Koblenz postkolonial

Kolonialwarengeschäft Rüter in Metternich, Trierer Straße 333, um 1925 (StAK FA 4,21 Nr. 4 Bild 204).

Die Stadt Koblenz besitzt einen Namensvetter in Namibia: Coblenz. Der heute circa 2500 Einwohner*innen zählende Ort liegt in der Kalahari, etwa 60 Kilometer von Grootfontein entfernt. Ein genaueres Gründungsdatum von Coblenz in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika ist nicht bekannt, erwähnt wird es 1902 zum ersten Mal. Die Namenswahl des Ortes geht auf das hiesige Koblenz zurück: dort, wo das namibische Coblenz liegt, vereinen sich die Trockenflüsse Omatako und Omambonde. Dies erinnerte die deutschen Kolonialsoldaten an das Deutsche Eck, an dem die Mosel in den Rhein fließt. Deswegen benannten sie den Ort nach Koblenz, damals noch in der alten Schreibweise mit C beginnend.

Coblenz verfügt über eine Klink, eine Polizeistation, Metzgerei, Gesamtschule, Kindergarten und mehrere Läden, darunter auch lokale Bäckereien. Die Kirche des Ortes wurde 1994, nach der Unabhängigkeit Namibias, mit Spenden aus Sieg am Rhein [?] erbaut. Am 11.07.2017 berichtete die Rhein-Zeitung über das Interesse der Gesamtschule an Informationsmaterial über das deutsche Koblenz und einem generellen Austausch.

Zitat aus: www.koblenz.postkolonial.net (Zugriff 7.10.2020).

Delikatessen und Kolonialwaren Josef Temme, Koblenz, Schenkendorfplatz 33, 1914 (StAK FA 4,21 Nr. 10 Bild 134).

Alexander Baldus: Verkanntes Dichtergenie oder merkwürdiger Sonderling?

Von unserer Gastautorin Sabine Schneider

Der Nachlass des Koblenzer Literaturkritikers und Schriftstellers Alexander Baldus (1900-1971) wurde unter der Bestandssignatur N 1 erschlossen und kann nun von Interessierten eingesehen werden.

Ausmusterungsbescheinigung der Wehrmacht, 1943. StAK N 1 Nr. 1.

Von literarischen Ergüssen eines kaum bekannten Koblenzer Schriftstellers bis hin zu unzähligen Nichtig- und Belanglosigkeiten des privaten Alltags – in diesem Nachlass spiegelt sich ein geradezu typisches Künstlerleben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. Dies macht die 42 Aktenmappen zu einem spannenden Quellenfundus für Literaturwissenschaftler, Historiker und Forscher verwandter Disziplinen. Ein bisweilen seltsamer Sonderling und Außenseiter muss er wohl gewesen sein: 1900 wurde Alexander Baldus in Koblenz als Sohn eines Schriftsetzers geboren, studierte Literaturwissenschaften in Bonn und galt als hervorragender Übersetzer skandinavischer und baltischer Sprachen. Doch verhalf ihm das nicht zu Anerkennung und Wohlstand, denn als freier Mitarbeiter von Verlagen, Rundfunk und Zeitungen verdiente er kaum genug zum Leben. Daher war wohl auch ein Telefon für ihn unerschwinglich, sodass sich sämtliche Widrigkeiten des Alltags der Nachkriegszeit in seinem Briefverkehr mit Freunden und Verlagen wiederfinden. Die Evakuierung sowie der Verlust seiner Bibliothek im Krieg, der Kampf um die Rückkehr in die elterliche Wohnung, die Schwierigkeiten der Auftragsakquise bei Verlagen, eine ungeheizte Wohnung, kein Geld für Essen und Medikamente – die Probleme schienen nicht abzureißen. Hinzu kamen Missverständnisse und Konflikte mit Freunden, die ebenfalls postalisch ausgetragen wurden. Manche seiner ebenfalls künstlerisch tätigen Bekannten hatten ähnliche Schwierigkeiten, andere, vor allem Frauen, berichteten über Probleme in der Ehe, mit der Kindererziehung und ihrer Berufstätigkeit – eben über die Steine, die einer Frau in der Nachkriegsgesellschaft üblicherweise im Weg lagen, wollte sie sich nicht mit ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter zufriedengeben. Insofern ist die Korrespondenz von Baldus ein Zeugnis des vielseitigen Alltags in der jungen Bundesrepublik; einerseits dokumentiert sie das Leben eines einsamen, verarmten und unglücklich verliebten Künstlers und andererseits den Alltag von Familien und Hobbyschriftstellern, berufstätigen Müttern, Studenten und Lehrern.

Liebesgedicht für Baldus Freundin Hedwig Metzger, 1956. StAK N 1 Nr. 39.

Neben literarischen Themen, wie dem Meinungsaustausch über bestimmte Bücher, wurden jedoch auch politische Fragen von Baldus angesprochen. Insbesondere der seinem Empfinden nach wieder aufkeimende Nationalsozialismus wurde von ihm regelmäßig als Ursache seiner Probleme angeführt: „Dazu ist dank der neuen Naziherrschaft meine finanzielle Lage katastrophal geworden: Ich lebe seit Wochen nur noch von Kartoffeln und Brot, während alte PGs schon wieder in Amt und Würden sitzen.“[1] An niemand geringeren als den ins amerikanische Exil geflohenen Schriftsteller Thomas Mann richtete Alexander Baldus 1950 diese Worte. Aber auch Hermann Hesse, Max Tau, Joseph Breitbach und anderen Autoren, Freunden und Bekannten klagte er sein Leid. Schon während der NS-Zeit habe er unter Schreib- und Redeverbot gelitten, doch bringe die Nachkriegszeit ihm kaum Erleichterungen. 1971 starb er, krank, verbittert und vereinsamt, in den letzten Jahren fast ausschließlich von Sozialhilfe, Wohngeld und Almosen lebend.[2] Dafür führte Baldus folgende Gründe an: Erstens sei das Desinteresse an ausländischer Literatur in der Bundesrepublik sehr ausgeprägt im Vergleich zu anderen Ländern. Zweitens bekämen Übersetzer, Kritiker und Schriftsteller, die von den Nationalsozialisten verfolgt worden oder ins Exil gegangen waren, die im Ausland lebten und weniger bekannt waren, in der Presse und von Verlagen weniger Aufmerksamkeit, würden teilweise sogar angefeindet. NS-belastete Kollegen dagegen würden mit Aufträgen überhäuft, während er auf den Abdruck jeder noch so kurzen Rezension angewiesen sei. „Der Geist ist billig, doch das Fleisch ist teuer“ war daher eines seiner liebsten Zitate. Doch war er tatsächlich das verkannte Genie, als das er sich gerne darstellte?

Baldus 1952 vor der Königlichen Villa Schloss Linderhof bei Ettal. StAK N 1 Nr. 1.

Auf der Gegenseite bekräftigten seine Kontakte stets ihr Mitleid für den zu geistigen Höchstleistungen befähigten Baldus, dessen Arbeit gleichwohl weder materielle noch ideelle Anerkennung fand – von kleinen Fachkreisen einmal abgesehen. Viele versuchten ihm durch die Vermittlung von Kontakten zu helfen, empfahlen ihn bei Zeitungen und Verlagen, doch blieben die Aufträge und Honorare stets gering. Andere gaben ihm gute Ratschläge: Er solle doch seine Standesdünkel einmal vergessen, über seinen Schatten springen, zum Sozialamt gehen und Hilfe beantragen, bevor er verhungere.[3] Gegenüber weniger belesenen Menschen wirkte er bisweilen etwas arrogant, doch konnte er eben auch kaum verhehlen, dass er sich allein von hehren Idealen und seinen intellektuell anspruchsvollen Texten nicht ernähren konnte, solange sich niemand dafür interessierte. Ein Verlag gab ihm daher einmal den Tipp, er solle doch mehr „lustige Texte“ schreiben, leichte Kost, die jeder verstehe und die einen Bezug zum Leben der Leser habe.[4] Doch das war weder sein Metier noch genügte es seinen literarischen Ansprüchen. Sein Freund Erich Weiss vom Westdeutschen Hermann-Hesse-Archiv hätte ihn gerne angestellt, aber Baldus war Lokalpatriot. Obwohl er keine Familie hatte, Freunde überall in Deutschland verteilt lebten und seine Heimatstadt ihm keine Verdienstmöglichkeiten bot, weigerte er sich, Koblenz zu verlassen.

Das Haus am Florinsmarkt 19. Hier lebte Baldus bis zu seinem Tod in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock. Foto: Sabine Schneider.

Sein Selbstmitleid über die erlittenen Ungerechtigkeiten in der NS-Zeit, sein schlechter Gesundheitszustand und seine miserable finanzielle Situation in der Nachkriegszeit vermengten sich zu einem unheilvollen Potpourri. Seine langen Krankheitsphasen erlaubten ihm kein vollumfängliches Arbeiten, die Behandlungs- und Lebenshaltungskosten dürften daher sein Einkommen überstiegen haben. Da Freunde das Gefühl hatten, von ihm nur ausgenutzt zu werden, wandten sich einige von ihm ab. Baldus verlor sich noch mehr in seiner Einsamkeit, wurde empfindlicher, reizbarer, war schneller beleidigt. Seine Verbitterung brachte er immer wieder in Briefen zum Ausdruck. Offenbar fühlte er sich unverstanden und benachteiligt von der als „renazistisch“ verstandenen Gesellschaft, hinterfragte aber auch nicht sein eigenes Verhalten. Schon 1946 schrieb ihm ein Freund, er habe eine „mehr als merkwürdige Art“, die ihn manchmal „lästig“ werden lasse und vielleicht zur Ablehnung seiner Arbeiten beitrage.[5]

Baldus an Thomas Mann, 1954. StAK N 1 Nr. 5.

Unabhängig von den persönlichen Dispositionen und Einstellungen eines einsamen Mannes wie Baldus stellt sich wissenschaftlich betrachtet angesichts der vorliegenden Briefe die Frage, ob vielleicht ein Körnchen Wahrheit in Baldus Vorwürfen steckte. Wie überall in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft dürften auch in den Verlagen wieder ehemalige Nationalsozialisten an einflussreichen Stellen gesessen haben. Doch spielte in dem Prozess der Auftragsvergabe tatsächlich die NS-Vergangenheit eines Übersetzers oder Autors eine Rolle? Wurden im Kulturbereich Menschen wie Baldus benachteiligt, weil sie sich gegen Nationalismus und für Völkerverständigung einsetzten? Waren die antifranzösischen Ressentiments tatsächlich so groß, dass man Baldus wegen Freundschaften zu Franzosen nicht in den Ehrenrat des Verbands rheinland-pfälzischer Schriftsteller berufen wollte? Oder waren vielmehr persönliche Gründe bei solchen Entscheidungen ausschlaggebend? Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Schulddebatte, mentale und strukturelle Kontinuitäten, undemokratische Einstellungen und nationale Vorurteile: All das war Bestandteil der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, wie die zeithistorische Forschung der letzten Jahre gezeigt hat. Doch zum Umgang mit dem Nationalsozialismus im Kulturbereich, in der Presse, dem Radio und in Verlagen findet man bisher nur wenig Literatur. Neuere Studien haben zwar nachgewiesen, wie sich Verlage in der NS-Zeit dem Regime gegenüber verhalten haben: Zwischen Opportunismus, ideologischer Überzeugung und Gewinnsucht schwankend, wählten viele den Weg der Verbrüderung mit dem Nationalsozialismus und profitierten vom Krieg oder den Arisierungen. Doch wie ging es nach 1945 weiter? Abgesehen davon, dass eine Legende der widerständigen, unbescholtenen Firma verbreitet wurde, wurde möglicherweise auch Personal aus der Zeit vor 1945 weiter beschäftigt? Wurden Denkmuster und strukturelle Bedingungen übernommen oder aufgebrochen? Für den politischen Raum werden solche Fragen seit einigen Jahren aufgearbeitet, doch im kulturellen Bereich ist dies wohl noch ein Desiderat, dem es sich anzunehmen gilt. Der Nachlass Baldus bietet hierfür einerseits einen wichtigen Quellenbestand und andererseits zeigt er der Forschung Ansatzpunkte für weitere Recherchen auf.


[1] StAK, N 1 Nr. 17.

[2] StAK, N 1 Nr. 1.

[3] StAK, N 1 Nr. 14.

[4] StAK, N 1 Nr. 16.

[5] StAK, N 1 Nr. 18.

Baldus, Alexander #Mann, Thomas #Breitbach, Joseph #Tau, Max #Duun, Olav #Undset, Sigrid

Denkmalmomente. Mit dem Rheinischen Verein durch die Südliche Vorstadt

Dr. Martin Bredenbeck, Geschäftsführer des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, führt durch die Südallee in der Südlichen Vorstadt und weist auf denkmalpflegerische Probleme der geplanten Aus- und Umbaumaßnahmen an verschiedenen Häusern hin.

#Bredenbeck, Martin

Neuerscheinung: Rheinische Lebensbilder, Bd. 20

Helmut Rönz, Elsbeth Andre (Hrsg.): Rheinische Lebensbilder. Bd. 20. Redaktion: Keyvan Klaus Münster. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2020. ISBN 978-3-412-51705-2. – 276 S., Ill.

Enthält folgende Beiträge über Koblenzer Persönlichkeiten:

Hermann Josef Roth: Philipp Wirtgen (1806-1870). Natur- und Heimatforscher, S. 73-89;

Gisela Fleckenstein: Paula Reinhard (1850-1908). Katholische Mäzenatin und Klostergründerin, S. 91-118;

Martin Schlemmer: Joseph Breitbach (1903-1980). Schriftsteller, S. 193-208.

#Wirtgen, Philipp #Reinhard, Paula #Breitbach, Joseph

Ein Park für die Toten und die Lebenden. 200 Jahre Hauptfriedhof Koblenz

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Ein Park für die Toten und die Lebenden. 200 Jahre Hauptfriedhof Koblenz. Hrsg. vom Eigenbetrieb Grünflächen- und Bestattungswesen der Stadt Koblenz. Mit Beiträgen von Manfred Böckling, Andreas Drechsler, Verena Groß, Lara Kaiser, Michael Karkosch, Ulrike Neurath, Rita Reusch und Wolfgang Schmid. Regensburg: Schnell & Steiner, 2020. – 280 S., zahlr. Ill., Kt. ISBN 978-3-7954-3483-0. – 20,– EUR.

 

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Bahnfrei für „Confluentia“. Die Koblenzer Schuhfabrik J. Cornelius

 

Von unserem Gastautor Paul Dahms

 

Wird über Turnschuhe aus deutscher Produktion gesprochen, fallen ganz selbstverständlich die Namen der Marken mit den drei Streifen und der springenden Raubkatze. Denn seit 1924 sind die Artikel der Gebrüder Dassler Schuhfabrik(en) aus Herzogenaurach bei olympischen Athleten, Freizeitsportlern und jungen Leuten – auch ohne Neigung zu körperlicher Anstrengung – gleichermaßen beliebt. Ganz in Vergessenheit geraten ist, dass die ersten erfolgreichen deutschen Turnschuhe aus Koblenz kamen: Die Schuhfabrik „Confluentia“ fertigte dort schon 1909 Sportschuhe und eroberte mit ihrer Marke „Bahnfrei“ sogar international Märkte.

 

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Werbeanzeige, Koblenzer Adressbuch 1879.

 

Die Geschichte des Unternehmens beginnt 1874: Jakob Cornelius, Schuhmacher aus dem Hunsrück, eröffnet in der Löhrstraße 17 einen kleinen Schuhladen. Sein Sohn Joseph, 1849 geboren und später Schuhmacher wie der Vater, geht 1870 nach England, um sich spezielle Fabrikationskenntnisse anzueignen und kehrt, über Stationen in Brüssel und Paris, mit neuen Ideen nach Koblenz zurück. Er übernimmt das elterliche Geschäft, zieht damit 1875 in die Löhrstraße 30 und offeriert als „Englische Schuhfabrik“ Fertigware, Maßschuhe und „Patent-Gummisohlen“. Angesichts der nicht unerheblichen Konkurrenz in der Stadt – es gibt neun weitere Schuhläden und über 200 Schuster – scheint Cornelius seine „Schäftenfabrik, Schuhmacherartikel- und Lederhandlung“ Mitte der 1880er-Jahre aufgegeben zu haben. Der Geschäftseintrag ist aus dem Koblenzer Adressbuch verschwunden, stattdessen wird Joseph Cornelius als „Handlungsreisender“ geführt.

 

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Firmengründer Joseph Cornelius sen. (1849-1943) (privat).

 

1897 wagt er, inzwischen verheiratet und selbst Vater, den Neuanfang und macht in der Firmungstraße 27 eine „en gros en detail“ Schuhwarenhandlung auf. Einige Jahre darauf wiederholt sich die Familiengeschichte: 1906 gründet er mit seinem Sohn Joseph jun. die Firma „Jos. Cornelius & Sohn“. Der Betrieb hat drei Arbeiter und fertigt neben Straßenschuhen auch Turnschuhe, die guten Absatz finden. So guten, dass Cornelius und Sohn 1909 expandieren und in der Montalembertstraße 48 die Schuhfabrik „Confluentia“ eröffnen. Das Schuhwarenhaus wird aus der Altstadt in die Löhrstraße 51 verlegt. Geführt von der Gattin des Seniors, Wilhelmine, dient es zusätzlich dem „Allein-Verkauf“ der Eigenmarken.

 

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Briefkopf der Schuhfabrik „Confluentia“, um 1912 (StAK 623 Nr. 4122).

 

Seitdem „Turnvater“ Jahn mit paramilitärischer Leibeserziehung deutsche Männer für die Befreiungskriege gegen Napoleon siegreich stählte, genießt Sport im deutschen Kaiserreich einen hohen Stellenwert. Die Zahl der Turnvereine nimmt Ende des 19. Jahrhunderts zu, das Frauenturnen erlebt eine zarte Blüte. Die vielen Sportler auf Rasen und Aschenbahn, an Barren und Reck, brauchen Schuhwerk – und „Confluentia“ stellt das passende her. Worauf es dabei ankommt, weiß Joseph Cornelius sen. genau. Er ist Mitbegründer der „Koblenzer Turngesellschaft“ und engagierter Turner, der dies gern kundtut: „Unserm Stadtrat Turnen ich empfehle, denn es stärkt die Körper- und Geisteskraft.“ Die Spezialität seiner Fabrik ist der Turnschuh „Bahnfrei“, beworben als der „billigste und beste“, prämiert auf der Internationalen Ausstellung für Sport und Spiel in Frankfurt am Main 1910 und auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911. Als in Leipzig anlässlich des 100. Jahrestags der Völkerschlacht das 12. Deutsche Turnfest stattfindet, stecken unzählige Füße in „Confluentia“-Modellen. Ein Jahr danach müssen die meisten der Träger den Wettkampfplatz gegen das Schlachtfeld tauschen: Von August 1914 an bestimmt der Erste Weltkrieg bis zum Waffenstillstand im November 1918 vier Jahre lang das Geschehen. Anschließend okkupieren die Siegermächte das Rheinland, Koblenz ist Hauptquartier der amerikanischen Besatzungstruppen.

 

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Werbung für „Confluentia“-Sportschuhe, 1912 (StAK KH 102: Turngesellschaft Koblenz e. V., Jahresbericht 1911-1912, S. 33). – Grußpostkarte 12. Deutsches Turnfest, Leipzig 1913 (privat).

 

Die Schuhfabrik übersteht den Krieg trotz Handelsbeschränkungen, Zwangsbewirtschaftung, Material- und Arbeitskräftemangel unbeschadet. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie im Zuge der Umstellung auf Kriegswirtschaft auch Schuhwerk für den Heeresbedarf produzierte. In der Nachkriegszeit zwingt die desolate wirtschaftliche Lage in Deutschland so manches Unternehmen zum Aufgeben, doch bei „Confluentia“ drehen sich die Räder der Nähmaschinen weiter, Schwierigkeiten mit den Besatzern haben eher unbedeutenden Charakter: „Der Führer der amerik. Kompagnie B I. Ing. beschwert sich darüber, dass in dem Hause neben der Kaserne in der Steinstraße die Abortgrube überläuft … In einer Entfernung von ungefähr 3 Mtr. dahinter befindet sich in einer Holzbaracke eine amerik. Küche … Bei Regenwetter und der entsprechenden Windrichtung geht ein Gestank nach den amerik. Baraken …“, heißt es in einem Polizeibericht. Joseph Cornelius jun., mittlerweile Firmenleiter, beauftragt die Leerung der Abortgrube auf dem Fabrikgelände – und er entscheidet sich dafür, ein modernes Fabrikgebäude im Moselweißer Weg 133 errichten zu lassen. Obwohl Maschinenpark und Räumlichkeiten am bisherigen Standort mehrfach erweitert wurden, reicht die Kapazität nicht aus, um die steigende Nachfrage zu befriedigen.

 

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Hauptgebäude der „Confluentia“-Schuhfabrik, Bauzeichnung, 1920 (StAK 623,1 Nr. 1595).

 

Am 27. Januar 1920 wird der Grundstein gelegt, am Jahresende ist der Neubau aus Eisenbeton betriebsfertig. „Derselbe umfaßt fünf übereinanderliegende durch Fahrstuhl verbundene große, helle Arbeitssäle, sowie Büro, Lagerräume und Versandabteilung.  Angeschlossen an das Hauptgebäude befindet sich der mit allen der Neuzeit erforderlichen Einrichtungen versehene Wohlfahrtsraum“, schwärmt die Sonderausgabe „Deutscher Städtebau Coblenz“. In der 5. Etage werden Stoffe zugeschnitten und Schäfte zusammengenäht, in der 4. Etage über den Leisten gezogen und in der 2. Etage mit Sohlen, welche die Stanzerei im Erdgeschoss aus verschiedenen Rohstoffen herstellt, zum Schuh zusammengesetzt. In der 3. Etage liegen Lager- und Versandräume für die fertige Ware. Sämtliche Maschinen werden mit „elektromotorischer Kraft“ angetrieben, in einem Nebengebäude befinden sich Schlosserei, Schreinerei, Mechanikerwerkstätten, Pferdestallungen und Wagenremise.

 

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Die neue Fabrik im Moselweißer Weg 133 (DARI 1922, S. 88).

 

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Näherinnen in der Stepperei (StAK S 54 Nr. 1, S. 9). – Sortieren der Ware im Versandlager (StAK S 54, Nr. 1, S. 10).

 

Ungeachtet der Tatsache, dass die ökonomische Situation der jungen Weimarer Republik instabil ist und die Geldentwertung stetig voranschreitet, wandelt Cornelius jun. das Familienunternehmen 1921 in eine Aktiengesellschaft um. Die „Confluentia AG“ gehört zu den größten und leistungsstärksten Betrieben in Koblenz und beschäftigt 1922 über 400 Arbeiter und Angestellte, ihre tägliche Produktionsrate beträgt 4000 Paar Schuhe. Das Prinzip, Massenware mit Qualität zu „billigen Preisen“ auf den Markt zu bringen, ist profitabel. Regelmäßig präsentiert „Confluentia“ bewährte und neueste Modelle auf der Leipziger Mustermesse. Mit dem Ende der Inflation 1923 kommt es im Land zu einem Konsumaufschwung, überdies ist der Geist der neuen Zeit umsatzfördernd. Die Zwanziger Jahre sind nicht nur in politischer Hinsicht bewegte – man wird mobiler, fährt Auto, Motorrad, verreist und treibt alle Arten von Sport, der sich zum Massenphänomen entwickelt, das auch die vom Korsett befreite Frau erfasst. Eine amerikanisch inspirierte Sportmode beeinflusst den Kleidungsstil beider Geschlechter und lässt Sportschuhe zu alltäglichen Gebrauchsartikeln werden.

 

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Aktie der „Confluentia AG“, nach Einführung der Rentenmark auf 20 Mark abgewertet (Auktionshaus Gutowski, Wolfenbüttel).

 

Die „Confluentia AG“ vergrößert ihr Angebot entsprechend, neben Turnschuhen gibt es Tennis-, Strand- und Promenadenschuhe und für die vom Hasten und Tanzen müden Füße der rastlosen Großstädter den Hausschuh „Siesta“ aus Kamelhaar. Das Personal ist 1925 auf 500 Mitarbeiter angewachsen, pro Tag werden 5000 Paar Schuhe hergestellt, der Inlandsverkauf und der Export über Europas Grenzen hinaus florieren. Auf dem Firmengelände Moselweißer Straße sind bauliche Erweiterungen nötig, 1931 wird eine neue Transformatorenstation errichtet.

 

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Katalog für Strand- und Tennisschuhe, um 1924. Zeitschriftenwerbung zur Leipziger Messe 1925 (StAK S 54 Nr. 1, S. 1-2, 4, 23).

 

Die „Confluentia AG“ vergrößert ihr Angebot entsprechend, neben Turnschuhen gibt es Tennis-, Strand- und Promenadenschuhe und für die vom Hasten und Tanzen müden Füße der rastlosen Großstädter den Hausschuh „Siesta“ aus Kamelhaar. Das Personal ist 1925 auf 500 Mitarbeiter angewachsen, pro Tag werden 5000 Paar Schuhe hergestellt, der Inlandsverkauf und der Export über Europas Grenzen hinaus florieren. Auf dem Firmengelände Moselweißer Straße sind bauliche Erweiterungen nötig, 1931 wird eine neue Transformatorenstation errichtet.

Zu diesem Zeitpunkt gibt es in Deutschland bereits fünf Millionen Erwerbslose. Denn die „Goldenen Zwanziger“ waren mit einem Paukenschlag zu Ende gegangen: Am 25. Oktober 1929 hatte der Zusammenbruch der New Yorker Börse eine Weltwirtschaftskrise ausgelöst. Infolgedessen war die Industrieproduktion gesunken, die Zahl der Konkurse beständig gewachsen. Im Jahr 1932 muss auch die „Confluentia AG“ ihre Tore für immer schließen. Das Fabrikgebäude funktioniert die Firma Jac. Brien Söhne – Kolonialwaren – zum Lagerhaus um.

Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin erringen Dassler-Schuhe sportliche Erfolge, „Bahnfrei“ sind längst Vergangenheit. Doch ein Stück der „Confluentia“-Geschichte lebt bis heute in der Koblenzer Innenstadt weiter. Am historischen Standort Löhrstraße 51 werden noch immer Schuhe verkauft – Geschäftsinhaber ist Rolf Lahr, der Urenkel von Joseph Cornelius sen.

 

*Joseph Cornelius sen. war ein bekannter Mundartdichter. Von ihm stammt auch das Schängellied, die Hymne der Koblenzer. 

 

 

Quellen und Literatur

Bellinghausen, Hans (Bearb.): Deutschlands Städtebau Coblenz, Deutscher Architektur- und Industrieverlag Berlin (DARI) 1922, S. 88-89.

Bellinghausen, Hans (Bearb.): Deutschlands Städtebau Coblenz, 2. Aufl., Deutscher Architektur- und Industrieverlag Berlin (DARI) 1925, S. 206-207.

Cornelius, Josef: Heiteres aus meiner Vaterstadt. Lieder und Gedichte in Coblenzer Mundart, Coblenz 1928, S. 161.

Nationalblatt, Ausgabe Koblenz, Nr. 84, 12.4.1934.

Stollenwerk, Alexander: Kurzbiographien vom Mittelrhein und Moselland, Landeskundliche Vierteljahrsblätter, Sonderhefte, Trier 1967/1975, S. 441.

Schütz, Wolfgang: Koblenzer Köpfe (2. Aufl.), Mülheim-Kärlich 2005, S. 118-119.

Winkler, Heinrich-August: Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie, München 1998, S. 143, 199, 237, 357.

StAK 623,1 Nr. 1465, 1595.

 

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