Hexenverfolgung – denunziert, verurteilt, verbrannt

 

Vortrag von Dr. Petra Weiß, Stadtarchiv Koblenz, am 21. März 2019 in der Reihe „Koblenzer Frauengeschichte am Donnerstag“, veranstaltet von der Gleichstellungsstelle der Stadt Koblenz, der Stadtbibliothek und dem Stadtarchiv

 

Hexenverfolgung – denunziert, verurteilt, verbrannt

  1. „Begegnungen“ mit „Hexen“
  2. Begriffliche Unterscheidungen
  3. Voraussetzungen und Ursachen
  4. Zuständigkeiten und Verlauf eines Hexenprozesses
  5. Mythen und Klischees
  6. Ende der Hexenverfolgung

 

  1. „Begegnungen“ mit „Hexen“

 

  • Märchen: die böse Hexe als Kontrastprogramm zur guten Fee (Hänsel und Gretel, böse Stiefmutter bei Schneewittchen/Aschenputtel mit hexenhaften Zügen);
  • Kinderlieder und -reime: Hexe Wackelzahn, Morgens früh um 6 kommt die kleine Hex’;
  • Literatur: Otfried Preußler: Die kleine Hexe; Harry Potter (Minerva McGonagall); Bibi Blocksberg;
  • Film und Fernsehen: Verliebt in eine Hexe (Serie 1964-1972, Film 2005), Sabrina – Total Verhext (amerikan. Sitcom);
  • Hexen im Karneval; Hexenbrunnen in Odenthal (NRW), Augsburg und Winningen; Hexenvermarktung im Tourismus: „Weinhex“ in Winningen[1], Brocken/Harz;
  • oder sogar im Schulunterricht (Materialien unserer Schul- und Kulturdezernentin Dr. Margit Theis-Scholz[2]).

Mit anderen Worten: Hexen haben immer Konjunktur. Das zeigen auch die Treffer für den Suchbegriff „Hexe“ bei google: 16 Millionen (Stand 5.3.2019).

Worauf können wir dieses immense Interesse zurückführen? Eine Erklärung könnte sein, dass Hexen ein Spiel mit der Fantasie und menschlichen Urängsten bedeuten.

 

  1. Begriffliche Unterscheidungen

 

Bevor wir uns mit dem eigentlichen Thema Hexenverfolgung beschäftigen, müssen wir noch einige wichtige Begriffe unterscheiden: Was sind Magie, Zauberei, Aberglauben, Ketzerei, Häresie und Hexerei? Und was machte eigentlich „die“ Hexe aus, die so grausam verfolgt wurde?

Magie geht von der Vorstellung aus, dass transzendente, also übernatürliche Kräfte existieren. Magie ist ein System von Verhaltensweisen, das darauf abzielt, eine Kommunikation mit diesen übernatürlichen Kräften oder Wesen herzustellen und auf sie einzuwirken. Man unterscheidet weiße Magie, d. h. nützliche, heilende Magie (Merseburger Zaubersprüche, Wurmsegen, Pferdesegen), und schwarze Magie, d. h. schädliche, zerstörende Magie (Wetterzauber, Schadenzauber; dagegen half dann wieder Abwehrzauber).

Man findet ein volksmagisches Brauchtum und einen traditionellen Aberglauben zu allen Zeiten und in allen Kulturen, d. h. es handelt sich um ein universelles Phänomen. Vielfältige Relikte finden sich auch noch in unserem Alltag. Die Kirche hat den Glauben an Magie aufgenommen und umgedeutet (z. B. Segen, Kreuzzeichen machen, Wetterläuten, Reliquien, Amulette, Schutzbriefe, Weihwasser, geweihte Kerzen, Rosenkranz, Christopherus im Auto)

Ausübende Personen in der Magie sind Kräuterfrauen, Medizinmänner, Schamanen, Geisterheiler, Wahrsager, Zauberer, Handleser, Quacksalber. Die Beherrschung magischer Praktiken kann Schutz und Prestige bedeuten, aber auch Ausgrenzung und Verfolgung (z. B. sehr verbreitet noch im heutigen Afrika, wo Schamanen, Heiler und Medizinmänner Hexen und Hexer, ja selbst Kinder der schwarzen Magie bezichtigen; Beispiele: Hexenkinder, Albinos, Behinderte usw.).

Dagegen sind Häresie oder Ketzerei ein Irrglauben, der von der offiziellen Lehre abweicht, also ein Abfall vom rechten (= richtigen) Glauben. Im Sinne der Kirche handelt es sich dabei um eine Sekte. Was aber ganz wichtig ist: Es ist „nur“ ein Irrglaube, aber kein Abfall vom Glauben an Gott an sich. Ketzerei ist auch das, was von der kirchlichen Inquisition verfolgt wurde.

Beim Hexenbegriff im Sinne der europäischen Hexenverfolgung wird nun der traditionelle Glauben an Magie und Zauberei mit einer gelehrten theologischen Überlieferung verbunden. Die Grundlage bildete die Dämonologie, d. h. die biblische Erzählung vom Engelssturz, also von bösen Engeln, die sich gegen Gott erhoben hatten und in die Hölle stürzten. Deren Anführer war der Teufel oder Satan. Diese Vorstellungen reichten zurück bis in die Antike und den Kirchenvätern (Augustinus + 430, Thomas von Aquin + 1276, Albertus Magnus + 1280). Bei den Hexen handelt sich um eine „theologische Kunstfigur“ (Dieter Harmening): Die Hexen gehörten demnach einer besonderen geheimen Sekte an, die vom Glauben an Gott abgefallen war und gegen die gesamte Christenheit agierte. Damit unterschied sich diese Sekte qualitativ völlig von allen anderen Sekten, die nur „gewöhnliche“ Ketzer waren.

Dieses todeswürdige „Superverbrechen“ (wie der Historiker Wolfgang Behringer es einmal nannte) der Hexerei spielte sich wie folgt ab:

  1. Abschwören vom Bündnis mit Gott und ein neues Taufbündnis mit dem Teufel, also der Teufelspakt
  2. Besiegelung dieses Pakts durch die Buhlschaft, d. h. Geschlechtsverkehr mit dem Teufel oder Küssen seines Hinterteils oder Afters
  3. Hexenflug und Hexensabbat: Via Hexenflug ging es zum Hexentanzplatz, die Hexen rieben sich dafür vorher mit Flugsalbe ein. Die Teilnahme am Hexentanz auf dem Hexentanzplatz – der bekannteste ist seit Goethe der Blocksberg = Brocken im Harz – war wesentlich für die Konstitution der Hexen als Gruppe, also als Sekte. Es handelte sich nicht um eine kultische oder gottesdienstähnliche Veranstaltung, sondern der Hexensabbat diente der Verabredung zu weiterem Schadenzauber unter Anleitung des Teufels.
  4. Schadenzauber, also das Herbeiführen von Krankheit, Tod, Unwetter, Ernteverlust usw. Der Krankheits- und Tötungszauber gegen Mensch und Tier war nur durch Körperkontakt (Anhauchen, Berühren, Einreiben mit Salbe) zwischen Hexe und Opfer möglich, während der Wetterzauber auch aus der Ferne zu bewerkstelligen war.

 

  1. Voraussetzungen und Ursachen

 

Wenden wir uns jetzt der Frage zu „Was waren die Voraussetzungen und Ursachen für die Hexenverfolgungen?“ Wie kam es dazu, dass sich dieses angebliche „Superverbrechen“ in der Vorstellung der Menschen entwickeln konnte?

Es gab einige Ursachen und Krisenfaktoren, wobei direkt betont werden muss, dass auch dieser multikausale Ansatz das Phänomen nicht vollständig erklären kann. Denn jede Epoche hat ihre Probleme und Krisen und daraus entstehen nicht immer automatisch mörderische Menschenjagden. Und letztlich entstanden die ersten, vereinzelten Hexenprozesse um 1430 im Alpenraum quasi „aus dem Nichts“ heraus.

Die Tradition und die Praxis der Ketzerprozesse des Mittelalters waren in der Erinnerung noch präsent, dominikanische Inquisitoren und franziskanische Bußprediger waren noch aktiv.

Die massenweise Verbreitung von Dämonologie und Hexenliteratur wurde erst durch den Buchdruck (1450) möglich. Das klingt auf den ersten Blick paradox, assoziieren wir mit dieser Erfindung doch positive Begriffe wie Aufklärung. Aber Bücher und die billigeren Flugblätter sind Medien und wie alle Medien bis in unsere Tage waren sie nicht per se gut, dienten also nicht nur der Verbreitung von Wissen, sondern genauso gut der Verbreitung von Unsinn, die auf Dummheit, Sensationsgier und Effekthascherei setzt.

Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) mit seinen Gewaltexzessen führte zu Abstumpfung und Verrohung der sozialen Interaktionen.

Die sog. Kleine Eiszeit (1570-1630) mit Klimaverschlechterung, langen, harten Winter, Hochwasser, Überschwemmungen hatte katastrophale Folgen: Missernten führten zu Lebensmittelteuerung und Hunger, die schlechte Ernährung führte zu Anfälligkeit für Krankheiten und erhöhter Sterblichkeit bei Mensch und Tier.

Ein weiterer Faktor war die Förderung bzw. Duldung der Hexenverfolgung durch die Obrigkeit: Die Bedeutung der staatlichen Verwaltung auf Form, Dauer und Intensität der Hexenverfolgungen ist nicht zu unterschätzen. Die Obrigkeit konnte die Prozesse entweder einfach laufen lassen oder sogar anheizen, aber auch bremsen und verhindern. Im Allgemeinen kann man sagen, dass in Territorien mit ausgeprägt zentralistischer Struktur der Hexenwahn weniger Fuß fassen konnte als in Ländern mit nur schwacher staatlicher Macht und Gerichtsbarkeit (hierzu muss man Kurtrier zählen). In einigen Territorien wie z. B. Lothringen verfiel das Vermögen von zum Tod Verurteilten an den Staat, ein nicht unwesentlicher Grund für Verfolgungen war also finanzieller Art, wie wir noch sehen werden. Eine verfolgungsunwillige mächtige Zentralgewalt – wie etwa in Bayern, in Württemberg und weiten Teilen Frankreichs – konnten Auswüchse des Hexenwahns und die Eigendynamik von Verfolgungswellen leichter eindämmen.[3]

Obwohl nicht die Kirche selbst die Verfolgungsbehörde war, sondern die weltliche Gerichtsbarkeit – ich komme dazu noch ausführlicher – lieferte aber die Theologie das ideologische Rüstzeug, indem sie die Existenz einer Hexensekte behauptete. 1484 unterzeichnete Papst Innozenz VIII. die sog. Hexenbulle[4], in der er zwei in Deutschland als Inquisitoren tätige Dominikanerpatres ermächtigte, gegen Zauberer und Hexen vorzugehen. Einer dieser Patres, Heinrich Kramer genannt Institoris[5], hatte bislang vergeblich versucht, Hexenverfolgungen in Gang zu setzen und war sogar auf innerkirchlichen Widerstand gestoßen. Er verfasste 1486 den sog. Hexenhammer (Malleus maleficarum), der zu einer Art Hexenstrafgesetzbuch wurde. Der Erstdruck erfolgte 1487 in Speyer, er erlebte rund 30 Auflagen mit 30.000 Stück. Es war das einflussreichste, man kann auch sagen das verhängnisvollste Buch in der Geschichte der Hexenverfolgung. Eine zentrale Rolle spielt der angebliche Schadenzauber der Hexen. Seine Hexereivorwürfe beziehen sich rein auf das weibliche Geschlecht. In seinen Predigten schürte Institoris die Angst vor dem Teufel und der Hexensekte und rief erfolgreich zu Denunziationen auf. Die eigentliche Strafverfolgung war aber dann – wie bereits gesagt – Sache der weltlichen Gerichte. Institoris tauchte 1487/88 auch im Moselraum auf und beschwerte sich über den mangelnden Verfolgungswillen der Koblenzer Stadtoberen.

Ungefähr 100 Jahre nach Erscheinen des Hexenhammers stand die Amtszeit des Trierer Erzbischofs und Kurfürsten Johann von Schönenberg (1581-1599) unter keinem guten Stern. Sie war geprägt von „ständigem Mangel an Brotgetreide, die Unbill der Witterung und den Misswuchs auf den Feldern“ wie eine Chronik (Gesta Treverorum) berichtet. Nur in zwei seiner neunzehn Amtsjahre gab es gute Ernten. Deswegen machte sich die Auffassung breit, das Ganze sei „durch Hexen und Unholden aus teuflischem Hass verursacht worden“, wie die genannte Chronik schreibt. 1589 erschien dann ein Traktat des Trierer Weihbischofs Peter Binsfeld (1545-1598).[6] Es handelte sich um eine Anleitung zur Hexenverfolgung, wobei es vor allem um die Vorgehensweise in den Prozessen und die Zuverlässigkeit von Besagungen ging. Das sind die Benennungen von Personen, die ebenfalls Hexen sind und z. B. am Hexentanz teilgenommen haben. Eine Besagung konnte die Eröffnung eines neuen Hexenprozesses rechtfertigen, zwei Besagungen genügten schon für die Folter.

Theologen und Kirchenvertreter haben in verschiedenen Ländern und Regionen sehr unterschiedlich auf diese Theologie einer real existierenden Hexensekte reagiert. So hat man z. B. in Spanien den Glauben an Hexen eher unterdrückt, deswegen auch die geringe Zahl an Verfolgungen. Wie lange sich der Glauben allerdings auch noch halten konnte, zeigt das Beispiel von Joseph Görres, der noch 1840/42 in „Die christliche Mystik“ das Hexenwesen als reales Phänomen beschrieb, wenn es auch viele Unschuldige getroffen habe.

 

  1. Zuständigkeiten und Verlauf eines Hexenprozesses

 

Damit kommen wir zum „klassischen“ Verlauf eines Hexenprozesses, wie er sich nach und nach einspielte:

Meistens war der Schauplatz der Hexenverfolgungen eher das dörfliche Milieu als das städtische Umfeld. Der Verfolgungsdruck kam von unten, aus der Bevölkerung, wo sich gruppendynamische Prozesse abspielten: Denunziationen, Stigmatisierungen und Ausgrenzungen entstanden aus Missgunst, Neid, Rache oder Habgier. Andere Gründe waren innerfamiliäre Konflikte, Eheprobleme und Erbschaftsstreitigkeiten. Die Anklage kam zunächst von Einzelnen. Bald bildeten sich aber gemeindliche Ausschüsse, die nach Indizien suchten und Anklage erhoben, die sog. Hexenausschüsse, die unter Vorsitz des örtlichen Schultheiß oder Amtmanns tagten. Formal galt bei den Prozessen (zur Erinnerung: keine kirchlichen, sondern weltliche Verfahren) die „Constitutio Criminalis Carolina“ oder einfach kurz „Carolina“, eine Mischung aus Strafgesetzbuch und Verfahrensordnung von Kaiser Karl V. aus dem Jahr 1532. Sie galt in den katholischen Territorien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und stellte in Artikel 109 den Personenzauber unter Todesstrafe, und zwar durch Verbrennen.[7] Danach haftete zunächst der Privatkläger für alle Kosten des Verfahrens. Falls der Angeklagte wieder frei gelassen werden musste, blieben die Kosten also an ihm hängen. Sie erkennen schon an dieser Regelung, dass der Kläger alles daran setzte, dass es zu einer Verurteilung kam, denn dann mussten der Verurteilte bzw. im Falle der Hinrichtung seine Hinterbliebenen für sämtliche Kosten aufkommen. Auf diese Weise konnten sich die Kläger auf zweierlei Weise bereichern: Einmal bekamen sie die Kosten und Spesen ersetzt, bei denen sie immer erfinderischer wurden, und zweitens konnten sie günstig an Besitztümer anderer Dorfbewohner kommen, wenn diese z. B. Grundbesitz veräußern mussten, um den Prozess zu bezahlen. Das erklärt auch, warum auch wohlhabende und angesehene Bürgerinnen und Bürger angeklagt wurden: Hier war besonders viel zu holen und es gab die Chance, dass eine begehrte Stelle vakant wurde. Man ging im Laufe der Zeit sogar dazu über, die Prozesse durch eine Umlage in der Gemeinde, das sog. Hexengeld oder die Hexensteuer vorzufinanzieren. Damit wurde das Kostenrisiko, das zuvor ein Einzelner trug, verteilt und die Schwelle, jemanden zu denunzieren, sank noch einmal.

Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss der juristisch gebildeten „Hexenkommissare”, die den Laienrichtern eigentlich zur Seite stehen sollten: Die Juristen und Notare in Städten wie Koblenz, wo das Hochgericht ansässig war, dienten den meist dörflichen Anklägern zur rechtlichen Untermauerung von Anklage und Folter. Klageerhebung und Urteil sollten eigentlich immer von unabhängigen Juristen begutachtet werden. Umgekehrt erschloss sich für die Juristen eine gute Einnahmequelle und sie konnten Kontakte ins ländliche Umfeld für andere Rechtsgeschäfte knüpfen. Auch in Kurtrier fungierten gelehrte Juristen als sog. Hexenkommissare, deren Namen immer wieder auftauchen wie der des Dr. Johannes Moeden, der überall, wo er auftauchte, eine Blutspur hinter sich herzog. Doch wirkte sich ihre Handlungsweise in anderen Territorien noch weitaus schlimmer aus als bei uns. Es gibt woanders (z. B. in Westfalen und Lothringen) einzelne Kommissare, die sich regelrecht rühmten, über die Jahre an mehreren hundert Prozessen beteiligt gewesen zu sein. Auch Schreiber und Notare profitierten von den Hexenprozessen. Im Laufe der Jahrzehnte schlichen sich Rechtsbeugungen und Bereicherungen ein. Formal hatten die Angeklagten das Recht, sich einen Verteidiger zu nehmen, doch konnten sich das viele Angeklagte einfach nicht leisten und außerdem waren die wenigen Juristen, was ihre Bezahlung anbelangte, bei den Ausschüssen eher auf der sicheren Seite. In vielen Fällen verweigerten die Männer ihren Frauen vor Gericht den rechtlichen Beistand: aus Unsicherheit über die Schuldfrage (Vielleicht war die eigene Ehefrau ja wirklich eine Hexe?), Furcht vor finanziellem Ruin und vor Anfeindungen der Dorfgemeinschaft oder einfach aus Angst, selbst der Hexerei bezichtigt zu werden.

Als Hauptindizien für das Hexereiverbrechen galten der angebliche Schadenzauber und der Leumund der beschuldigten Person. Der Leumund war von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Eigentlich wollte die Carolina durch das Indiz eines guten Leumunds die Richter vom vorschnellen Einsatz der Folter abhalten. Bei der Hexenverfolgung verkehrte sich das ins Gegenteil: Es konnten Gerüchte aller Art über die Person und ihr Treiben angeführt werden, teils wurden jahrelang zurückliegende und eigentlich belanglose Vorfälle ausgegraben. Als Anklagegrund dienten insbesondere die sog. Besagungen, d. h. die Benennung durch eine andere, bereits überführte Hexe. Über solche Besagungen wurden regelrechte Listen geführt, was einen Dominoeffekt zur Folge hatte, indem sie weitere Prozesse auslösten.[8]

Die Folter war in der Carolina keine Strafe, sondern ein Mittel zur Wahrheitsfindung, das nicht nur in Hexenprozessen angewandt wurde. War die vermeintliche Hexe dann angeklagt, wurde sie durch den dörflichen Ausschuss (also juristische Laien wie Schöffen, Amtmänner, Vögte) befragt. Erst erfolgte die „gütliche“ Befragung (territio verbalis), also ohne Folter, wo ihr nur die Instrumente gezeigt wurden, um sie schon so zu einem Geständnis zu bewegen. Ein Geständnis war für eine Verurteilung nämlich zwingend notwendig. Blieb die angebliche Hexe standhaft, wurde die „peinliche“ (Pein = Schmerz) Befragung (territio realis), also mit Folterwerkzeugen durchgeführt. Die Folter oder Marter war das Geschäft des Henkers, der für jede seiner Dienstleistungen seine festen Tarife hatte. Der Angeklagte bzw. die Angeklagte wurde vorher entkleidet und am ganzen Körper rasiert, um Hexenmale aufzuspüren. Es folgte die Nadelprobe: Floss beim Hineinstechen in Hautanomalien kein Blut oder sie schmerzten nicht, waren es Teufelsmale, mit denen der Teufel seine Anhänger markierte hatte. Regional gab es auch die Wasserprobe (gefesselt im Wasser, blieb man oben, war man mit dem Teufel im Bunde), die ihren Ursprung in mittelalterlichen Gottesbeweisen hatte. Als weiteres Indiz galt auch die Tränenlosigkeit, angeblich konnten Hexen nicht weinen. Dann bekam der Angeklagte bzw. die Angeklagte ein grobes Hemd übergezogen.

Dann begann die Folter: Die erste Methode war das Peitschen des Rückens mit Ruten, die zusätzlich mit Salz und Weihwasser getränkt sein konnten. Dann kamen die Daumen- und Beinschrauben zum Einsatz und zum Schluss der Flaschenzug. Dabei wurden die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, das Folteropfer wurde mit Stricken in die Höhe gezogen. Die Füße konnten mit Gewichten beschwert werden, um die Wirkung zu erhöhen. Beim sog. Wippen wurde das Seil stückweise plötzlich fallen gelassen. In der Regel führte das zum Auskugeln des Schultergelenks.

Jeder Grad der Folter dauerte 15 Minuten, mit „Erholungspausen“ (sonst wäre der Gefolterte wohl ohnmächtig geworden oder gestorben), die Folterqualen wurden gesteigert bis zum Geständnis. Schwangere Frauen durften nicht gefoltert werden.[9] Legte jemand tatsächlich kein Geständnis ab, spornte das oft zu noch grausamerer und wiederholter Folter an. War die Folter zumindest formal an bestimmte Abläufe gebunden, hatten die Ausschüsse bei der Bewachung der Angeklagten im Gefängnis weitgehend freie Hand. Dort konnten die Ausschussmitglieder und ihre Helfer Folter durch Schlafentzug, Hunger und Durst praktizieren, wobei es z. B. im Amt Kastellaun nur die Beschränkung gab, dass der Schlafentzug max. 40 Stunden dauern durfte. In Koblenz befand sich die Folterkammer im Schöffenhaus[10] am Florinsmarkt. Blieb Der- oder Diejenige standhaft und überstand die Tortur, war die Unschuld erwiesen (Purgation[11]) und er oder sie musste freigelassen werden – wobei die körperlichen Schäden wohl immens und oft dauerhaft waren. Immer wieder wird von Todesfällen während oder infolge der Folter berichtet, manche Angeklagten versuchten auch, sich durch Flucht[12] zu entziehen. Im Falle, dass ein Geständnis abgelegt wurde, sollte das nach einer mindestens eintägigen Ruhepause ohne Folter wiederholt werden.

Eigentlich sollte die Folter unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden, was aber längst nicht immer der Fall war. Über die Anwendung, Art und Dauer der Folter sollte laut Carolina ein Richter entscheiden. Aber auch hier wurde der Willkür Tür und Tor geöffnet, indem man die Hexerei zu einem „crimen exceptum“, also zu einem außerordentlichen Verbrechen erklärte, das andere Maßstäbe verlange und die Schutzmechanismen der Carolina zugunsten der Angeklagten außer Kraft setzte.

Für die Hinrichtung wurden meist kleine Hütten aus Stroh um die Verurteilten errichtet, die angezündet wurden. Ein Gnadenerweis war die Abmilderung der Strafe: Die Hexe wurde nicht bei lebendigem Leib verbrannt, sondern vorher vom Henker erdrosselt oder enthauptet. Es gab auch die Möglichkeit, dass ihr ein Säckchen mit Schießpulver um den Hals gehängt wurde, das durch das Feuer dann explodierte. Auf jeden Fall musste der Leichnam verbrannt werden, eine Beerdigung wurde nur ganz ausnahmsweise gestattet. Die Koblenzer Hinrichtungsstätte in Koblenz befand sich an der Laubach, unterhalb des Rittersturzes.[13]

 

  1. Mythen und Klischees

 

Nun muss ich mit einigen vielleicht lieb gewordenen Mythen und Klischees aufräumen:

Epoche: Hexenverfolgungen sind kein Phänomen des „finsteren“ Mittelalters, sondern der Frühen Neuzeit. Ins Mittelalter gehören die Ketzerprozesse um die Waldenser und Katharer. Der Zeitraum der Hexenverfolgungen umfasste ca. 1430 bis 1780, mit einem Höhepunkt von 1560 bis 1630, dann ebbten die Verfolgungen langsam ab. Die Intensität der Hexenverfolgung verlief wechselhaft, für das Kurfürstentum Trier kann man drei Verfolgungswellen feststellen: 1587-1594, 1629-1631, 1639-1652/53 (Verbot).

1775 wurde in Kempten eine Dienstmagd als letzte Hexe in Deutschland verurteilt, aber nicht hingerichtet, sondern zu einer Gefängnisstrafe begnadigt. Die letzte Hinrichtung einer „Hexe“, ebenfalls eine Dienstmagd, fand 1782 in einem protestantischen Kanton der Schweiz statt, wobei das Wort Hexe im Urteil aber vermieden wurde.[14] Der Göttinger Historiker August Ludwig von Schlözer prägte in diesem Zusammenhang ein Jahr später den Begriff des Justizmords.

Opferzahl: Die oft zu lesende Zahl von 9 Millionen in Europa hingerichteten Hexen basiert auf einer völlig absurden Hochrechnung des Quedlinburger Stadtsyndikus Voigt von 1784, der einen begrenzten lokalen Befund hochrechnete und auf 9.442.994 Todesopfer kam. Realistisch ist eine Zahl von „nur“ ca. 60.000 Opfern, wobei der Schwerpunkt mit rund der Hälfte eindeutig auf dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation lag. Man darf übrigens nicht vorschnell behaupten, es habe da oder dort keine Hexenverfolgung gegeben oder da oder dort sei sie besonders intensiv gewesen. Zum Beispiel haben sich für Koblenz so gut wie keine Quellen zu Hexenprozessen erhalten, während für Winningen und Rhens noch Akten vorhanden sind. Darauf komme ich noch zurück.

Geschlecht/Alter: Die hingerichteten Hexen waren durchaus nicht nur weiblich, aber überwiegend. Soweit die Quellen eine eindeutige Identifikation zulassen, waren ca. 70-80 % der Opfer weiblich. Dabei waren die Unterschiede regional groß: In Russland und Island z. B. waren dreiviertel der Opfer Männer. Auch waren es durchaus nicht alles „alte Hexen“, auch Kinder und Jugendliche konnten als Hexen verfolgt werden. Dass aber tatsächlich mehr Frauen als Männer angeklagt und verurteilt wurden, hatte mehrere Gründe: Seit der Antike galten Frauen als leicht verführbar (Beispiel Eva) und sexuell unersättlich, also eine leichte Beute für den Satan. Auch in der kirchlichen Tradition ist Frauenfeindlichkeit und die Vorstellung von der Minderwertigkeit der Frau ja fest verankert gewesen. Auch die Renaissancekünstler wie Albrecht Dürer oder Hans Baldung Grien nahmen sich der lüsternen und gleichzeitig bösen Hexe an: teils sind es erotische Akt-Darstellungen verführerischer, junger Hexen, teils sind es – heute würde man wohl sagen pornografische – Darstellungen, die die Lüsternheit der Frau herausstellten.[15]

Frauen, insbesondere Witwen, waren übrigens auf männlichen Beistand angewiesen. Sie mussten sich vor Gericht von ihren Männern, die Witwen von ihren Söhnen vertreten lassen.

Kirche/Inquisition als Verfolger: Als eines der hartnäckigsten Klischees hält sich die Annahme, dass die katholische Kirche und die Inquisition Ankläger in den Hexenprozessen waren bzw. über die Hexen zu Gericht saßen. Dagegen spricht schon die Tatsache, dass Hexenprozesse im katholischen Spanien (Opferzahl unter 150)[16] und in Portugal (Opferzahl unter 50) kaum eine Rolle spielten und es auch in protestantischen Regionen zu schlimmen Verfolgungen kam. Luther war ebenfalls fest davon überzeugt, dass es Hexen gab und dass sie verbrannt werden sollten.[17] Tatsächlich waren die Hexenprozesse eine Angelegenheit der weltlichen Gerichte. Das Missverständnis, die Kirche sei die Verfolgungsbehörde gewesen, rührt zum Teil daher, dass vielfach der Bischof oder Erzbischof gleichzeitig auch die weltliche Herrschaft ausübte, wie es ja auch bei uns der Fall war, wo der Erzbischof von Trier gleichzeitig der Kurfürst war. Besonders schlimme Verfolgungen gab es unter den Fürstbischöfen von Würzburg und Bamberg („Hexenbischöfe“), wo es innerhalb von wenigen Jahren geradezu mörderische Hexenjagden gab (Würzburg 1625-1630 900 Hinrichtungen, Bamberg 1626-1630 642 Hinrichtungen). Weitere Schwerpunkte waren das kurkölnische Westfalen und das relativ kleine Amt der Reichsabtei St. Maximin bei Trier mit über 400 Hinrichtungen in 10 Jahren zwischen 1586 und 1596, was fast 19 % der Bevölkerung ausmachte.

Weise Frauen und Hebammen als Haupt-Opfergruppe: Dass Frauen mit Kenntnissen über Empfängnisverhütung und Abtreibung systematisch von der katholischen Kirche verfolgt worden seien, ist ein ebenso falsches Klischee. Es hält sich aber mit besonderer Hartnäckigkeit, obwohl diese Verschwörungstheorie von der seriösen Geschichtsforschung geradezu pulverisiert wurde. Längst nicht immer erfahren wir in den Verhörprotokollen überhaupt den Beruf der Opfer. Die meisten der verurteilten Frauen dürften einfach das gewesen sein, was wir heute noch mit „Hausfrau und Mutter“ benennen. Das wurde aber wenig zur Kenntnis genommen, weil dieser Mythos der weisen Frauen und Hebammen viele antikirchliche Ressentiments bedient und von Feministinnen nur zu gerne aufgegriffen wurde. Hexen wurden geradezu zu einem Symbol von Teilen der Frauenbewegung und des Feminismus, die die Hexen unter dem Aspekt der Rückgewinnung von weiblicher Macht und Spiritualität für sich reklamieren.

Wie konnte es aber zu diesem Mythos kommen? Der französische Historiker Jules Michelet behauptete in seinem 1862 erschienenen Buch „Die Hexe“ (La sorcière), sie sei eine Heilkundige aus dem Volk gewesen und gleichzeitig eine Rebellin gegen die Unterdrückung durch Feudalismus und katholische Kirche. Eine Allianz aus Fürsten, Juristen, Theologen und Medizinern habe sie verfolgt. Das Buch erschien schon ein Jahr später in Deutsch und Englisch und wurde mehrfach aufgelegt. Auch die Brüder Grimm haben die Hexe romantisiert und aus ihr eine verfolgte germanische Priesterin gemacht. Es folgten esoterische Interpretationen wie die der englischen Anthropologin Margaret Murray (The Witch-cult in Western Europe 1921, The God of Witches 1933). Sie sah in den 1920er-Jahren in den Hexen Frauen, die seit der Jungsteinzeit Fruchtbarkeitskulte ausgeübt und als eine Art heidnische Widerstandsgruppe gegen die christliche Kirche bis zum Ende des Mittelalters im Untergrund überlebt hätten. Murrays Bücher wurden populäre Verkaufsschlager, aber die akademische Welt lehnte ihre Thesen als wissenschaftlich unhaltbar ab.

Bei diesen Mythen gibt es sogar eine Schnittstelle zum Nationalsozialismus: Im Dritten Reich initiierte der Reichsführer SS Heinrich Himmler 1935 das erste „wissenschaftliche“ Projekt über Hexen. Der „H(exen)-Sonderauftrag“ des Sicherheitsdienstes der SS forschte verdeckt in 260 Archiven und Bibliotheken und legte eine Kartei zu 33.000 Hexenprozessen an, die sich heute in Posen/Polen befindet (Kopie als Mikrofilm im Bundesarchiv). Er wollte damit belegen, dass insbesondere die katholische Kirche eine Kultgemeinschaft germanischer Hexen verfolgt und so die Massenvernichtung von germanischem Rasse- und Kulturgut praktiziert habe. Trotz neunjähriger Recherche ist der SS diese simple Schuldzuweisung nicht gelungen.

Die amerikanischen Feministinnen Barbara Ehrenreich und Deirdre English trafen 1973 den Nerv der Zeit, indem sie einen gemeinsamen Verdrängungskampf von katholischer Kirche und Ärzteschaft gegen die Heilerinnen und Hebammen behaupteten. Belege blieben sie schuldig. In Deutschland ungemein einflussreich waren die beiden Bremer Bevölkerungswissenschaftler Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, die ab 1979 in mehreren Veröffentlichungen ihre Verschwörungstheorie von der Vernichtung der weisen Frauen propagierten. Hebammen und weise Frauen hätten über ein geheimes Empfängnisverhütungs- und Abtreibungswissen verfügt und Staat und Kirche hätten sich zu einer unheilvollen Allianz zusammengetan mit dem Ziel, dem ein Ende zu bereiten. Diese These trat ihren Siegeszug an, als sie der Spiegel 1984 unkritisch übernahm und populär machte.[18]

Bis heute finden radikale Feministinnen in der „Hexe“ eine positive Identifikationsfigur. Dass die historisch real als Hexen verfolgten, gequälten und hingerichteten Frauen als Vorkämpferinnen für die moderne Frauenbewegung und Emanzipation, für esoterische Zirkel, okkulte Bewegungen oder einen spirituell inspirierten Feminismus herhalten müssen, lässt sich von der seriösen Geschichtsforschung in keiner Weise legitimieren. Diese Traditionsbildung passt zwar schön in so manche Weltbilder, hat aber – das muss man klar und deutlich sagen – keinerlei realen historischen Bezug.

So fand z. B. Walter Rummel (Leiter des Landesarchivs Speyer) in den von ihm untersuchten 83 Prozessen in der protestantischen Hinteren Grafschaft Sponheim (d. h. im Amt Kastellaun und der dazugehörigen Vogtei Winningen) keine einzige Hebamme. Empfängnisverhütung spielte nie eine Rolle. Im Gegenteil fand er heraus, dass Hebammen und andere Heilkundige eher verschont blieben, weil man sie im Alltag brauchte. Auch Franz Irsigler (Universität Trier) konnte unter den ca. 800 weiblichen Prozessopfern im kurtrierischen Raum nur 3 Hebammen ausmachen. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Die beiden Autoren Heinsohn und Steiger zeigten sich jedoch gegenüber der Woge der Kritik völlig resistent und ließen sich auf keine wissenschaftlichen Diskussionen ein, zu denen sie eingeladen wurden.

 

  1. Ende der Hexenverfolgung

 

Kommen wir jetzt zum Ende der Hexenverfolgung. Schon 1591 versuchte Erzbischof und Kurfürst Johann von Schönenberg durch seine „Hexenprozessordnung“ gegen die überhand nehmenden Hexenausschüsse vorzugehen. Zur Erinnerung: Sein eigener Weihbischof Peter Binsfeld hatte dazu erst zwei Jahre zuvor ein Traktat veröffentlicht. Schönenberg mahnte zu vorsichtigerem Vorgehen und mehr Sorgfalt bei der Sammlung von Indizien vor der Anklage. Besagungen sollten jetzt geheim gehalten werden, da sie verständlicherweise Angst und Schrecken verbreiteten und zu Verfolgungsspiralen verursachten. Die Namen der Besagten durften deswegen bei Hinrichtungen nicht mehr vorgelesen werden. Die Wasserprobe wurde verboten, die Akten sollten zum Obergericht nach Koblenz geschickt werden zur Erstellung von Rechtsgutachten und genauen Festlegung der Gebühren. Aber der Erlass zeigte wenig Wirkung, fast immer verlief der Prozess von der Anklage bis zur Hinrichtung nur auf lokaler Ebene.

Namentlich kann ich Ihnen für das heutige Koblenz nur wenige Opfer nennen. Um 1570 wurden in Arenberg Noßen Eile und Grit, genannt die Schönmundin, wegen Hexerei hingerichtet. Johann Rincker aus Spay wurde ebenfalls Opfer einer Besagung. Er gestand, in Horchheim Mensch und Tier mit Salben und Pulvern vergiftet zu haben. Er wurde am 16. Oktober 1602 in Horchheim verbrannt.[19] Ein Dokument des Jesuitenordens berichtet, dass es in Koblenz 1628 und 1629 mehrere Hexenprozesse gab, die 1629 zu 24 Hinrichtungen führten.[20] In Lay wurden um 1630 Catharina Polcher, Susanne Halscheidt, Claus Laux, Agnes Wirges, Barbara Mader und die Ehefrau des Johannes vom Landt hingerichtet, was wir indirekt aus Winninger Akten wissen. Im benachbarten Winningen wurden ca. 20 Personen hingerichtet, in Rhens waren es 26.

1630 bestätigte Kurfürst Philipp von Sötern die Prozessordnung von 1591 und präzisierte die Gebührenliste für Honorare und Unkosten, weil es offenbar zu einer Kostenlawine gekommen war: Die von Ausschussmitgliedern und Juristen abgerechneten Spesen waren immens gestiegen. Man hatte eine schöne Bereicherungsquelle entdeckt, was zu einem zentralen Motiv zur Initiierung von weiteren Hexenprozessen geworden war.

Im 17. Jahrhundert wuchs dann angesichts dieser Missstände der Widerstand der Betroffenen, Klagen über Willkür wurden immer lauter. Die Obrigkeit erkannte mehr und mehr, dass die Hexenprozesse für Unruhe und Instabilität in ihrem Herrschaftsbereich sorgten. Das Ende der Hexenverfolgung wurde dann durch die Schrift eines Jesuitenpaters, Friedrich Spee (von Langenfeld), eingeleitet:

Spee war der bedeutendste Dichter katholischer Kirchenlieder der Barockzeit, geb. 25.2.1591 in Kaiserswerth bei Düsseldorf, gest. 7.8.1635 in Trier. 1631 veröffentlichte er anonym seine Streitschrift „Cautio Criminalis“, die „Bedenken in rechtlicher Hinsicht“ oder „im Hinblick auf den Strafprozess“ (gedruckt in Rinteln/Weser). Sie beruhte auf Erkenntnissen, die er in der seelsorgerischen Praxis mit Frauen gewonnen hatte, die als Hexen verurteilt worden waren. Verteidigungsschriften Koblenzer Juristen für Hexenprozessopfer aus dem Sponheimischen griffen erstmals seit 1652 auf Spees „Cautio Criminalis“ zurück.

Dann gab es irgendwann vor dem Jahr 1655 einen Skandal um einen unbekannten Koblenzer Notar: Dieser mit Hexenprozessen befasster Notar hatte in einem Geständnisprotokoll eigenmächtig die Namen angeblicher Komplizen, also Besagungen, ergänzt. Der Schwindel flog auf, der Notar wurde verurteilt und hingerichtet. Der Skandal scheint enorm gewesen zu sein, denn er sorgte für Gesprächsstoff am ganzen Mittelrhein. Die Tatsache, dass ein überparteiliches „Organ der Rechtspflege“ offensichtlich in derart mörderische Manipulationen verwickelt war, trug wohl zu einem guten Teil zum allmählichen Umdenken bei.

Aus einem Schreiben des Trierer Kurfürsten Karl Kaspar von der Leyen an einen unbekannten Empfänger vom 16. Juni 1659 geht hervor, dass er um 1652/53 die Hexenprozesse verboten hatte.[21] Er nannte die Prozesse „Außergewöhnlichkeiten, Falschheiten, kostspielig und ungerecht“ und er sei mit seinem Verbot – Gottlob – zufrieden.[22]

Allerdings hielt der Kurfürst sein Verbot geheim, weil er die Opposition der Bevölkerung befürchtete. In der Praxis wurde das dann so umgesetzt, dass die formalrechtlichen Anforderungen zur Klageerhebung immer höher geschraubt und Prozesse verschleppt wurden. Unter Karl Kaspar sind dann sogar Prozessakten systematisch von der Obrigkeit eingezogen und vernichtet wurde, um dem Teufelskreis der Besagungen ein Ende zu bereiten. Ich hatte ja schon erwähnt, dass es für Koblenz kaum mehr Quellen gibt, jetzt kennen Sie den Grund. Dass es für Rhens und Winningen noch Akten zu Hexenprozessen gibt, hat seinen Grund darin, dass Rhens damals zum Kurfürstentum Köln gehörte, und das protestantische Winningen gehörte ebenfalls nicht zu Kurtrier.

Hören wir zum Schluss den Brief der ca. 40-jährigen Rebekka Lemp, einer frommen Protestantin aus angesehener und wohlhabender Familie in Nördlingen. Sie war gebildet, konnte lesen und schreiben. Ihr Mann Peter war städtischer Zahlmeister, d. h. Leiter der Stadtkasse. Rebecca war zusammen mit mehreren anderen Frauen als Hexe besagt und verhaftet worden. Nach wochenlanger Haft und vielen Verhören war sie gefoltert worden. Nach dem dritten Grad des „Aufziehens“ legte sie ein Geständnis ab und besagte andere Frauen, wie man es von ihr erwartete. Wenige Tage später, am 2. August 1590, schrieb sie ihrem Mann einen verzweifelten Brief und bat ihn um Gift, um Selbstmord zu begehen:

„Mein auserwählter Schatz, soll ich mich so unschuldig von Dir scheiden müssen, das sei Gott immer und ewig geklagt! Man nöthigt Eins, es muß Eins ausreden, man hat mich so gemartert, ich bin aber so unschuldig als Gott im Himmel. Wenn ich im Wenigsten ein Pünktlein um solche Sache wüßte, so wollte ich, daß mir Gott den Himmel versagte. O Du herzlieber Schatz, wie geschieht meinem Herzen! O weh, o weh meine armen Waisen! Vater, schick mir Etwas, daß ich sterb; ich muß sonst an der Marter verzagen. Kommst heut nicht, so thue es morgen. Schreib mir von Stund an. O Schatz, deiner unschuldigen Rebecka! Man nimmt mich Dir mit Gewalt! Wie kann’s doch Gott leiden! Wenn ich ein Unhold bin, sei mit Gott nicht gnädig. O wie geschieht mir so unrecht. Warum will mich doch Gott nicht hören? Schick mir Etwas, ich möchte sonst erst meine Seele beschweren.“

Zitiert nach:

Wolfgang Behringer (Hg.): „Hexen und Hexenprozesse in Deutschland“, München 1988, S. 305.

 

Literaturempfehlungen

Gute und erschwingliche Einführungen und Überblicksdarstellungen sind:

Johannes Dillinger: „Hexen und Magie“, Frankfurt/New York, 18,95 €

Walter Rummel/Rita Voltmer: „Hexen und Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit“, Darmstadt, Neuauflage demnächst lieferbar, 17,95 €

 

[1] Weinrelief, Weinhex als Figur und Wein, Weinkeller, Trinkspruch etc. Vgl. Frank Hoffbauer: Weinwerbung und politische Propaganda. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 23 (1997), S. 529-549.

[2] Margit Theis-Scholz/Ingeborg Thümmel: Verhext noch mal. Unterrichtsvorschläge zum Thema „Hexen“ im fächerübergreifenden Anfangsunterricht der Grundschule. Donauwörth 1996.

[3] Die Politik konnte sich auch wandeln, Beispiel Hessen: In Rhens gab es teils nur Verbannung und sogar Reintegration aus der Verbannung Zurückgekehrter, teils Verfolgungswellen (1628-1630, 1645-1647) mit Hinrichtungen. Vgl. Alexander Ritter: Hexenprozesse am hessischen Mittelrhein. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte (32) 2006, S. 197-220.

[4] Bulle: Urkunde, die einen wichtigen päpstlichen Rechtsakt verkündet, von der päpstlichen Kanzlei ausgefertigt und gesiegelt.

[5] Geb. in Schlettstadt (Elsass) um 1430, gest. 1505. 1474 vom Papst zur Inquisition befugt.

[6] Geb. 1546 in Binsfeld bei Wittlich, gest. 24.11.1598 in Trier. Die deutsche Übersetzung erschien 1592 unter dem Titel Tractat von Bekanntnuß der Zauberer unnd Hexen, ob und wie viel denselben zu glauben.

[7] In den lutherisch reformierten Territorien war die Strafe ähnlich, z. B. 1567 6. Landesordnung für das lutherische Württemberg und 1572 Kursächsische Kriminalordnung: Teufelspakt ist ein Verbrechen, Todesstrafe durch Verbrennen. Schon der Sachsenspiegel (1220-1235) sah bei Zaubereivergehen den Tod auf dem Scheiterhaufen vor.

[8] Beispiel: Das „Hexenregister“ des Oberschultheiß von St. Maximin, Claudius Musiel, mit 6.300 Besagungen, die sich auf rund 1.380 denunzierte Personen beziehen.

[9] Deshalb brauchte man Hebammen, die die Schwangerschaft feststellten.

[10] Bau unter Richard von Greiffenklau 1528-1530. Das Gefängnis war in einem Turm der Alten Burg.

[11] Rechtfertigung; Fegefeuer; Reinigung.

[12] Beispiel: Sprung der angeklagten Christine May geb. Müller 1629 aus dem Gefängnisturm in Rhens.

[13] Fritz Michel: Alte Coblenzer Richtstätten. In: Rechtspflege im alten Coblenz. Vereinsgabe für das Jahr 1911. Hg. v. Kunst-, Kunstgewerbe- und Altertums-Verein für den Regierungsbezirk Coblenz. Koblenz 1911, S. 5-16, hier S. 11 f. Online unter https://www.dilibri.de/urn/urn:nbn:de:0128-1-4779.

[14] Magd, die das Kind ihres Dienstherrn vergiftet haben sollte, Hinrichtung durch das Schwert.

[15] Griens Bilder wurden teils massenweise gedruckt, teils waren sie aber speziell nur für einzelne Kleriker bestimmt.

[16] Die berüchtigte spanische Inquisition war in den Händen der Dominikaner, die von einem Kardinal (= Großinquisitor) ausgewählt wurden. Sie hielten es in der Mehrheit für zweifelhaft, dass es überhaupt Hexen gibt. Auf jeden Fall sollte eine Besagung nicht für eine Verhaftung oder Verurteilung ausreichen. Als die Verfolgungen aus Frankreich überzuschwappen drohten, appellierte die oberste Inquisitionsbehörde 1532 an die Vernunft der lokalen Vertreter: Missernten z. B. könnten durch Hagel und Frost auch in Gegenden auftauchen, in denen es keinen Verdacht auf Hexerei gebe. Man solle nicht alles glauben, was im Hexenhammer steht.

[17] 1526 hielt er in Wittenberg eine besonders aggressive Hexenpredigt; vgl. https://www.luther2017.de/kr/wiki/hexen/kai-lehmann-martin-luther-glaubte-fest-an-hexen/ (Zugriff: 30.3.2017). Beispiel für protestantische Gegend: Südthüringen.

[18] „Femina = die weniger Glauben hat“. Neue Forschungsergebnisse über die Ursachen der Hexenverfolgung. In: Der Spiegel Nr. 43/1984, S. 117-128.

[19] Alexander Ritter: Hexenprozesse am hessischen Mittelrhein. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 32 (2006), S. 197-220, hier S. 210 f.

[20] Bernhard Duhr: Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge (Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge in der ersten Hälfte des XVII. Jahrhundert, Band 2/2). Freiburg 1913, S. 492. Als Quelle gibt Duhr in Fußnote 2 „Litt. Ann. Voll Confl., Köln, Stadtarchiv, Jes. 685“ an.

[21] Dillinger datiert das kurfürstliche Mandat in die erste Jahreshälfte 1652, Rummel auf Anfang Juli 1653.

[22] Zumahlen diß ein verborgen und alßo beschaffenes laster ist, bey deßen vielfaltig versuchter ausrottung, und dießer halb vor und zeit angfangs unßerer angetrettener chur und landsfürstl[icher] regierung verschiedenlich geführten processen, all solche exorbitantien, falsitäten, kostspieltig und ungerechtigten, in der that befunden [wurden], daß wir höchst gemüßiget worden [sind]/ dergleichen processus und inquisitiones in unßerem ertz stift generaliter verbieten und untersagen zu laßen, worbey wir uns dann, Gott lob, bißhero wohl befunden […]. Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 369 (Hexenprozesse) Nr. 456, fol. 31.

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