelgereien dermaßen überhand genommen […] daß in gewissen Gegenden unse­rer Kurlande, die Taufpathen sogar genötigt sind, die Nachbarsweiber in den Wirtshäusern zu bewirten, wodurch dann geschehen, daß oft die neugeborenen Kinder halben Täge lang in den Wirtshäusern liegen geblieben.“[45] Sogar die Geistlichen sollen an diesen Vergnügungen in den städtischen Wirtshäusern teilgenommen haben, denn am 18. Juli 1768 wurden „alle Pfarr- Ordens-, Säkular und Regular-Geistliche angewiesen, die öffentlichen Wirtshäuser, Estami­nets und Versammlungsorte, außer bei nothwendigen Reisen, nicht zu besuchen und in kei­nem Falle an den in denselben stattfindenden schwelgerischen Gelagen zu betheiligen.“[46]

Die Koblenzer Wirte hatten genauestens auf ihre Gäste zu achten, mussten vorgeschriebene Speise- und Getränketaxen einhalten und dem bunten Treiben im Sommer um 22.00 Uhr, im Winter um 21.00 Uhr ein Ende bereiten; andernfalls drohten ihnen hohe Geldstrafen.[47] Zur Karnevalszeit, der Hochphase aller Musik- und Tanzveranstaltungen im Kurfürstentum, machte Wenzeslaus eine Ausnahme und gestattete, „täglich Abends bis 9 Uhr, und an den Donnerstagen, nebst Haltung öffentlicher Musik, bis 12 Uhr Nachts Wein zu schen­ken.“[48]„Um die Belustigungen und öffentlichen Zusammenkünfte während der Carnevals-Zeit (von 3 Königen Tag bis Aschermittwoch) in den Schranken der Ehrbarkeit zu erhalten, auch viele Aergernisse und Ruhestörungen der Mitbüger zu beseitigen“[49] durfte außerdem „allwöchentlich ein öffentlicher Masquenball unter obrigkeitlicher Auffsicht gehalten“[50] werden, der in der Zeitung angekündigt wurde. Er fand bis zur Verordnung eines allgemeinen Tanz- und Maskenverbot 1790 und 1792 im Gasthof Zu den Drei Reichskronen, ab 1788 im neueröffneten Stadttheater statt, war jedoch keineswegs der einzige seiner Art (Abb. 1).[51]

 

Abb_1

Abb. 1

 

Über ähnliche Veranstaltungen im Hof zu Holland, im Wilden Mann, im Trierer Hof oder im Schloss erfährt der Leser des Churtrierischen Intelligenzblattes nichts. Doch ebenso wie der Adel dort lieber für sich blieb, konnten auch Musik- und Tanzveranstaltungen im Wirtshaus – wenn es sich nicht ohnehin um geschlossene Gesellschaften in Form von Stammtischen, Hochzeiten, Taufen etc. handelte – von einer, nicht von vorneherein vorhandenen, aber durchaus praktizierten, soziale Exklusivität der Bürger bestimmt werden.[52]

Die Möglichkeiten der Gastgeber solcher Veranstaltungen waren in kurtrierischer Zeit weitreichend und begrenzt zugleich. Grundsätzlich war es jedem Einwohner gestattet, sich zu vergnügen, sodass jede soziale Gruppe – mal mehr, mal weniger – an der Vergnügungskultur in Koblenz teilhaben konnte. Um diese Vergnügungen kontrollieren zu können, entschied die Obrigkeit darüber, wer, wann, wo und auf welche Art dem menschlichen Bedürfnis nachgehen konnte. Neue bürgerliche Formen von Vergnügun­gen fanden zwar durchaus Eingang in die gegebene Vergnügungskultur, doch die Mehrheit der Einwohner war Teil „einer weitgehend katholisch und traditionell gebliebenen Ge­sellschaft, deren Sozial- und Bewusstseinsstrukturen anscheinend von der Entwicklung des Jahrhunderts nicht tiefgreifend verändert wurden“[53] und deshalb kaum an diesen beteiligt. Öffentliche Vergnügungen und Unter­haltungen standen zur Zeit des letzten Trierer Kurfürsten nicht permanent zur Verfügung, sondern richteten sich nach saisonalen Zeitmustern oder kirchlich bzw. staatlich festgesetzten Zeitpunkten.[54] Sie nahmen zwar einen festen Platz im Lebensrhythmus der Koblenzer ein, gehörten jedoch nicht zur Alltagskultur der Stadt, sondern waren an feste, für sie bestimmte Örtlichkeiten geknüpft und jeweils unterschiedlichen Gruppen vorbehalten, sodass sie meis­tens nur eingeschränkt öffentlich waren und nicht in direkter Konkurrenz zueinander standen.

 

Städtische Vergnügungskultur zur Zeit der französischen Herrschaft

Um 1800 war die Zahl der Städte auf dem Gebiet des Alten Reichs auf 4000 angestiegen. Die Zahl der Groß- und Mittelstädte hatte sich binnen drei Jahrhunderten verdoppelt, die der Klein- und Kleinststädte war währenddessen weitgehend gleich geblieben.[55] Nur in Koblenz und in etwa 50–100 weiteren Städten links des Rheins hatte zu diesem Zeitpunkt ein tiefgreifender Wandel eingesetzt, der die wirtschaftlichen und rechtlichen Sphä­ren, ebenso wie die sozialen und kulturellen Gegebenheiten maßgeblich beeinflussen sollte.[56]

Die französischen Revolutionstruppen nahmen 1792 die Städte Mainz, Worms und Speyer ein und besetzten am 23./24. Oktober 1794 auch die Residenzstadt des Kurfürstentums Trier.[57] Für die Koblenzer Bevölkerung brachten die darauf folgenden Jahre zunächst immense Belastungen in Form von Ein­quartierungen, unerfüllbaren Kontributionszahlungen, Sachleistungen und Requisitionen mit sich.[58] Erst mit der Abtretung der linksrheinischen Gebiete an Frankreich im Friede von Campo Formio 1797 trat eine allmähliche Verbesserung der Lebenssituation der Bevölkerung ein: Die Kontributionen wurden gemildert, die Einquartierungen nahmen ab und die inner­städtischen Konflikte zwischen den konservativen Kräften und der radikalrepublikanischen Bewegung um Joseph Görres wurden beigelegt.[59] Damit einher ging die systemati­sche Einführung des französischen Herrschaftssystems, die dazu notwenige Umgestaltung der städtischen Strukturmerkmale, eine folgenreiche Umschichtung der Gesellschaft und deutlich spürbare Veränderungen in der konkreten Lebenswelt des Einzelnen. Insgesamt zog sich diese Entwicklung bis zum Inkrafttreten der französischen Verfassung am 23. September 1802 hin, bewirkte aber, dass ein modernes Staatswesen in Koblenz „die individuelle Freiheit, die all­gemeine Gleichheit vor dem Gesetz, die Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze und den Schutz des Eigentums garantierte“[60] und „für die Ausbildung der bürgerlichen Gesellschaft und ihre ungehemmte wirtschaftliche Entfaltung“[61] sorgte.

Am Beginn stand zunächst eine umfangreiche Verwaltungsreform unter Regierungskommis­sar François Joseph Rudler. Die linksrheinischen Gebiete wurden in vier Departements eingeteilt und Koblenz zur Hauptstadt des Departément Rhin-et-Moselle erklärt. Nach dem französischen Vorbild wich die kommunale Verwaltung daraufhin einem „bürokrati­schen Zentralismus“,[62] womit die Stadt ihre vorherige Rolle als politisches Zentrum zurückerlangte. Im neuen Präfektursystem hatte nun der Maire zusammen mit einem 30-köpfigen Munizipalrat und verschiedenen Beamten und Angestellten die Reformierung der Zoll-, Steuer-, Finanz- und Güterverwaltung, des Post- und Justizwesens und der Schul- und Kirchenorganisation sowie der Polizei zur Aufgabe.[63]

Im alltäglichen Leben verdeutlichte die Anwesenheit zahlreicher Franzosen und die Allge­genwart der französischen Sprache, die formale Geltung der französischen Währung und der französischen Maße und Gewichte den Beginn der französischen Herrschaft. Hin­zu kam der republikanischen Kalender, der nun auch dem Letzten vor Augen führen sollte, dass – im wahrsten Sinne des Wortes – eine neue Zeit angebrochen war.[64]

Einen weitaus drastischeren Einschnitt in die herrschenden Ordnungsvorstellungen als der 1806 bereits wieder abgeschaffte Revolutionskalender, markierte die Einführung der Rechts­gleichheit 1797/98. Im Zusammenspiel mit der Säkularisierung, der Gewerbefreiheit und der Aufhebung des Zunftsystems negierte sie alle bisher gültigen gesellschaftlichen Strukturprin­zipien und nahm nicht nur dem Adel, sondern auch den Handwerkern und Kaufleuten ihre wirtschaftlich wie rechtlich privilegierte Stellung innerhalb der Koblenzer Gesellschaft.[65] Sie verloren faktisch ihr Vorrecht auf den Bürgerbegriff, da fortan jeder, mit Ausnahme der Frau­en und Besitzlosen, als citoyen, d. h. als französischen Staatsbürger, die gleichen Rechte und Pflichten besaß.[66] Obsolet wurden daher auch traditionelle Verhaltensweisen und identitäts­stiftende Symbolformen, die in der städtischen Alltagskultur u.a. zur Darstellung und Repro­duktion dieser Vorrangstellung eingesetzt worden waren.[67] Vorteile hatte diese neue Freizügigkeit für auswärtige Kaufleute, Handwerker und Tagelöh­ner, die sich nach und nach in Koblenz niederließen. In den ersten zehn Jahren der Franzosenzeit stieg die Gesamtbevölkerung daher um 25%[68], an deren Ende kann Koblenz mit 10 190 bzw. 11 853 Einwohnern sogar als Großstadt bezeichnet werden.[69]

Im Jahre 1794 war sie jedoch zunächst auf 7374 Personen zusammengeschrumpft, da Kurfürst Clemens Wenzeslaus und die meisten Angehörigen der Oberschicht kurz vor dem Einmarsch der Sambre-Maas-Armee geflohen waren.[70] Die Konsequenz zeigte sich in einer raschen „Verbürgerlichung der Oberschicht, in der nun die Großhändler und Unternehmer sowie die höheren Beamten dominierten.“[71] Sie hatte 1801 bereits die alte Führungselite aus den politi­schen Ämtern verdrängt und bildeten gemeinsam mit den Freiberuflern und vielen vermögen­den Wirten die neue Koblenzer Notabelnschicht.[72] Jürgen Müller sieht in ihr „eine beträcht­lich verjüngte, relativ wohlhabende, konfessionell gemischte und stark mit Zuwanderern durchsetzte kommunale Führungsschicht mit deutlicher Dominanz der bildungs- und besitz­bürgerlichen Komponente“.[73]

Somit waren die sozialen Aufstiegschancen im Vergleich zur kurfürstlichen Zeit um ein Vielfaches angestiegen. Angehörige der Mittelschicht konnten sich entweder im französischen Staatsdienst oder im freien Wettbewerb Wohlstand und Ansehen erarbeiten. Diese Möglich­keiten nutzte vor allem das aufstrebende Handelsbürgertum, „das sich in napoleonischer Zeit als wirtschaftlich führende Schicht in der Stadt etablierte“.[74] Die Umverteilung des Immobilien­besitzes durch die Veräußerung des Kirchen-, Adels- und Zunftbesitzes reflektiert diese Ent­wicklung, indem „der Anteil der hausbesitzenden Beamten gegenüber der kurfürstlichen Zeit zurückgegangen war, während die Kaufleute, Unternehmer und Wirte eine tendenziell steigende Besitzerquote aufweisen“[75] und die Zahl ihrer Haushalte von 161 in kurfürstlicher Zeit auf 264 im Jahre 1804 anstieg. Die Handwerker wurden so in der sozialen Hierarchie von den Kaufleuten überholt, konnte sich aber trotz Zunftverbot und einer hohen Gewerbesteuer als größte Berufsgruppe behaupten.[76] Auch die Unterschicht blieb eine weiterhin starke Komponente der Bevölkerungsstruktur. Ihre Lebenssituation hatte sich im Vergleich zur kurfürstlichen Zeit nicht verbessert, obwohl auch Napoleon versuchte, den herr­schenden Missständen ein Stück weit entgegen zu wirken. Er gründete beispielsweise ein Pfandhaus und ein Bürgerhospital.[77] Ebenfalls in napoleonische Zeit fällt die Eröffnung einer Rechtsschule, eines Musikinstituts sowie der Freimaurerloge L’union desirée und der Casinogesellschaft. Letztere hatten sich dem Geist von Freiheit, Urbanität und Eintracht verschrieben und veranschaulichen, dass der Koblenzer Bildungs- und Kulturbereich von dem Eindruck der Französischen Re­volution profitierte.[78]

Zu den Verlierern dieser Entwicklung gehörte die katholische Kirche. Neben der bereits erwähnten Enteignung, wurde den Bewohnern der linksrheini­schen Gebiete bis zum Konkordat mit Papst Pius am 15. Juli 1801 die öffentliche Glau­bensausübung verboten. Dies stieß in Koblenz auf den vehementen Widerstand der Bevölke­rung und konnte nicht realisiert werden, hätte es doch einen weiteren tiefgreifenden Einschnitt in die Alltagskultur der rein katholisch geprägten Stadt bedeutet.[79]

In besonders paradoxer Weise war auch das Presse- und Zeitungswesen von den revolutionä­ren Leitideen betroffen. Auf der einen Seite war die Pressefreiheit als Aspekt der freien Meinungsäußerung in der Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen von 1789 fest verankert und somit auch für die Gebiete links des Rheins gültig. Auf der anderen Seite wurde sie am 17. Januar 1800 durch das erste Verbot zahlreicher Zeitungen de facto wieder aufgehoben.[80] Nichtsdestotrotz lässt sich mit Beginn der französi­schen Herrschaft eine schichtübergreifende Nutzung des Kommunikationsmediums Zeitung feststellten, die insbesondere im Anzeigenteil evident wird. Am öffentlichen Vergnügungs- und Unterhaltungsangebot des Koblenzer Anzeigers beteiligten sich in den Jahren 1798 bis 1811 Handwerker, Wirte und Witwen ebenso aktiv wie Beamte, Gelehrte, Freiberufler und Händler (Abb. 2).

Abb_2

Abb. 2

 

Einer der ersten, der das neue Kommunikationsmedium einzusetzen wusste, war Wund- und Arzneykunde Doctor Wallich. Er gab in einer Extrabeilage vom 1. April 1798 bekannt, dass er sich dazu entschlossen habe, „über die Kunst das menschliche Leben zu verlängern“ „dem Sommerhal­benjahre wöchentlich 2 Stunden Vorlesungen zu halten, um durch Auseinandersetzung der darin vokommengen [sic!] Begriffe und Ausdrücke, es so zu verdeutlichen, daß auch der Nichtsgelehrte dessen Lehren begreife, und sie gehörig anzuwenden wisse.“[81] Zwei Wochen später wurde die genaue Uhrzeit publiziert und versprochen, „daß, um die Zuhörer wegen der Neuheit und Sonderbarkeit dieser Vorlesung nicht abzuschrecken, jedem, dem es zuzuhören beliebt, ein Eintrittsbillet auf die zwey ersten Monathe bei mir [Wallich] Nro. 513, umsonst abgereicht werde.“[82]

Bis 1811 folgten an die 500 weitere Bildungs-, Vergnügungs- und Unterhaltungsangebote dieser Art, sodass im Gegensatz zur kurfürstlichen Zeit von einer breiten Mediennutzung aus­gegangen werden kann, obwohl sich die Auflagenzahl der Zeitung gegenüber dem Vorgänger kaum verändert hatte.[83] Gestützt wird diese Behauptung durch eine bemerkenswert hohe Alphabetisierungsrate[84] der Bevölkerung und die gestiegene Anzahl an Einrichtungen, die zur Verbreitung der Druckwerke beitrugen. So werben im Koblenzer Anzeiger nicht nur die 1798 neu gegründete Lesegesellschaft, sondern auch mehrere Kaffee- und Wirtshäuser und die nunmehr fünf Buchhandlungen mit ihrem Zeitschriften- und Bücherbestand. [85]

Von den in den Jahren von 1798 bis 1811 bzw. 1814 publizierten Zeitungs­annoncen[86] befasste sich der größte Teil, nämlich 60% bzw. 287 von 490 Anzeigen mit dem Thema Musik und Tanz (Abb. 3).

 

Abb_3

Abb. 3

 

Abb_4

Abb. 4

 

Abb_5

Abb. 5

 

Durchschnittlich wurden 20 Anzeigen im Jahr aufgegeben (Abb. 4), wobei sich viele Anzeigen (40%) nicht auf einmalig stattfindende Musik- und Tanzveranstaltungen bezog, sondern diese gleich für mehrere Tage oder eine ganze Saison ankündigte (Abb. 5). Die reelle Zahl an tatsächlich gegebenen Bällen und Maskenbällen, an tatsächlich gespielter Musik, Tanzmusik und Kirchenmusik ist daher weitaus höher zu ver­anschlagen, als es das Anzeigenbild im Koblenzer Anzeiger suggeriert.

Mehr als die Hälfte der Anzeigen kündet von Bällen (35%) oder Maskenbällen (23%), wie es sie schon zu kurfürstlicher Zeit gab (Abb. 6).

 

Abb_6

Abb. 6

 

Abb_7

Abb. 7

 

Letztere waren erst ab 1801 er­laubt, woraus sich der schlagartige Anstieg der Anzeigenzahl von null auf zehn erklärt (Abb. 7). Die meisten Ballveranstaltungen wurden über den gesamten Zeitraum hinweg in den bekannten Etablissements, im Stadttheater (17%), im Gasthof Zu den Drei Reichskronen (14%), im „Mäurerischen Saale“ in Ehrenbreitstein (10%) und im Assembléesaal in Bad Ems (5%) gegeben. Der Nassauer Hof zu Pfaffendorf, das französische Kaffeehaus am Paradeplatz und die Tanzschule im Krämerbau luden ebenfalls je neun Mal zu Ballveranstaltungen ein.

Gleichzeitig lässt sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein signifikanter Anstieg der Begriffe Musik und Tanzmusik feststellen. Sie schienen den Ball zeitweise abzulösen und wurden vor allem von Wirten und Handwerkern gebraucht. Diese waren mit je 24 Anzeigen die am häufigsten ver­tretenen Berufsgruppen insgesamt (Abb. 8).

 

Abb_8

Abb. 8

 

Franz Mosler, ein wohlhabender Konditor­meister verkündete beispielsweise im Jahr 1801 „daß er den Hauptbau des ehemaligen Deutschhauses dahier ganz neu in Stand gesetzt, und zu öffentlichen Vergnügungen bestimmt habe.“[87] Seitdem wurde im ehemaligen Kloster des Deutschherren Ordens am Zusammenfluss von Rhein und Mosel ständig Musik gespielt und „durch schöne Beleuchtung, Reinlichkeit, gute Getränke und Speisen aller Art in den bil­ligsten Preisen den Wünschen“[88] der Besucher nachgekommen (Abb. 9).

 

Abb_9.jpg

Ansicht des Deutschen Ecks von der Festung Ehrenbreitstein aus, um 1875 (StAK FA 1-534 Deutsches Eck).

Abb. 9

 

Auch die Orte korrespondieren mit der Begriffsverschiebung, da die hohe Anzahl der Ballan­zeigen mit den 49 Anzeigen des Stadttheaters und den 55 des Gasthofs Zu den Drei Reichs­kronen in Verbindung gebracht werden können, wohingegen Musik und Tanzmusik vorzugs­weise in den 34 mal erwähnten Privathäusern, 23 Gärten und neun Wirtshäusern gespielt wurde. Witwe Eppert gab 1801 bekannt, dass sie „Musik auf dem soge­nannten Oberwerth halten, und den Sommer hindurch auf alle Sonn- und Feyertage damit fortfahren werde.“[89] Auch „bei Bäcker Lambricht am Rhein“,[90] bei Jakob Zimmermann am Paradeplatz,[91] „in Siegels Haus an der Schwanenpfort“[92] und „bei Hern Reitz in der ehem. Florinsdekanai“,[93] sowie in den Wirts- und Kaffeehäusern Zum Grünen Wald in Ehrenbreits­stein, In der Lilie am Rheinthor, bei Johann Herrmann auf der Karthaus, bei Sauerborn in der Nagelgasse und bei Weiß in der Löhrstraße wurde Musik oder Tanzmusik gespielt.[94] Tanzgelegenheiten in den Gärten am Stadtrand boten u.a. Weinschenk Gilsbach „alle Decadi“,[95] der Moselweißer Syndicus Scherhag „den Sommer hindurch“[96], die Kaufleute Kröll „alle Sonn- und Feyertage“[97] und Van Gelder „alle Dienstage bis Karneval“[98]. Viele Gastgeber entstammten der oberen Mittelschicht und inserierten nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen. Die Oberschicht beteiligte sich mit je 18 Anzeigen vor allem an den Vergnügungsangeboten in den bestehenden Einrichtungen und nutzen diese, wie zuvor der Adel, zu repräsentativen Zwecken. Aus den Reihen der Freiberufler, Künstler, Buchdrucker, Verleger und Lehrer rekurrierten sich nur wenige Initiatoren. Daraus ergibt sich, dass das Medium Zeitung von fast allen gesellschaftlichen Schichten für die „beliebteste Kurzweil der Frühen Neuzeit“[99] genutzt wurde und sich nicht nur das Angebot sondern auch die dazugehörigen Orte und Zeiten entsprechend breit auffächerten. Aufgrund der Aufhebung der Sonntagsheiligung,[100] war der arbeitsfreie Sonn- und Feiertag wohl der am häufigsten genannte Zeitpunkt. Doch auch an jedem anderen Wochentag, im Sommer oder im Winter, Regelmäßig (18%), über Fastnacht (14%) oder gleich an mehreren Tagen (8%) konnte in Koblenz zur Zeit der französischen Herrschaft getanzt werden.

Angesichts dieser breiten Angebotspalette, lässt sich in diesem Bereich der Koblenzer Vergnügungskultur eine zunehmende Konkurrenzsituation erkennen. So verzeichneten nicht einmal die Hälfte aller angebotenen Musik- und Tanzveranstaltungen Eintrittspreise. 35% beinhalteten zusätzliche Extras, die unter anderem Rabatte für „Frauenzimmer“, den Transfer, Feuerwerkskünste und Konzerte umfassten. Letztere wurden vermutlich von Amateurmusikern zum Bestens gegeben.[101] Zusätzlich extistierten „une réunion d’amateurs pour donner des concerts à jour indiqué“[102] sowie Benefiz- und Abonnementkonzerte im Gasthof Zu den Drei Reichskronen, die jedoch nicht kontinuierlich beworben wurden und meistens in Verbindung mit Bällen stattfanden.[103] Sie wurden insge­samt acht Mal abgedruckt und machten den geringsten Anteil (3%) der Musik- und Tanzveranstaltungen aus. Gänzlich unerwähnt bleiben die zahlreichen Bälle zu Ehren des französischen Kaisers oder im Rahmen der Nationalfeiertage.[104] Stattdessen wur­den traditionelle Festtage, allen voran Karneval, aber auch Ostern, Pfingsten und die Kirmes, zum Anlass genommen, Musik- und Tanzveranstaltungen in der Zeitung publik zu machen. Ein direktes Einwirken der französischen Administration auf die in der Zeitung veröffentli­chen Vergnügungsangebote ist daher nicht erkennbar. Von Franzosen in Auftrag gegeben oder in die französische Sprache übersetzt sind wesentlich weniger Anzeigen, als zuvor angenommen. Im Bereich der Musik- und Tanzveranstaltungen konnte man hauptsächlich die Ballanzeigen in den traditionellen Einrichtungen sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch lesen. Während sich hier gegenüber der kurfürstlichen Zeit den Formulierungen zu Folge nicht viel geändert zu haben scheint, künden alle weiteren An­zeigen von den immensen Anstrengungen selbstbewusster Bürger, die sich Einiges einfallen ließen, um die Leser des Koblenzer Anzeigers von ihrem Vergnügungs- und Unterhaltungsan­gebot zu überzeugen.

 

Fazit

Im März 1811 wurde das Erscheinen des Koblenzer Anzeigers eingestellt. Stattdessen brachte die Druckerei Krabben ein Jahr später das zweisprachig Feuille d’Affiches, Annonces et Avis divers de Coblenz – Koblenzer Nachrichts- und Anzeigeblatt  heraus.[105] Vergnügungs- und Unterhaltungsangebote waren fortan in beiden Sprachen zu lesen, in ihrer Anzahl jedoch deut­lich geringer als zuvor. Ob dies an den mangelnden Sprachkenntnissen der Inserenten lag oder von ihrem Unwillen kündet, die Angebote einem französischen Publikum preiszugeben, kann nicht beantwortet werden. Sicher ist, dass die Vergnügungskultur in Koblenz zur Zeit der französischen Herrschaft weder vom französischen Staat noch von französischen Staatsdienern be­stimmt wurde. Im Großen und Ganzen war es vor allem die obere Mittelschicht, die Handwerker, die mittleren Beamten und Angestellten sowie die Wirte, die das Medium Zeitung für ihre Zwecke zu ge­brauchen wussten und das vorhandene Vergnügungs- und Unterhaltungsangebot um ein Vielfaches bereicherten. Die gezeigte Verwendung gleichbleibender Formulierungen gepaart mit bestimmten Begriff­lichkeiten kann als Beispiel dafür bewertet werden, dass es einzelnen Personen gelang, Bereiche der frühneuzeitlichen Vergnügungskultur, die wenige Jahre zuvor noch vornehmlich den Regeln des Kurfürsten und des Adels gehorchten, nach ihren Vorstellun­gen zu formen und neue Maßstäbe zu setzen. Eine diskursanalytische Erschließung dieser neuen, schriftlichen Kommunikationsstrategien erscheint daher lohnenswert und steht für wei­tere Forschungsarbeit noch aus.[106]

Bereits zur Zeit des letzten Trierer Kurfürsten stand den Einwohnern der Stadt Koblenz eine facettenreiche, historisch gewachsene Vergnügungskultur offen, die hier nur in Ansätzen vorgestellt werden konnte und in ihren inneren Ausdifferenzierungen keineswegs  erschöpft ist. Unbeachtet blieben unter anderem kirchliche Prozessionen und Weinfeste, das sogenannte Kutterrufschneiden an Fronleichnam, das „Fastnachts-, Hagel-, Johannis- oder Martinsfeuer,“[107] die Dirnen in den städtischen Gärten oder der Billard-, Kegel- und Kartenspiel in den Wirtshäusern.[108] Die Inhaltsanalyse des Koblenzer Anzeigers hat jedoch eine quantitative Ausweitung und qualitative Ausdifferenzierung der einzelnen Angebote zur Zeit der französischen Herrschaft zu Tage geführt. Dabei stand deren Anzahl noch in keinem Vergleich zu den massenhaft verbreite­ten Kulturwaren des 19. Jahrhunderts, doch sie war im Jahre 1810 bereits so hoch, dass von einer ständigen Sichtbarkeit und durchgehenden Verfügbarkeit gesprochen werden kann. Vergnügungen und Unterhaltungen standen durch ihre Bekanntgabe im Koblenzer Anzeiger nun zumindest in der Theorie allen offen und waren grundsätzlich an eine breite Öffent­lichkeit gerichtet. Wer wollte konnte das ganze Jahr über an einem beliebigen Tag der Woche ausgehen und hatte dabei durchaus Auswahlmöglichkeiten, ob er an einem Ball, einer Attrak­tion oder an einer Spielpartie im Garten teilhaben wollte. Einige Angebote wurden im Laufe der Zeit erweitert, miteinander kombiniert oder durch Zusatzangebote und reine Werbeanzei­gen hervorgehoben, sodass mit dem Angebot auch der Konkurrenzdruck stieg – dem so man­cher, wie zum Beispiel der Gasthof Zu den Drei Reichskronen, zeitweise nicht Stand halten konnte. Hier und im Stadttheater wurden noch immer Schauspielinszenierungen, Bälle und Konzerte gegeben, doch ihre unter Clemens Wenzeslaus ausgeübte Monopolstel­lung für öffentlich angekündigte Musik- und Tanzveranstaltungen konnte ab 1800 nicht mehr Aufrecht erhalten werden.

Neu waren weniger die einzelnen Vergnügungs- und Unterhaltungsformen, als vielmehr ihre mediale Präsenz und die hohe Eigeninitiative der Koblenzer Bürger. Zwar blieben durch den hier verfolgten kommunikationstheoretischen Ansatz soziale Praktiken im Dunkeln und verwehren sichere Aussagen über das konkrete Verhalten der Rezipienten, doch die quantitative und qualitative Steigerung aufseiten der Angebote trug unweigerlich zur allmählichen Öffnung und beginnenden Kommerzialisierung der Koblenzer Vergnügungskultur bei. Die französische Herrschaft begünstigte und beschleu­nigte diese Entwicklung insofern, dass neue Organisations- und Rechtsformen die allmähliche Auflösung vorhandener Grenzen zwischen einzelnen gesellschaftlichen Gruppen hervorrief. Druckmedien konnten daher erstmals von und für jeden Stadtbewohner eingesetzt werden, sodass sich einzelne Vertreter aus nahezu allen sozialen Schichten an der schriftlichen Diskussion rund um öffentliche Vergnügungen beteiligten. Dies legt die Vermutung nahe, dass viele Einwohner der Stadt Koblenz die eingangs erwähnten Ratschläge „über die Kunst das Menschliche Leben zu verlängern“ um 1800 ernst genommen hatten.

 

Quellen- und Literaturverzeichnis

  • Quellen

Bertola, Abbate de: Malerische Rhein-Reise von Speyer bis Düsseldorf. Aus dem Italienischen des Abbete de Bertola. Mit einer Karte. Mannheim 1796.

Clemens, Gabriele B.: Immobilienhändler und Spekulanten. Die sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung der Großkäufer bei den Nationalgüterversteigerungen in den rheinischen Departments (1800–1813). Boppard 1995.

Dominicus, Alexander: Coblenz unter dem letzten Kurfürsten von Trier Clemens Wenzeslaus 1768–1794. Koblenz 1869.

Krabben, Gertrud [Hrsg.]: Feuille d’Affiches, Annonces et Avis divers de Coblenz -Koblenzer Nachrichts- und Anzeigeblatt.  Koblenz 1812–1813.

Krabben, Johann Balthasar [Hrsg.]: Allgemeines Churtrierisches Intelligenzblatt auf höchster Aordnung. Koblenz 1785–1794.

Krabben, Johann Balthasar [Hrsg.]: Koblenzer Anzeiger. Koblenz 1798–1811.

Lang, Joseph Georg: Reise auf dem Rhein 1789. Von Mainz bis Andernach. O. J. Koblenz.

  1. N. : Almanach d’adressess de la ville de Coblence pour l’an XII = 1804. Coblence 1803/04. URL : http://www.dilibri.de/rlb/periodical/titleinfo/48427 (Aufruf am 28.06.2014).

Scotti, Johann Joseph [Hrsg.]: Sammlung der Gesetzte und Verordnungen, welche in dem vormaligen Churfürstenthum Trier über Gegenstände der Landeshoheit, Verfassung, Verwaltung und Rechtspflege ergangen sind, vom Jahre 1310 bis zur Reichs-Deputations-Schluß-mäßigen Auflösung des Churstaates Trier am Ende des Jahres 1802. Im Auftrag des königlich preußischen hohen Staats-Ministeriums zusammengetragen und herausgegeben von J. J. Scotti, königlich preußischer Regierungssekretär. Zweiter Teil „Vom Jahre 1701 bis zum Jahre 1768, und von Nr. 300 bis Nr. 658. Düsseldorf 1832.

Scotti, Johann Joseph [Hrsg.]: Sammlung der Gesetzte und Verordnungen, welche in dem vormaligen Churfürstenthum Cöln (im rheinischen Erzstifte Cöln, im Herzogthum Westphalen und im Beste Recklinghaussen) über Gegenstände der Landeshoheit, Verfassung, Verwaltung und Rechtspflege ergangen sind, vom Jahre 1463 bis zum Eintritt der Königl. Preußischen Regierungen im Jahre 1816. Im Auftrag des königlich preußischen hohen Staats-Ministeriums zusammengetragen und herausgegeben von J. J. Scotti, königlich preußischer Regierungssekretär. Erste Abtheilung, enthält die Gesetzgebung für den gesammten Chur-Staat Cöln bis zu seiner gänzlichen Auflösung am Ende d. J. 1802, Erster Teil „Vom Jahre 1463 bis zum Jahre 1730, und von Nr. 1 bis Nr. 400. Düsseldorf 1830.

Scotti, Johann Joseph [Hrsg.]: Sammlung der Gesetzte und Verordnungen, welche in dem vormaligen Churfürstenthum Trier über Gegenstände der Landeshoheit, Verfassung, Verwaltung und Rechtspflege ergangen sind, vom Jahre 1310 bis zur Reichs-Deputations-Schluß-mäßigen Auflösung des Churstaates Trier am Ende des Jahres 1802. Im Auftrag des königlich preußischen hohen Staats-Ministeriums zusammengetragen und herausgegeben von J. J. Scotti, königlich preußischer Regierungssekretär. Dritter Teil „Vom Jahre 1768 bis zum Ende des Jahres 1802, und von Nr. 659 bis Nr. 922. Düsseldorf 1832.

Wallich: Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern. In: Kalender zum Gebrauche der Bewohner der vier neuen Departements auf dem linken Rheinufer. Koblenz 1798, S. 25. URL: http://www.dilibri.de/rlb/periodical/pageview/116667 (Aufruf am 30.05.2014).

 

  • Literatur

Albrecht, Peter: Gastronomie und Geselligkeit. Die Stadt Braunschweig als Beispiel 1810–1812. In: Formen der Geselligkeit in Nordwestdeutschland 1750–1820. Hrsg. v. dems. [u.a.] Tübingen 2003, S. 293–342

Bellinghausen, Hans [Hrsg.]: 2000 Jahre Koblenz. Geschichte einer Stadt an Rhein und Mosel. Boppard 1971.

Bereths, Gustav: Die Musikpflege am kurtrierischen Hofe zu Koblenz-Ehrenbreitstein. (1800-1850). Teil I: Das Konzert- und Vereinswesen. Mainz [u.a.] 1964 (Beiträge zur Mittelrheinischen Musikgeschichte Bd. 5).

Bereths, Gustav: Musikchronik der Stadt Trier (1800-1850). Teil II. Das Musiktheater. Mainz [u.a.] 1983 (Beiträge zur Mittelrheinischen Musikgeschichte Bd. 24).

Böning, Holger: Presse und Aufklärung im 18. Jahrhundert. In: Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert. Hrsg. v. Hans Wolf Jäger, Göttingen 1997, S. 151–164.

Brommer, Peter/Krümmel, Achim: Höfisches Leben am Mittelrhein unter Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Trier (1739–1812). Zum 200. Todestag des letzten Trierer Kurfürsten. Koblenz 2012 (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz Bd. 114).

Buslau, Dieter: 2000 Jahre Fastnacht in Koblenz. Koblenz 1976.

Degen, Walter: Koblenz und die Franzosen. Schicksalhafte Begegnungen von 842 bis heute. Festschrift des Bischöflichen Cusanus-Gymnasiums (ehemals Ursulinenschule) Koblenz anlässlich des 100-jährigen Bestehens 1902–2002. Koblenz 2001 .

Diaz-Bone, Rainer: Diskursanalyse und Populäre Kultur. In: Populäre Kultur als repräsentative Kultur. Die Herausforderung der Cultural Studies. Hrsg. v. Udo Göttlich [u.a.], Köln, 2. Aufl. 2010, S. 126–151.

Dollen, Busso von der:  Die Koblenzer Neustadt. Planung und Ausführung einer Stadterweiterung im 18. Jahrhundert. Köln/Wien 1979 (Städteforschung Bd. 6).

Dülmen, Richard van: Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit. Bd. 2 Dorf und Stadt (16.–18. Jahrhundert). München 1992.

Fahrmeir, Andreas: Stadt. EDN 12. Stuttgart 2010, Sp.646–667.

Faulstich, Werner: Die bürgerliche Mediengesellschaft (1700–1830). Göttingen 2002.

François, Étienne: Bevölkerungs- und Sozialstrukturen im 18. Jahrhundert. In: Geschichte der Stadt Koblenz. Bd.1,Von den Anfängen bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit. Hrsg. v. Energieversorgung Mittelrhein GmbH. Stuttgart 1992, S. 286–312.

François, Étienne: Koblenz im 18. Jahrhundert. Zur Bevölkerungsstruktur einer deutschen Residenzstadt. Göttingen 1982 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte Bd. 72).

François, Étienne: Population et société à Coblence au XVIIIe-siècle, Nancy 1975. [Diss.]

Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt a. M. 2010. [12. ND]

Härter, Karl [Hrsg.]: Deutsches Reich und geistliche Kurfürstentümer (Kurmainz, Kurköln, Kurtrier). Repertorium der Policeyordnungen der Frühen Neuzeit. Bd. 1, Frankfurt a. M. 1996.

Henke, Christian: Coblentz. Symbol für die Gegenrevolution. Die französische Emigration nach Koblenz und Kurtrier 1789–1792 und die politische Diskussion des revolutionären Frankreichs 1791–1794. Stuttgart 2000 [Diss.] (Beihefte der Francia Bd. 47).

Hölscher, Lucian: Öffentlichkeit. In: GGB 4 (1978), S. 448–562.

Kampmann, Helmut: Koblenzer Pressechronik. 80 Zeitungen aus drei Jahrhunderten. Koblenz 1988.

Koelges, Michael: Handel und Gewerbe in der Frühen Neuzeit. In: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 1 Von den Anfängen bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit. Hrsg. v. Energieversorgung Mittelrhein GmbH. Stuttgart 1992, S. 333–347.

Kramp, Mario: Der Kaiser kommt! Napoleon in Koblenz. In: Napoleon. Der Kaiser kommt! Verehrung und Mythos in Koblenz. Hrsg. v. dems. Austellung im Mittelrhein-Museum Koblenz. Koblenz 2004, S. 19–29.

Kunisch, Johannes:  Absolutismus und Öffentlichkeit. In: Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert. Hrsg. v. Hans-Wolf Jäger. Göttingen 1997, S. 33–50.

Lambert, Hans: In weißen Gewändern. Freitag nach Ostern Buß- und Gedenkprozession zu den sieben Koblenzer Kirchen von 1347 bis 1794. In: Ein Stück Koblenz. Von weltlichen und kirchlichen Festen und Bräuchen. Bd. 4, hrsg. v. Pfarrei Liebfrauen. Koblenz 1989, S. 27–29.

Lindemann, Margot: Deutsche Presse bis 1815. Geschichte der deutschen Presse Teil I. Berlin 1988. (Abhandlungen und Materialien zur Publizistik 5). [ND]

Molitor, Hansgeorg: Vom Untertan zum Administré. Studien zur französischen Herrschaft und zum Verhalten der Bevölkerung im Rhein-Mosel-Raum von den Revolutionskriegen bis zum Ende der napoleonischen Zeit. Wiesbaden 1980 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz Bd. 99).

Müller, Jürgen: Bürgerprotest und Reformbegehren am Ende der kurfürstlichen Zeit. In: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 1 Von den Anfängen bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit. Hrsg. v. Energieversorgung Mittelrhein GmbH. Stuttgart 1992, S. 162–178.

Müller, Jürgen: Die Französische Herrschaft. In: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2 Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart. Hrsg. v. Energieversorgung Mittelrhein GmbH. Stuttgart 1993, S. 19–48.

Müller, Jürgen: Von der alten Stadt zur neuen Munizipalität. Die Auswirkungen der Französischen Revolution in den linksrheinischen Städten Speyer und Koblenz. Koblenz 1990 [Diss.].

Pabst, Klaus: Bildungs- und Kulturpolitik der Franzosen im Rheinland zwischen 1794–1814. In: Franzosen und Deutsche am Rhein. 1789, 1918, 1945. Hrsg. v. Peter Hüttenberger und Hansgeorg Molitor. Essen 1989, (Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens Bd. 23), S. 185–202.

Rapp, Wolf-Ulrich: Stadtverfassung und Territorialverfassung. Koblenz und Trier unter Kurfürst Clemens Wenzeslaus (1768 – 1794). Frankfurt a. M. [u.a.] 1995 (Europäische Hochschulschriften Reihe 3, Bd. 667).

Rosseaux, Ulrich: Freiräume. Unterhaltung, Vergnügen und Erholung in Dresden (1694–1830). Köln [u.a.] 2007 (Norm und Struktur, Studien zum sozialen Wandel in Mittelalter und Früher Neuzeit Bd. 27).

Salmen, Walter: Tanz im 17. und 18. Jahrhundert. Leipzig 1988 (Musikgeschichte in Bildern, Bd. 4,4).

Schilling, Heinz: Die Stadt in der Frühen Neuzeit. München, 2. Aufl. 2004.(Enzyklopädie Deutscher Geschichte Bd. 24).

Schmidt, Hans-Josef: Unterm Krummstab war gut feiern. Festtage haben stets hohen Stellenwert im Lebensraum der Menschen. In: Ein Stück Koblenz. Von weltlichen und kirchlichen Festen und Bräuchen. Bd. 4 hrsg. v. Pfarrei Liebfrauen. Koblenz 1989, S. 41–45.

Schmidt, Hans: Musik-Institut Koblenz. Koblenz 1983.

Schwedt, Herbert/Schwedt, Elke: Bräuche zwischen Saar und Sieg. Zum Wandel der Festkultur in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Mainz 1989. (Studien zur Volkskunde in Rheinlad-Pfalz 5)

Schwerhoff, Gerd: Stadt und Öffentlichkeit in der Frühen Neuzeit. Perspektiven der Forschung. In: Stadt und Öffentlichkeit in der Frühen Neuzeit. Hrsg. v. dems. Köln [u.a.] 2011, S. 1–28 (Städteforschung Bd. 83).

Struck, Bernhard/Gantet, Claire: Revolution, Krieg und Verflechtung. Darmstadt 2008 (Deutsch-französische Geschichte Bd. 5).

Tilgner, Hilmar: Lesegesellschaften an Mosel und Mittelrhein im Zeitalter des Aufgeklärten Absolutismus. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte der Aufklärung im Kurfürstentum Trier. Stuttgart 2001 [Diss.] (Geschichtliche Landeskunde Bd. 52).

Wagner, Elisabeth: Revolution, Religiosität und Kirchen im Rheinland um 1800. In: Franzosen und Deutsche am Rhein. 1789, 1918, 1945. Hrsg. v. Peter Hüttenberger und Hansgeorg Molitor. Essen 1989 (Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens Bd. 23), S. 267–288.

Würgler, Andreas: Medien in der Frühen Neuzeit. München 2009. (Enzyklopädie Deutscher Geschichte 85).

Zimmermann, Clemens: Medien. EDG 9 (2009), Sp. 363–365.

Zimmermann, Clemens: Öffentliche Meinung. In: EDG 9 (2009), Sp. 336–338.

[1] Der Aufsatz beruht auf einer 2015 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz angenommenen Abschlussarbeit und erschien 2017 im Hansen-Blatt. Schriftenreihe des Internationalen Hansenordens e.V. zu St. Goar am Rhein Jg. 70.

[2] Wallich, Die Kunst, S. 25.

[3] Ebd.

[4] Koblenzer Anzeiger (KA) Nr. 13 (1794) und Nr. 57 (1794).

[5] Im Folgenden wird auf Grund der besseren Lesbarkeit stets die männliche Form verwendet, die weibliche Form ist jedoch immer miteingeschlossen. Bekannt gegeben werden Maskenbälle und Konzerte im Gasthof Zu den Drei Reichskronen (Nr. 7, 16.2. u.a.), im Stadttheater (Nr. 8, 23.3. u.a.) und in anderen städtischen Etablissements (Nr. 21 vom 25.5.). Außerhalb von Koblenz in Bad Ems (Nr. 33, 17.8) und in Pfaffendorf (Nr. 23, 8.6.). Auch in Privatwohnungen, Wirtshäusern und Gärten wird „Tanzmusik“ (Nr. 31, 3.8., Nr.8, 23.3., Nr. 32, 10.8., Nr. 34, 24.8., 16, 20.4 u.a.).

[6] Somit reiht sich die Arbeit in die, u.a. von Etienne François in seiner Dissertation Population et société à Coblence au XVIIIe siècle von1974 detailliert analysierte, sozialgeschichtlich ausgerichtete Stadtforschung zu Koblenz ein. Neben François sind die Überblicks­werke von Hans Bellinghausen [Hrsg.]: 2000 Jahre Koblenz. Geschichte einer Stadt an Rhein und Mosel. Boppard 1971 und Energiever­sorgung Mittelrhein GmbH [Hrsg.]: Geschichte der Stadt Koblenz. 2 Bde, Stuttgart 1993 zu nennen. Mit der hier behandelten Zeit setzen sich auch Degen, Koblenz und die Franzosen, sowie die Dissertationen von Rapp, Stadtverfassung und von Müller, Von der alten Stadt und von Henke, Coblentz auseinander.

[7] Die demographischen Werte werden bei Schilling, Die Stadt, S. 2–12 erläutert.

[8] Schätzung für das Jahr 1687 nach Müller, Von der alten Stadt, S. 36.

[9] François, Koblenz, S. 22. Zu der Bevölkerungsentwicklung in Koblenz siehe zusammenfassend Ders., Bevölkerungs- und Sozialstrukturen im 18. Jahrhundert. In: Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 1. Hrsg. v. Energieversorgung Mittelrhein GmbH, Stuttgart 1992, S. 286–312 und Müller, Von der alten Stadt, S. 34–36.

[10] So die offizielle Bezeichnung zitiert nach Müller, Von der alten Stadt, S. 35. Zur Bedeutungsverschiebung von Handels- hin zu Residenzstädten vgl. Schilling, Die Stadt, S. 36f.

[11] Rapp, Stadtverfassung, S. 33.

[12] Ebd. Zur genauen Verteilung der Behörden siehe Rapp, Stadtverfassung, S. 32–36 und François, Koblenz, S. 21.

[13] François, Bevölkerungs- und Sozialstrukturen, S. 312., Müller, Von der alten Stadt, S. 35. Vgl. Ders., Bürgerprotest, S. 163–167. Zum kurfürstlichen Residenzschloss siehe allgemein Brommer/Krümmel, Höfisches Leben, S. 155–174.

[14] Die Einteilung und die damit verbundene Kategorisierung der Bewohner und ihrer Berufe am Ende des 18. Jahrhunderts, sowie alle damit verbundenen demographischen Angaben für das Ende der kurfürstlichen Zeit berufen sich (sofern nicht anderes angegeben) auf die Arbeit von François (wie Anm.6). Sie werden bei Dems:, Koblenz, S. 56–61 zusammengefasst. Prozentangaben beziehen sich immer auf die Zahl der Gesamtbe­völkerung in Koblenz gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

[15] Vgl. Dollen, Die Koblenzer Neustadt, S. 219–238.

[16] François, Koblenz, S. 60. Der Hofstaat und die Garnison sind in dieser Zahl nicht miteinbegriffen.

[17] Ebd.

[18] Dülmen, Kultur und Alltag, S. 108.

[19] Dülmen, Kultur und Alltag, S. 194 und Fahrmeir, Stadt, Sp. 659. Auch für François, Koblenz, S. 193 verkörperten die Handwerker und Kaufleute „diese konservativen Werte am besten“ Vgl. auch Koelges, Handel und Gewerbe, S. 335–337.

[20] François, Koblenz, S. 134. Zur Verteilung des Immobilienvermögens siehe Ebd., S. 61–69 und Müller, Von der alten Stadt, S. 195.

[21] François, Bevölkerungs- und Sozialstrukturen, S. 309. Ähnlich bei Dems., Koblenz, S. 179.

[22] Zur Reformtätigkeit des Kurfürsten siehe François, Koblenz, S. 197, Müller, Von der alten Stadt, S. 37f. sowie Ders., Bürgerprotest, S. 163–167 und von der Dollen, die Koblenzer Neustadt, S. 138–150.

[23] Gemeint sind die bei Müller, Bürgerprotest, S. 168–178 dargestellten Erhebungen gegen die kurfürstliche Politik und die rechtlichen Vorteile des Adels. Laut Ebd., S. 167 ist die in der Aufklärung verbreitete Adelskritik „in das Bewußtsein zumindest der Wortführer der Koblenzer Bürgerschaft vorgedrungen“ und konnte sich dort zeitweise auch gegen die Obrigkeit durchsetzen.

[24] Rapp, Staatsverfassung, S. 18. Zu Aufbau, Funktion und Bewertung der Stadtordnung vgl. auch Müller, Von der alten Stadt, S. 49–55 und François, Koblenz, S. 22f.

[25] Vgl. hierzu Kampmann, Koblenzer Pressechronik, S. 32–37, Bucher, Pressewesen, S. 3 und Tilgner, Lesegesellschaften, S. 328.

[26] Kampmann, Koblenzer Pressechronik, S. 32

[27] Ebd.

[28] Zu den kurfürstlichen Vorgaben siehe Kampmann, Koblenzer Pressechronik, S. 32f.

[29] Ebd.

[30] Zum Anzeigenwesen siehe Lindemann, S. 248f. Scotti, Sammlung Trier, Dritter Teil, S. 1283 enthält die Verordnung vom 27.12.1777, die den Publikationszwang für solche Anzeigen festsetzte.

[31] Zur Begriffsgeschichte von „Öffentlichkeit“ vgl. grundlegend Hölscher, Lucian: Öffentlichkeit. In: GGB 4 (1978), S. 448–562 und Zimmermann, Clemens: Öffentliche Meinung. In: EDG 9 (2009), Sp. 336–338.

[32] Zur Bedeutung der Zeitungen im 18. Jahrhundert siehe Böning, Presse und Aufklärung, S. 151–164. Ferner Zimmermann, Medien, Sp. 363, Würgler, Medien, S. 43 und S. 63f., Faulstich, Mediengesellschaft, S. 27 und S. 225f. Vgl. auch Habermas, Strukturwandel, S. 71f.; Schwerhoff, Stadt und Öffentlichkeit, S. 21f. und Kunisch, Absolutismus, S. 47f.

[33] Bereths, Musikpflege, S. 68. Der gleichen Meinung sind Brommer/Krümmel, Höfisches Leben, S. 114.

[34] Bereths, Musikpflege, S. 68–70  und S. 179–193.

[35] Dülmen, Kultur und Alltag, S. 129.

[36] Dülmen, Kultur und Alltag, S. 130 und Salmen, Tanz, S. 7–15.

[37] Salmen, Tanz, S. 7.

[38] Zum „Kirchweih-Tanz“ siehe Schwedt/Schwedt, Bräuche, S. 11f., zu „Maibräuchen“ Ebd., S. 146–161. Die zahlreichen Repräsentationsformen der Koblenzer Handwerker werden bei Buslau, Fastnacht in Koblenz, S. 15f. und allgemein bei Dülmen, Kultur und Alltag, S. 140f. vorgestellt. Dominicus, Coblenz, S. 89 berichtet, dass 1774 in den Drei Reichskronen „zwei Englische, dann eine Stunde lang Menuetten dann abermals Englische u.s.w. getanzt“ wurden. Das klassische Menuett wird bei Salmen, Tanz, S. 189 erläutert.

[39] Salmen, Tanz, S. 6.

[40] Ebd. erläutert die genannten Klassifizierungen und sagt, dass Tänze „entsprechend ihrer Ausführung Indikatoren gesellschaftlicher Wirklichkeit“ waren. Nach Dülmen, Kultur und Alltag, S. 130 spiegelte sich im Tanz „die Ordnung des Lebens wider.“

[41] Buslau, Fastnacht in Koblenz, S. 20. Salmen, Tanz, S. 18–20 stellt diverse „Ball-Ordnungen“ vor.

[42] Buslau, Fastnacht in Koblenz, S. 19–21. Allgemein auch Salmen, Tanz, S. 9.

[43] Von den Zunftgelagen im Krämerbau, die „über 100 Thlr.“ kosteten, weiß Dominicus, Coblenz, S. 25.

[44] Sie waren Dominicus, Coblenz, S. 90 zu Folge bei 10 Gulden Strafe für die Wirte und Arrest der Teilnehmer verboten. Hierzu auch Buslau, Fastnacht in Koblenz, S. 20.

[45] So Wenzeslaus am 20.12.1784 bei Scotti, Sammlung Trier, Dritter Teil, S. 1362–1364. Hier werden auch Vorgaben für Hochzeitsfeierlichkeiten festgelegt. Vgl. auch Schmidt, Unterm Krummstab, S. 43.

[46] So die Ermahnung bei Scotti, Sammlung Trier, Dritter Teil, S. 1221.

[47] Scotti, Sammlung Trier, Dritter Teil, S. 1251 und Dominicus, Coblenz, S.90.

[48] Gesetz vom 30. 12 1782, abgedruckt bei Scotti, Sammlung Trier, Dritter Teil, S. 1320f.

[49] Ebd.

[50] Ebd.

[51] Buslau, Fastnacht in Koblenz, S. 19 und S. 21. Andere Bälle im Orangeriehaus in Kärlich, im Trierer Hof und im Wilden Mann, bei welchen „selbstverständlich nur Noblesse anwesend“ war, kennt Bereths, Musikpflege, S. 206. Von Bällen im Hof zu Holland und dreimal wöchentlich stattfindenden Bällen im Theater berichtet Buslau, Fastnacht in Koblenz, S. 20. Vgl. auch die Beschreibung eines solchen Balls bei Bertola, Malerisches Rhein-Reise, S. 254. Zu den Maskenverboten vom 09.03.1790 und 10.03.1792 siehe Härter, Repetitorium, S. 817 und S. 820 sowie Degen, Koblenz und die Franzosen, S. 58.

[52] Nach Dülmen, Kultur und Alltag, S. 132 änderte sich die Gastkultur im 18. Jahrhundert und „das Wirtshaus, das im 16. Jahrhundert noch von Adeligen aufgesucht wurde, war im 18. Jahrhundert nur noch der gesellige Ort desgemeinen Volkes.“ Nach Bereths, Musikpflege, S. 207, war kein Adel auf Stadtbällen zugegen. Für Braunschweig hat Albrecht, Gastronomie, S. 324–341 gezeigt, dass Wirtshäuser Ebd., S. 342 vor allem „Gleichgesinnte zueinander“ führte.

[53] So das Urteil von François, Koblenz, S. 192.

[54] Hierzu auch Rosseaux, Freiräume, S. 35.

[55] Nach Schilling, Stadt, S. 35 „war das Städtewesen des Reiches um 1800 differenzierter, spannungsreicher und zweifellos auch leistungsfähiger als dasjenige um 1500.“ Müller, Von der alten Stadt, S. 39 spricht auch für Koblenz von einem „partielle[n] Einbruch der Moderne“ im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. nksrheinischen Gebieten siehe zuletzt ???

[56] Müller, Die französische Herrschaft, S. 33.

[57] Der Einzug wird bei Degen, Koblenz und die Franzosen, S. 89–97, ausführlich geschildert. Zur Vorgeschichte vgl. ebd., S. 64-88 und Müller, Die französische Herrschaft, S. 23–26.

[58] Mit Bezug auf die Rolle der Stadt während der Gegenrevolution verordnete General Pierre Bourbotte eine Kontributionssumme von 1,7 mio Livre. Dazu und zu allen weiteren Forderungen und der daraus resultierenden Not der Bevölkerung siehe Degen, Koblenz und die Franzosen, S. 97–113.

[59] Müller, Die französische Herrschaft, S. 27 und S. 31f. Die „cisrhenanischen Bewegung“ in Koblenz kann an dieser Stelle nicht weiter behandelt werden. Müller, Von der alten Stadt, S. 226–233 und Degen, Koblenz und die Franzosen, S, 135–147 geben einen Überblick.

[60] So das Urteil Müllers, Die französische Herrschaft, S. 37.

[61] Ebd., ab 1803 sei Koblenz „in staatsrechtlicher Hinsicht voll assimiliert” gewesen. Ähnlich bei Degen, Koblenz und die Franzosen, S, 200f.

[62] Müller, Die französische Herrschaft, S. 32.

[63] Ebd. Ders., Von der alten Stadt, S. 285 zählt 306 Verwaltungsbeamte und -angestellte in Koblenz. Zur administrativen Eingliederung vgl. auch Degen, Koblenz und die Franzosen, S, 163–176.

[64] Degen, Koblenz und die Franzosen, S. 193. Nach Wagner, Revolution, S. 277 wurde die Gesetzgebung rund um Kalender. Wärung, usw. 1798 publiziert und deren Nichteinhaltung mit Sanktionen belegt. Er wurde zum 01.01.1806 wieder abgeschafft.

[65] Müller, Die französische Herrschaft, S. 33f.

[66] Ebd. Vgl. Dülmen, Kultur und Alltag, S. 83 erkennt schon um 1750 mit dem Beginn der Aufklärung eine allmähliche Auflösung der „ständische[n] Lebensordnung”, wobei „zwei neue Varianten des bürgerlichen Selbstverständnisses“ entstehen: Neben dem Stadtbürger bzw. „Unterthan“ auch das neue Bürgertum bzw. der Staatsbürger, der nun auch Bauern und Adelige umfasste.

[67] Nach Müller, Die französische Herrschaft, S. 45f. hatte die Beseitigung der Zunftordnung sogar eine Individualisierung zur Folge.

[68] Müller, Von der alten Stadt, S. 279. Alle demographischen Angaben zur Koblenzer Bevölkerung während der französischen Herrschaft berufen sich im Folgenden (sofern nicht anders angegeben) auf ebd., S. 273–211.

[69] Ebd., S. 274 zählt von 1800 bis 1813 1500 bis 1600 Zuwanderer und erklärt dies durch eine anhaltend starke Geburten- und Zuwanderungsrate und die Ansiedlung französischer Beamte. Vgl. François, Bevölkerungs- und Sozialstrukturen, S. 286.

[70] Schätzung nach François, Koblenz, S. 22.

[71] Müller, die französische Herrschaft, S. 40.

[72] Nach Müller, Von der alten Stadt, S. 304 befand sich im ersten Munizipalrat von 1801 nur noch ein Angehöriger des früheren Magistrats (Johann Jospeh Mazza), während nach Ders., Die französische Herrschaft, S. 41 Kaufleute, Unternehmer und Wirte 55% des 30-köpfigen Rates ausmachten.

[73] Müller, Die französische Herrschaft, S. 41. Insgesamt waren 360 deutsche und 90 zivile und 119 militärische französische Beamte im Staatsdienst tätig. Die genaue Zusammensetzung wird bei Ders., Von der alten Stadt, S. 285f. dargestellt. Struck/Gantet, Revolution, S. 93f. sehen den Beginn dieser Entwicklung im Rheinland schon in den 1790er Jahren und verweisen auf die gleichen Umstrukturierungen.

[74] Müller, Die französische Herrschaft, S. 303.

[75] Müller, Die französische Herrschaft, S. 291. Zur Thematik vgl. ausführlich Clemens, Gabriele B.: Immobilienhändler und Spekulanten. Die sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung der Großkäufer bei den Nationalgüterversteigerungen in den rheinischen Departments (1800–1813). Boppard 1995.

[76] Müller, Die französische Herrschaft, S. 41f. 1808 gab es 878 patentierte Handwerker, die in 50 verschiedenen Berufen arbeiteten.

[77] Ebd., S. 39 „Mindestens die Hälfte der Koblenzer Bevölkerung lebte weiterhin am Rande des Existenzminimums bzw. an der oder gar jenseits der Armutsschwelle.“ Zu den napoleonischen Reformen in diesem Bereich siehe Bellinghausen,2000 Jahre, S. 279 und Degen, Koblenz und die Franzosen, S. 215.

[78] Müller, Die französische Herrschaft, S. 45. Dies gilt erst für die Zeit ab 1797. Hierzu ausführlich Pabst, Klaus: Bildungs- und Kulturpolitik der Franzosen im Rheinland zwischen 1794 und 1814. In: Franzosen und Deutsche am Rhein. 1789–1918–1945. Hrsg. v. Peter Hüttenberg und Hansgeorg Molitor. Essen 1989 (Düsseldorfer Studien zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens Bd. 23), S. 185–202.

[79] Müller, Die französische Herrschaft, S. 35f. Umrissen wird die napoleonische Kirchenpolitik bei Struck/Gantet, Revolution, S. 96–102. Zur Auswirkung der Kirchenpolitik auf das alltägliche Leben in den linksrheinischen Gebieten siehe generell Wagner, Elisabeth: Revolution, Religiösität und Kirchen um 1800. In: Franzosen und Deutsche am Rhein. 1789–1918–1945. Hrsg. v. Peter Hüttenberg und Hansgeorg Molitor. Essen 1989 (Düsseldorfer Studien zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens Bd. 23), S. 267–288.

[80] Ausführlich geschildert bei Lindemann, Deutsche Presse, S. 256–260.

[81] KA, Extrableilage vom 01.04.1798.

[82] KA, Nr. 28 (1798).

[83] Kampmann, Pressechronik, S. 56.

[84] Etienne François konnte anhand der Heiratsurkunden während der französischen Herrschaft eine enorme Alphabetisierungsrate in Koblenz feststellten. Erläutert bei François, Koblenz, S. 69–81.

[85] Zur allgemeinen Diversifizierung und Systematisierung im 18. Jahrhundert siehe Würgler, Medien, S. 50–56. Vgl. auch Faulstich, Mediengesellschaft, S. 40–43, der die zeitgenössischen Begriffe wie „Zeitungswuth“ und „Lesesucht“ für das ganze Volk betont und Ebd., S. 41 „eine Zunahme allgemeiner Medienkompetenz“ für das Ende des 18. Jahrhunderts statuiert.

[86] Die dabei hervortretenden Entwicklungstendenzen hin zu einer Vergrößerung, Ausdifferenzierung und Öffnung der Koblenzer Vergnügungskul­tur wurden mit Hilfe des Programms Statistical Package fort he Social Sciences (SPSS) statistisch ausgewertet. Zur Methodik siehe einführend Engel, Andreas [u.a.]: Sozialwissenschaftliche Datenanalyse. Koblenz 2001.

[87] KA, Nr. 2 (1800).

[88] KA, Nr. 2 (1800).

[89] KA, Nr. 17 (1801).

[90] Bei Martin Lambricht wurde nach KA, Nr. 7 (1801) „die drei Fastnachtstage Musik gehalten“ und nach KA, Nr. 44 (1800) „den Winter hindurch alle Sonntage damit continuiert.“

[91] KA, Nr. 14 (1805).

[92] KA, Nr. 5 (1807).

[93] KA, Nr. 52 (1806).

[94] Musik im Ehrenbreitsteiner Wirtshaus Zum Grünen Wald wird in KA, Nr. 48 (1800), in der Lilie am Rheintor in KA, Nr. 7 (1801), bei Sauerborn in KA, Nr. 16 (1798) und im Kaffeehaus von Franz Weiß in KA, Nr. 5 (1802) erwähnt. Tanzmusik kündigt Johann Herrmann in KA, Nr. 17 (1809) an.

[95] KA, Nr. 14 (1800).

[96] KA, Nr.17 (1800).

[97] KA, Nr. 16 (1808).

[98] KA, Nr. 3 (1808).

[99] Dülmen, Kultur und Alltag, S. 129.

[100] Die im Kurfürstentum streng vorgegebene Sonntagsheiligung ist bei Scotti, Sammlung Trier, Dritter Teil, S. 1216f. nachzulesen.

[101] Nach Schmidt, Musik-Institut, S. 36 handelte es sich dabei „eher um anspruchslose Unterhaltungsmusik“.

[102] Almanach d’adresses, S. 100.

[103] KA, Nr. 1 (1798) kündet von Konzerten, die wahrscheinlich nur bis 1798 stattfanden. Siehe hierzu auch Schmidt, Musik-Institut, S. 36.

[104] Vgl. Kramp, der Kaiser kommt, S. 19–29.

[105] Kampmann, Pressechronik, S. 56. Informationen zur Nachfolgezeitung finden sich bei ebd., S. 78–80.

[106] Anreize liefert Diaz-Bone, Diskursanalyse und Populärkultur, S. 126–151.

[107] Am 17.03.1787 werden diese verboten, da sie „oft die benachbarten Ortschaften in Unruhe und Schrecken versetzen […] feuergefährlich sind“ und „nur abergläubischer Mißbrauch“ darstellen. Scotti, Sammlung Trier, Dritter Teil, S. 1459.

[108] Nach Schwedt/Schwedt, Bräuche S. 210 ist das Weinfest in Winningen, unweit von Koblenz, das älteste. Dominicus, S. 22f. schildert den Ablauf einer Bürgermeistereinsetzung in Koblenz, eine religiöse Großveranstaltung behandelt Lambert, In weißen Gewändern, S. 27–29; die Teilnahem des Kurfürsten bei Prozessionen ist bei Brommer/Krümmel, Höfisches Leben, S. 185f. dargestellt. Vom Kutterruffschneiden der Schifferzunft berichtet Schmidt, Unterm Krummstab, S. 45, von den „Lustdirnen“ Bertola, Malerische Rhein-Reise, S. 147.

Vortrag und Ausstellung: Die Revolution von 1848/49 in Koblenz

 

Bürgerwehr-Marsch

„Anfang des alten 1848er Bürgerwehr-Marsches“ (StAK KH 127 Nr. 36).

Die Revolution von 1848/49, die freiheitlichen und demokratischen Ideen für kurze Zeit zum Durchbruch verhalf, hat auch in Koblenz die Gemüter heftig bewegt. Eine paradierende Bürgerwehr, die Formulierung politischer Programme, die Bildung parteiartiger Vereinigungen sowie eine lebhafte Publizistik zeugen davon, dass sich die Ideen von Freiheit, Einheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit mit Macht Bahn brachen. Michael Koelges, Leiter des Stadtarchivs Koblenz, hält am Freitag, 1. Juni 2018, um 18 Uhr im Mittelrhein-Museum einen bebilderten Vortrag zu den Ereignissen in der Stadt. Der Eintritt ist frei. Darüber hinaus ist im Stadtarchiv in der Alten Burg, Burgstraße 1, bis zum 14. Juni während der Öffnungszeiten (Mo 14-17 Uhr, Do 10-13 Uhr) eine Kabinettausstellung kostenfrei zu besichtigen, die diese bewegten Jahre der Stadtgeschichte anhand schriftlicher und bildlicher Quellen veranschaulicht.

Vortrag und Ausstellung sind der Beitrag des Stadtarchivs zu den Koblenzer Wochen der Demokratie. Vom 25. Mai bis zum 15. Juni 2018 bieten rund 30 Akteure 50 Veranstaltungen der verschiedensten Art zum Thema Demokratie an. Anlass ist die Rittersturz-Konferenz, die vom 8. bis 10. Juli 1948 im Koblenzer Hotel Rittersturz stattfand und die sich zum 70. Mal jährt.

 

Wozu_Demokratie

 

 

Kardinal Krementz und Bismarck – zwei Koblenzer Ehrenbürger und der Kulturkampf

Philipp Kardinal Krementz, Sohn eines Metzgers aus dem Altlöhrtor, war der erste Koblenzer Ehrenbürger überhaupt. Am 19. Februar 1868 sprach ihm die Stadtverordnetenversammlung die Ehrenbürgerwürde zu. Reimund Hass porträtiert Krementz jetzt im Portal Rheinische Geschichte.

 

Krementz_Philipp

Philipp Kardinal Krementz, Koblenz 1.12.1819 – 6.5.1899 Köln (StAK FA 1-24).

 

27 Jahre später beantragte ein Dutzend Koblenzer Stadtverordneter, dem ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck die Ehrenbürgerwürde zu verleihen. Der Antrag stieß bei einigen ihrer Kollegen auf Ablehnung, die sie in einer Eingabe von Anfang März 1895 an Oberbürgermeister Emil Schüller folgendermaßen begründeten:

StAK_623_Nr_6672_Seite_31

Quelle: StAK 623 Nr. 6672, S. 31.

Nach § 6 der Städteordnung kann das Ehrenbürger-
recht nur solchen Männern verliehen werden, welche
sich um die Stadt verdient gemacht haben. Diese Voraus-
setzung trifft unseres Erachtens in vorliegendem Falle
nicht zu, indem es sowohl an besonderen Verdiensten
des Fürsten Bismark [!] um unsere Stadt, wie auch an
jeder näheren Beziehung desselben zu Coblenz fehlt.
Überdies aber ist die politische Wirksamkeit des Fürsten
Bismark [!] für uns untrennbar verbunden mit dem viele
Jahre hindurch gegen die katholische Kirche, ihre Organisation
und ihre Institutionen geführten erbitterten Kampfe,
einem Kampfe, der auch dem Vaterlande schwere
Wunden geschlagen, insbesondere den innern Frieden
tief erschüttert hat und der in seinen beklagenswerthen
Folgen heute noch fortdauert. Speciell für Coblenz kommt
noch der Umstand in Betracht, daß es wenig angemessen
sein dürfte, den Vater des Culturkampfes dessem [!] ersten
Opfer als Ehrenbürger[1] zuzugesellen.
Aus diesen Gründen ist es uns unmöglich, dem
Antrage zuzustimmen, so sehr wir auch die Freude der
Antragsteller über die politische Einigung der deutschen
Stämme theilen und so gerne wir anerkennen, daß neben
den großen und seltenen Eigenschaften Kaiser Wilhelm[s] I.,
neben der unvergleichlichen Tüchtigkeit und Genialität
unserer Heerführer, neben der heldenmüthigen
Tapferkeit des deutschen Heeres und der begeisterten
Mitwirkung des ganzen Volkes wesentlich die eminente

StAK_623_Nr_6672_Seite_32

Quelle: StAK 623 Nr. 6672, S. 32.

Staatskunst des Fürsten Bismark [!] es ist, der wir die
Aufrichtung des deutschen Reiches und seine
gegenwärtige äußere Machtstellung zu verdanken
haben.

Die (zentrumsnahen) Antragsteller drangen nicht durch. Am 11. März verlieh die Stadtverordnetenversammlung dem „Eisernen Kanzler“ für seine Verdienste um die Reichseinigung die Ehrenbürgerwürde.

[1] Philipp Krementz (Koblenz 1.12.1819 – 6.5.1899 Köln), Januar 1848 Pfarrer von St. Kastor in Koblenz, 22.10.1867 Wahl zum Bischof von Ermland, 19.2.1868 Ehrenbürger von Koblenz, 15.12.1885 Inthronisation als Erzbischof von Köln, 16.1.1893 Kardinal.

#Krementz, Philipp #Bismarck, Otto von