Josef Eisenach: Erinnerungen an den Feldzug 1870/71

Titelblatt der Originalausgabe von 1896. – URN: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0128-1-43238.

Josef Eisenach (17.6.1847 – Koblenz – 7.9.1934), Schreinermeister und Heimatforscher, veröffentlichte zunächst in den „Coblenzer Täglichen Nachrichten“ vom Dezember 1895 in mehreren Folgen seine Erinnerungen an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Ein Jahr später erschienen seine Memoiren als Buch.

2020 hat Dr. Gerhard Hanke, Urenkel des Autors, den Text neu herausgegeben.

Gerhard Hanke: Das Tagebuch des Joseph Eisenach. Erinnerungen an den Feldzug 1870/71. Auszug aus den „Coblenzer Täglichen Nachrichten“, Dezember 1895. Mit Erläuterungen von Gerhard Hanke. Waldalgesheim: Selbstverl., 2020. – 187 S., Ill., Kt. ISBN 978-3-9822547-0-8.

#Eisenach, Josef #Hanke, Gerhard

Verein für Geschichte in Lützelcoblentz

Blick vom rechten Moselufer über die Balduinbrücke auf Lützel, im Hintergrund Firmenschild „Buchdruckerei Gebr. Breuer“. Gelaufen 29. Dezember 1917 von Koblenz-Lützel nach Berlin-Schöneberg (StAK FA 4,21 Nr. 5 Bild 16).

Ein neugegründeter Verein widmet sich der Erforschung des Koblenzer Stadtteils Lützel:

https://www.luetzel-coblentz.de/

Blick vom Schüllerplatz in die Mariahilfstraße mit Straßenbahn; links Firmenschilder Buchdruckerei Gebr. Breuer sowie Hommer & Müller, Baumaterialien und Kohlehandlung; rechts (Giebelwand) Werbung für das Gasthaus Zum Goldenen Stern, Am Güterbahnhof 1. – Feldpostkarte, gelaufen 5. November 1917 von Koblenz nach Bochum (StAK FA 4,21 Nr. 5 Bild 30).

(Grusel-)Partie aus dem Stadtarchiv

Seit jeher ist der Wald als „Naturerlebnisraum“[1], als „Lebensstätte“[2] verschiedener Tiere und Pflanzen sowie als „Wirtschafts- und Kulturgut“[3]  für die Menschen von enormer Bedeutung. Epochenübergreifend stellt er nicht nur in Märchen, in der Mythologie, in der Musik, in der Malerei, in Gedichten und Sprichwörtern eine besondere Kulisse bzw. Motivik bereit, sondern liefert auch wichtige Rohstoffe etwa für die Herstellung von Papier und fungiert als Bau- und Werkstoff. Zudem ist er fester Bestandteil vieler gemeinschaftlicher Gebräuche und Sitten: Zur Geburt eines Kindes werden Bäumchen gepflanzt, feierlich werden Maibäume aufgestellt. Auch für Kinder hat der Wald Vieles anzubieten: Die Erkundung und Bestimmung von Pflanzen und Tieren, das Klettern auf Bäumen, das Balancieren auf Baumstämmen und nicht zuletzt das beliebte Errichten kleiner Waldhütten. Dabei wähnt man sich geborgen unter dem „allsehenden Auge“ der Natur.

Remstecken – Naherholungsgebiet mit Wildpark und Waldökostation bei Koblenz, Oktober 2020. Foto: Kathrin Schmude (Stadtarchiv Koblenz).

Er lädt außerdem dazu ein, abseits vom Alltagsstress in ihm Ruhe und Entspannung zu finden, so gilt doch die Natur als willkommener Balsam für Körper und Geist.[4] Zu Recht stellt Frank Scherer fest: „Ohne Wald wäre die Welt unendlich ärmer.“[5]  In diesem Sinne waren Wälder auch für die Menschen des beginnenden 20. Jahrhunderts eher positiv konnotiert. Vor allem den Koblenzern wird eine ganz besondere Liebe und innige Beziehung zu ihrem Stadtwald nachgesagt.[6] So diente im 16./17. Jahrhundert eine städtische Waldordnung dazu, die regelmäßige Pflege des Waldes rund um Koblenz sicherzustellen und Verstöße entsprechend zu ahnden.[7]

Impressionen vom Remstecken – Naherholungsgebiet mit Wildpark und Waldökostation bei Koblenz, Oktober 2020. Fotos: Kathrin Schmude (Stadtarchiv Koblenz).

Wohl behütet und gepflegt, diente der Stadtwald in der Vergangenheit augenscheinlich als beliebte Kulisse für Erinnerungsfotos und Ansichtskarten. Im Zuge unserer Bestandsrevision sind solche zu Tage getreten, deren Motive eine Gänsehaut verursachen und an aktuelle mediale Gruselmotive erinnern. In diesem Jahr wird Halloween kleiner und zurückhaltender begangen. Ein Grund mehr, die Gruselfreunde jenseits einer allzu ernsthaften, wissenschaftlichen Betrachtungsweise und im Sinne populärer Unterhaltung für zwischendurch an diesen schaurig-schönen Archivalienfunden teilhaben zu lassen.

StAK (Stadtarchiv Koblenz) FA1 – Stadtwald Drei Eichen 1908.
StAK FA 4,21 Nr. 8, Bild 104 – Partie aus dem Stadtwald, Coblenz am Rhein.
StAK FA 4,21 Nr. 8, Bild 105 – Partie aus dem Stadtwald, Coblenz am Rhein.
StAK FA 4,14 Nr. 1 – Im Wäldchen „An der Urne“, im Park hinter dem Salesianerinnenkloster Moselweiß.

Betrachtet man das „Wäldchen“ durch die Linse der immer komplexeren Medienwelt, scheint dieser zwar ähnlich bedeutsam, aber dabei weitaus negativer besetzt zu sein – Schutz und Geborgenheit, Ruhe und Erholung sucht man darin vergeblich. Im Laufe der Zeit setzte sich das Narrativ vom düsteren und gefährlichen Wald und der darin waltenden, „übermächtigen Natur“[8] durch. Wälder wurden mehr und mehr zu einer Bedrohungs- und Gefahrenkulisse: Die Geschwister Hänsel und Gretel und Rotkäppchen verirren sich im Wald und geraten in große Nöte, Rumpelstilzchen tanzt in der Nacht um das Feuer vor seiner kleinen Waldhütte.

Rumpelstilzchen im Wald, abrufbar unter URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rumpelstiltskin_Efteling.jpg (Aufruf: 15.10.2020).
Hänsel und Gretel bei der Hexe im Wald, abrufbar unter
URL: https://garaycochea.wordpress.com/2015/04/04/ninos-vengativos/ (Aufruf: 15.10.2020).
Rotkäppchen und der Wolf, abrufbar unter URL: https://nat.museum-digital.de/singleimage.php?imagenr=224907 (Aufruf: 15.10.2020).

In der Welt der Bücher, Filme und Computerspiele bringt der Wald als Unfall- und Tatort weniger Heil für Körper und Geist, sondern führt seine Besucher direkt ins Verderben.

Als Lebensraum für Fabelwesen, Geister, Dämonen, Hexen und Ähnliches bietet er das optimale Areal, in dem seltsame Geschöpfe ihr Unwesen treiben können.

Fantasiewesen im Wald, abrufbar unter URL: https://pixabay.com/de/illustrations/fantasie-wald-b%C3%A4ume-natur-4192511/ (Aufruf: 30.10.2020).

Von diesen Narrativen, die (kultur-)geschichtlich gewachsen sind und sich stetig wandeln, sind viele Menschen geprägt. Sie assoziieren den Wald mit dem Bösen, Bedrohlichen, Unbekannten, Geheimnisvollen und Transzendenten,[9] was aber gleichzeitig dessen Anziehungskraft auf die Menschen keinen nennenswerten Abbruch tut – die „Lust am Gruseln“[10] öffnet dem Wald immer wieder Tür und Tor zur vielgestaltigen Medienwelt.


[1] Siehe „Waldkultur: Bedeutung des Waldes für die kulturelle Entwicklung der Bevölkerung und der Landschaft“, 14. Juli 2011, abrufbar unter URL: https://www.ortenaukreis.de/Startseite/Aktuelles/Waldkultur-Bedeutung-des-Waldes-f%C3%BCr-kulturelle-Entwicklung-der-Bev%C3%B6lkerung-und-der-Landschaft.php?object=tx,2421.1.1&ModID=7&FID=2390.9527.1&NavID=2421.3&La=1 (Aufruf: 9.10.2020).

[2] Ebd.

[3] Ebd.; vgl. in diesem Sinne auch den Artikel „Der Wald – ein Kulturgut“ auf der Internetseite der Anstalt öffentlichen Rechts Forst Baden-Württemberg (ForstBW), abrufbar unter URL: https://www.forstbw.de/wald-im-land/kulturgut/ (Aufruf: 9.10.2020) sowie Michels, Willi K.: Die Natur ganz pur. Feuilletonistische Gedanken zum Erlebnis Koblenzer Stadtwald, in: Michels, Willi K. (Bearb.): Unser Stadtwald. Die grüne Lunge von Koblenz, Koblenz 1993 (Amt für Liegenschaften und Forsten, Stadt Koblenz), S. 13.

[4] Vgl. „Waldkultur. Bedeutung des Waldes für die kulturelle Entwicklung der Bevölkerung und der Landschaft“; „Der Wald – ein Kulturgut“; „Selbermachen. Ei­ne Wald­hüt­te bau­en“, 9. Juni 2018, abrufbar unter URL: https://www.kindersache.de/bereiche/spiel-spass/selbermachen/eine-waldhuette-bauen (Aufruf: 18.10.2020) und Michels: Die Natur ganz pur, S. 11.

[5] Siehe Scherer, Frank (Landrat): Worte zur Eröffnung der Ausstellungen „Wald-Kultur“ und „Faszination Holz“ im Landratsamt Ortenaukreis, abrufbar unter URL: https://www.ortenaukreis.de/index.php?ModID=7&FID=2390.9527.1&object=tx%7C2390.9527.1 (Aufruf: 30.10.2020).

[6] Vgl. Michels: Die Natur ganz pur, S. 11-12.

[7] Vgl. StAK 623 Nr. 1248 und Hachenberg, Friedrich: 2000 Jahre Waldwirtschaft am Mittelrhein, Koblenz 1992 (Veröffentlichungen des Landesmuseums, 41), S. 53-55.

[8] Siehe Dollak, Anna: „Warum wir Wald gruselig finden“, 13. Juni 2018, abrufbar unter URL: https://gruener-journalismus.de/blog/warum-wir-wald-gruselig-finden/ (Aufruf: 5.10.2020).

[9] Vgl. im Ganzen ebd.

[10] Siehe „Halloween und Horrorfilm: Die Lust am Gruseln“, in: Süddeutsche Zeitung online, 27. Oktober 2019, abrufbar unter URL: https://www.sueddeutsche.de/leben/gesellschaft-halloween-und-horrorfilm-die-lust-am-gruseln-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-171027-99-624724 (Aufruf: 30.10.2020).

Koblenz postkolonial

Kolonialwarengeschäft Rüter in Metternich, Trierer Straße 333, um 1925 (StAK FA 4,21 Nr. 4 Bild 204).

Die Stadt Koblenz besitzt einen Namensvetter in Namibia: Coblenz. Der heute circa 2500 Einwohner*innen zählende Ort liegt in der Kalahari, etwa 60 Kilometer von Grootfontein entfernt. Ein genaueres Gründungsdatum von Coblenz in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika ist nicht bekannt, erwähnt wird es 1902 zum ersten Mal. Die Namenswahl des Ortes geht auf das hiesige Koblenz zurück: dort, wo das namibische Coblenz liegt, vereinen sich die Trockenflüsse Omatako und Omambonde. Dies erinnerte die deutschen Kolonialsoldaten an das Deutsche Eck, an dem die Mosel in den Rhein fließt. Deswegen benannten sie den Ort nach Koblenz, damals noch in der alten Schreibweise mit C beginnend.

Coblenz verfügt über eine Klink, eine Polizeistation, Metzgerei, Gesamtschule, Kindergarten und mehrere Läden, darunter auch lokale Bäckereien. Die Kirche des Ortes wurde 1994, nach der Unabhängigkeit Namibias, mit Spenden aus Sieg am Rhein [?] erbaut. Am 11.07.2017 berichtete die Rhein-Zeitung über das Interesse der Gesamtschule an Informationsmaterial über das deutsche Koblenz und einem generellen Austausch.

Zitat aus: www.koblenz.postkolonial.net (Zugriff 7.10.2020).

Delikatessen und Kolonialwaren Josef Temme, Koblenz, Schenkendorfplatz 33, 1914 (StAK FA 4,21 Nr. 10 Bild 134).

Alexander Baldus: Verkanntes Dichtergenie oder merkwürdiger Sonderling?

Von unserer Gastautorin Sabine Schneider

Der Nachlass des Koblenzer Literaturkritikers und Schriftstellers Alexander Baldus (1900-1971) wurde unter der Bestandssignatur N 1 erschlossen und kann nun von Interessierten eingesehen werden.

Ausmusterungsbescheinigung der Wehrmacht, 1943. StAK N 1 Nr. 1.

Von literarischen Ergüssen eines kaum bekannten Koblenzer Schriftstellers bis hin zu unzähligen Nichtig- und Belanglosigkeiten des privaten Alltags – in diesem Nachlass spiegelt sich ein geradezu typisches Künstlerleben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. Dies macht die 42 Aktenmappen zu einem spannenden Quellenfundus für Literaturwissenschaftler, Historiker und Forscher verwandter Disziplinen. Ein bisweilen seltsamer Sonderling und Außenseiter muss er wohl gewesen sein: 1900 wurde Alexander Baldus in Koblenz als Sohn eines Schriftsetzers geboren, studierte Literaturwissenschaften in Bonn und galt als hervorragender Übersetzer skandinavischer und baltischer Sprachen. Doch verhalf ihm das nicht zu Anerkennung und Wohlstand, denn als freier Mitarbeiter von Verlagen, Rundfunk und Zeitungen verdiente er kaum genug zum Leben. Daher war wohl auch ein Telefon für ihn unerschwinglich, sodass sich sämtliche Widrigkeiten des Alltags der Nachkriegszeit in seinem Briefverkehr mit Freunden und Verlagen wiederfinden. Die Evakuierung sowie der Verlust seiner Bibliothek im Krieg, der Kampf um die Rückkehr in die elterliche Wohnung, die Schwierigkeiten der Auftragsakquise bei Verlagen, eine ungeheizte Wohnung, kein Geld für Essen und Medikamente – die Probleme schienen nicht abzureißen. Hinzu kamen Missverständnisse und Konflikte mit Freunden, die ebenfalls postalisch ausgetragen wurden. Manche seiner ebenfalls künstlerisch tätigen Bekannten hatten ähnliche Schwierigkeiten, andere, vor allem Frauen, berichteten über Probleme in der Ehe, mit der Kindererziehung und ihrer Berufstätigkeit – eben über die Steine, die einer Frau in der Nachkriegsgesellschaft üblicherweise im Weg lagen, wollte sie sich nicht mit ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter zufriedengeben. Insofern ist die Korrespondenz von Baldus ein Zeugnis des vielseitigen Alltags in der jungen Bundesrepublik; einerseits dokumentiert sie das Leben eines einsamen, verarmten und unglücklich verliebten Künstlers und andererseits den Alltag von Familien und Hobbyschriftstellern, berufstätigen Müttern, Studenten und Lehrern.

Liebesgedicht für Baldus Freundin Hedwig Metzger, 1956. StAK N 1 Nr. 39.

Neben literarischen Themen, wie dem Meinungsaustausch über bestimmte Bücher, wurden jedoch auch politische Fragen von Baldus angesprochen. Insbesondere der seinem Empfinden nach wieder aufkeimende Nationalsozialismus wurde von ihm regelmäßig als Ursache seiner Probleme angeführt: „Dazu ist dank der neuen Naziherrschaft meine finanzielle Lage katastrophal geworden: Ich lebe seit Wochen nur noch von Kartoffeln und Brot, während alte PGs schon wieder in Amt und Würden sitzen.“[1] An niemand geringeren als den ins amerikanische Exil geflohenen Schriftsteller Thomas Mann richtete Alexander Baldus 1950 diese Worte. Aber auch Hermann Hesse, Max Tau, Joseph Breitbach und anderen Autoren, Freunden und Bekannten klagte er sein Leid. Schon während der NS-Zeit habe er unter Schreib- und Redeverbot gelitten, doch bringe die Nachkriegszeit ihm kaum Erleichterungen. 1971 starb er, krank, verbittert und vereinsamt, in den letzten Jahren fast ausschließlich von Sozialhilfe, Wohngeld und Almosen lebend.[2] Dafür führte Baldus folgende Gründe an: Erstens sei das Desinteresse an ausländischer Literatur in der Bundesrepublik sehr ausgeprägt im Vergleich zu anderen Ländern. Zweitens bekämen Übersetzer, Kritiker und Schriftsteller, die von den Nationalsozialisten verfolgt worden oder ins Exil gegangen waren, die im Ausland lebten und weniger bekannt waren, in der Presse und von Verlagen weniger Aufmerksamkeit, würden teilweise sogar angefeindet. NS-belastete Kollegen dagegen würden mit Aufträgen überhäuft, während er auf den Abdruck jeder noch so kurzen Rezension angewiesen sei. „Der Geist ist billig, doch das Fleisch ist teuer“ war daher eines seiner liebsten Zitate. Doch war er tatsächlich das verkannte Genie, als das er sich gerne darstellte?

Baldus 1952 vor der Königlichen Villa Schloss Linderhof bei Ettal. StAK N 1 Nr. 1.

Auf der Gegenseite bekräftigten seine Kontakte stets ihr Mitleid für den zu geistigen Höchstleistungen befähigten Baldus, dessen Arbeit gleichwohl weder materielle noch ideelle Anerkennung fand – von kleinen Fachkreisen einmal abgesehen. Viele versuchten ihm durch die Vermittlung von Kontakten zu helfen, empfahlen ihn bei Zeitungen und Verlagen, doch blieben die Aufträge und Honorare stets gering. Andere gaben ihm gute Ratschläge: Er solle doch seine Standesdünkel einmal vergessen, über seinen Schatten springen, zum Sozialamt gehen und Hilfe beantragen, bevor er verhungere.[3] Gegenüber weniger belesenen Menschen wirkte er bisweilen etwas arrogant, doch konnte er eben auch kaum verhehlen, dass er sich allein von hehren Idealen und seinen intellektuell anspruchsvollen Texten nicht ernähren konnte, solange sich niemand dafür interessierte. Ein Verlag gab ihm daher einmal den Tipp, er solle doch mehr „lustige Texte“ schreiben, leichte Kost, die jeder verstehe und die einen Bezug zum Leben der Leser habe.[4] Doch das war weder sein Metier noch genügte es seinen literarischen Ansprüchen. Sein Freund Erich Weiss vom Westdeutschen Hermann-Hesse-Archiv hätte ihn gerne angestellt, aber Baldus war Lokalpatriot. Obwohl er keine Familie hatte, Freunde überall in Deutschland verteilt lebten und seine Heimatstadt ihm keine Verdienstmöglichkeiten bot, weigerte er sich, Koblenz zu verlassen.

Das Haus am Florinsmarkt 19. Hier lebte Baldus bis zu seinem Tod in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock. Foto: Sabine Schneider.

Sein Selbstmitleid über die erlittenen Ungerechtigkeiten in der NS-Zeit, sein schlechter Gesundheitszustand und seine miserable finanzielle Situation in der Nachkriegszeit vermengten sich zu einem unheilvollen Potpourri. Seine langen Krankheitsphasen erlaubten ihm kein vollumfängliches Arbeiten, die Behandlungs- und Lebenshaltungskosten dürften daher sein Einkommen überstiegen haben. Da Freunde das Gefühl hatten, von ihm nur ausgenutzt zu werden, wandten sich einige von ihm ab. Baldus verlor sich noch mehr in seiner Einsamkeit, wurde empfindlicher, reizbarer, war schneller beleidigt. Seine Verbitterung brachte er immer wieder in Briefen zum Ausdruck. Offenbar fühlte er sich unverstanden und benachteiligt von der als „renazistisch“ verstandenen Gesellschaft, hinterfragte aber auch nicht sein eigenes Verhalten. Schon 1946 schrieb ihm ein Freund, er habe eine „mehr als merkwürdige Art“, die ihn manchmal „lästig“ werden lasse und vielleicht zur Ablehnung seiner Arbeiten beitrage.[5]

Baldus an Thomas Mann, 1954. StAK N 1 Nr. 5.

Unabhängig von den persönlichen Dispositionen und Einstellungen eines einsamen Mannes wie Baldus stellt sich wissenschaftlich betrachtet angesichts der vorliegenden Briefe die Frage, ob vielleicht ein Körnchen Wahrheit in Baldus Vorwürfen steckte. Wie überall in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft dürften auch in den Verlagen wieder ehemalige Nationalsozialisten an einflussreichen Stellen gesessen haben. Doch spielte in dem Prozess der Auftragsvergabe tatsächlich die NS-Vergangenheit eines Übersetzers oder Autors eine Rolle? Wurden im Kulturbereich Menschen wie Baldus benachteiligt, weil sie sich gegen Nationalismus und für Völkerverständigung einsetzten? Waren die antifranzösischen Ressentiments tatsächlich so groß, dass man Baldus wegen Freundschaften zu Franzosen nicht in den Ehrenrat des Verbands rheinland-pfälzischer Schriftsteller berufen wollte? Oder waren vielmehr persönliche Gründe bei solchen Entscheidungen ausschlaggebend? Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Schulddebatte, mentale und strukturelle Kontinuitäten, undemokratische Einstellungen und nationale Vorurteile: All das war Bestandteil der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, wie die zeithistorische Forschung der letzten Jahre gezeigt hat. Doch zum Umgang mit dem Nationalsozialismus im Kulturbereich, in der Presse, dem Radio und in Verlagen findet man bisher nur wenig Literatur. Neuere Studien haben zwar nachgewiesen, wie sich Verlage in der NS-Zeit dem Regime gegenüber verhalten haben: Zwischen Opportunismus, ideologischer Überzeugung und Gewinnsucht schwankend, wählten viele den Weg der Verbrüderung mit dem Nationalsozialismus und profitierten vom Krieg oder den Arisierungen. Doch wie ging es nach 1945 weiter? Abgesehen davon, dass eine Legende der widerständigen, unbescholtenen Firma verbreitet wurde, wurde möglicherweise auch Personal aus der Zeit vor 1945 weiter beschäftigt? Wurden Denkmuster und strukturelle Bedingungen übernommen oder aufgebrochen? Für den politischen Raum werden solche Fragen seit einigen Jahren aufgearbeitet, doch im kulturellen Bereich ist dies wohl noch ein Desiderat, dem es sich anzunehmen gilt. Der Nachlass Baldus bietet hierfür einerseits einen wichtigen Quellenbestand und andererseits zeigt er der Forschung Ansatzpunkte für weitere Recherchen auf.


[1] StAK, N 1 Nr. 17.

[2] StAK, N 1 Nr. 1.

[3] StAK, N 1 Nr. 14.

[4] StAK, N 1 Nr. 16.

[5] StAK, N 1 Nr. 18.

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Denkmalmomente. Mit dem Rheinischen Verein durch die Südliche Vorstadt

Dr. Martin Bredenbeck, Geschäftsführer des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, führt durch die Südallee in der Südlichen Vorstadt und weist auf denkmalpflegerische Probleme der geplanten Aus- und Umbaumaßnahmen an verschiedenen Häusern hin.

#Bredenbeck, Martin