Archivpädagogische Angebote zur Ausstellung „Koblenz im Zweiten Weltkrieg“

 

Seit 2015 präsentiert das Stadtarchiv auf Fort Konstantin die Dauerausstellung „Koblenz im Zweiten Weltkrieg“, die jedes Jahr von Mitte Mai bis Mitte Oktober geöffnet ist. Sie thematisiert nicht nur den Luftkrieg und die Befreiung von Koblenz durch die US-Amerikaner, sondern auch den lokalen Aufstieg der NSDAP und die Alltagsgeschichte der Bevölkerung. Zu sehen sind neben Ausstellungstafeln zahlreiche Fotos und Exponate, es gibt eine Hörstation sowie einen Film über das zerstörte Koblenz. Für Schulklassen können gesonderte Besichtigungstermine vereinbart werden (Frau Rech, Tel. 0261/1334788). Der Besuch ist kostenlos. Es besteht eine gute ÖPNV-Anbindung über die evm-Linien 2/12 und KVG-Linien 620/621, ein barrierefreier Zugang ist vorhanden.

Verschiedene ausstellungsbegleitende sowie vor- und nachbereitende Unterrichtsangebote (Anforderungsbereiche I-III) für Ihre Lerngruppen der Mittel- und Oberstufe finden Sie unten. Bitte beachten Sie, dass der Ausdruck bei einigen Dokumenten im DIN-A3-Format erfolgen muss.

Für Rückfragen, Kritik und Anregungen stehen Ihnen gerne Frau Dr. Petra Weiß (Tel. 0261/129-2642) und Frau Kathrin Schmude (Tel. 0261/129-2644) zur Verfügung.

 

Kreuzworträtsel
Lösung Kreuzworträtsel
Eigene Fragen an die Ausstellung
Eigene Fragen und Antworten für ein Rätsel
Schreibgespräch
Quellenarbeit Erinnerungskultur
Allgemeine Reflektionsaufgabe

 

 

20190326_WK2-Ausstellung_Flyer_S2_WEB

Werbeanzeigen

Vor 200 Jahren: Eröffnung der Schiffbrücke am 18. April 1819

 

Schiffbrücke_um_1825_Stahlstich_Johann_Baptist_Bachta

Ansicht von Koblenz mit der Schiffbrücke, um 1825. Stahlstick von Johann Baptist Bachta.

 

„Die fliegende Brücke zwischen Koblenz und Ehrenbreitstein setzt auf einmal 16 Wagen mit 2 Pferden über, oder 120 Kavalleristen, und geht täglich 60-mal von einem Ufer zum anderen, mittelst der bloßen Bewegung des Steuerruders.“[1] Die Fliegende Brücke war jedoch instandsetzungsbedürftig, wobei man mit Kosten von 12.000 Talern über fünf Jahre kalkulierte.

 

Fliegende_Brücke_Ausschnitt_aus_StAK_K_Nr_279

Wiedergabe der Fliegenden Brücke auf dem „Dilbecker-Plan“ von 1794 (StAK K Nr. 279).

 

Auf Drängen von Generalmajor Aster begannen Ende 1817 Verhandlungen über den Bau einer Schiffbrücke, da die Fliegende Brücke den Verkehrsbedürfnissen besonders wegen des Festungsbaus nicht mehr gewachsen war. Aster argumentierte, die neue Brücke sei nicht nur im Falle eines Krieges, sondern auch im Frieden von größter Wichtigkeit. Im Mai 1818 erfolgte die öffentliche Ausschreibung.[2] Den Zuschlag erhielten die Gebrüder Hermann und Matthias Stinnes aus Ruhrort. Die ursprünglich auf den 1. März 1819, dann auf den 1. April verschobene Eröffnung fand schließlich am 18. April 1819 statt, also genau vor 200 Jahren. An diesem Tag wurden die vorgefertigten Brückenteile unter Leitung von Pionierhauptmann Linde aufgeschlagen. Die auf 21.000 Taler veranschlagten Kosten erhöhten sich auf 35.709 Taler. Gleichzeitig mit dem Brückenbau wurde in Nieder-Ehrenbreitstein ein Sicherheitshafen für die Schiffsbrücke angelegt, für den man das Gelände der ehemaligen Reitbahn aushob. Im Januar 1841 ließ die Königliche Fortifikations-Behörde aufgrund von Reparaturarbeiten an der Schiffbrücke erneut eine fliegende Brücke anlegen, die mindestens noch bis 1845 in Betrieb war. 1842 stellte die Rheinbrücken-Verwaltung, die dem Militär unterstand, einen besonderen Nachen zum Transport von Schulkindern für den Fall zur Verfügung, dass die Schiffbrücke eingefahren war.[3]

Das Lucassche „Zeitbuch“ berichtet über die Eröffnung der Schiffbrücke:[4] „Sonntags am 18. April wurde eine stehende Schiffbrücke – ruhend auf 36 Pontons, 480 Schritte oder 1136 Schuhe lang und 24 Schuhe breit[5] – an der Stelle wo sonst die fliegende Brücke war, dahier aufgeschlagen, um künftig den befestigten Plätzen zu einer ununterbrochenen Verbindung zu dienen. Abends um 7 Uhr hatte der erste Übergang über dieselbe von Seiten der hiesigen Civil- und Militär-Autoritäten, unter einem großen Volks-Zulaufe an beiden Rheinufern, statt, wobei man jenseits die Böller löste und verschiedene Musikchöre spielten. Diese vom Halbdunkel seltsam grundirte Scene versetzte die Phantasie in die Zeiten des ersten Rhein-Übergangs der Römer. Man weiß nur von zwei stehenden Schiffbrücken, die in der Kurfürstlich-Trierischen Zeit hier errichtet wurden. Die erste wurde im Jahre 1663 aufgestellt, und nach einer Privat-Chronik und den Rechnungen war der erste Übergang Sonntags am 21. Mai. Dieselbe blieb aber nur bis zum Jahre 1670, in welchem Jahr wahrscheinlich die Brückenschiffe durch den außerordentlich heftigen Eisgang zertrümmert wurden. Im Anfange des folgenden Jahrhunderts ließ die kurfürstliche Hofkammer abermals eine stehende Brücke über den Rhein schlagen, aber auch diese blieb nur einige Jahre. Beide Brücken standen am ehemaligen alten Rheinthor, bei der Stiftskirche zu St. Castor. Die heftigen, auf dieser Stelle andringenden Nordwinde verursachten viele Unfälle; dieses sowohl als auch den Mangel eines bequemen Winterhafens mögen die Beweggründe gewesen seyn, daß man eine fliegende Brücke wieder hinstellte (Cobl. Anzeiger J. 1819, Nr. 17). Die älteren Schiffbrücken, welche hier aufgerichtet wurden, die Spinolas 1620, die von 1669, die von 1704, über welche Marlborough nach dem Schellenberge und nach Hochstädt zog, die der Östreicher in den Jahren 1745 und 1794[6], standen sämmtlich auf weniger bequemen Punkten (siehe Rheinischer Herold J. 1819, Nr. 34).“[7]

[1] Johann Daniel Ferdinand Neigebaur: Statistik der Preußischen Rheinprovinzen, in den drei Perioden ihrer Verwaltung. Köln 1817, S. 156.

[2] Coblenzer Anzeiger Nr. 19, 8.5.1818, mit Angaben über Art und Umfang der erforderlichen Arbeiten.

[3] Stadtarchiv Koblenz (StAK) DB 8 Nr. 1: Stadtumwallung mit Brücken.

[4] StAK 623 Nr. 998, Nr. 785, S. 434-435.

[5] Die Schiffbrücke wäre demnach rund 346 Meter lang und ca. 7,30 Meter breit gewesen.

[6] Diese Schiffbrücke überspannte in Höhe des Kurfürstlichen Schlosses den Rhein und ist als „kayserliche bruck“ auf dem „Dilbecker-Plan“ (StAK K Nr. 279) eingezeichnet; vgl. https://stadtarchivkoblenz.files.wordpress.com/2016/01/dilbecker-plan.jpg.

[7] Vgl. auch Max Bär: Aus der Geschichte der Stadt Koblenz 1814-1914. Koblenz 1922, S. 195-196; URL: https://www.dilibri.de/rlb/content/pageview/6369 (Fliegende Brücke und Schiffbrücke); Erich Franke: Geschichte der Koblenzer Brücken. In: Koblenz – Stadt der Brücken. Dokumentation zur Einweihung der Koblenzer Balduinbrücke. Koblenz 1975 (Dokumentationen der Stadt Koblenz), S. 14-68, hier S. 43-46 (Fliegende Brücke), 47-52 (Schiffbrücke).

 

StAK_FA_1-801_Schiffbrücke_1937

Der Raddampfer „Rheingold“ passiert die Schiffbrücke, 1937 (StAK FA 1-801 Schiffbrücke).

#Aster, Ernst Ludwig von

Ewald Rübsamen (Rübsaamen) – Zoologe, Maler und Zeichner

Seit dem 17. März zeigt das Siegerlandmuseum eine Ausstellung zu Ewald Rübsamen (Link). Am 20. Mai 1857 in Hardt an der Sieg geboren, leitete er seit 1879 eine Privatschule in Siegen. Seit 1891 war Rübsamen in Berlin als Zeichenlehrer und Zoologe tätig, 1909 übernahm er die Leitung der Reblausbekämpfung in der Rheinprovinz. Rübsamen starb am 17. März 1919 in Metternich bei Koblenz.

Lit.: Otto Renkhoff: Nassauische Biographie. Kurzbiographien aus 13 Jahrhunderten. 2. Aufl. Wiesbaden 1992, S. 663.

Wikipedia-Artikel

Dank an Thomas Wolf vom Kreisarchiv Siegen-Wittgenstein für den Hinweis!

#Rübsamen, Ewald

#Rübsaamen, Ewald

Das sozial-karitative Engagement Koblenzer Frauen im 19. Jahrhundert

01 Koblenz, um 1850 (Privatbesitz)

Koblenz um 1850 (Privatbesitz).

 

Vortrag von Petra Habrock-Henrich M. A., Koblenz, am 28. März 2019 in der Reihe „Koblenzer Frauengeschichte am Donnerstag“, veranstaltet von der Gleichstellungsstelle der Stadt Koblenz, der Stadtbibliothek und dem Stadtarchiv

 

1. Einführung

Armut ist ein gesellschaftliches Phänomen das es seit Beginn der Menschheitsgeschichte gegeben hat. Selbst in unserer heutigen scheinbaren Überflussgesellschaft wächst die Anzahl der Betroffenen ständig. Dennoch lässt sich die heutige Armut in Mitteleuropa nicht mit der Situation in der vermeintlichen „guten alten Zeit‘, vergleichen. Hier kann uns eher die derzeitige Lage in der sog. Dritten Welt Parallelen bieten. Im 19. Jahrhundert lebten Millionen Mitteleuropäer im Elend. Ihr Alltag war ein Kampf ums nackte Überleben.

Die Bedrängnis ihrer Mitmenschen motivierte damals eine Reihe von Frauen und Männern Mittel und Wege zu suchen um der Not abzuhelfen. Bürgerinnen und Bürger der Stadt Koblenz haben bei der Gründung karitativer Organisationen eine Vorreiterrolle gespielt, wobei es insbesondere die Frauen waren, die sich, ihrer traditionellen Rolle entsprechend, der Bedürftigen annahmen. Die Bedeutung dieser hilfsbereiten und opferwilligen Frauen wird von der Geschichtsschreibung bis heute unterbewertet. Da es im 19. Jh. ansonsten nur im erzieherischen Bereich gesellschaftlich geachtete Frauenberufe gab, standen ihnen im außerhäuslichen Bereich zwei Wege offen. Sie konnten entweder durch den Eintritt in eine kirchliche Ordensgemeinschaft ihr ganzes Leben dem Dienst am Nächsten widmen, oder, wenn sie über genügend freie Zeit und wirtschaftliche Unabhängigkeit verfügten, eine ehrenamtliche karitative Arbeit ausüben. Soziale Arbeit setzte sich als berufliche Tätigkeit für Frauen erst mit dem Ausbau staatlicher Fürsorge im 20. Jahrhundert durch.

Zupackende tägliche Liebestätigkeit blieb lange Zeit eine Domäne der Frauen. Im Rahmen dieses Vortrages stelle ich Ihnen einige herausragende Beispiele vor. Pionierarbeit bei der organisierten Fürsorge leistete der seit 1817 bestehende „Katholische Frauenverein St. Barbara“. Neben den Laieninitiativen begann die Professionalisierung der Kranken- und Armenpflege im 19. Jahrhundert. In Koblenz waren es vor allem katholische Kongregationen, die hier erstmals mit ausgebildeten Fachkräften tätig wurden.

Meine Ausführungen stützen sich auf Material aus der Literatur und den Koblenzer Archiven. Es ermöglicht zum einen Einblicke in den Aufbau und die Arbeitsweise der Laienvereinigungen und der kirchlichen Kongregationen, die sich der Armen- und Krankenpflege widmeten. Zum anderen geben zeitgenössische Biographien Hinweise darauf, welche Frauen sich zur sogenannten Liebestätigkeit bereitfanden, wie sie gelebt haben und aufgrund welcher Motive sie einen großen Teil ihrer freien Zeit mit so wenig angenehmen Tätigkeiten wie Krankenpflege und Bettelgängen verbrachten

 

1.1. Politische Bedeutung der Stadt

Radikale politische Veränderungen brachte die Besetzung der Stadt Koblenz durch französische Revolutionstruppen im Jahr 1794.  Die ehemalige Residenzstadt des Kurfürsten von Trier wurde 1798 Hauptstadt des ,,Departement de Rhin-et-Moselle“. 1801 fiel Koblenz im Frieden von Luneville auch formal an Frankreich. Die heutigen rechtsrheinischen Teile der Stadt, wie beispielsweise der Ehrenbreitstein, fielen an das Herzogtum Nassau. Ab 1802 wurden sämtliche Stifte und Klöster im französischen Gebiet säkularisiert. Mit Auflösung der kirchlichen Herrschaft und der Änderung der Besitzverhältnisse entstand eine vergleichsweise liberale Gesellschaftsordnung, die 1804 mit der Einführung eines modernen Rechtswesens in Form des Code Civil festgeschrieben wurde. Sie beruhte auf individuellen Freiheiten, der Gleichheit vor dem Gesetz, der Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze, dem Schutz des Eigentums und der strikten Trennung von Kirche und Staat. Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege gingen die ehemaligen rheinischen Besitztümer des Trierer Kurstaates und damit auch Koblenz durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses 1815 an das Königreich Preußen. Koblenz wurde ab 1822 (bis 1947) Hauptstadt der Rheinprovinz.

 

1 .2. Armenfürsorge im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklung

Bis zu den Anfängen der organisierten staatlichen Fürsorgen mit entsprechenden Versicherungspflichten für den Einzelnen am Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland so gut wie keine staatliche Absicherung für den Einzelnen. Die gesamte Armen- und Krankenfürsorge lag in privaten und kirchlichen Händen.

Die Anfänge einer organisierten bürgerlichen Armenfürsorge entwickelten sich in den Städten des späten Mittelalters. Das mittelalterliche Armenwesen stand auf zwei Pfeilern: einerseits die auf privaten Stiftungen beruhende geschlossene Armen-, Alten- und Krankenpflege in Hospitälern, die es in Koblenz seit dem Jahr 1110 gab und andererseits die offene Armenpflege durch „milde Gaben“, die Bettel-, Armen- und Almosenordnungen regeln sollten.

Bis zum Ende des 18. Jh. lebten die Bürger unserer vom Katholizismus geprägten Stadt, in einer festgefügten, allerdings zunehmend brüchiger werdenden gesellschaftlichen Ordnung. Arme, Alte und Kranke hatten als notwendige Objekte der Nächstenliebe ihren Platz. Die Pflege alter und kranker Menschen fand zu dieser Zeit noch fast ausschließlich im häuslichen Bereich statt. In die oft von kirchlichen Orden verwalteten Hospitäler oder Siechenhäuser, sowie ab 1729 in das örtliche Waisenhaus, wies die Stadt Fälle ein, in denen eine häusliche Betreuung nicht möglich war. Ende des 18. Jahrhunderts war dieses System, nicht zuletzt infolge der gewachsenen Armut, deutlich heruntergekommen. Die Insassen der Hospitäler wurden häufig von schlecht bezahlten Knechten und Mägden – oft ehemaligen Prostituierten – ohne jegliche Vorbildung gepflegt und mussten meist mehr schlecht als recht für sich selbst sorgen.

Nach der Eroberung der Stadt durch die Franzosen im Jahr 1794 ging die Verantwortung für das Armenwesen und damit auch die Verwaltung der Armen- und Hospitalvermögen, allein in die Hand einer ausschließlich männlich besetzten städtischen Armenkommission über. Die preußische Regierung, die ab 1816 die Herrschaft übernahm, behielt diese Regelung im wesentlichen bei. Die Armenpflege der Stadt beschränkte sich zum einen die offene Armenpflege, die sich im wesentlichen auf die Verteilung von Nahrungsmitteln und Brennmaterial, sowie auf die Einrichtung einer Suppenanstalt während der Wintermonate beschränkte, zum anderen die Betreuung pflegebedürftiger armer, kranker und alter Menschen im Hospital. 1871 ging die alleinige Verantwortung für die Sozialfürsorge auf die Stadtverwaltung über. Der Armenfonds reichte nie zur Bestreitung der wachsenden Ausgaben aus und musste deshalb durch immer höhere Zuschüsse aus dem städtischen Haushalt aufgestockt werden. Erst nach der Einführung einer staatlichen Sozialversicherungspflicht, beginnend mit der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahr 1883, trat ganz allmählich eine Verbesserung der finanziellen Situation im städtischen Sozialhaushalt ein. Bis ins späte 19. Jh. blieb die städtische Sozialfürsorge entsprechend rudimentär. Wer in Armut geriet, konnte rein rechtlich gesehen keinen Anspruch auf Unterstützung geltend machen.

02 Löhrrondell, um 1856 (Stadtarchiv Koblenz)

Löhrrondell, um 1856 (Stadtarchiv Koblenz [StAK] FA 1-06 Löhrrondell).

Den ohnehin unzureichenden Mitteln der Stadt stand eine wachsende Anzahl von Armen gegenüber. Die Erwerbssituation in Koblenz war bereits am Ende der kurfürstlichen Zeit schlecht. Bis zu 20 Prozent der Bevölkerung lebten am Rand oder sogar unterhalb der Armutsschwelle. Nach dieser Zeit ging es rasch weiter bergab, denn die folgenden Jahrzehnte waren im deutschen Raum, ja in fast ganz Europa geprägt von einem Bevölkerungswachstum in bis dahin nie gekanntem Ausmaß. Die Koblenzer Einwohnerzahl verfünffachte sich von knapp 8.000 um 1800 auf knapp 40.000 um 1895. Weil für diese Menschenmassen zunächst keine ausreichende Erwerbs- und Ernährungsgrundlage vorhanden war, entstand das Phänomen des sog. Pauperismus. Diese Verelendung weiter Bevölkerungskreise setzte regional unterschiedlich zwischen 1820 und der Jahrhundertmitte ein und dauerte bis in die 1860er Jahre an. Als Garnisonsstadt und Hauptstadt der Rheinprovinz bot Koblenz zwar nicht das Bild völligen sozialen Elends wie zahlreiche frühindustrielle Zentren. Kriegs- und Hungersnöte sowie der Zuzug zahlloser nach Beendigung der Festungsbauten arbeitslos gewordener Bauarbeiter und entlassener Soldaten, die mangels größerer Betriebe am Ort kaum Arbeit fanden, ließen die Armut  aber auch in unserer Stadt fühlbar wachsen. Ab Mitte der 1820er Jahre lebten bis zu 70 Prozent aller Koblenzer am Rande des Existenzminimums, d.h. „von der Hand in den Mund“. Der Weg dieser Familien führte zunächst ins Pfandhaus und zu allerletzt zur städtischen Armenkommission. In Extremfällen, wie im harten Notwinter 1846/47 mussten fast 5.500 Koblenzer (28 % der Bevölkerung) mit Brot versorgt werden und bis zu 3.000 Bedürftige, darunter zeitweise über 1.000 Obdachlose (5% der Bevölkerung!!), benötigten täglich zumindest eine warme Suppe.

04 Hermann Josef Dietz (Mittelrhein-Museum Koblenz)

Hermann Josef Dietz (Mittelrhein-Museum Koblenz).

Zahlreiche bessergestellte Koblenzer Bürger, die sich mit dieser überwältigenden und andauernden Armut konfrontiert sahen, wollten gegen das Elend in ihrer nächsten Umgebung etwas tun. Zu einer ersten spontanen Hilfsaktion und beispielhaften Entfaltung neuer Arbeitsmethoden kam es während der Hungersnot des Winters 1816/17 unter der Leitung von Hermann Josef Dietz (dem Gründer der Blechwarenfabrik) und Josef Görres. Den letzten Auslöser für ihr Engagement bildete vermutlich eine kleine Hungerrevolte im Frühjahr 1817. Zu diesem Zeitpunkt war die Situation so bedrohlich geworden, dass in dem ansonsten eher ruhigen Koblenz eine Gruppe hungriger Personen gewaltsam einen mit Kartoffeln beladenen Kahn anhielt und den Schiffer zwang seine Ladung zu löschen (LHA Ko Best. 441 Nr. 17274). Acht Tage später, am 30. Mai 1817 rief Josef Görres im Rheinischen Merkur angesichts des Elends in Koblenz und in den umliegenden Mittelgebirgsgegenden zu Spenden auf, was zur Gründung eines sehr erfolgreichen Hilfsvereins führte in dem sich 15 angesehene Männer der Stadt zusammenfanden.

03 Josef Görres (Katholischer Leseverein Koblenz)

Josef Görres (Katholischer Leseverein Koblenz).

Der Hilfsverein schaffte erhebliche Mengen Lebensmittel in die Notgebiete und beendete seine Tätigkeit im Sommer 1817 mit der Ausgabe von Saatgetreide. Neben Görres und Dietz engagierten sich später auch die mit ihnen verwandten oder zumindest eng befreundeten Familien Settegast, Longard, von Lassaulx und Maas in der karitativen Vereinigung. Zu ihrem Kreis, der sich zu einer Keimzelle des politischen Katholizismus im Rheinland entwickelte, stieß bald der in Koblenz geborene Dichter Clemens Brentano. Er lebte von 1825 bis 1827 im Hause Dietz und trug wesentlich zur Formung der neuen katholischen Bewegung und ihrer karitativen Initiativen bei. Spontan von Männern gegründete Hilfsvereine gab es auch in späteren Notjahren, insbesondere nach 1846 immer wieder. Keine Vereinigung hatte jedoch die weitreichende Wirkung, die von diesem ersten Koblenzer Karitaskreis ausging.

05 Clemens Brentano, Gemälde von Emilie Linder, um 1835

Clemens Brentano, um 1835.

 

2. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts

Schneller und umfassender als ihre Männer wandten sich die Koblenzer Frauen den im Zeitalter der Aufklärung in Vergessenheit geratenen Vorstellungen von Frömmigkeit und Nächstenliebe wieder zu. Um die Leistung der Frauen, die sich zu Beginn des 19. Jh. karitativ betätigten, richtig würdigen zu können, müssen wir uns zunächst ihre rechtliche und gesellschaftliche Stellung vergegenwärtigen. Die Frau hatte sich auf den häuslichen Bereich zu beschränken. Sie besaß nur in Ausnahmefällen eigenes Geld, war nicht geschäftsfähig, durfte vor 1908 nicht an politischen Versammlungen teilnehmen, erhielt erst 1918 das Wahlrecht und hing deshalb grundsätzlich in ihren Wünschen und Bedürfnissen vom Ehemann bzw. älteren männlichen Verwandten ab.

Nur wenige Frauen erhoben in dieser Zeit Anspruch auf eine selbständigere Lebensführung und dies lag nicht nur an den materiellen Einschränkungen des Alltags. Vielmehr legten gesellschaftliche und religiöse Konventionen genauestens fest, was sich für eine Frau schickte und was nicht, und Haushalts- und Familienpflichten taten ein übriges, um eine Hausfrau und Mutter in ihren vier Wänden festzuhalten. Die „beste Zeit“ ihres Lebens verbrachten bürgerliche Frauen damit, Kinder zu gebären und großzuziehen. Erleichtert wurde diese Umwertung von Arbeit in Anmut und Liebe dadurch, dass man die schwere Hausarbeit Dienstboten und Zugehfrauen übertrug. In der ersten Hälfte des 19. Jh. beschäftigen bürgerliche Familien in der Regel mindesten ein bis zwei Küchen- und Stubenmädchen, die für die schmutzigen und beschwerlichen Arbeiten zuständig waren.

Betätigte die Frau sich außerhalb ihres Haushaltes, so war dies gesellschaftlich nur akzeptabel, wenn sie dies im Rahmen ihrer angestammten „Mütterlichkeit“ oder in Erfüllung ihrer Frömmigkeitspflichten tat. Frauen, ob verheiratet oder unverheiratet, durften ihre Talente nur in den angestammten weiblichen Tätigkeitsfeldern: Erziehen, Heilen, Pflegen, Helfen entfalten. Eine Ausnahme bildete der Handel, insbesondere mit Lebensmittel und Textilien, in dem sich Frauen unter der offiziellen Geschäftsführung eines Mannes betätigten. Frauen der unteren Schichten blieben als ehrbare Berufe nur : Wäscherin, Näherin und insbesondere Dienstbotenstellungen.

 

2.1. „Berühmte“ Frauen in Koblenz

Wer erwartet in der Koblenzer Geschichte Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation oder engagierte Mitstreiterinnen der frühen Frauenbewegung zu finden, wird enttäuscht werden. Immerhin haben in Koblenz während des 19. Jahrhunderts einige Frauen mehrere Jahre ihres Lebens verbracht, die aufgrund ihrer intellektuellen bzw. kulturellen Leistungen überregionale Bedeutung erlangten.

 

2.1.1.Augusta von Sachsen-Weimar (1811-1890) „Der Drache von Rhein“oder Lady Di?

Augusta von Sachsen-Weimar heiratete 1829 Wilhelm, den Kronprinzen und späteren König von Preußen und Kaiser des dt. Reiches. Sie kann als Beispiel für das seit dem MA mehr oder weniger ausgeprägt ausgeübte Patronatswesen der Adligen und Herrscherinnen über Arme und Kranke dienen. In den Jahren 1850 bis 1858 residierte Prinz Wilhelm mit seiner Ehefrau Augusta als preußischer Militärgouverneur im Koblenzer Schloss.

09 Kaiserin Augusta, Ausschnitt aus einer Lithographie, Mittelrhein-Museum Koblenz

Kaiserin Augusta, Ausschnitt aus einer Lithographie (Mittelrhein-Museum Koblenz).

Augusta, die bis zum Jahr vor ihrem Tode die Stadt mehrmals jährlich besuchte, übte ihr Patronatswesen mit vier Schwerpunkten aus.

  1. Sie engagierte sich sehr zugunsten weiblicher Krankenpflegeorden, wobei sie besonders die „Barmherzigen Schwestern“ bevorzugte. In Koblenz übernahm sie das Protektorat über mehrere von ihnen geleitete Anstalten (u. a. Hospital in Ehrenbreitstein) und stand persönlich in engem Kontakt mit den Schwestern, sodass diese ihre Tochter Luise „unser Kind“ nannten. Augusta beeinflusste ihrem Mann Wilhelm während des Kulturkampfes um 1870, dass er sich dafür einsetzte, die Krankenpflegekongregationen vom allgemeinen Verbot katholischer Orden auszunehmen.
  2. Augusta übernahm das Patronat über zahlreiche karitative Frauenvereinigungen: Zunächst (1852) über den katholischen Frauenverein St. Barbara. Schließlich leitete sie auf nationaler Ebene ab 1871 den Vaterländischen Frauenverein.
  3. Sie förderte die Gründung von Mädchenschulen und gründete ein Wöchnerinnenheim.
  4. Sie tätige allgemeine Stiftungen für Koblenzer Bürger u.a. für bedürftige Handwerkerfamilien.
10 Kaiserin Augusta in den Rheinanlagen, 1885 (Stadtarchiv Koblenz)

Kaiserin Augusta und Kaiser Wilhelm I. in den Rheinanlagen, 1885 (StAK FA 1-24 Augusta).

2.1.2. Bertha Augusti (1827-1886)

Die Schriftsteilerin wurde 1827 als Tochter eines Justizrats in Köln geboren. 1849 heiratete sie und zog mit ihrem Mann, einem Landgerichtsassessor, nach Koblenz. Dieser verstarb nach nur neunjähriger Ehe und ließ sie mit drei kleinen Söhnen materiell  unzureichend versorgt, zurück. Nach dem Tode ihres Mannes begann Bertha Augusti mit ihrer literarischen Tätigkeit. Ihr bedeutendster Roman: Ein verhängnisvolles Jahr, erschien 1879, zwei Jahre nach dem letzten Besuch ihrer engen Freunde Karl und Jenny Max in Koblenz. Sie kritisiert in ihrem Roman sowohl die rechtlich und gesellschaftlich mindere Stellung der Frau, als auch scheinheilige Wohltätigkeitsbestrebungen der Oberschicht. In literarischen Kreise war sie allgemein anerkannt und hatte nie Probleme einen Verleger für ihre gemäßigt sozialkritischen Werke zu finden.

Beispielzitat (Liebenswerte Baronin, eine der Protagonistinnen des Romans, besucht völlig verarmte, schwer erkrankte Mutter, in ihrer Hütte):

Wahrlich, Sie müssen keine von den Reichen sein, denn Reiche haben ja nicht soviel Herz für unsereinen…und wagen sich persönlich gar in diese elende Hütte….Ja, ich glaube nicht mehr an wirkliches Mitleid reicher Leute für uns Arme. Da gründen sie Frauenvereine ‚vornehme‘ reiche Damen stehen an der Spitze, halten Kollekten und Basare, wie sie’s nennen‘ ab‘ wo sie in großem Putz selbst hinter den Verkaufsständen die beigesteuerten Sachen eifrig feilbieten, um ihren bedeutenden Erlös später den Armen zuzuwenden. Aber glauben sie mir‘s, an die Rechten kommt‘s gar selten…Die verschämten Armen haben das Nachsehen.

 

2.1.3.Luise Hensel (1798-1876)

Das Abendgebet „Müde bin ich, geh zur Ruh“ der Dichterin und Erzieherin Luise Hensel ist noch heute populär. Die Tochter eines protestantischen Predigers entschloss sich bereits als 18jährige zur Ehelosigkeit und trat 1818 im Alter von 20 Jahren, zum katholischen Glauben über. Dies war zwar nur eine von vielen Konversionen, die im Zusammenhang mit der religiösen Erweckungsbewegung im Anschluss an die Freiheitskriege folgten. Die tiefe Religiosität Luise Hensels bewirkte jedoch, dass sich der sie sehr verehrende Clemens Brentano immer stärker der Kirche zuwandte. Sie verkörperte Brentanos Frauenideal der Frömmigkeit, Demut und Hilfsbereitschaft bis zur Selbstaufgabe.

06 Luise Hensel

Luise Hensel.

1825 übernahm sie mit ihren Freundinnen Apollonia Diepenbrock aus Bocholt und Pauline von Felgenhauer aus dem Münsterland die undankbare Aufgabe, den Pflege- und Betreuungsdienst im neuerrichteten Koblenzer Hospital bis zum Eintreffen von ausgebildeten Schwestern zu organisieren. Im Rahmen dieser Tätigkeit gewannen die drei jungen Frauen größten Einfluss auf die jungen Koblenzerinnen. Clemens Brentano schrieb über diese Zeit an seinen Bruder Christian:

Diese drei frommen Personen haben nun beinah ein halbes Jahr zur großen Erbauung der Stadt, besonders der weiblichen Jugend, wahrhaft exemplarisch und oft heldenmäßig gearbeitet, und auch noch außer dem Hause die verlassensten Schwerkranken mit Pflege, Nachtwachen, Erquickung und Bekehrung gepflegt, zugleich angestrengt für die Armen genäht, und in mehreren Jungfrauen der Stadt einen ähnlichen Sinn erweckt, welche abwechselnd Dienste leisten; selbst das Umbetten der Leichen besorgen sie, und alles dieses ohne falsche Begeisterung in der größten Einfalt.

Luise Hensel, die auch weiterhin ein vergleichsweise unabhängiges Leben führte, ging später u.a. als Erzieherin nach Aachen und lebte zuletzt, bis zu ihrem Tode 1878, in einem Paderborner Kloster.

Pauline von Felgenhauer trat 1829 in das Düsseldorfer Ursulinenkloster ein, wo sie frühzeitig verstarb.

 

2.1.4. Apollonia Diepenbrock (1799-1880)

Apollonia, eine Schwester Kardinals Melchior Diepenbrock, kehrte einige Zeit nach Beendigung ihrer Tätigkeit im Hospital mit ihrem Vater nach Koblenz zurück und übernahm, zusammen mit Caroline Settegast und der Gräfin Merveldt, die Erziehung im Waisenhaus St. Barbara. 1833 zog sie nach Regensburg zu ihrem Bruder. Dort stiftete sie das bis zu ihrem Tod (1880) von ihr geleitete St.-Josephs-Haus.

07 Apollonia Diepenbrock

Apollonia Diepenbrock.

Clemens Brentano stand mit ihr in engem Briefwechsel und charakterisierte sie:

Apollonia aber setzt alles durch ihre Klarheit, Demuth, Einfalt, Liebe, Tüchtigkeit und den Frieden, den sie verbreitet, in Verehrung für ein solches Wirken, das durch sie alles Excentrische verliert.

 

2.2. Engagierte Koblenzerinnen

Neben diesen über die Stadt hinaus bedeutenden Frauen gab es eine ganze Reihe „echter“ Koblenzerinnen, die sich insbesondere während der ersten Hälfte des 19. Jh., als karitativ arbeitende Ordensschwestern noch eine Ausnahme bildeten, im diesen Bereich hervortaten. Ihr Lebensweg ist sicherlich nicht repräsentativ, hat aber beispielhaft auf zahlreiche andere Frauen gewirkt.

 

2.2.1. Johanna Dietz

Johanna Dietz, geb. Maas, ist bezeichnenderweise die einzige Ehefrau unter den bekannten karitativ engagierten Frauen. Über ihr Leben gibt es nur wenige Zeugnisse.

08 Alte Burg

Alte Burg am Moselwerft, um 1890. Hier betrieb Hermann Josef Dietz, Ehemann von Johanna Dietz, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einem Kompagnon eine Fabrik für emaillierte Blechwaren (Privatbesitz).

1826 nahm sie es, trotz aller familiären Belastungen auf sich, nach Nancy zu reisen um dort die 80jährige Generaloberin der Borromäerinnen zu einem Besuch in Koblenz zu bewegen. Der hier von Luise Hensel und ihren Freundinnen mustergültig aufgebaute Pflegedienst konnte die skeptische Oberin überzeugen im neuen Koblenzer Hospital eine Filiale zu eröffnen. Clemens Brentano nannte Johann Dietz seine zweite Mutter, wohl weil sie mit ihm mehr Arbeit hatte, als mit ihren eigenen Kindern. Sie ist durch sein Gedicht „Auf den Tod der Frau Dietz“ bekannt.

Heimatlos an jedem Orte,

Fand ich, wo die Kinder spielten,

Ruhe nur an ihrer Pforte

Wo die Pilger Rasttag hielten. –

Sie hat mich ins Haus geladen,

Hat um mich sich eingeschränket,

Hat am Quell der eignen Gnaden

Fromm den müden Gast getränket.

 

2.2.2. Caroline Settegast (1792-1871)

Beispielhaft für eine ganze Gruppe junger Frauen aus den zum Karitaskreis um Josef Görres gehörenden Familien ist Caroline Settegast. Sie war eine von zwei überlebenden Töchtern des Arztes Modest Settegast und seiner Ehefrau Anna Elisabeth Mazza (Tochter des Ob Mazza und Schwägerin von Görres). Caroline schloss sich mit einigen Gefährtinnen Luise Hensel und ihren Freundinnen an. Ihr Leben wurde von der Koblenzerin Elisabeth von Knackfuß porträtiert, die unter dem Decknamen A. Joachim schriftstellerisch hervortrat. Caroline wandte sich nach dem frühen Tod ihrer frommen Mutter, sicher nicht zuletzt aufgrund der streng religiösen Erziehung, der Kranken- und Armenpflege zu. Sie war der festen Überzeugung, dass besonders ekelerregende Krankheitsfälle von Gott für sie zur Pflege vorbehalten seien. Tag und Nacht wurde sie zu Pflegebedürftigen gerufen. Von Natur aus sehr empfindsam und eher schwächlich, trat sie zwar meist demütig, aber gelegentlich auch derb koblenzerisch auf; was ihr, in Verbindung mit ihrem angeblich unschönen Äußeren, den Beinamen „dat ruth Mensch“ oder gar „die ruth Hex“, bei ihren Pfleglingen einbrachte. Caroline gehörte zu den ersten Mitgliedern des Frauenvereins von 1817. Gesellschaftliche Vorurteile kannte sie nicht, so ist überliefert, dass sie ihre gesamte Energie einsetzte, um eine sterbende Prostituierte zur kathol. Kirche zurückzuführen. In ihrer knappen Freizeit bestickte sie Altardecken für die Kirchen, die sie regelmäßig aufsuchte. Das Caroline dennoch keine verbitterte und weltfremde Frömmlerin war, zeigt folgende Anekdote: So wollten bei einer großen Hochzeitsfeier in der Familie die jüngeren Gäste nicht glauben, dass die immer in Schwarz gekleidete Caroline in ihrer Jugend die gefragteste Tänzerin von Koblenz gewesen war. Für einen Taler tanzte sie mit dem Bräutigam und erhielt stürmischen Beifall. Sie durchtanzte dann die ganze Nacht und erwarb auf diese Weise eine runde Summe für ihre Armen.

Die Verbreitung der krankenpflegerischen Genossenschaften machte Carolines Tätigkeit in der zweiten Jahrhunderthälfte allmählich überflüssig. Als ältere Frau vereinsamte sie. Ihre Freundinnen verstarben oder gingen aus Koblenz fort und so zog sie sich zunehmend aus einer Welt zurück, die ihr fremd geworden war. In den letzten Lebensjahren widmete sie sich hauptsächlich der Kindererziehung (sie zog im Laufe ihres Lebens zahlreiche Waisenkinder in ihrem Haus auf) und starb schließlich 1871 im Alter von 80 Jahren. Sie war offenkundig unfähig ihr geringes ererbtes Vermögen selbst zu verwalten, da sie immer alles verschenkte, was sie entbehren konnte, erbat und erbettelte. Nach dem Tod ihres Vaters waren deshalb verschiedene befreundete Kaufleute für ihre materielle Existenz verantwortlich. Zum Zeitpunkt ihres Todes war Caroline in der Koblenzer Bevölkerung allerdings noch nicht vergessen. Auf dem Gräberfeld 3 des Hauptfriedhofes befindet sich noch heute ihr Grab mit der Aufschrift:

Der Verstorbenen, die ein Engel der Barmherzigkeit war, für unzählige Arme, Kranke, Witwen und Waisen; widmet dieses Denkmal – Die dankbare Stadt Koblenz.

12 Grabmal Caroline Settegast

Grabmal von Caroline Settegast auf dem Koblenzer Hauptfriedhof.

 

2.2.3. Margarete Verflassen (1808-1845)

Gretchen war das jüngste von 14 Kindern (außer ihr erreichte nur eine weitere Schwester das Erwachsenenalter) des Porträtmalers Verflassen in der Firmungstraße. Auch sie stand unter dem Einfluss von Hensel, Diepenbrock, Felgenhauer und nicht zuletzt von Clemens Brentano. Nach Ansicht des Malers Louis Grimm sah sie aus wie die Nichte eines spanischen Kardinals. Ihre Biographin, die Koblenzer Offizierstochter Amalie Hassenpflug, beschreibt sie als geistvolle und witzige Frau, die in der kernigen, gleichnisreichen Sprache ihrer Heimat immer den Nagel auf den Kopf traf und die damit, bei aller Gutmütigkeit, ihre Mitmenschen gelegentlich brüskierte. Sie weinte selten, sprach nur das Notwendigste und versuchte niemals, sich gegen ungerechtfertigte Angriffe zu verteidigen.

Firmungstr.

Firmungstraße, Blick in Richtung Rhein.

Die gerade 18jährige Margarethe war von der Lebens- und Arbeitsweise der soeben in Koblenz eingetroffen Barmherzigen Schwestern fasziniert. Aufgrund des tiefen Eindrucks, den sie hier erhielt, aber auch getrieben von dem Wunsch, die Enge des Elternhauses und der Heimatstadt hinter sich zu lassen, entschloss sich Margarethe zum Eintritt in die Genossenschaft. Dieser Versuch misslang jedoch ebenso, wie ein weiterer Ordensbeitritt oder die Übernahme erzieherischer Aufgaben bspw. in der Anstalt der Geschwister Doll bei Boppard. Margarethe erwies sich insbesondere wegen ihrer körperlichen Schwäche als ungeeignet für ein fortgesetztes Arbeitsleben. Sie kehrte in ihr Elternhaus zurück und widmete sich neben ausgiebigen religiösen Übungen, die täglich mindestens drei Stunden in Anspruch nahmen, der Armenpflege und der Aufbringung von Almosengeldern. Sie lebte wie Caroline Settegast nach einem exakt festgelegten Tagesablauf und starb bereits im Alter von 37 Jahren.

lhr Tagesablauf ist überliefert:

6 Uhr Aufstehen

6-7 Uhr Morgengebet, Betrachtung

7-8 Uhr Ankleiden, Aufräumen, Frühstück

8-9 Uhr hl. Messe, Hausarbeit

9-10 ½ Uhr Handarbeit, Schreiben, Ausgänge, Arme

½ 11-11 Uhr Geistliche Lesung

bis 12 Uhr Küche oder andere Arbeit, Mittagessen,

bis 2 Uhr frei

2-4 Uhr Arbeit, Schreiben

4-5 Uhr Anbetung des Allerheiligsten und frei

5-8 Uhr Arbeit und nötige Ausgänge, Arme

8-9 Uhr Abendessen, frei

9-9 ½ Uhr Abendgebet, Betrachtungspunkte für den anderen Tag.

 

2.2.4. Gertrude Nell (1799-1828)

Gertrudis Ottilia Nell, genannt Trautchen, war die Tochter des Kammerpräsidenten Maximilian Nell und seiner Frau Ottilia, einer Schwester von Johanna Dietz. Im Hungerjahr 1817, arbeitete die 19jährige in der Suppenküche des Frauenvereins und beeindruckte Beobachter durch die resolute Art, in der sie die Suppenportionen gerecht sowohl unter die zurückhaltenden, wie unter die aufdringlichen Hungrigen verteilte. Später unterrichtete sie die Schülerinnen des Frauenvereins in den sog. weiblichen Arbeiten. Im Alter von 25 Jahren verlor sie beide Eltern. Diesen Schicksalsschlag verkraftete sie nicht. Gertrude erkrankte schwer an einem Nervenleiden und drohte zeitweise sogar zu erblinden. Schließlich starb sie im Alter von 29 Jahren. Ihr unermüdlicher Einsatz blieb nicht ohne Wirkung auf ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger. Clemens Brentano, mit dem sie eine langjährige Freundschaft verband, hat ihr in einer biographischen Skizze ein Denkmal gesetzt: Charakterstärke, Scharfsinn, Empfindsamkeit, heitere Laune und unschuldiger Witz bei dem besten Herzen von der Welt …von angenehmen Wuchse und eine, durch geistreiche Augen und feinen ausdrucksvollen Mund, anmuthig bedeutende Gesichtsbildung, machten sie in der Blüthe ihres Lebens zu einer ausgezeichneten jungfräulichen Erscheinung. Man unterschied die lebhafte brunette Jungfrau sehr leicht unter den blonden Gespielinnen des Rhein- und Moselstroms…Sie blieb bis zu ihrem Tod laut Brentano: So unbefangen und heiter in ihrem Leiden und so ruhig und stille hin in ihrem Thun, daß keine ihrer früheren Gespielinnen jemals in Versuchung geführt ward, von ihr zu sagen: Trautchen ist eine Kopfhängerin, eine Betschwester geworden.

 

3. Der Katholische Frauenverein St. Barbara als Pionier einer Bewegung

Der älteste von Frauen getragene Koblenzer Hilfsverein ist zugleich der bedeutendste. Er kam Anfang des Jahres 1817 soweit ersichtlich auf obrigkeitliche Anregung hin zustande. Im Oktober des Vorjahres hatte nämlich der zuständige preußische Kreiskommissar den Koblenzer Oberbürgermeister um eine Liste der Frauen gebeten, die sich durch Patriotismus während der Befreiungskriege ausgezeichnet hatten. Den insgesamt acht Frauen aus der Koblenzer Oberschicht sollte der Aufbau eines Hilfsvereins während des zu erwartenden Hungerwinters übertragen werden. Diese Anregung hatte offensichtlich Erfolg, denn spätestens im Februar 1817 begannen Koblenzerinnen täglich, Suppe an Bedürftige auszuteilen. Die Frauen, deren Initiative soweit ersichtlich noch vor dem großen von Dietz und Görres gegründeten Hilfsverein tätig wurde, bezeichneten sich als „Verein Katholischer Frauen und Jungfrauen“. Ergänzend zu der Suppenküche besuchten besonders engagierte Mitglieder Arme in ihren Häuser und pflegten Kranke. Anders als der Hilfsverein der Männer und vergleichbare Frauenorganisationen anderer Städte, bestand der Koblenzer Frauenverein auch nach Beendigung der härtesten Not fort und erreichte bald allgemeine Anerkennung. Bereits zwei Jahre nach der Gründung nahmen die Vereinsmitglieder ein neues Betätigungsfeld in Angriff, dessen Notwendigkeit nach Ansicht Brentanos offenkundig war:

Der tägliche Verkehr mit ganz verarmten und verkommenen Familien führte die Helferinnen auf das dringende Bedürfnis einer besseren Erziehung der Töchter dieser Armen, auf daß sie gegen das Laster geschützt, im Stande wären, ihren armen Eltern zu helfen, oder einst als tugendhafte Dienstmägde ihr Brod zu erwerben. Man errichtete daher eine unentgeltliche Mädchenschule, die Vereinsschule genannt, welche im Jahr 1819 unter einer besoldeten Lehrerin mit 30 armen Kindern eröffnet wurde. Die Kinder lernen lesen, schreiben, rechnen und jene Handarbeiten, welche einer guten Dienstmagd unentbehrlich sind.

Der Verein stellte den Mädchen eine einheitliche Kleidung, wodurch sie in der ganzen Stadt als Vereinsschülerinnen zu erkennen waren und damit permanent unter Aufsicht standen.

14 Lithografie Kloster St. Barbara, um 1850 (Privatbesitz)

Kloster St. Barbara in der Löhrstraße, um 1850 (Privatbesitz).

Die Mitglieder legten anfangs keinen Wert auf eine feste Organisationsstruktur. Sie trafen sich zwar regelmäßig, die Art und Weise des Engagements blieb jedoch jeder Frau selbst überlassen. Auch einen Vorstand gab es zunächst nicht. Vielmehr wurden die Frauen, die sich im Gründungsjahr 1817 besonders hervorgetan hatten, von den übrigen als Mittelpunkt des Vereins anerkannt. Die Vielfalt der Aufgaben, die Höhe der zu verwaltenden Finanzen und nicht zuletzt die immer dringlichere Forderung der Regierung führten 1823 zu einer offiziellen Registrierung des Vereins. Da die Frauen über die Finanzen des Vereins nicht selbständig verfügen durften, wurde von Seiten der Stadtverwaltung ein geschäftsführender männlicher Vorstand bestimmt, dem der Oberbürgermeister, der Landrat, ein Geistlicher und als Rendant Hermann Josef Dietz angehörten. Der weibliche Vorstand bestand 1823 aus fünf Frauen, darunter auch Johanna Dietz. Der junge Verein finanzierte sich aus verschiedenen Quellen:

In seiner Eigenschaft als zu diesem Zeitpunkt einzige gemeinnützige Organisation der Stadt erhielt er Zeugengebühren und Entschädigungsbeiträge von den Gerichten. Das Musikinstitut veranstaltete jedes Jahr ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten des Frauenvereins und die Mitglieder trugen durch regelmäßige Verlosungen von Handarbeiten zur Aufstockung der Einnahmen bei. (Hier konnten sich dann auch Frauen, die, wie von Berta Augusti kritisiert, nur den karitativen Glorienschein erwerben wollten, engagieren.) Nicht zuletzt aufgrund der unermüdlichen Werbung insbesondere der jüngeren Mitglieder, erwarb der Verein schon bald große Popularität innerhalb der Koblenzer Bevölkerung und erhielt immer umfangreichere Spenden und Nachlässe.

13 Wohltätigkeitskonzert (Stadtarchiv Koblenz)

Wohltätigkeitskonzert des Musik-Instituts, 1847 (StAK KH 54 Nr. 34).

Einige der aktiven Vereinsmitglieder widmeten sich der direkten Armen und Krankenpflege. Die Anzahl der engagierten Frauen und Geldmittel reichten jedoch nur aus, um arme Wöchnerinnen und extrem hilflose Kranke zu unterstützen. Wesentliche Aufgabe des Vereins blieb immer der Unterricht und die Erziehung armer Mädchen. In der Freischule lernten schon im Jahr 1830 über 190 Mädchen unter zwei Fachlehrerinnen und zwei Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerinnen. Die räumliche Enge, verbunden mit der Notwendigkeit immer mehr gefährdete Mädchen aus dem Koblenzer Umland gesichert unterbringen zu müssen, machten den Erwerb eines eigenen Waisenhauses zwingend erforderlich. 1833 erwarb der Verein das ehemalige Kloster St. Barbara in der Löhrstraße und und baute es zum „Waisenhaus zur Hl. Barbara“ um. Diese Einrichtung war das erste Koblenzer Waisenhaus nach fast 40 Jahren. Von nun an nannten die Frauen ihre Organisation „Katholischer Frauenverein St. Barbara“. Zur Jahrhundertmitte umfasste die Anstalt, die auch die städtischen Mädchenarmenschulen gegen Entgelt übernommen hatte, drei Klassen mit insgesamt 200-300 Schülerinnen, die von drei Lehrerinnen unterrichtet wurden. Im Haus selbst lebten anfangs 20, nach Erweiterungsbauten um 1840 40-50 und schließlich sogar 100 Mädchen.

Mit der Leitung der neuen Anstalt beauftragte der Vorstand zunächst die aus Münster stammende Gräfin Amalia von Merveldt (eine enge Freundin von Caroline Settegast). Sie gab ihr Amt 1851 aus gesundheitlichen Gründen auf und starb nur zwei Jahre später. Daraufhin holte der Verein die Schulschwestern vom armen Kinde Jesu aus Aachen, die das Waisenhaus bis zum Kulturkampf 1870 übernahmen.

15 Merveld

Totenzettel für Amalia Huberta Reichsgräfin von Merveldt, 1853 (StAK KH 71/1 Nr. 66).

Als wertvolle Unterstützung erwies sich, dass die Protestantin Augusta, Prinzessin von Preußen, während ihrer Koblenzer Jahre das Protektorat über den katholischen Verein übernahm und ihm damit das Wohlwollen des der gesamten städtischen Oberschicht und der Regierung sicherte.

Infolge des Kulturkampfes musste der Frauenverein 1879 die Leitung des Waisenhauses erneut selbst übernehmen. Erst nach 1898 wurden die Mädchen wieder von Schwestern betreut. Der von Katharina Kasper in Dernbach gegründete Orden der „Armen Dienstmägde Christi“ leitete das Waisenhaus auch im neuen, 1908 in der Waisenhausstraße bezogenen Gebäude.

16 Waisenhaus_Koblenz-Goldgrube

Neubau (1908) des Waisenhauses St. Barbara in der Waisenhausstraße (Goldgrube).

Die Tätigkeit des Katholischen Frauenvereins erschöpfte sich aber nicht in der finanziellen Unterstützung und Kontrolle des Waisenhauses, auch wenn bis etwa 1890 jedes Jahr zur Weihnachtszeit zahlreiche Mitglieder als die „Bettlerinnen von St. Barbara“, wie sie sich selbst bezeichneten, auftraten, um für die Waisen an den Haustüren zu sammeln. Vielmehr sahen bereits die Statuten aus dem Jahr 1823 die allgemeine Unterstützung bedürftiger Personen vor. Wie die sogenannte Hausarmenpflege konkret ablief, dafür ist glücklicherweise ein Bericht der beiden Vorstandsmitgliedern Amalie von Cohausen und Luise Huyn in den Akten des Landeshauptarchivs erhalten geblieben. Die beiden Frauen besuchten im Januar 1853 auf Anregung von Vereinsmitgliedern oder der zuständigen Pastoren arme Familien in ihren Wohnungen. Auf der Basis ihrer Empfehlungen entschied dann der Vorstand darüber, ob eine Unterstützung oder Betreuung gewährt werden sollte. Die regelmäßige Armenbetreuung von durchschnittlich etwa 25 Familien wurde von den für den jeweiligen Bezirk zuständigen Mitgliedern des Vereins übernommen. Der stichwortartig über 21 Haushalte abgefasste Bericht spiegelt die verzweifelte Situation armer Familien in den extremen Notjahren nach 1846 wider. Zur Veranschaulichung sollen zwei Beispiele dienen:

„5. (Castorstr.) Moskopp, krank seit zwei Monaten, liegt zu Bett. Dr. Waldbillig

besucht sie, es fehlt ihr an kräftiger Nahrung, die der Arzt verordnet. Es ist in Folge ihres letzten Wochenbetts, daß die Moskopp noch das Bett nicht verlassen kann. Das letzte Kind ist gestorben, 1 Kind in St. Barbara, 2 Jungen in der Verwahranstalt. Erhält drei Taler um den Rock ihres Mannes aus dem Pfandhaus auszulösen, Nahrung für sie persönlich.

  1. (Weißergasse) lsola – Schneider, guter Arbeiter aber ohne Arbeit, seine Frau starb im März 1852 im evangelischen Waisenhaus. Hat 3 Knaben, 2 Mädchen, diese gehen nach St. Barbara, sind sehr schlecht gekleidet und genährt. Die Betten sahen wir nicht doch sagte lsola, der Winter ist ja nicht kalt, er schläft mit seinen 3 Jungen in einer, die beiden Mädchen in der anderen Kammer auf dem Boden. Erhält Nahrungsmittel und Arbeit.“

Kastorstraße_112-114_um_1938

Kastorstraße_73_Hinterhof_1939

Zwei Ansichten aus der Kastorgasse, 1938/1939. Bis zur Zerstörung des Straßenzuges im Zweiten Weltkrieg galt er als Quartier mit präkerer Wohnsituation (StAK FA 1-06 Kastorgasse).

Schon anhand der kurzen Schilderungen wird deutlich, dass die Hausarmenpflege nichts für zimperliche und verwöhnte Frauen war. Bei dem großen Zulauf, der Verein hatte zwischen 1853 und 1892 mindestens 150, in den meisten Jahren jedoch sogar um 200 Mitglieder, konnte sich die Mehrzahl der Frauen auf Beiträge in Form von Geldspenden oder Handarbeiten beschränken. Es ist auch nicht auszuschließen, dass einige nur beitraten, um bei dem „leidigen Dienstbotenproblem“ besseren Zugang zu den neu ausgebildeten Dienstmägden im Waisenhaus zu bekommen. Solche Fälle dürften allerdings die Ausnahme gewesen sein. Der Jahresbeitrag von 12 Silbergroschen, der um 1850 etwa dem Tagelohn eines Hilfsarbeiters entsprach, war jedenfalls für wohlhabende Frauen kein Hinderungsgrund in den Verein einzutreten.

Von über 70 Prozent der Frauen, die zwischen 1853 und 1908 dem Verein beitraten, ließen sich die Berufe des Vaters oder des Ehemanns ermitteln. Hiervon gehörten etwa 62 Prozent dem gehobenen Bürgertum bzw. der Oberschicht an. Etwa 11 Prozent zählten zum Adel oder höchsten Offiziers- und Beamtenkreisen, 21 Prozent zum höheren öffentlichen Dienst, 13 Prozent zu freien Berufen, 17 Prozent waren wohlhabenden Kaufleute und Bankiers. Von den übrigen Mitgliedern zählten 10 Prozent zu Handwerkern und Kleinhändlern, knapp 20 Prozent waren Rentner und 8% gehörten zu mittleren und kleinen Beamtenfamilien.

Zeitgemäß besaßen nur vier Prozent der Frauen eine eigene wirtschaftlichen Existenz, hauptsächlich handelte es sich dabei um Inhaberinnen kleiner Ladengeschäfte. Zwischen 25 und 40 Prozent aller Mitglieder waren

unverheiratet. In einigen Familien war die Mitgliedschaft der Frauen im Verein selbstverständlich und eine über Generationen beständige Tradition. Hier sind neben den Familien Görres, Dietz und Maas u.a. die Deinhards und Wegelers zu nennen. Die Frauen traten nach dem Beispiel ihrer Mütter oder Tanten bereits in jugendlichem Alter ein und setzten die Mitgliedschaft auch nach einer eventuellen Verheiratung oft bis zu ihrem Tode fort. Die Mitgliedsdauer betrug deshalb in einigen Fällen über 50 Jahre.

Der weibliche Vorstand wurde meist jährlich neu gewählt, wobei einige Frauen ihm in verschiedenen Funktionen jahrzehntelang angehörten. Der Ende des Jahrhunderts aus fünf Mitgliedern, darunter einem Priester, bestehende männliche Vorstand spielte soweit ersichtlich im Alltag des Vereins keine Rolle. Seine Aufgabe bestand fast ausschließlich in der Finanzverwaltung.

Frömmigkeit spielte allem Anschein nach im katholischen Frauenverein St. Barbara eine untergeordnete Rolle. Den engagierten Frauen kam es mehr aufs Helfen denn aufs Beten an. Der Verein bestand bis zum Jahr 1954, dann ging er im Katholischen Deutschen Frauenbund auf, bis zuletzt hat er alle Projekte ausschließlich aus eigenen Mitteln finanziert.

Der Koblenzer katholische Frauenverein scheint beispielhaft auf andere karitative Frauenorganisationen, insbesondere auf die Elisabethvereine, gewirkt zu haben. Die den katholischen Pfarrämtern angeschlossenen Elisabethvereine breiteten sich von ihrem Ursprungsort Trier ab 1840 im gesamten katholischen Deutschland aus und bildeten eine Grundlage für die katholische Frauenbewegung. In Koblenz wurde 1844 der erste Elisabethverein gegründet. Ende des 19. Jh. gab es davon in jeder der vier Stadtpfarreien einen. Die Vereinsfrauen unterstützten arme Witwen und alleinstehende Frauen mit Brot, Kohlen u.a. Naturalien und strebten allgemein die sittliche Hebung des Familienlebens an.

Während des 19. Jh. etablierten sich in Koblenz eine Reihe weiterer karitativer Vereinigungen, die ausschließlich Frauen zu ihren Mitgliedern zählten. Im Jahr 1904 gab es allein in Koblenz insgesamt 19 Wohltätigkeitsorganisationen, darunter acht reine Frauenvereine.

Trotz der katholischen „Übermacht“ bestand seit 1834 in der noch immer kleinen evangelischen Gemeinde ein eigener Frauenverein. Nach Anfangsschwierigkeiten sorgte der Beitritt von Prinzessin Augusta 1850 für ein rasches Aufleben der Vereinstätigkeit. Zu der Einkleidung armer Konfirmanden kamen bald weitere Aufgaben, wie die Unterstützung bedürftiger evangelischer Frauen und Kinder, wozu auch die Beschaffung von Näh- und Flickarbeiten zählte. Ab 1878 übernahmen Diakonissen die Unterstützung notleidender evangelischer Familien.

Als überkonfessionelle Vereinigung kam 1868 im Kreis Koblenz eine Filiale des Vaterländischen Frauenvereins zusammen. In Preußen gab es diese Vereine schon seit den Befreiungskriegen. Die zehn weiblichen Gründungsmitglieder gehörten alle bereits zur Führungsspitze des katholischen oder evangelischen Frauenvereins. Die von Seiten des Königshauses besonders geförderte Vereinigung wies im Koblenzer Raum bereits ein Jahr nach der Gründung 209 ordentliche und 322 außerordentliche Mitglieder auf. Die vergleichsweise hohen Beiträge hielten sogenannte schlechte Gesellschaft fern. Im Vaterländischen Frauenverein waren die Damen der Oberschicht und des gehobenen Bürgertums unter sich. Er tat sich insbesondere während des Ersten Weltkriegs in der Soldatenbetreuung hervor.

Neben den großen Organisationen gab es immer wieder kleinere, die zum Teil nur kurze Zeit bestanden. So existierte um die Wende zum 20. Jh.  ein Verein für die Ausstattung armer Wöchnerinnen.

 

4. Weibliche Ordensgemeinschaften in der Koblenzer Armen-, Kranken- und Altenpflege des 19. Jahrhunderts

Bei allem Engagement reichte die ehrenamtliche Tätigkeit von Frauen bei Weitem nicht aus, um die Lücken der staatlichen Armenfürsorge zu schließen. Die Hauptarbeitslast auf dem Gebiet der Kranken- und Armenpflege trugen in den meisten deutschen Städten die kirchlichen Frauengenossenschaften. Das war auch in Koblenz nicht anders. In dem noch zu Beginn des 20. Jh. zu drei Vierteln katholischen Koblenz prägten katholische Ordensschwestern das Bild.

Um 1800 gab es im Rheinland allerdings nur wenige kleine und leistungsschwache Gemeinschaften, die sich im karitativen Bereich betätigten. Ein allgemeiner Niedergang des klösterlichen Lebens zur Zeit der Aufklärung, sowie die Säkularisation unter französischer Herrschaft, hatten die Situation verschärft. Hier brachte die religiöse Erweckungsbewegung des frühen 19. Jh. eine Wende. Eine ständig steigende Zahl junger Frauen fühlte sich berufen, ihr Leben ganz in den Dienst Gottes und benachteiligter Menschen zu stellen. Vorübergehende Einschränkungen erfuhren alle Ordensgemeinschaften während des sog. Kulturkampfes nach 1873. Die Auseinandersetzung zwischen katholischer Kirche und Staat steigerte sich schließlich 1875 bis zur Ausweisung sämtlicher Orden und Genossenschaften außer jenen, die sich der Krankenpflege widmeten. Erst 1891 waren die restriktiven Gesetze wieder abgebaut.

Frauen die kein geeignetes Betätigungsfeld innerhalb bestehender Gemeinschaften fanden, schritten häufig zur Neugründung einer Kongregation. Die neuen Genossenschaften lebten nicht mehr hinter Klostermauern. Sie suchten die Not der Menschen in Haus, Familie und Hospiz zu lindern. Die Stifterinnen entstammten meist einfachen, ja ärmlichen Verhältnissen. Außer den Schwestern vom Hl. Geist in Koblenz (heute Marienhof), die ausschließlich gegen Bezahlung für Bürgerfamilien tätig waren und auf deren Geschichte deshalb hier nicht eingegangen werden kann, arbeiteten sie während der ersten Jahre oft unter härtesten Entbehrungen und widmeten sich vornehmlich den ärmeren Mitbürgern.

Gemeinsames Merkmal all dieser Frauengenossenschaften ist bis heute die Arbeit in der Armen- und Krankenpflege im Anschluss an eine fundierte Ausbildung, die Anlehnung an die Amtskirche und damit verbunden die Unterstellung der Schwestern unter die Aufsicht der geistlichen Oberen.

 

4.1. Borromäerinnen, Barmherzige Schwestern

Organisation und Arbeit der Schwesterngenossenschaften lassen sich für Koblenz am besten anhand der mit Abstand bedeutendsten Vereinigung, der „Schwestern vom hl. Karl Borromäus“, auch „Barmherzige Schwestern“ genannt, darstellen. Diese Kongregation, im Frankreich des 17. Jh. von Vinzenz von Paul zur Betreuung armer und kranker Menschen gegründet, hatte ihr Stammhaus in Nancy. Seit 1811 gab es eine erste große Filiale der Borromäerinnen in Trier, die 1849 zum Mutterhaus der deutschen Borromäerinnen wurde.

Die Arbeit der Borromäerinnen hat die sozialkaritative Arbeit der Kirche des 19. Jh. revolutioniert. Sie hat die alten Genossenschaften mitgerissen, so wie sie die neu entstehenden inspirierte. Es gab damals keine Krankenpflegerinnen von vergleichbarer Qualität. Die Genossenschaft stellte ihre Schwestern auf Basis eines Vertrages gegen Bezahlung für die Arbeit in den übernommenen Häusern zur Verfügung. Sie sorgte im Mutterhaus für die Ausbildung des Nachwuchses und zog alle arbeitsunfähigen Schwestern aus den Filialen dorthin zurück. Strenge Aufnahmerichtlinien bildeten zusammen mit einer harten und fundierten Ausbildung die Hauptvoraussetzungen für die Leistungsfähigkeit der Kongregation. Zugelassen waren ausschließlich unverheiratete, gut beleumundete Frauen, die bei ihrem Eintritt eine dem Vermögen der Familie entsprechende Mitgift zu entrichten hatten. Angaben über Herkunft und Bildung der jungen Frauen sind erst für das Ende des Jahrhunderts vorhanden. Demnach stammten sie fast zur Hälfte aus Familien, die in der Landwirtschaft ihr Auskommen fanden. weitere 30% kamen aus dem Kleingewerbe- oder Kaufmannsstand und bei etwa 11 Prozent waren die Väter Beamte oder Militärs. Das Bildungsniveau lag deutlich über dem Durchschnitt. 1899 besaßen rund 60% der Schwestern eine höhere Schulbildung. Die Ausbildung bei den Schwestern in Nancy und später im Trierer Mutterhaus war entsprechend anspruchsvoll. Postulantinnen, die sich während der einjährigen Unterweisung durch Lehrschwestern als geeignet erwiesen, erhielten während ihres 3-4jährigen Noviziats in den verschiedensten Krankenstationen eine ausgefeilte Schulung durch Stationsschwestern und Ärzte. Hinzu kam theoretischer Unterricht in Theologie und christlicher Philosophie. Ein derart umfassendes Ausbildungsprogramm hatten öffentliche Krankenpflegeschulen erst im 20. Jahrhundert zu bieten.

Bei dem anerkannt hohen Leistungsniveau der Borromäerinnen erscheint es nur natürlich, dass die Koblenzer stark daran interessiert waren, Schwestern dieser Genossenschaft in der Stadt zu beschäftigen. Aufgrund der Eröffnung eines neuen Hospitals bestand nämlich dringender Bedarf für qualifiziertes Pflegepersonal. Das neue Hospital war nach Auflösung der alten Einrichtungen auf der Basis eines kaiserlich französischen Dekrets 1805 im ehemaligen Franziskanerkloster in der Kastorgasse eingerichtet worden. Es finanzierte sich aus den noch vorhandenen alten Stiftungen und diente zwischen 1806 und 1825 als Militärlazarett. Dann sammelte Hermann Josef Dietz genügend Spendengelder, um es in ein helles und freundliches Krankenhaus umzugestalten. Hermann Josef und Johanna Dietz gelang es, nach der von Luise Hensel organisierten Vorbereitung, Barmherzige Schwestern als Pflegepersonal zu gewinnen. Am 10. Juli 1826 traf die Generaloberin mit ihrer Assistentin und sechs Schwestern zur Übernahme des Bürgerhospitals in Koblenz ein. Wenn auch manche Bewohner des Hospitals zunächst über die neue Ordnung stöhnten, so entwickelte es sich doch bald zu einer Musteranstalt, die als Modell für manche Krankenhausreform diente. Der Vertrag zwischen Stadt und Kongregation wurde bis 1973 immer wieder verlängert. Der Umzug vom Hospital in den Kemperhof nach 1921 änderte hieran nichts.

Wieder übernahm Clemens Brentano, der seit 1811 seine Honorare regelmäßig wohltätigen Zwecken zuführte, die Rolle des Propagandisten. Sein 1831 erschienenes, erfolgreiches Buch „Die Barmherzigen Schwestern in Bezug auf Armen- und Krankenpflege nebst einem Bericht über das Bürgerhospital in Koblenz“, dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass sich die Borromäerinnen zur erfolgreichsten Krankenpflegegenossenschaft in Deutschland entwickelten.

19 Clemens Brentano, Die Barmherzigen Schwestern, Frontispiz

Clemens Brentano: Die Barmherzigen Schwestern in Bezug auf Armen- und Krankenpflege. Nebst einem Bericht über das Bürgerhospital in Coblenz und erläuternden Beilagen. Coblenz: Hölscher, 1831, Frontispiz (StAK MAG 1123).

Der von Brentano geschilderte Tagesablauf im Hospital ließ den Schwestern keine Zeit für ein Privatleben:

Die Schwestern stehen im Sommer um halb vier, im Winter um halb fünf Uhr auf. Nachdem sie ihr Gebet vollendet und ihren gemeinschaftlichen Schlafsaal aufgeräumt haben, begeben sie sich in die Krankensäle, räumen dort aut machen die Betten und vertheilen das Frühstück. lm Sommer nach 7 Uhr, im Winter nach 8 Uhr ist dieses Alles vollbracht und die Schwestern begeben sich mit allen zum Hause gehörigen Personen, welche nicht bettlägerig oder von anderer Confession sind, zur Hospitalkapelle. Nach Beendigung des Gottesdienstes begibt sich jede Schwester zu dem Amte, dem sie vorsteht, und jene, welchen die Krankensäle obliegen, begleiten nun den Arzt und Chirurgen, die zu dieser Zeit ins Haus kommen, in die Krankensäle; hier berichten sie Bett vor Bett über das Verhalten des Kranken und die Ausführung der letzten Verordnungen des Arztes, wohnen dem Krankenexamen bei und empfangen die neuen Verordnungen, welche in der Haus-Apotheke bereitet werden. … Die Ärzte erkennen ihre Leistung in vollem Maße an und erklären ihr Geschäft dadurch sehr erleichtert…

Um 12 Uhr ist das Mittagsmahl. Wenn alle Leute gegessen haben, gehen die Schwestern zu Tische und essen zusammen in ihrem Refektorium. Im Sommer um sechs, im Winter um fünf Uhr wird zur Nacht gegessen. Gegen sieben bis acht Uhr begeben sich alle in die Schlafsäle und die Schwestern besorgen alles Nöthige für die Nacht, worauf auch sie zu ihrem Abendessen gehen. Bei sehr gefährlich Kranken oder Sterbenden wacht eine Schwester oder kommt in der Nacht nachzusehen ob Nichts fehle.

20 Bürgerhospital, um 1900 (Stadtarchiv Koblenz)

Bürgerhospital, um 1900 (StAK FA 2 Nr. 3732, Fotograf Adolf Hirsch).

Die zunächst sechs Schwestern, die von 12 Dienstboten und Wärtern unterstützt wurden, versorgten im ersten Jahr, 50 altersschwache und gebrechliche Einwohner auf Lebenszeit und insgesamt 292 Kranke. Darunter waren allein 64 erkrankte zahlungsunfähige Einwohner, 56 erkrankte Fremde, 130 Handwerksgesellen für die eine eigens eingerichtete Krankenkasse und Dienstboten, für die der Arbeitgeber aufkommen musste. Hinzu kamen 42 zahlende Kranke und zunächst 4 Waisenkinder. Bis zum Jahrhundertende wuchs die Anzahl der Schwestern und ihrer Pflegebedürftigen stetig an. 1899 waren es schließlich 31 Schwestern, die unterstützt von 41 Hilfskräften insgesamt 2.631 alte und kranke Menschen betreuten. Von außergewöhnlichen Belastungen blieb das Koblenzer Hospital und damit auch die Schwestern weitgehend verschont. So wirkten sich die andernorts grassierenden Epidemien in Koblenz vergleichsweise gering aus. Allerdings gab es 1833, 1866 und 1892 einige Choleraopfer, darunter 1866 eine Pflegeschwester; und 1882 brach eine Pockenepidemie aus, die jedoch infolge rascher Isolierungsmaßnahmen nur 30 Tote forderte.

Während der zweiten Jahrhunderthälfte übernahmen die Borromäerinnen zahlreiche weitere Institutionen in Koblenz und Umgebung u.a. arbeiteten sie in den beiden Ehrenbreitsteiner Hospitälern, im Waisenhaus Kemperhof und in der Kleinkinderbewahranstalt. An der Wende zum 20. Jahrhundert waren mindestens 54 Barmherzige Schwestern in Koblenz und Ehrenbreitstein tätig.

21 Koblenzer Borromäerinnen, 1995

Koblenzer Borromäerinnen, 1995.

 

4.1.1.Amalie von Lassaulx ( 1815-1872)

Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern erhielt auch aus bekannten Koblenzer Familien Zulauf. So traten ihr alle drei Töchter des Koblenzer Bauinspektors Johann Claudius von Lassaulx bei. Amalie Augustine beschritt einen außergewöhnlichen Lebensweg. Zunächst machte sie eine erfolgreiche Ordenskarriere. Nach einer Ausbildung zur Apothekerin übernahm sie bereits mit 34 Jahren als Oberin die Leitung des Bonner Bürgerhospitals. Während der Kriegsereignisse von 1864 und 1866 beeindruckte sie durch ihre herausragenden krankenpflegerischen Kenntnisse. Nach dem Vatikanischen Konzil, nahm ihr Leben eine drastische Wende. Infolge ihrer Hinwendung zum Altkatholizismus wurde Amalie aus der Kongregation ausgeschlossen, Fast ebenso schmerzlich war für sie, die zuvor in führenden intellektuellen Bonner Kreisen verkehrt hatte, dass sie den Rest ihres Lebens als gesellschaftliche Außenseiterin verbringen musste. Amalie von Lassaulx blieb jedoch allem Anschein nach im 19. Jh. die einzige Koblenzerin, die soziales Engagement mit einem kritischen Geist und ausgeprägtem politischen Bewusstsein verband. Nur von ihr sind auch Hinweise darauf überliefert, wie der zunehmend fanatische Katholizismus in Koblenz zuvor befreundete Familien entfremdete und darüber hinaus sogar zu Streitigkeiten und Spaltungen innerhalb einiger Familien führte.

22 Amalie von Lassaulx

Amalie von Lassaulx (Schwester Augustine).

 

4.2. Weitere Kongregationen der Armen- und Altenpflege

Nach dem Vorbild der Barmherzigen Schwestern entstanden während des 19. Jh., zahlreiche weitere Vereinigungen mit unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern. Für Koblenz war die 1845 in Aachen durch Franziska Schervier ins Leben gerufene „Genossenschaft der Armen-Schwestern vom hl. Franziskus“ von Bedeutung. 1854 nahmen zunächst 6 Schwestern ihre Tätigkeit in Koblenz auf. Sie widmeten sich der Armen- und Krankenpflege, bewirtschafteten bis zum Ende des Ersten Weltkrieges die von der Stadt fast in jedem Winter finanzierte Suppenanstalt für Arme und gaben bis zu ihrem Rückzug aus dem Eltzerhof 1992, nach 101 Jahren, täglich warme Mahlzeiten an Menschen ohne Wohnung aus.

23 Franziska Schervier

Franziska Schervier.

Im Koblenzer Stadtbereich gab es um 1900 neben den 54 Borromäerinnen, sieben Schwestern der armen Dienstmägde Christi im Waisenhaus St. Barbara, 19 Franziskanerinnen im Eltzerhof und nicht zuletzt 2-3 evangelische Diakonissen. In Arenberg betätigten sich die Dominikanerinnen seit 1868 in der Kranken- und Altenpflege. Seit 1889 kümmerten sich dort Franziskanerinnen im Rahmen des Seraphischen Liebeswerkes um benachteiligte und verwaiste Kinder.

 

5. Fazit

Die private und kirchliche Sozialfürsorge wurde im 19. Jahrhundert überwiegend von Frauen getragen und war unentbehrlich. Sowohl unter den „Profis“, den Ordensschwestern, als auch unter den ehrenamtlich tätigen Vereinsmitgliedern gab es verantwortungsbewusste, mutige Frauen, die teilweise bis zur Grenze ihrer Belastbarkeit im karitativen Bereich arbeiteten. Motiviert waren sie sicherlich in erster Linie durch eine echte Berufung im christlichen Sinne. Hinzu kam in vielen Fällen der Wunsch, einem unbefriedigenden Dasein in häuslicher Enge zu entfliehen. Von den Idealen der Frauenbewegung, die mit der Revolution von 1848 einsetzte und gleiche Rechte sowie die Möglichkeit der Berufstätigkeit für Frauen forderte, blieben die Koblenzerinnen lange Zeit unberührt. Diese Frauen wurden nicht von emanzipatorischen Gedanken geleitet. Sie gründeten und verwalteten ihre Genossenschaften und Vereine zwar weitgehend selbst und wirkten damit beispielgebend für neu entstehende Frauenorganisationen. Die Frauen waren jedoch nicht daran interessiert, aus ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit eine bezahlte Arbeit zu machen. Sie prägten allerdings mit ihrem Ideal der Mütterlichkeit ein Anforderungsprofil für die berufstätige Frau und Mutter, das bis heute in vielen Köpfen fest verankert ist.

 

Literaturauswahl

 

Bertha Augusti, Ein verhängnisvolles Jahr, Roman in zwei Teilen neu hrsg., eingeleitet u. kommentiert von Heinz Monz, Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur, Koblenz 1989.

Binder, Luise Hensel. Ein Lebensbild nach gedruckten und ungedruckten Quellen, Freiburg i. Br. 2. Aufl. 1885.

Ute Frevert, Frauen-Geschichte: Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Frankfurt/Main 1986.

Erwin Gatz (Hrsg.), Geschichte des kirchlichen Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Bd.5: Caritas und Soziale Dienste, Freiburg 1997.

Petra Habrock-Henrich, Berufung statt Beruf, Frauen in der Koblenzer Armenfürsorge des 19. Jahrhunderts, Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur, NF 4, Koblenz 1994, S. 61-78.

A(malie) H(assenpflug), Margarete Verflassen. Ein Bild aus der katholischen Kirche, Hannover 1870.

Hausen u. H. Wunder (Hrsg.), Frauengeschichte – Geschlechtergeschichte (Reihe Geschichte und Geschlechter, Bd. 1), Frankfurt 1992.

Joachim (Elisabeth von Knackfuß), Caroline Settegast. Eine Zeitskizze mit Lebensbildern, Coblenz 1875.

Gerda Lerner, Frauen und Geschichte, Bd. II : Die Entstehung des feministischen Bewußtseins.  Vom Mittelalter bis zur Ersten Frauenbewegung., Frankfurt/ New York 1993.

Günther Wohlers, Die Frauen des Koblenzer Görreskreises. Mittelrheinische Geschichtsblätter, Beilage zur Koblenzer Volkszeitung, 4, 1924, Nr. 2/3.

 

#Dietz, Hermann Josef #Görres, Josef #Brentano, Clemens #Augusta (dt. Kaiserin) #Wilhelm I. (dt. Kaiser) #Augusti, Bertha #Hensel, Luise #Diepenbrock, Apollonia #Dietz, Johanna #Settegast, Caroline #Verflassen, Margarete #Nell, Gertrude #Merfeldt, Amalia Huberta von #Hirsch, Adolf #Lassaulx, Amalie von #Schervier, Franziska

 

Hexenverfolgung – denunziert, verurteilt, verbrannt

 

Vortrag von Dr. Petra Weiß, Stadtarchiv Koblenz, am 21. März 2019 in der Reihe „Koblenzer Frauengeschichte am Donnerstag“, veranstaltet von der Gleichstellungsstelle der Stadt Koblenz, der Stadtbibliothek und dem Stadtarchiv

 

Hexenverfolgung – denunziert, verurteilt, verbrannt

  1. „Begegnungen“ mit „Hexen“
  2. Begriffliche Unterscheidungen
  3. Voraussetzungen und Ursachen
  4. Zuständigkeiten und Verlauf eines Hexenprozesses
  5. Mythen und Klischees
  6. Ende der Hexenverfolgung

 

  1. „Begegnungen“ mit „Hexen“

 

  • Märchen: die böse Hexe als Kontrastprogramm zur guten Fee (Hänsel und Gretel, böse Stiefmutter bei Schneewittchen/Aschenputtel mit hexenhaften Zügen);
  • Kinderlieder und -reime: Hexe Wackelzahn, Morgens früh um 6 kommt die kleine Hex’;
  • Literatur: Otfried Preußler: Die kleine Hexe; Harry Potter (Minerva McGonagall); Bibi Blocksberg;
  • Film und Fernsehen: Verliebt in eine Hexe (Serie 1964-1972, Film 2005), Sabrina – Total Verhext (amerikan. Sitcom);
  • Hexen im Karneval; Hexenbrunnen in Odenthal (NRW), Augsburg und Winningen; Hexenvermarktung im Tourismus: „Weinhex“ in Winningen[1], Brocken/Harz;
  • oder sogar im Schulunterricht (Materialien unserer Schul- und Kulturdezernentin Dr. Margit Theis-Scholz[2]).

Mit anderen Worten: Hexen haben immer Konjunktur. Das zeigen auch die Treffer für den Suchbegriff „Hexe“ bei google: 16 Millionen (Stand 5.3.2019).

Worauf können wir dieses immense Interesse zurückführen? Eine Erklärung könnte sein, dass Hexen ein Spiel mit der Fantasie und menschlichen Urängsten bedeuten.

 

  1. Begriffliche Unterscheidungen

 

Bevor wir uns mit dem eigentlichen Thema Hexenverfolgung beschäftigen, müssen wir noch einige wichtige Begriffe unterscheiden: Was sind Magie, Zauberei, Aberglauben, Ketzerei, Häresie und Hexerei? Und was machte eigentlich „die“ Hexe aus, die so grausam verfolgt wurde?

Magie geht von der Vorstellung aus, dass transzendente, also übernatürliche Kräfte existieren. Magie ist ein System von Verhaltensweisen, das darauf abzielt, eine Kommunikation mit diesen übernatürlichen Kräften oder Wesen herzustellen und auf sie einzuwirken. Man unterscheidet weiße Magie, d. h. nützliche, heilende Magie (Merseburger Zaubersprüche, Wurmsegen, Pferdesegen), und schwarze Magie, d. h. schädliche, zerstörende Magie (Wetterzauber, Schadenzauber; dagegen half dann wieder Abwehrzauber).

Man findet ein volksmagisches Brauchtum und einen traditionellen Aberglauben zu allen Zeiten und in allen Kulturen, d. h. es handelt sich um ein universelles Phänomen. Vielfältige Relikte finden sich auch noch in unserem Alltag. Die Kirche hat den Glauben an Magie aufgenommen und umgedeutet (z. B. Segen, Kreuzzeichen machen, Wetterläuten, Reliquien, Amulette, Schutzbriefe, Weihwasser, geweihte Kerzen, Rosenkranz, Christopherus im Auto)

Ausübende Personen in der Magie sind Kräuterfrauen, Medizinmänner, Schamanen, Geisterheiler, Wahrsager, Zauberer, Handleser, Quacksalber. Die Beherrschung magischer Praktiken kann Schutz und Prestige bedeuten, aber auch Ausgrenzung und Verfolgung (z. B. sehr verbreitet noch im heutigen Afrika, wo Schamanen, Heiler und Medizinmänner Hexen und Hexer, ja selbst Kinder der schwarzen Magie bezichtigen; Beispiele: Hexenkinder, Albinos, Behinderte usw.).

Dagegen sind Häresie oder Ketzerei ein Irrglauben, der von der offiziellen Lehre abweicht, also ein Abfall vom rechten (= richtigen) Glauben. Im Sinne der Kirche handelt es sich dabei um eine Sekte. Was aber ganz wichtig ist: Es ist „nur“ ein Irrglaube, aber kein Abfall vom Glauben an Gott an sich. Ketzerei ist auch das, was von der kirchlichen Inquisition verfolgt wurde.

Beim Hexenbegriff im Sinne der europäischen Hexenverfolgung wird nun der traditionelle Glauben an Magie und Zauberei mit einer gelehrten theologischen Überlieferung verbunden. Die Grundlage bildete die Dämonologie, d. h. die biblische Erzählung vom Engelssturz, also von bösen Engeln, die sich gegen Gott erhoben hatten und in die Hölle stürzten. Deren Anführer war der Teufel oder Satan. Diese Vorstellungen reichten zurück bis in die Antike und den Kirchenvätern (Augustinus + 430, Thomas von Aquin + 1276, Albertus Magnus + 1280). Bei den Hexen handelt sich um eine „theologische Kunstfigur“ (Dieter Harmening): Die Hexen gehörten demnach einer besonderen geheimen Sekte an, die vom Glauben an Gott abgefallen war und gegen die gesamte Christenheit agierte. Damit unterschied sich diese Sekte qualitativ völlig von allen anderen Sekten, die nur „gewöhnliche“ Ketzer waren.

Dieses todeswürdige „Superverbrechen“ (wie der Historiker Wolfgang Behringer es einmal nannte) der Hexerei spielte sich wie folgt ab:

  1. Abschwören vom Bündnis mit Gott und ein neues Taufbündnis mit dem Teufel, also der Teufelspakt
  2. Besiegelung dieses Pakts durch die Buhlschaft, d. h. Geschlechtsverkehr mit dem Teufel oder Küssen seines Hinterteils oder Afters
  3. Hexenflug und Hexensabbat: Via Hexenflug ging es zum Hexentanzplatz, die Hexen rieben sich dafür vorher mit Flugsalbe ein. Die Teilnahme am Hexentanz auf dem Hexentanzplatz – der bekannteste ist seit Goethe der Blocksberg = Brocken im Harz – war wesentlich für die Konstitution der Hexen als Gruppe, also als Sekte. Es handelte sich nicht um eine kultische oder gottesdienstähnliche Veranstaltung, sondern der Hexensabbat diente der Verabredung zu weiterem Schadenzauber unter Anleitung des Teufels.
  4. Schadenzauber, also das Herbeiführen von Krankheit, Tod, Unwetter, Ernteverlust usw. Der Krankheits- und Tötungszauber gegen Mensch und Tier war nur durch Körperkontakt (Anhauchen, Berühren, Einreiben mit Salbe) zwischen Hexe und Opfer möglich, während der Wetterzauber auch aus der Ferne zu bewerkstelligen war.

 

  1. Voraussetzungen und Ursachen

 

Wenden wir uns jetzt der Frage zu „Was waren die Voraussetzungen und Ursachen für die Hexenverfolgungen?“ Wie kam es dazu, dass sich dieses angebliche „Superverbrechen“ in der Vorstellung der Menschen entwickeln konnte?

Es gab einige Ursachen und Krisenfaktoren, wobei direkt betont werden muss, dass auch dieser multikausale Ansatz das Phänomen nicht vollständig erklären kann. Denn jede Epoche hat ihre Probleme und Krisen und daraus entstehen nicht immer automatisch mörderische Menschenjagden. Und letztlich entstanden die ersten, vereinzelten Hexenprozesse um 1430 im Alpenraum quasi „aus dem Nichts“ heraus.

Die Tradition und die Praxis der Ketzerprozesse des Mittelalters waren in der Erinnerung noch präsent, dominikanische Inquisitoren und franziskanische Bußprediger waren noch aktiv.

Die massenweise Verbreitung von Dämonologie und Hexenliteratur wurde erst durch den Buchdruck (1450) möglich. Das klingt auf den ersten Blick paradox, assoziieren wir mit dieser Erfindung doch positive Begriffe wie Aufklärung. Aber Bücher und die billigeren Flugblätter sind Medien und wie alle Medien bis in unsere Tage waren sie nicht per se gut, dienten also nicht nur der Verbreitung von Wissen, sondern genauso gut der Verbreitung von Unsinn, die auf Dummheit, Sensationsgier und Effekthascherei setzt.

Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) mit seinen Gewaltexzessen führte zu Abstumpfung und Verrohung der sozialen Interaktionen.

Die sog. Kleine Eiszeit (1570-1630) mit Klimaverschlechterung, langen, harten Winter, Hochwasser, Überschwemmungen hatte katastrophale Folgen: Missernten führten zu Lebensmittelteuerung und Hunger, die schlechte Ernährung führte zu Anfälligkeit für Krankheiten und erhöhter Sterblichkeit bei Mensch und Tier.

Ein weiterer Faktor war die Förderung bzw. Duldung der Hexenverfolgung durch die Obrigkeit: Die Bedeutung der staatlichen Verwaltung auf Form, Dauer und Intensität der Hexenverfolgungen ist nicht zu unterschätzen. Die Obrigkeit konnte die Prozesse entweder einfach laufen lassen oder sogar anheizen, aber auch bremsen und verhindern. Im Allgemeinen kann man sagen, dass in Territorien mit ausgeprägt zentralistischer Struktur der Hexenwahn weniger Fuß fassen konnte als in Ländern mit nur schwacher staatlicher Macht und Gerichtsbarkeit (hierzu muss man Kurtrier zählen). In einigen Territorien wie z. B. Lothringen verfiel das Vermögen von zum Tod Verurteilten an den Staat, ein nicht unwesentlicher Grund für Verfolgungen war also finanzieller Art, wie wir noch sehen werden. Eine verfolgungsunwillige mächtige Zentralgewalt – wie etwa in Bayern, in Württemberg und weiten Teilen Frankreichs – konnten Auswüchse des Hexenwahns und die Eigendynamik von Verfolgungswellen leichter eindämmen.[3]

Obwohl nicht die Kirche selbst die Verfolgungsbehörde war, sondern die weltliche Gerichtsbarkeit – ich komme dazu noch ausführlicher – lieferte aber die Theologie das ideologische Rüstzeug, indem sie die Existenz einer Hexensekte behauptete. 1484 unterzeichnete Papst Innozenz VIII. die sog. Hexenbulle[4], in der er zwei in Deutschland als Inquisitoren tätige Dominikanerpatres ermächtigte, gegen Zauberer und Hexen vorzugehen. Einer dieser Patres, Heinrich Kramer genannt Institoris[5], hatte bislang vergeblich versucht, Hexenverfolgungen in Gang zu setzen und war sogar auf innerkirchlichen Widerstand gestoßen. Er verfasste 1486 den sog. Hexenhammer (Malleus maleficarum), der zu einer Art Hexenstrafgesetzbuch wurde. Der Erstdruck erfolgte 1487 in Speyer, er erlebte rund 30 Auflagen mit 30.000 Stück. Es war das einflussreichste, man kann auch sagen das verhängnisvollste Buch in der Geschichte der Hexenverfolgung. Eine zentrale Rolle spielt der angebliche Schadenzauber der Hexen. Seine Hexereivorwürfe beziehen sich rein auf das weibliche Geschlecht. In seinen Predigten schürte Institoris die Angst vor dem Teufel und der Hexensekte und rief erfolgreich zu Denunziationen auf. Die eigentliche Strafverfolgung war aber dann – wie bereits gesagt – Sache der weltlichen Gerichte. Institoris tauchte 1487/88 auch im Moselraum auf und beschwerte sich über den mangelnden Verfolgungswillen der Koblenzer Stadtoberen.

Ungefähr 100 Jahre nach Erscheinen des Hexenhammers stand die Amtszeit des Trierer Erzbischofs und Kurfürsten Johann von Schönenberg (1581-1599) unter keinem guten Stern. Sie war geprägt von „ständigem Mangel an Brotgetreide, die Unbill der Witterung und den Misswuchs auf den Feldern“ wie eine Chronik (Gesta Treverorum) berichtet. Nur in zwei seiner neunzehn Amtsjahre gab es gute Ernten. Deswegen machte sich die Auffassung breit, das Ganze sei „durch Hexen und Unholden aus teuflischem Hass verursacht worden“, wie die genannte Chronik schreibt. 1589 erschien dann ein Traktat des Trierer Weihbischofs Peter Binsfeld (1545-1598).[6] Es handelte sich um eine Anleitung zur Hexenverfolgung, wobei es vor allem um die Vorgehensweise in den Prozessen und die Zuverlässigkeit von Besagungen ging. Das sind die Benennungen von Personen, die ebenfalls Hexen sind und z. B. am Hexentanz teilgenommen haben. Eine Besagung konnte die Eröffnung eines neuen Hexenprozesses rechtfertigen, zwei Besagungen genügten schon für die Folter.

Theologen und Kirchenvertreter haben in verschiedenen Ländern und Regionen sehr unterschiedlich auf diese Theologie einer real existierenden Hexensekte reagiert. So hat man z. B. in Spanien den Glauben an Hexen eher unterdrückt, deswegen auch die geringe Zahl an Verfolgungen. Wie lange sich der Glauben allerdings auch noch halten konnte, zeigt das Beispiel von Joseph Görres, der noch 1840/42 in „Die christliche Mystik“ das Hexenwesen als reales Phänomen beschrieb, wenn es auch viele Unschuldige getroffen habe.

 

  1. Zuständigkeiten und Verlauf eines Hexenprozesses

 

Damit kommen wir zum „klassischen“ Verlauf eines Hexenprozesses, wie er sich nach und nach einspielte:

Meistens war der Schauplatz der Hexenverfolgungen eher das dörfliche Milieu als das städtische Umfeld. Der Verfolgungsdruck kam von unten, aus der Bevölkerung, wo sich gruppendynamische Prozesse abspielten: Denunziationen, Stigmatisierungen und Ausgrenzungen entstanden aus Missgunst, Neid, Rache oder Habgier. Andere Gründe waren innerfamiliäre Konflikte, Eheprobleme und Erbschaftsstreitigkeiten. Die Anklage kam zunächst von Einzelnen. Bald bildeten sich aber gemeindliche Ausschüsse, die nach Indizien suchten und Anklage erhoben, die sog. Hexenausschüsse, die unter Vorsitz des örtlichen Schultheiß oder Amtmanns tagten. Formal galt bei den Prozessen (zur Erinnerung: keine kirchlichen, sondern weltliche Verfahren) die „Constitutio Criminalis Carolina“ oder einfach kurz „Carolina“, eine Mischung aus Strafgesetzbuch und Verfahrensordnung von Kaiser Karl V. aus dem Jahr 1532. Sie galt in den katholischen Territorien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und stellte in Artikel 109 den Personenzauber unter Todesstrafe, und zwar durch Verbrennen.[7] Danach haftete zunächst der Privatkläger für alle Kosten des Verfahrens. Falls der Angeklagte wieder frei gelassen werden musste, blieben die Kosten also an ihm hängen. Sie erkennen schon an dieser Regelung, dass der Kläger alles daran setzte, dass es zu einer Verurteilung kam, denn dann mussten der Verurteilte bzw. im Falle der Hinrichtung seine Hinterbliebenen für sämtliche Kosten aufkommen. Auf diese Weise konnten sich die Kläger auf zweierlei Weise bereichern: Einmal bekamen sie die Kosten und Spesen ersetzt, bei denen sie immer erfinderischer wurden, und zweitens konnten sie günstig an Besitztümer anderer Dorfbewohner kommen, wenn diese z. B. Grundbesitz veräußern mussten, um den Prozess zu bezahlen. Das erklärt auch, warum auch wohlhabende und angesehene Bürgerinnen und Bürger angeklagt wurden: Hier war besonders viel zu holen und es gab die Chance, dass eine begehrte Stelle vakant wurde. Man ging im Laufe der Zeit sogar dazu über, die Prozesse durch eine Umlage in der Gemeinde, das sog. Hexengeld oder die Hexensteuer vorzufinanzieren. Damit wurde das Kostenrisiko, das zuvor ein Einzelner trug, verteilt und die Schwelle, jemanden zu denunzieren, sank noch einmal.

Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss der juristisch gebildeten „Hexenkommissare”, die den Laienrichtern eigentlich zur Seite stehen sollten: Die Juristen und Notare in Städten wie Koblenz, wo das Hochgericht ansässig war, dienten den meist dörflichen Anklägern zur rechtlichen Untermauerung von Anklage und Folter. Klageerhebung und Urteil sollten eigentlich immer von unabhängigen Juristen begutachtet werden. Umgekehrt erschloss sich für die Juristen eine gute Einnahmequelle und sie konnten Kontakte ins ländliche Umfeld für andere Rechtsgeschäfte knüpfen. Auch in Kurtrier fungierten gelehrte Juristen als sog. Hexenkommissare, deren Namen immer wieder auftauchen wie der des Dr. Johannes Moeden, der überall, wo er auftauchte, eine Blutspur hinter sich herzog. Doch wirkte sich ihre Handlungsweise in anderen Territorien noch weitaus schlimmer aus als bei uns. Es gibt woanders (z. B. in Westfalen und Lothringen) einzelne Kommissare, die sich regelrecht rühmten, über die Jahre an mehreren hundert Prozessen beteiligt gewesen zu sein. Auch Schreiber und Notare profitierten von den Hexenprozessen. Im Laufe der Jahrzehnte schlichen sich Rechtsbeugungen und Bereicherungen ein. Formal hatten die Angeklagten das Recht, sich einen Verteidiger zu nehmen, doch konnten sich das viele Angeklagte einfach nicht leisten und außerdem waren die wenigen Juristen, was ihre Bezahlung anbelangte, bei den Ausschüssen eher auf der sicheren Seite. In vielen Fällen verweigerten die Männer ihren Frauen vor Gericht den rechtlichen Beistand: aus Unsicherheit über die Schuldfrage (Vielleicht war die eigene Ehefrau ja wirklich eine Hexe?), Furcht vor finanziellem Ruin und vor Anfeindungen der Dorfgemeinschaft oder einfach aus Angst, selbst der Hexerei bezichtigt zu werden.

Als Hauptindizien für das Hexereiverbrechen galten der angebliche Schadenzauber und der Leumund der beschuldigten Person. Der Leumund war von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Eigentlich wollte die Carolina durch das Indiz eines guten Leumunds die Richter vom vorschnellen Einsatz der Folter abhalten. Bei der Hexenverfolgung verkehrte sich das ins Gegenteil: Es konnten Gerüchte aller Art über die Person und ihr Treiben angeführt werden, teils wurden jahrelang zurückliegende und eigentlich belanglose Vorfälle ausgegraben. Als Anklagegrund dienten insbesondere die sog. Besagungen, d. h. die Benennung durch eine andere, bereits überführte Hexe. Über solche Besagungen wurden regelrechte Listen geführt, was einen Dominoeffekt zur Folge hatte, indem sie weitere Prozesse auslösten.[8]

Die Folter war in der Carolina keine Strafe, sondern ein Mittel zur Wahrheitsfindung, das nicht nur in Hexenprozessen angewandt wurde. War die vermeintliche Hexe dann angeklagt, wurde sie durch den dörflichen Ausschuss (also juristische Laien wie Schöffen, Amtmänner, Vögte) befragt. Erst erfolgte die „gütliche“ Befragung (territio verbalis), also ohne Folter, wo ihr nur die Instrumente gezeigt wurden, um sie schon so zu einem Geständnis zu bewegen. Ein Geständnis war für eine Verurteilung nämlich zwingend notwendig. Blieb die angebliche Hexe standhaft, wurde die „peinliche“ (Pein = Schmerz) Befragung (territio realis), also mit Folterwerkzeugen durchgeführt. Die Folter oder Marter war das Geschäft des Henkers, der für jede seiner Dienstleistungen seine festen Tarife hatte. Der Angeklagte bzw. die Angeklagte wurde vorher entkleidet und am ganzen Körper rasiert, um Hexenmale aufzuspüren. Es folgte die Nadelprobe: Floss beim Hineinstechen in Hautanomalien kein Blut oder sie schmerzten nicht, waren es Teufelsmale, mit denen der Teufel seine Anhänger markierte hatte. Regional gab es auch die Wasserprobe (gefesselt im Wasser, blieb man oben, war man mit dem Teufel im Bunde), die ihren Ursprung in mittelalterlichen Gottesbeweisen hatte. Als weiteres Indiz galt auch die Tränenlosigkeit, angeblich konnten Hexen nicht weinen. Dann bekam der Angeklagte bzw. die Angeklagte ein grobes Hemd übergezogen.

Dann begann die Folter: Die erste Methode war das Peitschen des Rückens mit Ruten, die zusätzlich mit Salz und Weihwasser getränkt sein konnten. Dann kamen die Daumen- und Beinschrauben zum Einsatz und zum Schluss der Flaschenzug. Dabei wurden die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, das Folteropfer wurde mit Stricken in die Höhe gezogen. Die Füße konnten mit Gewichten beschwert werden, um die Wirkung zu erhöhen. Beim sog. Wippen wurde das Seil stückweise plötzlich fallen gelassen. In der Regel führte das zum Auskugeln des Schultergelenks.

Jeder Grad der Folter dauerte 15 Minuten, mit „Erholungspausen“ (sonst wäre der Gefolterte wohl ohnmächtig geworden oder gestorben), die Folterqualen wurden gesteigert bis zum Geständnis. Schwangere Frauen durften nicht gefoltert werden.[9] Legte jemand tatsächlich kein Geständnis ab, spornte das oft zu noch grausamerer und wiederholter Folter an. War die Folter zumindest formal an bestimmte Abläufe gebunden, hatten die Ausschüsse bei der Bewachung der Angeklagten im Gefängnis weitgehend freie Hand. Dort konnten die Ausschussmitglieder und ihre Helfer Folter durch Schlafentzug, Hunger und Durst praktizieren, wobei es z. B. im Amt Kastellaun nur die Beschränkung gab, dass der Schlafentzug max. 40 Stunden dauern durfte. In Koblenz befand sich die Folterkammer im Schöffenhaus[10] am Florinsmarkt. Blieb Der- oder Diejenige standhaft und überstand die Tortur, war die Unschuld erwiesen (Purgation[11]) und er oder sie musste freigelassen werden – wobei die körperlichen Schäden wohl immens und oft dauerhaft waren. Immer wieder wird von Todesfällen während oder infolge der Folter berichtet, manche Angeklagten versuchten auch, sich durch Flucht[12] zu entziehen. Im Falle, dass ein Geständnis abgelegt wurde, sollte das nach einer mindestens eintägigen Ruhepause ohne Folter wiederholt werden.

Eigentlich sollte die Folter unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden, was aber längst nicht immer der Fall war. Über die Anwendung, Art und Dauer der Folter sollte laut Carolina ein Richter entscheiden. Aber auch hier wurde der Willkür Tür und Tor geöffnet, indem man die Hexerei zu einem „crimen exceptum“, also zu einem außerordentlichen Verbrechen erklärte, das andere Maßstäbe verlange und die Schutzmechanismen der Carolina zugunsten der Angeklagten außer Kraft setzte.

Für die Hinrichtung wurden meist kleine Hütten aus Stroh um die Verurteilten errichtet, die angezündet wurden. Ein Gnadenerweis war die Abmilderung der Strafe: Die Hexe wurde nicht bei lebendigem Leib verbrannt, sondern vorher vom Henker erdrosselt oder enthauptet. Es gab auch die Möglichkeit, dass ihr ein Säckchen mit Schießpulver um den Hals gehängt wurde, das durch das Feuer dann explodierte. Auf jeden Fall musste der Leichnam verbrannt werden, eine Beerdigung wurde nur ganz ausnahmsweise gestattet. Die Koblenzer Hinrichtungsstätte in Koblenz befand sich an der Laubach, unterhalb des Rittersturzes.[13]

 

  1. Mythen und Klischees

 

Nun muss ich mit einigen vielleicht lieb gewordenen Mythen und Klischees aufräumen:

Epoche: Hexenverfolgungen sind kein Phänomen des „finsteren“ Mittelalters, sondern der Frühen Neuzeit. Ins Mittelalter gehören die Ketzerprozesse um die Waldenser und Katharer. Der Zeitraum der Hexenverfolgungen umfasste ca. 1430 bis 1780, mit einem Höhepunkt von 1560 bis 1630, dann ebbten die Verfolgungen langsam ab. Die Intensität der Hexenverfolgung verlief wechselhaft, für das Kurfürstentum Trier kann man drei Verfolgungswellen feststellen: 1587-1594, 1629-1631, 1639-1652/53 (Verbot).

1775 wurde in Kempten eine Dienstmagd als letzte Hexe in Deutschland verurteilt, aber nicht hingerichtet, sondern zu einer Gefängnisstrafe begnadigt. Die letzte Hinrichtung einer „Hexe“, ebenfalls eine Dienstmagd, fand 1782 in einem protestantischen Kanton der Schweiz statt, wobei das Wort Hexe im Urteil aber vermieden wurde.[14] Der Göttinger Historiker August Ludwig von Schlözer prägte in diesem Zusammenhang ein Jahr später den Begriff des Justizmords.

Opferzahl: Die oft zu lesende Zahl von 9 Millionen in Europa hingerichteten Hexen basiert auf einer völlig absurden Hochrechnung des Quedlinburger Stadtsyndikus Voigt von 1784, der einen begrenzten lokalen Befund hochrechnete und auf 9.442.994 Todesopfer kam. Realistisch ist eine Zahl von „nur“ ca. 60.000 Opfern, wobei der Schwerpunkt mit rund der Hälfte eindeutig auf dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation lag. Man darf übrigens nicht vorschnell behaupten, es habe da oder dort keine Hexenverfolgung gegeben oder da oder dort sei sie besonders intensiv gewesen. Zum Beispiel haben sich für Koblenz so gut wie keine Quellen zu Hexenprozessen erhalten, während für Winningen und Rhens noch Akten vorhanden sind. Darauf komme ich noch zurück.

Geschlecht/Alter: Die hingerichteten Hexen waren durchaus nicht nur weiblich, aber überwiegend. Soweit die Quellen eine eindeutige Identifikation zulassen, waren ca. 70-80 % der Opfer weiblich. Dabei waren die Unterschiede regional groß: In Russland und Island z. B. waren dreiviertel der Opfer Männer. Auch waren es durchaus nicht alles „alte Hexen“, auch Kinder und Jugendliche konnten als Hexen verfolgt werden. Dass aber tatsächlich mehr Frauen als Männer angeklagt und verurteilt wurden, hatte mehrere Gründe: Seit der Antike galten Frauen als leicht verführbar (Beispiel Eva) und sexuell unersättlich, also eine leichte Beute für den Satan. Auch in der kirchlichen Tradition ist Frauenfeindlichkeit und die Vorstellung von der Minderwertigkeit der Frau ja fest verankert gewesen. Auch die Renaissancekünstler wie Albrecht Dürer oder Hans Baldung Grien nahmen sich der lüsternen und gleichzeitig bösen Hexe an: teils sind es erotische Akt-Darstellungen verführerischer, junger Hexen, teils sind es – heute würde man wohl sagen pornografische – Darstellungen, die die Lüsternheit der Frau herausstellten.[15]

Frauen, insbesondere Witwen, waren übrigens auf männlichen Beistand angewiesen. Sie mussten sich vor Gericht von ihren Männern, die Witwen von ihren Söhnen vertreten lassen.

Kirche/Inquisition als Verfolger: Als eines der hartnäckigsten Klischees hält sich die Annahme, dass die katholische Kirche und die Inquisition Ankläger in den Hexenprozessen waren bzw. über die Hexen zu Gericht saßen. Dagegen spricht schon die Tatsache, dass Hexenprozesse im katholischen Spanien (Opferzahl unter 150)[16] und in Portugal (Opferzahl unter 50) kaum eine Rolle spielten und es auch in protestantischen Regionen zu schlimmen Verfolgungen kam. Luther war ebenfalls fest davon überzeugt, dass es Hexen gab und dass sie verbrannt werden sollten.[17] Tatsächlich waren die Hexenprozesse eine Angelegenheit der weltlichen Gerichte. Das Missverständnis, die Kirche sei die Verfolgungsbehörde gewesen, rührt zum Teil daher, dass vielfach der Bischof oder Erzbischof gleichzeitig auch die weltliche Herrschaft ausübte, wie es ja auch bei uns der Fall war, wo der Erzbischof von Trier gleichzeitig der Kurfürst war. Besonders schlimme Verfolgungen gab es unter den Fürstbischöfen von Würzburg und Bamberg („Hexenbischöfe“), wo es innerhalb von wenigen Jahren geradezu mörderische Hexenjagden gab (Würzburg 1625-1630 900 Hinrichtungen, Bamberg 1626-1630 642 Hinrichtungen). Weitere Schwerpunkte waren das kurkölnische Westfalen und das relativ kleine Amt der Reichsabtei St. Maximin bei Trier mit über 400 Hinrichtungen in 10 Jahren zwischen 1586 und 1596, was fast 19 % der Bevölkerung ausmachte.

Weise Frauen und Hebammen als Haupt-Opfergruppe: Dass Frauen mit Kenntnissen über Empfängnisverhütung und Abtreibung systematisch von der katholischen Kirche verfolgt worden seien, ist ein ebenso falsches Klischee. Es hält sich aber mit besonderer Hartnäckigkeit, obwohl diese Verschwörungstheorie von der seriösen Geschichtsforschung geradezu pulverisiert wurde. Längst nicht immer erfahren wir in den Verhörprotokollen überhaupt den Beruf der Opfer. Die meisten der verurteilten Frauen dürften einfach das gewesen sein, was wir heute noch mit „Hausfrau und Mutter“ benennen. Das wurde aber wenig zur Kenntnis genommen, weil dieser Mythos der weisen Frauen und Hebammen viele antikirchliche Ressentiments bedient und von Feministinnen nur zu gerne aufgegriffen wurde. Hexen wurden geradezu zu einem Symbol von Teilen der Frauenbewegung und des Feminismus, die die Hexen unter dem Aspekt der Rückgewinnung von weiblicher Macht und Spiritualität für sich reklamieren.

Wie konnte es aber zu diesem Mythos kommen? Der französische Historiker Jules Michelet behauptete in seinem 1862 erschienenen Buch „Die Hexe“ (La sorcière), sie sei eine Heilkundige aus dem Volk gewesen und gleichzeitig eine Rebellin gegen die Unterdrückung durch Feudalismus und katholische Kirche. Eine Allianz aus Fürsten, Juristen, Theologen und Medizinern habe sie verfolgt. Das Buch erschien schon ein Jahr später in Deutsch und Englisch und wurde mehrfach aufgelegt. Auch die Brüder Grimm haben die Hexe romantisiert und aus ihr eine verfolgte germanische Priesterin gemacht. Es folgten esoterische Interpretationen wie die der englischen Anthropologin Margaret Murray (The Witch-cult in Western Europe 1921, The God of Witches 1933). Sie sah in den 1920er-Jahren in den Hexen Frauen, die seit der Jungsteinzeit Fruchtbarkeitskulte ausgeübt und als eine Art heidnische Widerstandsgruppe gegen die christliche Kirche bis zum Ende des Mittelalters im Untergrund überlebt hätten. Murrays Bücher wurden populäre Verkaufsschlager, aber die akademische Welt lehnte ihre Thesen als wissenschaftlich unhaltbar ab.

Bei diesen Mythen gibt es sogar eine Schnittstelle zum Nationalsozialismus: Im Dritten Reich initiierte der Reichsführer SS Heinrich Himmler 1935 das erste „wissenschaftliche“ Projekt über Hexen. Der „H(exen)-Sonderauftrag“ des Sicherheitsdienstes der SS forschte verdeckt in 260 Archiven und Bibliotheken und legte eine Kartei zu 33.000 Hexenprozessen an, die sich heute in Posen/Polen befindet (Kopie als Mikrofilm im Bundesarchiv). Er wollte damit belegen, dass insbesondere die katholische Kirche eine Kultgemeinschaft germanischer Hexen verfolgt und so die Massenvernichtung von germanischem Rasse- und Kulturgut praktiziert habe. Trotz neunjähriger Recherche ist der SS diese simple Schuldzuweisung nicht gelungen.

Die amerikanischen Feministinnen Barbara Ehrenreich und Deirdre English trafen 1973 den Nerv der Zeit, indem sie einen gemeinsamen Verdrängungskampf von katholischer Kirche und Ärzteschaft gegen die Heilerinnen und Hebammen behaupteten. Belege blieben sie schuldig. In Deutschland ungemein einflussreich waren die beiden Bremer Bevölkerungswissenschaftler Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, die ab 1979 in mehreren Veröffentlichungen ihre Verschwörungstheorie von der Vernichtung der weisen Frauen propagierten. Hebammen und weise Frauen hätten über ein geheimes Empfängnisverhütungs- und Abtreibungswissen verfügt und Staat und Kirche hätten sich zu einer unheilvollen Allianz zusammengetan mit dem Ziel, dem ein Ende zu bereiten. Diese These trat ihren Siegeszug an, als sie der Spiegel 1984 unkritisch übernahm und populär machte.[18]

Bis heute finden radikale Feministinnen in der „Hexe“ eine positive Identifikationsfigur. Dass die historisch real als Hexen verfolgten, gequälten und hingerichteten Frauen als Vorkämpferinnen für die moderne Frauenbewegung und Emanzipation, für esoterische Zirkel, okkulte Bewegungen oder einen spirituell inspirierten Feminismus herhalten müssen, lässt sich von der seriösen Geschichtsforschung in keiner Weise legitimieren. Diese Traditionsbildung passt zwar schön in so manche Weltbilder, hat aber – das muss man klar und deutlich sagen – keinerlei realen historischen Bezug.

So fand z. B. Walter Rummel (Leiter des Landesarchivs Speyer) in den von ihm untersuchten 83 Prozessen in der protestantischen Hinteren Grafschaft Sponheim (d. h. im Amt Kastellaun und der dazugehörigen Vogtei Winningen) keine einzige Hebamme. Empfängnisverhütung spielte nie eine Rolle. Im Gegenteil fand er heraus, dass Hebammen und andere Heilkundige eher verschont blieben, weil man sie im Alltag brauchte. Auch Franz Irsigler (Universität Trier) konnte unter den ca. 800 weiblichen Prozessopfern im kurtrierischen Raum nur 3 Hebammen ausmachen. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Die beiden Autoren Heinsohn und Steiger zeigten sich jedoch gegenüber der Woge der Kritik völlig resistent und ließen sich auf keine wissenschaftlichen Diskussionen ein, zu denen sie eingeladen wurden.

 

  1. Ende der Hexenverfolgung

 

Kommen wir jetzt zum Ende der Hexenverfolgung. Schon 1591 versuchte Erzbischof und Kurfürst Johann von Schönenberg durch seine „Hexenprozessordnung“ gegen die überhand nehmenden Hexenausschüsse vorzugehen. Zur Erinnerung: Sein eigener Weihbischof Peter Binsfeld hatte dazu erst zwei Jahre zuvor ein Traktat veröffentlicht. Schönenberg mahnte zu vorsichtigerem Vorgehen und mehr Sorgfalt bei der Sammlung von Indizien vor der Anklage. Besagungen sollten jetzt geheim gehalten werden, da sie verständlicherweise Angst und Schrecken verbreiteten und zu Verfolgungsspiralen verursachten. Die Namen der Besagten durften deswegen bei Hinrichtungen nicht mehr vorgelesen werden. Die Wasserprobe wurde verboten, die Akten sollten zum Obergericht nach Koblenz geschickt werden zur Erstellung von Rechtsgutachten und genauen Festlegung der Gebühren. Aber der Erlass zeigte wenig Wirkung, fast immer verlief der Prozess von der Anklage bis zur Hinrichtung nur auf lokaler Ebene.

Namentlich kann ich Ihnen für das heutige Koblenz nur wenige Opfer nennen. Um 1570 wurden in Arenberg Noßen Eile und Grit, genannt die Schönmundin, wegen Hexerei hingerichtet. Johann Rincker aus Spay wurde ebenfalls Opfer einer Besagung. Er gestand, in Horchheim Mensch und Tier mit Salben und Pulvern vergiftet zu haben. Er wurde am 16. Oktober 1602 in Horchheim verbrannt.[19] Ein Dokument des Jesuitenordens berichtet, dass es in Koblenz 1628 und 1629 mehrere Hexenprozesse gab, die 1629 zu 24 Hinrichtungen führten.[20] In Lay wurden um 1630 Catharina Polcher, Susanne Halscheidt, Claus Laux, Agnes Wirges, Barbara Mader und die Ehefrau des Johannes vom Landt hingerichtet, was wir indirekt aus Winninger Akten wissen. Im benachbarten Winningen wurden ca. 20 Personen hingerichtet, in Rhens waren es 26.

1630 bestätigte Kurfürst Philipp von Sötern die Prozessordnung von 1591 und präzisierte die Gebührenliste für Honorare und Unkosten, weil es offenbar zu einer Kostenlawine gekommen war: Die von Ausschussmitgliedern und Juristen abgerechneten Spesen waren immens gestiegen. Man hatte eine schöne Bereicherungsquelle entdeckt, was zu einem zentralen Motiv zur Initiierung von weiteren Hexenprozessen geworden war.

Im 17. Jahrhundert wuchs dann angesichts dieser Missstände der Widerstand der Betroffenen, Klagen über Willkür wurden immer lauter. Die Obrigkeit erkannte mehr und mehr, dass die Hexenprozesse für Unruhe und Instabilität in ihrem Herrschaftsbereich sorgten. Das Ende der Hexenverfolgung wurde dann durch die Schrift eines Jesuitenpaters, Friedrich Spee (von Langenfeld), eingeleitet:

Spee war der bedeutendste Dichter katholischer Kirchenlieder der Barockzeit, geb. 25.2.1591 in Kaiserswerth bei Düsseldorf, gest. 7.8.1635 in Trier. 1631 veröffentlichte er anonym seine Streitschrift „Cautio Criminalis“, die „Bedenken in rechtlicher Hinsicht“ oder „im Hinblick auf den Strafprozess“ (gedruckt in Rinteln/Weser). Sie beruhte auf Erkenntnissen, die er in der seelsorgerischen Praxis mit Frauen gewonnen hatte, die als Hexen verurteilt worden waren. Verteidigungsschriften Koblenzer Juristen für Hexenprozessopfer aus dem Sponheimischen griffen erstmals seit 1652 auf Spees „Cautio Criminalis“ zurück.

Dann gab es irgendwann vor dem Jahr 1655 einen Skandal um einen unbekannten Koblenzer Notar: Dieser mit Hexenprozessen befasster Notar hatte in einem Geständnisprotokoll eigenmächtig die Namen angeblicher Komplizen, also Besagungen, ergänzt. Der Schwindel flog auf, der Notar wurde verurteilt und hingerichtet. Der Skandal scheint enorm gewesen zu sein, denn er sorgte für Gesprächsstoff am ganzen Mittelrhein. Die Tatsache, dass ein überparteiliches „Organ der Rechtspflege“ offensichtlich in derart mörderische Manipulationen verwickelt war, trug wohl zu einem guten Teil zum allmählichen Umdenken bei.

Aus einem Schreiben des Trierer Kurfürsten Karl Kaspar von der Leyen an einen unbekannten Empfänger vom 16. Juni 1659 geht hervor, dass er um 1652/53 die Hexenprozesse verboten hatte.[21] Er nannte die Prozesse „Außergewöhnlichkeiten, Falschheiten, kostspielig und ungerecht“ und er sei mit seinem Verbot – Gottlob – zufrieden.[22]

Allerdings hielt der Kurfürst sein Verbot geheim, weil er die Opposition der Bevölkerung befürchtete. In der Praxis wurde das dann so umgesetzt, dass die formalrechtlichen Anforderungen zur Klageerhebung immer höher geschraubt und Prozesse verschleppt wurden. Unter Karl Kaspar sind dann sogar Prozessakten systematisch von der Obrigkeit eingezogen und vernichtet wurde, um dem Teufelskreis der Besagungen ein Ende zu bereiten. Ich hatte ja schon erwähnt, dass es für Koblenz kaum mehr Quellen gibt, jetzt kennen Sie den Grund. Dass es für Rhens und Winningen noch Akten zu Hexenprozessen gibt, hat seinen Grund darin, dass Rhens damals zum Kurfürstentum Köln gehörte, und das protestantische Winningen gehörte ebenfalls nicht zu Kurtrier.

Hören wir zum Schluss den Brief der ca. 40-jährigen Rebekka Lemp, einer frommen Protestantin aus angesehener und wohlhabender Familie in Nördlingen. Sie war gebildet, konnte lesen und schreiben. Ihr Mann Peter war städtischer Zahlmeister, d. h. Leiter der Stadtkasse. Rebecca war zusammen mit mehreren anderen Frauen als Hexe besagt und verhaftet worden. Nach wochenlanger Haft und vielen Verhören war sie gefoltert worden. Nach dem dritten Grad des „Aufziehens“ legte sie ein Geständnis ab und besagte andere Frauen, wie man es von ihr erwartete. Wenige Tage später, am 2. August 1590, schrieb sie ihrem Mann einen verzweifelten Brief und bat ihn um Gift, um Selbstmord zu begehen:

„Mein auserwählter Schatz, soll ich mich so unschuldig von Dir scheiden müssen, das sei Gott immer und ewig geklagt! Man nöthigt Eins, es muß Eins ausreden, man hat mich so gemartert, ich bin aber so unschuldig als Gott im Himmel. Wenn ich im Wenigsten ein Pünktlein um solche Sache wüßte, so wollte ich, daß mir Gott den Himmel versagte. O Du herzlieber Schatz, wie geschieht meinem Herzen! O weh, o weh meine armen Waisen! Vater, schick mir Etwas, daß ich sterb; ich muß sonst an der Marter verzagen. Kommst heut nicht, so thue es morgen. Schreib mir von Stund an. O Schatz, deiner unschuldigen Rebecka! Man nimmt mich Dir mit Gewalt! Wie kann’s doch Gott leiden! Wenn ich ein Unhold bin, sei mit Gott nicht gnädig. O wie geschieht mir so unrecht. Warum will mich doch Gott nicht hören? Schick mir Etwas, ich möchte sonst erst meine Seele beschweren.“

Zitiert nach:

Wolfgang Behringer (Hg.): „Hexen und Hexenprozesse in Deutschland“, München 1988, S. 305.

 

Literaturempfehlungen

Gute und erschwingliche Einführungen und Überblicksdarstellungen sind:

Johannes Dillinger: „Hexen und Magie“, Frankfurt/New York, 18,95 €

Walter Rummel/Rita Voltmer: „Hexen und Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit“, Darmstadt, Neuauflage demnächst lieferbar, 17,95 €

 

[1] Weinrelief, Weinhex als Figur und Wein, Weinkeller, Trinkspruch etc. Vgl. Frank Hoffbauer: Weinwerbung und politische Propaganda. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 23 (1997), S. 529-549.

[2] Margit Theis-Scholz/Ingeborg Thümmel: Verhext noch mal. Unterrichtsvorschläge zum Thema „Hexen“ im fächerübergreifenden Anfangsunterricht der Grundschule. Donauwörth 1996.

[3] Die Politik konnte sich auch wandeln, Beispiel Hessen: In Rhens gab es teils nur Verbannung und sogar Reintegration aus der Verbannung Zurückgekehrter, teils Verfolgungswellen (1628-1630, 1645-1647) mit Hinrichtungen. Vgl. Alexander Ritter: Hexenprozesse am hessischen Mittelrhein. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte (32) 2006, S. 197-220.

[4] Bulle: Urkunde, die einen wichtigen päpstlichen Rechtsakt verkündet, von der päpstlichen Kanzlei ausgefertigt und gesiegelt.

[5] Geb. in Schlettstadt (Elsass) um 1430, gest. 1505. 1474 vom Papst zur Inquisition befugt.

[6] Geb. 1546 in Binsfeld bei Wittlich, gest. 24.11.1598 in Trier. Die deutsche Übersetzung erschien 1592 unter dem Titel Tractat von Bekanntnuß der Zauberer unnd Hexen, ob und wie viel denselben zu glauben.

[7] In den lutherisch reformierten Territorien war die Strafe ähnlich, z. B. 1567 6. Landesordnung für das lutherische Württemberg und 1572 Kursächsische Kriminalordnung: Teufelspakt ist ein Verbrechen, Todesstrafe durch Verbrennen. Schon der Sachsenspiegel (1220-1235) sah bei Zaubereivergehen den Tod auf dem Scheiterhaufen vor.

[8] Beispiel: Das „Hexenregister“ des Oberschultheiß von St. Maximin, Claudius Musiel, mit 6.300 Besagungen, die sich auf rund 1.380 denunzierte Personen beziehen.

[9] Deshalb brauchte man Hebammen, die die Schwangerschaft feststellten.

[10] Bau unter Richard von Greiffenklau 1528-1530. Das Gefängnis war in einem Turm der Alten Burg.

[11] Rechtfertigung; Fegefeuer; Reinigung.

[12] Beispiel: Sprung der angeklagten Christine May geb. Müller 1629 aus dem Gefängnisturm in Rhens.

[13] Fritz Michel: Alte Coblenzer Richtstätten. In: Rechtspflege im alten Coblenz. Vereinsgabe für das Jahr 1911. Hg. v. Kunst-, Kunstgewerbe- und Altertums-Verein für den Regierungsbezirk Coblenz. Koblenz 1911, S. 5-16, hier S. 11 f. Online unter https://www.dilibri.de/urn/urn:nbn:de:0128-1-4779.

[14] Magd, die das Kind ihres Dienstherrn vergiftet haben sollte, Hinrichtung durch das Schwert.

[15] Griens Bilder wurden teils massenweise gedruckt, teils waren sie aber speziell nur für einzelne Kleriker bestimmt.

[16] Die berüchtigte spanische Inquisition war in den Händen der Dominikaner, die von einem Kardinal (= Großinquisitor) ausgewählt wurden. Sie hielten es in der Mehrheit für zweifelhaft, dass es überhaupt Hexen gibt. Auf jeden Fall sollte eine Besagung nicht für eine Verhaftung oder Verurteilung ausreichen. Als die Verfolgungen aus Frankreich überzuschwappen drohten, appellierte die oberste Inquisitionsbehörde 1532 an die Vernunft der lokalen Vertreter: Missernten z. B. könnten durch Hagel und Frost auch in Gegenden auftauchen, in denen es keinen Verdacht auf Hexerei gebe. Man solle nicht alles glauben, was im Hexenhammer steht.

[17] 1526 hielt er in Wittenberg eine besonders aggressive Hexenpredigt; vgl. https://www.luther2017.de/kr/wiki/hexen/kai-lehmann-martin-luther-glaubte-fest-an-hexen/ (Zugriff: 30.3.2017). Beispiel für protestantische Gegend: Südthüringen.

[18] „Femina = die weniger Glauben hat“. Neue Forschungsergebnisse über die Ursachen der Hexenverfolgung. In: Der Spiegel Nr. 43/1984, S. 117-128.

[19] Alexander Ritter: Hexenprozesse am hessischen Mittelrhein. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 32 (2006), S. 197-220, hier S. 210 f.

[20] Bernhard Duhr: Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge (Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge in der ersten Hälfte des XVII. Jahrhundert, Band 2/2). Freiburg 1913, S. 492. Als Quelle gibt Duhr in Fußnote 2 „Litt. Ann. Voll Confl., Köln, Stadtarchiv, Jes. 685“ an.

[21] Dillinger datiert das kurfürstliche Mandat in die erste Jahreshälfte 1652, Rummel auf Anfang Juli 1653.

[22] Zumahlen diß ein verborgen und alßo beschaffenes laster ist, bey deßen vielfaltig versuchter ausrottung, und dießer halb vor und zeit angfangs unßerer angetrettener chur und landsfürstl[icher] regierung verschiedenlich geführten processen, all solche exorbitantien, falsitäten, kostspieltig und ungerechtigten, in der that befunden [wurden], daß wir höchst gemüßiget worden [sind]/ dergleichen processus und inquisitiones in unßerem ertz stift generaliter verbieten und untersagen zu laßen, worbey wir uns dann, Gott lob, bißhero wohl befunden […]. Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 369 (Hexenprozesse) Nr. 456, fol. 31.

Eine Neuendorfer Einwohnerliste von 1756

Die von Anke Sürtenich und Willi Gabrich edierte Einwohnerliste nennt nur die Haushaltsvorstände. Anlass zur Erstellung der Liste, die 136 Namen umfasst, war die Huldigung der Stadt Koblenz für den neuen Kurfürsten Johann Philipp von Walderdorff, der am 1. April 1756 per Schiff, von Trier kommend, eintraf. Die gesamte Bürgerschaft, also auch die Neuendorfer, mussten zu den Huldigungsfeierlichkeiten erscheinen.

Neuendorfer Einwohnerliste von 1756