Ein Besuch im Staatsarchiv Koblenz, August 1929

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Blick von der Kastorkiche auf Deutschherrenhaus und Deutsches Eck, 1938 (StAK FA 2 Nr. 134).

 

 

Erich Tross (Troß), von 1924 bis 1929 Leiter der Beilage „Hochschule und Jugend“ der renommierten „Frankfurter Zeitung“  (vgl. Wikipedia), beschreibt in einem Essay seinen dreitägigen Besuch, den er im August 1929 dem Staatsarchiv Koblenz abstattete. Das Staatsarchiv war von 1897 bis 1945 im Deutschherrenhaus in unmittelbarer Nähe des Deutschen Ecks ansässig. Der Artikel ist ein Zufallsfund aus einem Konvolut von Zeitungsausschnitten, den das Stadtarchiv Trier freundlicherweise dem Stadtarchiv Koblenz überlassen hat:

„Koblenz, Ende August. Ich habe heute ein feines Kopfweh, wenn ich etwas sehen will, muß ich die Augen zusammenziehen. Drei Tage arbeitete ich im Staatsarchiv Koblenz. Jeden Tag habe ich acht Stunden hastig in alten Schriften gelesen. Es war so spannend, daß ich vor 8 und vor 3 Uhr am Portal stand, in der Hoffnung, einige Minuten früher hereingelassen zu werden. Zweimal ist es mir geglückt. Ich mußte durch Koblenz gehen. Reisebetrieb, Rhein. Man hört holländische und sächsische Laute. Die Nebenstraßen mit ihrem bürgerlichen Barock sind leer, Koblenz bleibt unentdeckt. Die Leute stehen am Gestade in Koblenz: das ist der Rhein, das ist Ehrenbreitstein, ihre Gesichter sind leer und fragend. Viele helfen sich damit, daß sie mit Getöse Koffer tragen und neue Reisevorbereitungen treffen. Ich biege rasch in die Castor[pfaffen]straße ein, parallel dem Rheinufer, vollkommene Stille. Man geht über den großen Platz, mit dem Denkmal des französischen Siegs über die Russen, auf das der russische Kommandant 1813 höhnisch schreiben ließ: vu et approuvé par nous commandant Russe de la ville de Coblentz. Im Eck steht das Deutschherrenhaus. Man läutet. Es dauert einige Zeit. Wie genau kenne ich das von den wenigen Besuchen, die ich nie vergesse. Dann öffnet sich endlich die Tür, man geht auf einem alten Pflaster durch einen Obstgarten, wie in einem Klosterhof an der Mosel. Wenn ich dort aber ans Ziel komme, sitzen Kölner Kurgäste darin und trinken Wein. Hier werde ich etwas anderes finden. Ich gehe rasch die von den Preußen bemalte alte Treppe hinauf in den Remter, der so hoch ist wie eine Kirche. Ein paar Benutzer sitzen schon da, ein paar katholische Pfarrer darunter, wie überall im Rheinland. Die Stimmen der beiden Archivare haben merkwürdigerweise ganz den gleichen Klang: sie hallen, sind längst dem großen Raum angepaßt, wecken die Benutzer, die in ihre Akten versunken und in ihren Wünschen unersättlich sind, aus ihren Träumen. In Kürze sitze ich – so liebenswürdg und rasch wie immer bedient – vor dem riesigen Register meines Studienfelds, dem ‚Repertorium‘. Ich strecke meine Füße aus, schaue nochmals nach dem großen Saal und blättere im Register: die Welt steht mir offen. Das ist die schönste Stunde im Archiv. Man notiert sich zur Seite eine Menge Akten, die einem dienen könnten. Später ist man in etwas Einzelnes versponnen, jagt man einem bestimmten Problem durch viele Akten nach, schwankt man stundenlang zwischen Hoffnung und Enttäuschung, und naht schon der Abschied. Aber in dieser ersten Stunde denkt man, man hätte Zeit und könnte tausend Fragen verfolgen. Es ist die glückliche Stunde im Archiv. […].“

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Erich Troß: Drei Tage im Archiv. In: Frankfurter Zeitung Nr. 650, 1. September 1929.

Weitere Angaben zu Erich Troß jetzt auf Archivalia.

#Troß, Erich

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