1948/49: Koblenz als Bundeshauptstadt?

Von November 1946 bis Mai 1951 war Koblenz Sitz der rheinland-pfälzischen Landesregierung. In den Diskussionen um die Verlegung des Regierungssitzes nach Mainz, wie es in der Verordnung Nr. 57 vom 30. August 1946 durch General Pierre Marie Koenig als Oberbefehlshaber der französischen Besatzungstruppen in Deutschland vorgesehen war, sah sich Landtagspräsident Wolters in einem Schreiben vom 24.8.1949 an Ministerpräsident Altmeier zur eindringlichen Mahnung genötigt, eine rasche Klärung zu finden, damit wir in unserem Lande nicht denselben Meinungsstreit bekommen, wie er z. Zt. um die Bundeshauptstadt besteht. Wie hinlänglich bekannt, unterlag Koblenz in der Frage des Sitzes der Landesregierung. Die Bemühungen des Koblenzer Oberbürgermeisters Josef Schnorbach in diesem harten Ringen gingen aber zwischenzeitlich so weit, dass er Koblenz als Bundeshauptstadt vorschlug. Was war geschehen?

 

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1948 war in Bonn der Parlamentarische Rat unter seinem Präsidenten Konrad Adenauer zur Ausarbeitung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland zusammengetreten. Bonn hatte den Vorzug vor den sich ebenfalls bewerbenden Städten Karlsruhe, Celle, Köln, Düsseldorf und Koblenz erhalten. Die Frage nach der Bundeshauptstadt stellte sich während der Beratungen des Parlamentarischen Rates schnell. An Berlin sollte festgehalten werden, man suchte daher nur eine provisorische Hauptstadt bis zur Veränderung der politischen Lage. Als Anwärter bewarben sich zunächst Frankfurt am Main sowie die Stadt Bonn, schließlich kamen noch Kassel und Stuttgart hinzu. Bisher ziemlich unbekannt ist aber die Tatsache, dass sich auch die Stadt Koblenz als Bundeshauptstadt ins Gespräch gebracht hat. Als die Diskussion um die Verlegung des Regierungssitzes in Rheinland-Pfalz von Koblenz nach Mainz erneut aufbrandete, trat Oberbürgermeister Josef Schnorbach die Flucht nach vorne an und informierte Nachrichtenagenturen, Rundfunk und Zeitungen. So verschickte er am 26. November 1948 an die Südena (Süddeutsche Nachrichtenagentur), die Rhein-Zeitung sowie die Zeitungen Neues Leben, Die Freiheit, Rheinisch-Pfälzische Rundschau, den Rheinischen Merkur und an den Südwestfunk eine „öffentliche Stellungnahme zu der erneut diskutierten Frage der Verlegung des Sitzes der Landesregierung von Mainz nach Koblenz“. Seine Ausführungen erschienen u. a. als „Unterredung“ in der Rhein-Zeitung vom 27/28.11.1948. Schnorbach führt darin aus, dass eine Pressemeldung über die Verlegung des Sitzes der Landesregierung von Koblenz nach Mainz für ihn eine Überraschung gewesen sei. Im Hinblick auf die Aufbauleistung in Koblenz und auf die Erörterungen über das endgültige Schicksal des Landes Rheinland-Pfalz habe man nicht mehr mit einer Verlegung des Regierungssitzes nach Mainz gerechnet. Ausführlich geht Schnorbach auf die dadurch verbundenen Nachteile für die Stadt Koblenz ein. Koblenz biete aber zwischenzeitlich – nicht nur auf Grund seiner verkehrsgeografisch günstigen Lage – „alle Voraussetzungen für die Aufnahme einer grösseren Behörden-Organisation […]. Nachdem dem Vernehmen zufolge die Wahl der Nachbarstadt Bonn zur Bundeshauptstadt gescheitert ist, sollte deshalb ernstlich erwogen werden, als Sitz der Bundeshauptstadt Koblenz zu bestimmen. In diesem Sinne werde ich den Ministerpräsidenten [Altmeier] und die übrigen Vertreter des Landes beim Parlamentarischen Rat bitten, die Stadt Koblenz ernstlich in den Kreis der um die Bestimmung als Bundeshauptstadt konkurrierenden Städte einzubeziehen. Eine würdigere Repräsentation des neuen deutschen Bundes, als in dem dann wieder zu erstellenden unmittelbar am Rheinstrom gelegenen Schloss vom Kurfürsten Clemens Wenzeslaus ist kaum denkbar“. Allerdings beklagte ein Artikel der Rhein-Zeitung vom 3. Januar 1949 die schlechten infrastrukturellen Voraussetzungen in Koblenz, die bei den fehlenden öffentlichen Verkehrsmitteln begannen und bei der mangelnden Sauberkeit der Straßen und öffentlichen Anlagen endeten.

 

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Hubert Hermans (Köln 20.3.1909 – 28.12.1989 Koblenz), Aufnahme von 1950 (StAK FA 1-24 Hermans).

 

Im Februar 1949 prüfte die eigens hierzu eingesetzte Hauptstadtkommission die vier Städte Frankfurt am Main, Bonn, Kassel und Stuttgart, woraufhin es aber zunächst wieder still um die Frage des zukünftigen Bundessitzes wurde. In der Phase der Entscheidungsfindung sollte schließlich ein Koblenzer eine entscheidende Rolle spielen: Hubert Hermans (Köln 1909-1989 Koblenz) wurde am 5. Mai 1949 Nachfolger von Dr. Adolf Süsterhenn im Parlamentarischen Rat. Hermans war 1946-1947 Mitglied der Beratenden Landesversammlung Rheinland-Pfalz und trat im Sommer 1947 in der Landesjustizministerium ein, wo er engster Mitarbeiter sowie ständiger Vertreter von Justizminister Adolf Süsterhenn war. Im April 1948 folgte der Wechsel in die Staatskanzlei, Hermans wurde Leiter der Rechts- und Gesetzgebungsabteilung und war regelmäßiger Teilnehmer an den überzonalen Ministerpräsidentenkonferenzen. Hermans trat 1949 in Absprache mit Ministerpräsident Altmeier und aus persönlicher Überzeugung als Verfechter einer Entscheidung für Bonn auf. Er war es auch, der dank eines Kompromissvorschlages die in dieser Frage gespaltene CDU/CSU-Fraktion auf Bonn einstimmen konnte. Am 3.11.1949 wählte der erste Deutsche Bundestag Bonn mit 200 gegen 176 Stimmen zur provisorischen Bundeshauptstadt. Erst mit der Regierungserklärung von Willy Brandt 1973 wurde das Provisorium beendet und Bonn als Bundeshauptstadt anerkannt. Nach der Wiedervereinigung wurde Berlin im Einigungsvertrag wieder zur Hauptstadt bestimmt. Am 20. Juni 1991 entschied sich der Bundestag für die Verlegung des Sitzes der Regierung und des Parlaments von Bonn nach Berlin.

 

Quellen und Literatur:

StAK 623 Nr. 9756, S. 428-430.

Aus einer Unterredung mit dem Oberbürgermeister: Koblenz als Hauptstadt des deutschen Bundes? Regierungssitz im Schloß? Verlegung der Landesregierung und ihre Folgen. Die Argumente. In: Rhein-Zeitung Nr. 111, 27./28.11.1948, S. 3.

Die Forderung nach dem Regierungssitz verpflichtet. Was man in Koblenz entbehrt und was sich die Bevölkerung für das neue Jahr wünscht. In: Rhein-Zeitung Nr. 1, 3.1.1949, S. 2.

Brommer, Peter: Koblenz oder Mainz? Die Verhandlungen über die Verlegung des Sitzes der Landesregierung. In: Landeskundliche Vierteljahrsblätter 28 (1982), S. 65-73.

Feldkamp, Michael F.: Der Parlamentarische Rat: die Entstehung des Grundgesetzes. Göttingen 1998 (Sammlung Vandenhoeck).

Graß, Karl Martin: Von Koblenz nach Mainz – Die Hauptstadtfrage. In: Rheinland-Pfalz entsteht. Beiträge zu den Anfängen des Landes Rheinland-Pfalz in Koblenz 1945-1951. Hrsg. von Franz-Josef Heyen. Eine Veröffentlichung zum Rheinland-Pfalz-Tag 1984. Boppard 1984 (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz 5), S. 433-449.

Graß, Karl Martin: Wie Mainz Landeshauptstadt wurde. Der Streit um die Metropole hatte nicht nur politische Gründe. In: Mainz. Vierteljahreshefte für Kultur, Politik, Wirtschaft, Geschichte 1 (1982), Heft 2, S. 8-16.

Küppers, Heinrich: Staatsaufbau zwischen Bruch und Tradition. Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz 1946-1955. Mainz 1990 (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz 14), hier S. 226 (betr. Hubert Hermans).

Wirth, Eva: Koblenz oder Mainz? Die rheinland-pfälzische Landeshauptstadtfrage. Ungedruckte Staatsexamensarbeit, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, 2007.

 

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