Alexander Baldus: Verkanntes Dichtergenie oder merkwürdiger Sonderling?

Von unserer Gastautorin Sabine Schneider

Der Nachlass des Koblenzer Literaturkritikers und Schriftstellers Alexander Baldus (1900-1971) wurde unter der Bestandssignatur N 1 erschlossen und kann nun von Interessierten eingesehen werden.

Ausmusterungsbescheinigung der Wehrmacht, 1943. StAK N 1 Nr. 1.

Von literarischen Ergüssen eines kaum bekannten Koblenzer Schriftstellers bis hin zu unzähligen Nichtig- und Belanglosigkeiten des privaten Alltags – in diesem Nachlass spiegelt sich ein geradezu typisches Künstlerleben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. Dies macht die 42 Aktenmappen zu einem spannenden Quellenfundus für Literaturwissenschaftler, Historiker und Forscher verwandter Disziplinen. Ein bisweilen seltsamer Sonderling und Außenseiter muss er wohl gewesen sein: 1900 wurde Alexander Baldus in Koblenz als Sohn eines Schriftsetzers geboren, studierte Literaturwissenschaften in Bonn und galt als hervorragender Übersetzer skandinavischer und baltischer Sprachen. Doch verhalf ihm das nicht zu Anerkennung und Wohlstand, denn als freier Mitarbeiter von Verlagen, Rundfunk und Zeitungen verdiente er kaum genug zum Leben. Daher war wohl auch ein Telefon für ihn unerschwinglich, sodass sich sämtliche Widrigkeiten des Alltags der Nachkriegszeit in seinem Briefverkehr mit Freunden und Verlagen wiederfinden. Die Evakuierung sowie der Verlust seiner Bibliothek im Krieg, der Kampf um die Rückkehr in die elterliche Wohnung, die Schwierigkeiten der Auftragsakquise bei Verlagen, eine ungeheizte Wohnung, kein Geld für Essen und Medikamente – die Probleme schienen nicht abzureißen. Hinzu kamen Missverständnisse und Konflikte mit Freunden, die ebenfalls postalisch ausgetragen wurden. Manche seiner ebenfalls künstlerisch tätigen Bekannten hatten ähnliche Schwierigkeiten, andere, vor allem Frauen, berichteten über Probleme in der Ehe, mit der Kindererziehung und ihrer Berufstätigkeit – eben über die Steine, die einer Frau in der Nachkriegsgesellschaft üblicherweise im Weg lagen, wollte sie sich nicht mit ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter zufriedengeben. Insofern ist die Korrespondenz von Baldus ein Zeugnis des vielseitigen Alltags in der jungen Bundesrepublik; einerseits dokumentiert sie das Leben eines einsamen, verarmten und unglücklich verliebten Künstlers und andererseits den Alltag von Familien und Hobbyschriftstellern, berufstätigen Müttern, Studenten und Lehrern.

Liebesgedicht für Baldus Freundin Hedwig Metzger, 1956. StAK N 1 Nr. 39.

Neben literarischen Themen, wie dem Meinungsaustausch über bestimmte Bücher, wurden jedoch auch politische Fragen von Baldus angesprochen. Insbesondere der seinem Empfinden nach wieder aufkeimende Nationalsozialismus wurde von ihm regelmäßig als Ursache seiner Probleme angeführt: „Dazu ist dank der neuen Naziherrschaft meine finanzielle Lage katastrophal geworden: Ich lebe seit Wochen nur noch von Kartoffeln und Brot, während alte PGs schon wieder in Amt und Würden sitzen.“[1] An niemand geringeren als den ins amerikanische Exil geflohenen Schriftsteller Thomas Mann richtete Alexander Baldus 1950 diese Worte. Aber auch Hermann Hesse, Max Tau, Joseph Breitbach und anderen Autoren, Freunden und Bekannten klagte er sein Leid. Schon während der NS-Zeit habe er unter Schreib- und Redeverbot gelitten, doch bringe die Nachkriegszeit ihm kaum Erleichterungen. 1971 starb er, krank, verbittert und vereinsamt, in den letzten Jahren fast ausschließlich von Sozialhilfe, Wohngeld und Almosen lebend.[2] Dafür führte Baldus folgende Gründe an: Erstens sei das Desinteresse an ausländischer Literatur in der Bundesrepublik sehr ausgeprägt im Vergleich zu anderen Ländern. Zweitens bekämen Übersetzer, Kritiker und Schriftsteller, die von den Nationalsozialisten verfolgt worden oder ins Exil gegangen waren, die im Ausland lebten und weniger bekannt waren, in der Presse und von Verlagen weniger Aufmerksamkeit, würden teilweise sogar angefeindet. NS-belastete Kollegen dagegen würden mit Aufträgen überhäuft, während er auf den Abdruck jeder noch so kurzen Rezension angewiesen sei. „Der Geist ist billig, doch das Fleisch ist teuer“ war daher eines seiner liebsten Zitate. Doch war er tatsächlich das verkannte Genie, als das er sich gerne darstellte?

Baldus 1952 vor der Königlichen Villa Schloss Linderhof bei Ettal. StAK N 1 Nr. 1.

Auf der Gegenseite bekräftigten seine Kontakte stets ihr Mitleid für den zu geistigen Höchstleistungen befähigten Baldus, dessen Arbeit gleichwohl weder materielle noch ideelle Anerkennung fand – von kleinen Fachkreisen einmal abgesehen. Viele versuchten ihm durch die Vermittlung von Kontakten zu helfen, empfahlen ihn bei Zeitungen und Verlagen, doch blieben die Aufträge und Honorare stets gering. Andere gaben ihm gute Ratschläge: Er solle doch seine Standesdünkel einmal vergessen, über seinen Schatten springen, zum Sozialamt gehen und Hilfe beantragen, bevor er verhungere.[3] Gegenüber weniger belesenen Menschen wirkte er bisweilen etwas arrogant, doch konnte er eben auch kaum verhehlen, dass er sich allein von hehren Idealen und seinen intellektuell anspruchsvollen Texten nicht ernähren konnte, solange sich niemand dafür interessierte. Ein Verlag gab ihm daher einmal den Tipp, er solle doch mehr „lustige Texte“ schreiben, leichte Kost, die jeder verstehe und die einen Bezug zum Leben der Leser habe.[4] Doch das war weder sein Metier noch genügte es seinen literarischen Ansprüchen. Sein Freund Erich Weiss vom Westdeutschen Hermann-Hesse-Archiv hätte ihn gerne angestellt, aber Baldus war Lokalpatriot. Obwohl er keine Familie hatte, Freunde überall in Deutschland verteilt lebten und seine Heimatstadt ihm keine Verdienstmöglichkeiten bot, weigerte er sich, Koblenz zu verlassen.

Das Haus am Florinsmarkt 19. Hier lebte Baldus bis zu seinem Tod in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock. Foto: Sabine Schneider.

Sein Selbstmitleid über die erlittenen Ungerechtigkeiten in der NS-Zeit, sein schlechter Gesundheitszustand und seine miserable finanzielle Situation in der Nachkriegszeit vermengten sich zu einem unheilvollen Potpourri. Seine langen Krankheitsphasen erlaubten ihm kein vollumfängliches Arbeiten, die Behandlungs- und Lebenshaltungskosten dürften daher sein Einkommen überstiegen haben. Da Freunde das Gefühl hatten, von ihm nur ausgenutzt zu werden, wandten sich einige von ihm ab. Baldus verlor sich noch mehr in seiner Einsamkeit, wurde empfindlicher, reizbarer, war schneller beleidigt. Seine Verbitterung brachte er immer wieder in Briefen zum Ausdruck. Offenbar fühlte er sich unverstanden und benachteiligt von der als „renazistisch“ verstandenen Gesellschaft, hinterfragte aber auch nicht sein eigenes Verhalten. Schon 1946 schrieb ihm ein Freund, er habe eine „mehr als merkwürdige Art“, die ihn manchmal „lästig“ werden lasse und vielleicht zur Ablehnung seiner Arbeiten beitrage.[5]

Baldus an Thomas Mann, 1954. StAK N 1 Nr. 5.

Unabhängig von den persönlichen Dispositionen und Einstellungen eines einsamen Mannes wie Baldus stellt sich wissenschaftlich betrachtet angesichts der vorliegenden Briefe die Frage, ob vielleicht ein Körnchen Wahrheit in Baldus Vorwürfen steckte. Wie überall in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft dürften auch in den Verlagen wieder ehemalige Nationalsozialisten an einflussreichen Stellen gesessen haben. Doch spielte in dem Prozess der Auftragsvergabe tatsächlich die NS-Vergangenheit eines Übersetzers oder Autors eine Rolle? Wurden im Kulturbereich Menschen wie Baldus benachteiligt, weil sie sich gegen Nationalismus und für Völkerverständigung einsetzten? Waren die antifranzösischen Ressentiments tatsächlich so groß, dass man Baldus wegen Freundschaften zu Franzosen nicht in den Ehrenrat des Verbands rheinland-pfälzischer Schriftsteller berufen wollte? Oder waren vielmehr persönliche Gründe bei solchen Entscheidungen ausschlaggebend? Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Schulddebatte, mentale und strukturelle Kontinuitäten, undemokratische Einstellungen und nationale Vorurteile: All das war Bestandteil der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, wie die zeithistorische Forschung der letzten Jahre gezeigt hat. Doch zum Umgang mit dem Nationalsozialismus im Kulturbereich, in der Presse, dem Radio und in Verlagen findet man bisher nur wenig Literatur. Neuere Studien haben zwar nachgewiesen, wie sich Verlage in der NS-Zeit dem Regime gegenüber verhalten haben: Zwischen Opportunismus, ideologischer Überzeugung und Gewinnsucht schwankend, wählten viele den Weg der Verbrüderung mit dem Nationalsozialismus und profitierten vom Krieg oder den Arisierungen. Doch wie ging es nach 1945 weiter? Abgesehen davon, dass eine Legende der widerständigen, unbescholtenen Firma verbreitet wurde, wurde möglicherweise auch Personal aus der Zeit vor 1945 weiter beschäftigt? Wurden Denkmuster und strukturelle Bedingungen übernommen oder aufgebrochen? Für den politischen Raum werden solche Fragen seit einigen Jahren aufgearbeitet, doch im kulturellen Bereich ist dies wohl noch ein Desiderat, dem es sich anzunehmen gilt. Der Nachlass Baldus bietet hierfür einerseits einen wichtigen Quellenbestand und andererseits zeigt er der Forschung Ansatzpunkte für weitere Recherchen auf.


[1] StAK, N 1 Nr. 17.

[2] StAK, N 1 Nr. 1.

[3] StAK, N 1 Nr. 14.

[4] StAK, N 1 Nr. 16.

[5] StAK, N 1 Nr. 18.

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