70 Jahre Rittersturz-Konferenz

Rittersturz_1892

Gaststätte auf dem Rittersturz kurz vor der Eröffnung, 1892 (StAK FA 1-931).

 

Sebastian Gleixner bietet in seiner pädagogischen Handreichung zur Arbeit von Schülern mit archivischen Quellen folgenden Einführungstext zur Geschichte des Rittersturzes und der Rittersturzkonferenz:[1]

Beim Rittersturz handelt es sich um einen steil abfallenden Felsen des Hunsrücks, der direkt an die Stadt Koblenz heranreicht. Der Sage nach stürzte sich dort im Mittelalter ein unglücklich verliebter Ritter in den Tod.

Seit dem 19. Jahrhundert war der Aussichtspunkt wegen seines herrlichen Ausblicks über das Rheintal besonders beliebt. Deshalb wurde 1892 auf dem Rittersturz eine erste Gartenwirtschaft eröffnet, die man 1925 zum Hotel ausbaute. Ab 1928 führte eine über 400 m lange Zahnradbahn, die Rittersturzbahn, dorthin. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Hotel eines der wenigen unzerstörten Gebäude für größere Veranstaltungen in Koblenz. In den ersten Wochen nach der Befreiung durch die Amerikaner diente es als Sitz der US-Militärregierung und wurde dann von den Franzosen beschlagnahmt.

Auf Einladung des Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Peter Altmeier, trafen sich die Ministerpräsidenten der westdeutschen Länder sowie Louise Schroeder, die Oberbürgermeisterin von Berlin, das damals unter der Blockade der Sowjets zu leiden hatte, vom 8. bis 10. Juli 1948 im Hotel auf dem Rittersturz. Thema der Konferenz waren die Frankfurter Dokumente, die ihnen von den Militärgouverneuren der westlichen Besatzungszonen vorgelegt worden waren. Diese sahen v. a. die Gründung eines deutschen Weststaates vor. Die Ministerpräsidenten beschlossen aber einheitlich, dass diese Gründung nur ein Provisorium bis zur Errichtung eines gesamtdeutschen Staates sein sollte. Daher sollte es auch keine verfassunggebende Nationalversammlung, sondern einen Parlamentarischen Rat zur Ausarbeitung eines Grundgesetzes geben. Beratungen zur geforderten Neuregelung der Ländergrenzen wurden vertagt. Dem Entwurf eines Besatzungsstatuts trat man sehr selbstbewusst entgegen und versuchte, mit eigenen Vorschlägen das Zusammenspiel zwischen den deutschen Institutionen und den Alliierten festzuschreiben.

Auch wenn die Alliierten, v. a. die Amerikaner, enttäuscht reagierten, dass die Ministerpräsidenten einen so zurückhaltenden Standpunkt zur Gründung eines Weststaates einnahmen, einigte man sich schließlich kurz darauf am 26. Juli 1948: Der Ausarbeitung des Grundgesetzes und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland stand nun nichts mehr im Wege. Indem die Ministerpräsidenten den provisorischen Charakter des neuen Staates besonders betonten, wurde letztlich die Chance auf eine Wiedervereinigung, wie sie 1990 stattfand, überhaupt erst möglich. Das wiederum zeigt die große Bedeutung der Rittersturzkonferenz für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Dass auf dem Rittersturz nach der Gründung der Bundesrepublik am 25./26. August 1949 noch eine zweite Ministerpräsidentenkonferenz stattfand, ist weniger bekannt. Die Länderchefs behandelten hier u. a. die Fragen, wann und wie der Bundestag, der Bundesrat und die Bundesversammlung erstmals einberufen werden sollten.

Trotz seiner bewegten Geschichte begann in den 1950er-Jahren der Niedergang des Hotels. Nachdem der Rittersturzfelsen abzurutschen drohte, wurde das Hotel 1974 abgerissen. Bereits 1959 war der inzwischen unwirtschaftliche Bahnbetrieb eingestellt worden.

Auf Initiative des damaligen Ministerpräsidenten Altmeier wurde später ein Denkmal zur Rittersturzkonferenz errichtet, das zum 31. Jahrestag am 8. Juli 1979 eingeweiht wurde. Zum 60. Jubiläum, 2008, erfolgte die Erneuerung des gesamten Geländes.

 

Rittersturz_um_1930

Berghotel Rittersturz, um 1930 (StAK FA 1-931).

 

Literatur:

50 Jahre Rittersturzkonferenz 1948-1998. Die Stunde der Ministerpräsidenten. Wissenschaftliches Symposion im Bundesarchiv in Koblenz am 8. Juli 1998. Hrsg. von Heinz-Günther Borck. Koblenz 1998.

Düwell, Kurt: Die Rittersturz-Konferenz vom Juli 1948. In: Rheinland-Pfalz entsteht. Beiträge zu den Anfängen des Landes Rheinland-Pfalz in Koblenz 1945-1951. Boppard am Rhein 1984 (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz 5), S. 411-432.

Duppré, Fritz: Einübung in die Politik unter Peter Altmeier. In: Rheinland-Pfalz persönlich. Erinnerungen und Begegnungen. Mainz 1987, S. 39-67, hier S. 45-50 (persönliche Erinnerungen an die Rittersturz-Konferenz).

Gleixner, Sebastian: Mit Schülern an die Quellen: Projektarbeit in Archiven. In: Unterrichtsmaterialien Geschichte, Sekundarstufe I, 8. Ergänzung. Hallbergmoos: Stark-Verl., 2013, S. 1-44.

Himbert, Alexa: Rittersturzkonferenz. In: Zeugnisse rheinischer Geschichte. Urkunden, Akten und Bilder aus der Geschichte der Rheinlande. Eine Festschrift zum 150. Jahrestag der Einrichtung der staatlichen Archive in Düsseldorf und Koblenz. Red.: Franz-Josef Heyen und Wilhelm Janssen. Neuss 1982 (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Jahrbuch 1982/83), S. 164-166, 432.

Michels, Willi K.: Die Rittersturz-Konferenz 1948. Ein historisches Ereignis im Koblenzer Stadtwald. In: Unser Stadtwald. Die grüne Lunge von Koblenz. – Amt für Liegenschaften und Forsten der Stadt Koblenz. – Koblenz 1993, S. 144-148.

Rittersturz-Konferenz. Konferenz der Ministerpräsidenten elf westdeutscher Länder im Hotel Rittersturz bei Koblenz vom 8. bis 10. Juli 1948. Katalog zur Ausstellung aus Anlaß des 40. Jahrestages. – Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz. – Koblenz 1988.

[1] Gleixner, S. 21.

 

 

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